Auch „passiver“ Klimaschutz ist möglich – mit Eurem Geld

15. März 2019: Es heißt ja immer „Geld ist neutral“. Wofür man das Geld einsetzt, bestimmt darüber, ob es eine positive, negative oder indifferente Wirkung hat. Wenn man sein Geld kurzfristig einsetzt, dann in der Regel, um es in Lebensmittel und sonstige Artikel des täglichen Lebens zu investieren. Mittelfristig spart man Geld für Urlaube oder Freizeitaktivitäten und langfristig investiert man das Geld in Wohnraumbeschaffung oder in eine private Altersvorsorge, zum Beispiel in Form von Fonds. Der gemeinsame Nenner ist immer das Geld, das man einsetzt bzw. investiert. Kurz-, mittel- und langfristig.

Der Klimawandel ist eine der dringlichsten Herausforderungen unserer Zeit und basiert auf einem Ressourcen- und damit CO2-Verbrauch, der nicht im Einklang mit der Regenerations- und Aufnahmefähigkeit der Erde und Atmosphäre steht. Dem finanziellen Kapital wird Vorrang vor Menschen und Natur gegeben. Eine Entwicklung, die dem Planeten langfristig schadet und damit die Lebensgrundlage vieler Menschen, Tiere und Pflanzen gefährdet. Wenn wir als Konsumentinnen und Konsumenten einen erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel (und andere gesellschaftliche Herausforderungen) führen wollen, müssen wir uns über kurz oder lang auch mit der Wirkung unseres Geldes auseinandersetzen.

Im täglichen Einkauf im Supermarkt ist es mittlerweile einfach, zum Bio– oder Fairtrade-Produkt zu greifen, sich für saisonale und regionale Produkte zu entscheiden oder vielleicht auch das eine oder andere fleischlose Gericht zu planen. Damit investieren wir unser Geld kurzfristig bereits nachhaltiger und klimaschonender. Bei der Urlaubsplanung können wir uns ebenso für klimafreundlichere Varianten entscheiden, beispielsweise Urlaub im eigenen Land, mit dem Zug statt dem Flugzeug zu verreisen oder sich bewusst für eine Ökotourismus-Destination zu entscheiden. Aber was ist mit meinem restlichen Geld? Wie kann ich sicherstellen, dass die Bank mein Spar- oder Girokontoguthaben nicht in Finanzierungen für den fossilen Sektor oder die Rüstungsindustrie steckt? Wie kann ich wissen, ob meine Versicherung meine monatlich eingezahlten Prämien verantwortungsvoll anlegt? Wie kann ich überprüfen, ob meine öffentliche Pension, betriebliche Vorsorge oder private Altersvorsorge mit meinen persönlichen Werten in Einklang stehen? Was ist, wenn mein Geld ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung, langsam aber sicher den Planeten zerstört?

48_Faesser_RohoelWenn es um das Investitionsverhalten von uns Österreicherinnen und Österreichern geht, gibt es leider einige erschreckende Fakten, die uns sicherlich in dieser Form nicht bewusst sind: Von den 100 größten österreichischen Fonds sind 91 in den fossilen Sektor (Kohle, Öl & Gas), 63 in Atomkraft, 39 in Kohleabbau und 38 in Waffen investiert (Quelle: Was macht mein Fonds?). Ein österreichisches Fondsinvestment von 5.000 Euro entspricht den potenziellen CO2-Emissionen, die eine durchschnittliche Person in Österreich durch ihren Konsum in einem Jahr verursacht. Oder anders gesagt: so viel CO2, wie bei der Verbrennung von 48 Fässer Rohöl entsteht (Quelle: Carbon Bubble & Divestment Report 2017). Für ein neutrales Land ohne eigenes Atomkraftwerk und einem hohen Erneuerbaren-Anteil sind wir Österreicher „passiv“ über unsere Investmentfonds – und sicherlich auch über unsere sonstigen Bank- und Versicherungsprodukte – sehr stark an der Förderung von fossilen Energien sowie der Erzeugung von Atomstrom und Waffen beteiligt.

Wie kann ich also meine Verantwortung als aufgeklärter Konsument von Finanzprodukten wahrnehmen und eine „passive“, aber nicht minder relevante Änderung in der Welt bewirken? Die drei wichtigsten Tipps lauten:

1. Lästig sein
2. Dinge hinterfragen
3. Lästig bleiben

Lästig sein bedeutet, Transparenz zu fordern, denn die Produkte, die wir vom Finanzsektor angeboten bekommen, haben noch keine Kennzeichnungspflicht wie die Lebensmittel im Supermarkt (Anmerkung: die EU arbeitet daran). Wir können daher noch nicht in allen Bereichen überprüfen, welche Wirkung unser Geld hat. Aber wir können und müssen lästig sein, bei jedem Kontakt mit der Bank, bei jedem Kontakt mit der Versicherung. Die Fragen könnten lauten: „Was macht Ihr mit meinem Geld? Wie investiert Ihr es und welche Projekte werden damit finanziert oder versichert?“

Achtung: Anfangs wird es noch keine zufriedenstellenden Antworten geben!

Dinge hinterfragen bedeutet, dass man auch bei Nachhaltigkeitskonzepten von Banken und Versicherungen hinter die Kulissen blicken sollte. Handelt es sich um ernst gemeinte Initiativen? Werden Nachhaltigkeitskriterien streng oder eher lasch angewendet, für alle Produkte oder nur für einzelne? Ist meiner Bank oder Versicherung wichtig, was ich denke und welche Werte mir wichtig sind? Und finden meine Werte Eingang in die Finanzprodukte?

Achtung: Anfangs werden auch diese Fragen nicht zu unserer vollen Überzeugung beantwortet werden!

Daher ist es umso wichtiger, dass wir lästig bleiben und zwar so lange, bis der Finanzsektor seine Verantwortung im Kampf gegen den Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit wahrnimmt und unser(!) Geld nach unseren Wertvorstellungen – nicht den Maximen des Kapitalmarktes – einsetzt.

Armand Colard ist Biologe und beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Vision eines transparenten und nachhaltigen Finanzmarktes. 2015 gründete er das Sozialunternehmen ESG Plus als Spin-off des WWF Österreich, wo er zuvor 10 Jahre lang den Bereich „Sustainable Finance“ aufgebaut und betreut hatte.