Der Aufstand der Maschine

21. Oktober 2019: Ich muss es ja nicht verstehen. Doch seit ein paar Tagen hagelt es bei mir gute Ratschläge. Oder eigentlich: Aufforderungen. Ich möge, so der Tenor, gefälligst weniger faul sein – und meinen Staubsauger händisch selbst durch die Wohnung führen.

Das sei einem Erwachsenen zumutbar. Stünde ihm gut an. Darüberhinaus aber erspare es mir Erlebnisse wie jenes, das die Ratschlaggeber zum Schreiben motiviert: Der Betrieb eines Staubsaugerroboters ist, lerne ich, in weiten Kreisen meiner Social-Media-Blase immer noch mit der Geruch von Schnöseligkeit, Arroganz und Dekadenz behaftet.

Foto: pixabay.com
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Auf die Frage, ob die, die mich für den Besitz eines automatisch und autonom Lurch-jagenden Gerätes schelten, ihr Geschirr und ihre Wäsche händisch waschen, setzt es Unverständnis: Das sei etwas anderes! Ebenso wie Föhn, Mixer, elektrische Zahnbürste & Co – oder programmierbare Thermostaten. Meine Nachfrage („inwiefern?“) wird ignoriert: Ich muss ja nicht alles verstehen.

Vielleicht sollte ich erzählen, wieso ich gerade „gedissed“ (so heißt das derzeit) werde: Als ich vergangene Woche nach einer mehrtägigen Reise nach Hause kam und die Wohnungstür aufsperrte, wollte ich auf der Schwelle kehrt machen – und die Polizei rufen. Denn der Blick von der Tür durchs Vorzimmer ins Wohnzimmer offenbarte Chaos: Schuhe und Gewand lagen wüst durcheinander, dazwischen Papier und Zeitungen. Da die Wohnung bei meiner Abreise nicht so ausgesehen hatte (und es auch sonst nie tut) und ich nicht an Poltergeister oder Indoor-Wirbelstürme glaube, lag eines nahe: Einbrecher.

Doch der zweite Blick ließ Zweifel aufkommen
Jacken und Kappen hingen. Laden und Kastentüren im Vorzimmer waren zu – und auch im Wohnzimmer stand alles, was man in Regale und auf Borde stellt oder an die Wand hängt, so wie hinterlassen. Nur der Boden erzählte eine andere Geschichte: Hier hatte jemand gewütet. Aber wer? Wann? Wieso?

Die Lösung des Rätsels habe ich schon im ersten Absatz geliefert. Aber bis ich das begriffen hatte, dauerte es. Und als ich erkannt hatte, dass mein Staubsaugerroboter Amok gefahren war, stand ich vor dem nächsten Rätsel: das Ding war verschwunden. Weg. Spurlos. Dass es sich unter Tisch oder Sofa verkriecht oder hängen bleibt, kommt vor. Doch diesmal war es anders: Der Roboter war tatsächlich weg.

Aber der Reihe nach: Mein autonomer Raumpfleger war also auf die Jagd nach Staub und Bröseln gegangen. Das ist grundsätzlich nicht falsch, sondern sein Job. Dafür habe ich ihn gekauft.

Staubsaugerroboter sind toll – wenn man eines beachtet

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Die Wohnung muss „robotersicher“ sein. Denn der Kerl fährt geradeaus, bis er anstößt. Dann dreht er sich – und fährt weiter. Er speichert, wo er war – und wenn er den gesamten für ihn erreichbaren Raum befahren hat, kehrt er an seine Dockingstation zurück. Fein.

Blöderweise gibt es in jeder Wohnung Dinge, die Staubsaugerroboter nicht aufhalten: Schuhe zum Beispiel. Oder Geschirr (ok: das steht bei mir nie am Boden). Oder Socken und Gewand. Sogar eine Weinflasche schiebt meiner weg. Oder schmeisst sie, wenn da eine Kante oder ein Kipp-Helfer in der Nähe ist, um. Außerdem fressen Staubsaugerroboter herumliegende lose Kabel. Sie hängen dann an der Leine und zerren an ihr. Führt das Kabel zwischen auf Regalen stehenden Vasen durch, landen die am Boden. Und so weiter.

Deshalb habe ich die Programmierung (man kann einstellen, dass das Ding automatisch losfährt und zum Beispiel alle zwei Tage zu Mittag arbeitet) meines Roboters ausgeschaltet – und bringe Schuhe, Kleinzeug & Co in Sicherheit, bevor ich ihn fahren lasse. Doch manchmal fährt er eben Amok. Wenn ihn niemand stoppt, bis er „nachtanken“ muss: Schafft er es zur Dockingstation zurück und glaubt, noch nicht alles gereinigt zu haben (etwa weil er immer an anderen Orten auf von ihm verschobene Hindernisse stößt), nimmt er nach dem Aufladen einen neuen Anlauf. Und noch einen. Und noch einen.

