Das Jahr der Wurmkiste

Wurmkiste1, Foto: Ulla Unzeitig
Foto: Ulla Unzeitig

07. September 2021: Vor genau einem Jahr kam ein Paket mit der Post. Unsere Wurmkiste.
Nach meinem Interview mit David Witzeneder, dem Mitbegründer von wurmkiste.at, wollte ich endlich auch eine haben. Viele Jahre habe ich in einem Büro gearbeitet, in dessen Küche eine Wurmkiste stand. Das Handling war mir also nicht fremd. Eigentlich konnte ich gar nicht verstehen, warum wir uns für Zuhause nicht schon längst eine Wurmkiste angeschafft hatten.

Das Paket kam, der Zusammenbau war schnell und unkompliziert und ich war stolz eine Wurmkiste zu besitzen, auch wenn bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts Aufregendes passiert war. Vorsichtig gaben wir die ersten Gemüseabfälle hinein. Mehrmals am Tag schauen wir in die Kiste, ob die Würmer noch da waren. Sie waren da und es wurden immer mehr. So füllten wir die Wurmkiste immer mehr an.

Wurmkiste2, Foto: Ulla Unzeitig
Foto: Ulla Unzeitig

Es wurde Sommer, es wurde warm. Und da passierte es: Fliegen. Panisch lasen wir nach, was bei Fliegenbefall zu tun war. Laut Bedienungsanleitung mussten wir zuerst herausfinden, welche Art von Fliegen wir hatten. In unserem Fall waren es Fruchtfliegen. Wir experimentierten mit Spülmittel/Essig-Lösungen und Fruchtfliegen-Fallen aus dem Drogeriemarkt. Am einfachsten und effektivsten stellte sich ein simples Glas halbvoll mit Apfelessig heraus, das wir einfach in die Kiste stellten. In die Falle aus dem Drogeriemarkt verirrte sich übrigens keine einzige Fliege. Danach warfen wir unsere süßen Obstabfälle lieber in die Biotonne und nur noch die Gemüsereste – was in unserem Fall mehr als genug war, denn wir kochen viel – in unsere Kiste.
Im Herbst war es dann soweit: Wir ernteten unsere erste Wurmerde! Wir verteilten sie in den Blumentöpfen in der Wohnung. Sie war von der Konsistenz anders als die Erde, die wir normalerweise vom der MA48 holten, irgendwie fester und kompakter. Von den Nicht-Gemüse-Sachen, die ich als Test in der Wurmkiste versenkt hatte, war nichts mehr übrig. Z. B. verwende ich ein Deo, das nur in einer Kartonhülse steckt. Diese Kartonhülse habe ich in die Wurmkiste gesteckt und wollte beobachten, wie lange die Würmer brauchten, bis sie diese zu Erde gemacht haben. Leider habe ich die Deo-Verpackung völlig vergessen und als ich danach kramte, war sie nicht mehr zu finden. Dass die Verpackung von meinem Kosmetikartikel zu Erde wird, war ein tolles Gefühl! Bioplasik traue ich mich übrigens bis heute nicht hineinzuwerfen. Seit ich mit der Chemikerin Caroline Thurner ein Interview über Bioplastik geführt habe, beäuge ich es misstrauisch. Angeblich ist Bioplastik gar nicht so gut abbaubar, wie uns die Werbung glauben machen möchte.

„Dass die Verpackung von meinem Kosmetikartikel zu Erde wird, war ein tolles Gefühl!“

Außerdem habe ich extreme Hemmungen entwickelt Gemüseabfälle in den Restmüll zu werfen.
Wenn ich nicht zu Hause bin, und es keine andere Möglichkeit gibt, als den Biomüll in den Restmüll zu werfen, nehme ich ihn meistens mit nach Hause. Oder ich werfe ihn heimlich auf dem Heimweg unter einen Busch. Wenn ich anderen Menschen zusehe, wie sie Gemüseabfälle in den Restmüll werfen, möchte ich am liebsten dazwischen springen und sie wieder herauskramen.
Später im Herbst haben wir es dann wohl zu gut gemeint. Unsere Wurmkiste stank und es waren wieder Fliegen da. Diesmal halfen die Essiggläser nichts. Nach genauerer Betrachtung stellte sich heraus: Es waren Trauermücken – die Wurmkiste war uns zu nass geraten. Mir wurde fast übel, als ich darin herumwühlte, um herauszufinden, wie es den Würmern ging. Wir probierten verschiedene Sachen aus, die empfohlen waren: Trockenes Material wie Karton untermischen, die Fliegen mit Neemöl besprühen, den Deckel mehrmals täglich absaugen. Irgendwann schmiss ich die Nerven. Ich besprühte die Küchenfenster mit Insektenschutzmittel, um die Fliegen, die sich aus der Kiste verirrt hatten, zu killen und räumte die Kiste im Hof komplett aus.

Wurmkiste3, Foto: Ulla Unzeitig
Foto: Ulla Unzeitig

Der Ärger wich Staunen – eine schiere Unmenge an Würmern in allen Größen trat zutage; weiße Miniwürmer, mittelgroße, lange … eine eigene Welt. Bei 296 Würmern hörten wir auf zu zählen.
Den Wurmtee, der sich unten in der Plastikwanne gesammelt hatte, kippten wir in eine Pflanze, die zuvor jemand im Hof ausgesetzt hatte – fast vertrocknet und mit Mini-Blättern. Die Wurmkiste erholte sich rasch und die Pflanze bekam nach 2-3 Wochen auf einmal wieder Blätter – viel größere als zuvor. Also konnte ich den Fliegen nicht böse sein.

Fazit meines ersten Wurmkistenjahres:
Wir litten, lachten und staunten; und am Ende überwog das gute Gefühl einen der wertvollsten Rohstoffe der Welt zu produzieren: Erde.

Offenlegung:
Die Wurmkiste habe ich kostenfrei von wurmkiste.at erhalten. Vielen Dank! Der Artikel entspricht ausschließlich meinen Eindrücken und ist unabhängig entstanden.

Ulla Unzeitig, geboren 1975, studierte Architektur in Wien und Stockholm. Seit 1995 publiziert sie in Fachmagazinen in den Themenbereichen Architektur, Bauphysik, Ökologie, gesellschaftlicher Wandel und universale Lebensentwürfe. Vor allem Interviews mit Expert*innen haben es ihr angetan, weil man "die alles fragen kann und die das hoffentlich wissen.“ Fährt Lastenrad, liest sich jährlich durch ca. 2 Meter Bücher, schreibt Öko-Fiktion, organisiert OPEN HOUSE WIEN. Sie lebt in Wien.