Auf der Suche nach dem grünen Stein

30. August 2019: In den vergangenen sieben Jahren versuchte der dänische Spielzeughersteller einen Stein aus Bioplastik auf den Markt zu bringen – die Aufgabe ist herausfordernd und gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Bild: orf.at
Bild: orf.at

Maissteine waren zu weich, jene aus Weizen haben die Farbe nicht zufriedenstellend aufgenommen, und auch der Glanz war nicht wie gewünscht. Steine aus anderen Materialien waren zu hart, um wieder zerlegt werden zu können, sind zerbrochen oder haben mit der Zeit ihre Form verloren.

“Es ist ein bisschen, wie den ersten Menschen auf den Mond zu schicken,“ vergleicht Tim Guy Brooks, Legos Umweltmanager, gegenüber dem Wall Street Journal die Suche nach dem „grünen“ Stein mit der Mondlandung. Als Kennedy bekanntgab, dass er den ersten Menschen auf den Mond schicken möchte, waren Technologie und notwendiges Equipment dafür noch nicht erfunden. Ähnlich verhält es sich jetzt für Lego – die Ausrüstung für diese „grüne Reise“ muss erst geschaffen werden.

Das LEGO Ideas-Baumhaus aus dem aktuellen Katalog, Foto: LEGO
Das LEGO Ideas-Baumhaus aus dem aktuellen Katalog, Foto: LEGO

Im Jahr 2012 verkündete der weltweit größte Spielzeughersteller, dass man sich auf die Suche nach einer grünen Alternative zum herkömmlichen Legostein machen werde, der bis 2030 die Erdöl-basierte Variante ersetzen soll. 132 Millionen Euro wurden investiert, um Forscher anzustellen, einen Forschungsfond zu implementieren und dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Lego hat bis heute mehr als 200 Materialien und Materialmischungen getestet. Noch sind lediglich 2 % der Produkte aus Plastik auf pflanzlicher Basis hergestellt, darunter passenderweise Bäume und Pflanzenteile. Ob Lego das selbst gesetzte Ziel, bis 2030 sein Plastik nachhaltig, also aus nachwachsenden Rohstoffen, herstellen zu können, erreicht, ist allerdings offen.

Manche Materialien können in der bestehenden Lego-Produktionsschiene nur schwer geformt werden. Recycling-Plastik wäre zwar eine Option, doch Lego benötigt riesige Mengen an lebensmittelechtem Plastik zertifizierter Herkunft und Qualität.

Legos Umweltmanager sieht neben der Mondlandung auch die Lebensmittelbranche als Vorbild: „Wer hätte vor 10 Jahren gedacht, dass vegetarische Burger hergestellt werden würden, die tatsächlich wie Fleisch schmecken.“

Plastik auf Pflanzenbasis

Der langsame Fortschritt von Legos Bioplastik-Ambitionen ist beispielhaft für die Suche nach mais- oder zuckerrohrbasierten Alternativen zu Erdöl-Plastik, um die CO2-Emissionen in der Kunststoffproduktion zu verringern.

Illustration: The Wall Street Journal
Illustration: The Wall Street Journal

Ethanol, das aus Zuckerrohr gewonnen wird, wird für einen sehr kleinen Anteil der aktuellen Lego-Produktion genutzt. Auch IKEA versucht Erdöl-basierte Produkte zu ersetzen. Bis dato ist dies lediglich bei einem Tiefkühlbeutel gelungen, doch es werden auch weiterhin Anstrengungen in Richtung ökologische Alternativen unternommen. Coca-Cola hat im Jahr 2013 angekündigt, 2020 alle seine Plastikflaschen aus Bioplastik herzustellen. Mittlerweile konzentriert sich das Unternehmen auf Recycling-Plastik.

Lego macht sich den Druck in Richtung Bioplastik selbst. Das Interesse der Konsumenten an ökologischen Alternativen gilt derzeit Einwegprodukten wie Plastikbeuteln und Strohhalmen. Spielzeug steht noch nicht im Fokus des Interesses. Man kann aber davon ausgehen, dass durch das steigende Umweltbewusstsein bald auch andere Produkte am Radar der Konsumenten und Umweltschützer sein werden – genau deshalb möchte sich Lego schon heute vorbereiten und damit sein gutes Image erhalten. „Wir können nicht behaupten, dass wir die Baumeister von morgen inspirieren und mit ihnen Lösungen entwickeln wollen, wenn wir gleichzeitig den Planeten ruinieren,“ meint Tim Guy Brooks und legt die Latte selbst hoch. Es gibt einiges zu tun: Eine Million Tonnen CO2 entsteht bei der Produktion der Plastiksteine und Verpackungen laut Seattle Times jährlich. Rund 70 Milliarden Steine in mehr als 3.700 verschiedenen Formen und mehr als 60 Farben werden jedes Jahr bei Lego erzeugt.