Genau das dürfte während meiner Abwesenheit passiert sein

Die Wohnung sah dementsprechend aus. Schuhe, Schlapfen und Schuh-Abtropftassen waren wüst im Raum verteilt. Zwei einst beim Eiskasten geparkte Weinflaschen lagen unter dem Couchtisch. Den lose gefüllten Altpapiersack hatte der Roboter verschoben, bis er über einen Schuh kippte. Das herausgefallene Papier hatte der Amokfahrer dann verteilt.

Er war auch durch die offen Badezimmertür ins Bad gefahren, hatte das bis zum Boden hängenden Kabel des Föhns geschnappt, mit dem am Waschtisch liegenden Haartrockner den Tisch abgeräumt – und Zahnbürsten, Tiegel & Co in den Vorraum geschoben. Außerdem hatte er irgendwie – mit dem abstürzenden Föhn? – den Schmutzwäschekorb herumgezerrt und zum Kippen gebracht. Socken, T-Shirts und Unterhosen lagen überall.

Wie er es darüberhinaus geschafft hatte, einen vom Wäschetrockner bis zum Boden hängenden Leintuchzipfel so zwischen seine Walzen zu zwicken, dass der ganze Wäschetrockner (den hatte ich – weil ja nicht da – ins Wohnzimmer gestellt) umkippte, kann ich nicht erklären. Das Leintuch hatte er ein Stück hinter sich her geschleift (auf dem Laken waren schwarze Bürsten-Spuren) – und es wohl doch wieder aus seinen Fängen gelassen.

All das ist skurril, aber noch halbwegs nachvollziehbar
Doch die große Frage lautete: Wo war der Schlingel jetzt? Ich suchte. Unter Möbeln. In Kleiderhaufen. In Ecken und Winkeln: Nada. Nichts. Verschwunden. Vom Erdboden verschluckt. Dematerialisiert.

Waren es also doch Einbrecher gewesen? Durchgeknallte Missetäter, die mit Schuhen und Altpapier Fußball spielen – und dann ein zwei Jahre altes Haushaltsgerät verschleppen? Hä? Oder spukte es vielleicht doch?

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Aber natürlich war der Roboter nicht verschwunden: Er hatte sich nur selbst ausgesperrt. Auf seiner wilden Fahrt hatte er den Weg durch die halb geöffnete Tür zum Abstellraum gefunden. Dort war er hinter der Tür auf Lurchjagd – und wohl immer wieder gegen dieselbe gefahren. Dabei hatte er sie immer weiter zu geschoben, bis er nicht mehr raus konnte. Dann erwischte er noch drei an die Wand gelehnte Fahrrad-Laufräder. Sie kippten. Im Fallen schlossen sie die Tür des Abstellraumes. Der gefangene Roboter dürfte im Vier-Quadratmeter-Kammerl dann herumgefahren sein, bis ihm der Strom ausging: Ich fand ihn halb auf einem der Reifen, ein Ladekabel zwischen den Walzen – der nicht gefressene Kabelteil heillos in Speichen verheddert.

Ich staunte – und erzählte auf Facebook von dieser kleinen Episode
Prompt hagelte es Kommentare: „Alles erfunden“ sagten die Einen. „Hatte ich so ähnlich auch schon“ kam von Anderen. Aber vor allem kam Schnösel-Schelte: Staubsaugerroboter seien per se dekadent. Nur faule, übersättigte Menschen besäßen und beschäftigten solche Helferlein.

Nicht, dass ich nicht faul wäre: Ich hasse Putzen. Dazu stehe ich. Voll und ganz. Deshalb habe ich das Trum ja gekauft. Was ich aber nicht verstehe: Wieso ist es aber dann ok, einen Geschirrspüler zu besitzen oder eine Waschmaschine zu benutzen? Wieso darf ich meinen Thermostat so programmieren, dass die Wohnung dann warm ist, wenn ich heim komme? Wieso ist es ok, wenn Festplattenrecorder Lieblingssendungen aufzeichnen oder die Zahnbürste von selbst, also motorisiert, vibriert? Wieso darf ich mich elektrisch rasieren oder föhnen, dem Backrohr und dem Toast sagen, wann Kuchen, Pizza und Toast als „fertig“ zu gelten haben, oder mit einer automatischen Lichtschaltung Einbrechern vorgaukeln, ich sei daheim – aber wenn man einen Staubsauger hat, der just diese Arbeit autonom und automatisch erledigt, ist das verwerflich? Wie gesagt: Ich muss es ja nicht verstehen.

Neben Schmähungen und Hohn kam aber auch ein Filmtipp
„Terminator“! Denn hinter all der Action mit und um Arnold Schwarzenegger, schrieb mir der, der mir den Film empfohlen hatte, verstecke sich jenes Thema, das nun auch in meinem Leben Einzug gehalten hätte: „Terminator“ handelt vom Aufstand der Maschinen gegen ihre Besitzer und Befehliger, die Menschen.

Dieser Aufstand beginnt harmlos. Etwa mit der Amokfahrt eines harmlosen Staubsaugerroboters. Aber dann, irgendwann, wird es blutig.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht.
Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.