Der Psychozahn - ein Nachhaltigkeits-Gleichnis

zahn

7. Januar 2021: Zahnschmerzen sind die Hölle. Und die Antwort auf den Schmerz ist meist klar: Extraktion. Aber manchmal ist der Schmerz auch nur ein verzweifelter Aufschrei des geschundenen Systems „Körper“.  Welche Lektionen Tom Rottenberg aus seinem Psychozahn zieht und warum sich dadurch sein Konsum-, Arbeits- und Sozialverhalten änderte.

Nein, ich fürchte mich nicht vor dem Zahnarzt. Das ist Zufall. Schließlich haben drei von vier Menschen Zahnarzt-Angst. Vierzig Prozent der Bevölkerung, sagen Studien, haben so viel Bammel, dass sie erst zum Zahnarzt gehen, wenn sie Beschwerden haben: Mit dieser Strategie werden die Ängste vor Schmerz und dem Ausgeliefertsein dann auch meist bestätigt. Jeder und jede 20. geht deshalb gar nicht. Nie. Sagen die Studien. Allerdings zweifle ich die Endgültigkeit dieser Aussage an: Irgendwann besiegt der Schmerz dann doch die Angst.

Aber darum geht es heute nicht. Obwohl diese Geschichte auch Angstpatient*innen und erzählen könnten. Eben weil der Schmerz auch ihnen keine Alternative lässt. Aber vor allem, weil diese Geschichte auch zum Gleichnis taugt. Weil hier ein auf den ersten Blick klares Problem mit Standardlösung, tatsächlich mehr ist: Ein Hinweis auf gravierende Probleme des Gesamtsystems. Ein Weckruf, dass man gerade mit Vollgas auf die Tunnelwand zufährt. Weil man mit Ressourcen urasst. Weil man eigene Energien und Kräfte für unendlich hält. Weil man Warnsignale konsequent ignoriert:

Die Geschichte vom Psychozahn ist ein Nachhaltigkeits-Gleichnis.

Sie begann auf einer Dienstreise. Vor etlichen Jahren war ich mitten in der Nacht, aufgewacht. Irgendjemand hatte links hinten unten in meinem Kiefer eine Bombe gezündet. Ohne Vorwarnung. Aus dem Nichts. Und der Schmerz … Vermutlich wissen Sie, wie das ist. Ich wusste es nicht: Ich hatte bis dahin noch nie Zahnschmerzen gehabt. Trotz 1000 Plomben einer reichlich unachtsamen Jugend.

Der Businesstrip ließ sich nicht abkürzen: Ein TV-Dreh in Südosteuropa. Die Schmerzmittel, zu denen ich griff, waren jenseits von Legal, Gut und Böse. Und als ich nach sechs Tagen endlich bei meinem Zahnarzt war, hätte ich sogar meiner Enthauptung zugestimmt.

Der Arzt sah aufs Röntgenbild, dann in meinen Mund. Er murmelte etwas von einer riesigen Uralt-Giftplombe unter der der Zahn zu sterben begonnen habe: „Der muss raus.“ Woran das läge, fragte ich matt. Der Zahnarzt hob die Schultern: Er sähe keinen unmittelbaren, keinen medizinischen Grund. Größe, Alter und Art der Plombe („du hast hochgiftigen Sondermüll im Mund“) habe er schon lange als „potenziell irgendwann problematisch“ am Radar, aber mit einem akuten Auslöser könne er nicht dienen. „Sorry. Spritze? Wobei: Du bist eh narkotisiert hier reinspaziert.“ Ärztehumor …

Er zog die Spritze auf, hielt aber inne: „Moment. Hast Du nicht gesagt, dass du auf einer zachen Dienstreise warst. Wie war die?“ Fragte der Mann gerade nach Anekdoten über einen Katastrophen-Dreh-Trip? „Ja.“ Ich erzählte. Vom viel zu engen Zeitplan, von verschollenem Equipment, unwilligen Gesprächspartnern, schikanösen Behörden, sich verdreifachenden Hotelpreisen, nicht fahrtüchtigen Geländemietwagen im Gelände, der Darmgrippe des zweiten Kameramannes und dem Verschwinden des Dolmetschers. Der Arzt nickte. „Und sonst?“ Wie bitte? „Naja, wie geht es dir sonst. Du bist meistens ausgeglichen und wirkst grad komplett anders. Nicht nur wegen Schmerzen & Drogen.“ Wie bitte? „Im Ernst: Wie geht es dir?“