Was die Suche nach dem grünen Stein so schwierig macht

Foto: Lego
Foto: Lego

Eine pflanzliche Alternative für alle Steine zu finden, ist eine größere Herausforderung als gedacht. Seit 1963 werden die bunten Lego-Steine mit den charakteristischen Noppen aus dem Kunststoff Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat (ABS) hergestellt. Sie müssen sich leicht zusammenstecken lassen, stabil sein und sich auf der anderen Seite problemlos wieder zerteilen lassen, müssen farb-, form- und temperaturstabil sein und dürfen nicht zerbrechen. Die Steine dürfen auch nicht „biologisch abbaubar“ sein, denn sie sollen ja auch weiterhin viele Jahrzehnte überdauern. Legos Anspruch ist, dass so Müll vermieden wird. Außerdem dürfen die Steine keine Chemikalien enthalten, die für ihre Nutzer – unsere Kinder – schädlich sein könnten. „Wer ein Schloss baut, möchte, dass dieses Schloss auch in fünf oder zehn Jahren noch steht, dass die Steine ihre Form behalten und die Türme nicht einstürzen,“ hält Brooks fest.

Seit vergangenem Jahr verkauft Lego Spielzeug-Bäume, Büsche und Blätter aus Bioplastik, das aus brasilianischem Zuckerrohr hergestellt wird. Diese sind eine Alternative zu den Erdöl-basierten Polyethylen-Teilen – dem Plastik, das das Unternehmen für weichere Teile wie Blätter, Drachenflügel oder Angelruten verwendet.

 

Das Baumhaus

Lego präsentiert in der aktuellen Saison ein neues Set mit den meisten Elementen auf pflanzlicher Basis: Das unglaublich detaillierte LEGO® Ideas Baumhaus besteht aus 3.036 Teilen. Der Baum verfügt über austauschbare grüne Blattelemente für den Sommer sowie gelbe und braune Blattelemente für den Herbst. Das Set enthält zudem Informationen über den LEGO® Ideas-Fan und die LEGO®-Designer, die das Set entwickelt haben.

Nur ein Prozent des weltweiten Plastiks ist bio
Mit dem Problem der fehlenden Nachhaltigkeit ist Lego nicht allein. Laut Angaben der Interessensvertretung European Bioplastics ist nach wie vor weniger als 1 % der jährlich produzierten rund 350 Million Tonnen Plastik auch bio. Die Kosten für Forschung und Entwicklung sowie Uneinigkeit im Hinblick auf die ökologischen Vorteile stellen eine „Bremse“ für die Industrie dar. Kritiker werfen der Branche vor, dass Plastik mit der Nahrungsmittelindustrie in Konkurrenz um Flächen treten würde. Die Kunststoffindustrie weist dies entschieden zurück: Bioplastik könnte auf 0,02 % der landwirtschaftlichen Fläche erzeugt werden.

Investments in saubere Alternativen gefragt

Foto: Lego
Foto: Lego

Um die Produktion anzukurbeln wendet sich European Bioplastics deshalb direkt an die Regierungen und macht sich für finanzielle Unterstützung der Bioplastikforschung und -entwicklung stark, um so eine Alternative zu finden, die über Recycling hinausgeht.

Laut Unternehmensvertretern von Lego benötigt die Suche nach neuen Materialien Investments von Seiten der chemischen Industrie. Ein Problem ist hier die Skalierung. Erst wenn es genug Druck und Interessenten gibt, wird sich die chemische Industrie entsprechend bewegen und in die Weiterentwicklung von Pflanzenplastik für ein breiteres Anwendungsfeld investieren. Ohne Beteiligung der Industrie, wird Lego also nicht in der Lage sein seine Ziele zu erreichen. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, teilt Lego seine Forschungsergebnisse mit anderen Firmen und hat sich auch einer Allianz aus großen Unternehmen wie Nestlé, Procter & Gamble und McDonald’s angeschlossen – dieser Zusammenschluss soll mit vereinten Kräften eine Lieferkette für Bioplastik auf die Beine stellen.

Coca-Cola z.B. hat kürzlich begonnen die Erkenntnisse aus seiner Bioplastikflaschen-Technologie ebenfalls mit anderen Unternehmen zu teilen. So soll die Nachfrage nach Bioplastik weiter angeregt werden. Der Softdrink-Riese hat vor rund vier Jahren eine recycingfähige Plastikflasche entwickelt, die aus 100 Prozent natürlichen Materialien besteht, hat aber noch keine Möglichkeit gefunden, die Produktion effizient zu skalieren.

Foto: Lego
Foto: Lego

Erfolge und Recycling by Lego
Lego kann – ebenso wie Coca-Cola – durchaus kleine Erfolge in Sachen Bioplastik verzeichnen. Aber im Gegensatz zu Coca-Cola, das seit 2009 Flaschen mit 20 % Bioplastikanteil verkauft, will Lego erst dann auf den Markt gehen, wenn die einzelnen Teile gänzlich aus einer pflanzlichen Alternative bestehen. „Am Ende des Tages wollen wir ein ‚Zero-Impact‘-Produkt,“ mein Tim Brooks. Derzeit kann das Unternehmen zumindest auf Recycling auf Lego-Art setzen. Immer wenn Kunden bei Lego anfragen, ob sie ihr gebrauchtes Lego dem Unternehmen zur Wiederverwertung zur Verfügung stellen sollen, ersucht Lego die Kunden das Spielzeug an Freunde, Familie und andere Lego-Fans weiterzugeben.

Gudrun Stöger ist bei der oekostrom AG seit mehr als dreizehn Jahren für Öffentlichkeitsarbeit, Investor Relations und Networking zuständig.