Aus aktuellem Anlass: Was hat „Ibizagate“ mit deinem Geld zu tun?

22. Mai 2019: Politisch turbulente Tage liegen hinter uns und es stehen uns ebenso ereignisreiche Tage bevor. Der richtige Moment, um inne zu halten und zu reflektieren. Am besten mit meinen Lieblingsthemen: Transparenz, der Rolle der Finanzwirtschaft und der Wirkung unseres Geldes.

Was fiel mir beim „Ibizagate“-Video (im Detail) unangenehm auf und warum sehe ich eine Verbindung zur Finanzwelt? Es wurde unter anderem über undurchsichtige Parteienspenden von Waffenherstellern, Glückspielkonzernen, Immobilien-Tycoons und einer „fake Oligarchin“ gesprochen (Anm.: und von allen Seiten dementiert). Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass hier und da ein Fünkchen Wahrheit im Gesagten war. Und als weiteres Gedankenexperiment, stellen wir uns vor, dass wir die Möglichkeit haben, darauf zu reagieren, indem wir den besagten zweifelhaften Konzernen den „Geldhahn“ langsam, aber sicher zudrehen.

Aber wie soll das gehen?
In der Finanzwelt gibt es Nachhaltigkeitskriterien, die in zahlreichen so genannten nachhaltigen oder ethischen Fonds mal strenger, mal weniger streng umgesetzt werden. Viele nachhaltige Fonds haben bereits einige der „Ibizagate“-Themen als Ausschlussprinzipien verankert. Gerade in Österreich sind z.B. Waffen- und Glücksspielkonzerne in solchen Fonds meist ausgeschlossen. Auch werden in einem so genannten „Best-in-Class“ Screening Korruptionsvorfälle – sofern sie bekannt werden – negativ bewertet und führen oft zu einem Ausschluss aus ethisch-nachhaltigen Fonds. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Was mir in der Reflektion der bald-nicht-mehr-Regierung (abseits von „Ibizagate“) ebenfalls in Erinnerung geblieben ist, ist ein Interview des damals noch amtierenden Vize-Kanzlers H.C. Strache im Standard (erschienen am 06.12.2018), in dem er auf die Frage was die Regierung gegen den Klimawandel tun will, mit folgendem Satz antwortete: „Inwieweit der Mensch das Klima beeinflussen kann, ist eine offene Frage. Klimaveränderungen gibt es seit Jahrtausenden. Die Sahara war einmal die Kornkammer Roms und ist dann zur Wüste geworden. Das hat mit vielen Faktoren zu tun, aber sicher nicht mit Fabriken oder sonstigen Entwicklungen, die es damals gar nicht gab. Es gibt Prozesse, die Erkältung und Erwärmungen herbeiführen in Zackenbewegungen, wo auch die Wissenschaft nicht weiß, wohin wir uns entwickeln.“

Ich möchte gar nicht näher darauf eingehen, dass dieser Satz völlig dem wissenschaftlichen Konsens widerspricht, sondern zeigen, dass wir auch gegen den Klimawandel etwas tun können. Nicht nur im täglichen Konsumverhalten, bei der Wahl des Stromanbieters oder im Mobilitätsverhalten, sondern auch wie wir unser Geld investieren. Viele (meist nachhaltig ausgerichtete) Fonds oder so genannte Themenfonds (wie Ökofonds, Greentech-Fonds oder Healthcare-Fonds u.ä.) setzen ein aktives Zeichen gegen eine weitere Erderwärmung und sind gemäß dem Paris-Abkommen bereits jetzt „1,5-Grad Celsius kompatibel“.

Unsere aktuelle Fondsbewertungs-Datenbank – wird in den kommenden Wochen auf www.wasmachtmeinfonds.at im Zuge eines Relaunches aktualisiert und hochgeladen – zeigt:

Von derzeit 2.377 in Österreich zugelassenen und von uns analysierten Fonds investieren 1.430 Fonds (60 %) gänzlich Waffen-frei, 691 Fonds bzw. 29 % sind Kohle-frei (betrifft Kohleabbau und Kohlestrom) und nur 356 Fonds bzw. 15 % frei von Öl- & Gas-Investments (Exploration, Förderung, Transport, Komponentenhersteller, Verstromung und Gasnetze). 199 Fonds bzw. 8,4 % investieren aktiv einen sehr großen Teil des Portfolios in grüne Technologien (Erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Recycling etc.), davon sind 89 Fonds bzw. 3,7 % auch sonst völlig fossilfrei (also frei von Kohle, Öl & Gas nach obiger Definition). Wenn man Waffen-, Kohle- und Öl- & Gas-frei kombiniert, bleiben 281 Fonds (12 %) übrig. Wenn man zu dieser Auswahl zusätzlich Fonds mit einem überdurchschnittlichen Anteil an Investitionen in die Energiewende (grüne Technologien) hinzufügt, bekommt man 122 Fonds vorgeschlagen (5,1 %). Lediglich 1,7 % oder 40 Fonds sind es, wenn man alle vier Nachhaltigkeitskriterien auf „strikt“ stellt. Die Themen Glücksspiel und Korruption haben wir noch nicht in unserer Fondsdatenbank abgebildet, sie sind aber für eine spätere Ausbaustufe geplant.

Welchen Einfluss wir mit unserem Geld hinsichtlich der Bekämpfung des Klimawandels, der Förderung des Friedens und der Minimierung von Korruption und vieler weiterer Themen ausüben, ist unsere Entscheidung. Nehmen wir sie wahr!

Armand Colard ist Biologe und beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Vision eines transparenten und nachhaltigen Finanzmarktes. 2015 gründete er das Sozialunternehmen ESG Plus als Spin-off des WWF Österreich, wo er zuvor 10 Jahre lang den Bereich „Sustainable Finance“ aufgebaut und betreut hatte.