War der Mann Hellseher? Der sterbende Zahn war tatsächlich nur Topping auf einem Berg mittlerer Katastrophen: Ich war mitten in einem bösen Beziehungsende, hatte in der Familie einen Streit- und einen Todesfall, daheim einen befreundeten Notfallcouch-Kumpel, der sic nicht zwischen Burnout und Depression entscheiden konnte. Aus der Wohnung sollte ich – beziehungsendebedingt – raus, hatte aber keinen Ersatz. Eine fette Steuernachzahlung stand an. Und so weiter. Gleichzeitig lebte ich mit Vollgas sieben Nächte und arbeitete gefühlt acht Tage pro Woche. Ich hatte seit Wochen Magenschmerzen, Druck im Hals und Schlafstörungen.

Der Zahnarzt legte den Bohrer zur Seite. „Alles klar: Ein Psychozahn.“ Wie bitte?

„Dein Zahn hat nix. Also: Nicht wirklich. Der reagiert darauf, wie es dir geht. Wie du mit dir selbst umgehst: Du weißt, siehst und spürst, dass du verbrennst und dich abschießt, tust aber so, als wärest du unsterblich. Du schützt weder dich noch deine Gesundheit, sondern betreibst Raubbau: Du gehst gerade kaputt.“

Ich war empört: Was nahm sich der Mann da heraus? Wäre ich nicht im zurückgekippten Zahnarztsessel mit einem Speichelsauger im Mundwinkel festgehangen, wäre ich aufgesprungen. „Dein Körper schickt eh längst Alarmsignale. Aber die ignorierst du. Jetzt schaltet er Systeme ab. In deinem Fall ist es ein Zahn: Der ist geschwächt und gefährdet, aber nicht wirklich krank.“ Ich widersprach brabbelnd: Bildete ich mir die Schmerzen also nur ein? „Nein, die sind echt und höllisch: Der Zahn versucht zu sterben.“ Nochmal ich: Wurscht! Zahnweh heißt Zahn raus! „Klar. Könnten wir machen. Aber ich würde empfehlen, noch zu warten.“ Doc, glaubst du, ich pumpe mich seit einer Woche zum Spaß mit Schmerzmitteln bis zur Schädeldecke voll? „Eh. Ohne Rundumgeschichte würde ich den Zahn sofort rausnehmen. Aber: Gib ihm eine Woche. Nimm Schmerzmittel – aber geh vom Gas. Krieg deine Themen in den Griff.“ Ernsthaft? „Ja. Möglich, dass es schon zu spät ist – dann reißen wir. Trotzdem: Der Zahn ist nicht das Problem, sondern ein Signal. Gib ihm eine Chance.“

Wir einigten uns auf fünf Tage. Am dritten wurde es besser. Am fünften setzte ich die Drogen ab. Am siebenten war ich fast, am zehnten ganz schmerzfrei. Ein paar Monate später tauschte der Zahnarzt die Giftplombe aus der Steinzeit aus.

Den Zahn, den Psychozahn, habe ich noch. Manchmal, wenn ich richtig Stress habe, pocht er leicht. Ich bin froh darüber. Denn die Lektion des Zahnarztes war wichtig: Ich stieg damals auf die Bremse. Begann Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Zeitmanagement. Ressourcenmanagement. Mein Konsum-, Arbeits- und Sozialverhalten änderte sich. Aber vor allem mein Umgang mit mir selbst: Ich akzeptierte, dass ich nicht unverwundbar oder unsterblich bin. Dass Kräfte und Energien endlich sind. Dass ewiges Mehr-Wollen kostet. Und sich das irgendwann nicht ausgeht. Ich lernte, den Menschen zu dem der Zahn, der sterben wollte, gehörte, zu respektieren und ernst zu nehmen. Ihn pfleglich zu behandeln. Weil ich es den „Körper B“, das „Leben 2.0“ nicht gibt.

Vergangenen Sommer wurde es in meiner Wohnung dann richtig heiß. „Kaufen wir halt eine Klimaanlage“, sagte mein Lieblingsmensch. Ich spürte hinten, im linken Unterkiefer, ein leises Pochen.

 

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.