Die Cassandra der E-Apokalypse

Elektroschrott

Elektroschrott, Foto: pixabay.com

3. Februar 2020: Die Frau hatte schon beim Betreten des kleinen, aber überlaufenen Sushi-Takeaways eifrig und sichtlich empört telefoniert – und hörte damit auch nicht auf, als sie zunächst bestellte und sich dann in der Gruppe der Wartenden auf einen freien Hocker setzte.

„Das geht so nicht. Da hilft nur ein Verbot. Da muss der Staat endlich eingreifen“, echauffierte sie sich – und ließ ihrem Gesprächspartner ganz offensichtlich und – hörbar keine Sekunde Zeit, auch selbst erst zu Wort kommen.

„Ist doch wahr: Ein Handy muss gefälligst fünf Jahre halten! Ein Fernseher noch länger. 10? Oder 12? Minimum, meine ich. Aber damit das geht, braucht es ein Gesetz. Und ein Pfandsystem. Aber ein anderes: Wer zu früh ein neues Gerät kauft, soll Strafe zahlen – also das Pfand verlieren.“ Spätestens jetzt hatte sie die Aufmerksamkeit aller, die da rund um sie saßen und warteten: Alle Gespräche verstummten – doch sie war so in Fahrt, dass sie es nicht einmal merkte.

Wir sind süchtig
„Wir sind süchtig. Konsumsüchtig. Elektroschrottsüchtig. Und die Industrie nutzt das aus. Mehr noch: Die sorgen sogar dafür, dass Leute, die nicht ständig das Neueste vom Neuen haben wollen, trotzdem kaufen müssen.“ Sie kam mehr und mehr in Fahrt. „Merk das echt nur ich? Meine elektrische Zahnbürste – ich kauf da immer das gleiche Modell – geht immer nach exakt zwei Jahren kaputt. Danach kann man die Uhr stellen. Zwei Jahre null Probleme – und dann: Zack. Aus. Kaputt. Und reparieren tut das ja keiner.“

Irgendeiner der unfreiwilligen, aber doch recht gut unterhaltenden Ohrenzeugen merkte leise an, dass er da irgendwann wohl auf ein anderes Modell umsteigen würde – aber die Telefoniererin hörte das gar nicht. Sie war schon einen Schritt weiter.

Noch ein Gerät und noch ein Gerät
„Noch ein Gerät und noch ein Gerät. Aber natürlich reden alle vom Energiesparen: Jedes neue Gerät braucht weniger Strom als sein Vorgänger. Nur: Wieso steigt dann der Verbrauch insgesamt ständig?“ Sie wartete gar nicht auf eine Antwort, sondern setzte ohne Luft zu holen fort: „Genau, weil es immer mehr Geräte werden! Bitte wer braucht drei Fernseher daheim? Das vierte Handy? Noch eine Küchenmaschine – und so weiter und so fort. Und dann kommen Klimageräte. E-Bikes, Elektroscooter weißderteufelwasnoch. Und weil sich alle vor dem Blackout zu fürchten beginnen, weil ja klar ist, dass das Netz das irgendwann nimmer verkraftet, kauft man auch noch eine zweite Tiefkühltruhe für den Keller. Mit möglichst langer Speicherzeit. Das ist grotesk – aber außer mir fällt das keinem auf.“

Die Mienen der Wartenden hatten sich mittlerweile in zwei Fraktionen aufgeteilt: Die einen zeigten stilles Amusement. Die anderen Gesichter aber zeigten Zweifel. Oder Nachdenklichkeit: So überdreht und hysterisch die Analyse der Ursachen der wohl unzweifelhaft bevorstehenden E-Apokalypse auch daherkam – ganz ohne Punkt war sie vielleicht doch nicht. Aber in einem war man sich einig: Alles wartete gespannt, was wohl die nächste Eskalationsstufe sein würde.
atomkraft

Atomkraft, Foto: unsplash

Oder eben doch Atomkraft?
Die Frau wusste oder bemerkte das zwar nicht, war aber ganz offensichtlich bereit für diesen „next step“: „Wir brauchen also mehr und mehr Energie. Und die Ressourcen gehen uns aus. Aber darf man deshalb das Naheliegende laut sagen? Entweder Rationalisierung und Konsumreduktion per Gesetz – oder eben doch Atomkraft. Nur: Sag das mal laut! Da fallen alle über dich her.“ Sie sagte es sogar sehr laut – aber niemand fiel ihr ins Wort: Kam da noch was? Ja. „Ich trau mich. Ich leg da jetzt los. Ich sch… mir nix: Der erste Schritt ist das Verbot, immer was Neues zu kaufen. Es müssen mindestens drei, besser vier, Gerätegenerationen dazwi… -“
spielekonsole

Spielekonsole, Foto: unsplash

Ihr Handy brummte
Sie unterbrach sich selbst und sah aufs Display. „Du wart kurz, mein Kind ruft an.“ Sie tippte aufs Display und sprach plötzlich mit einer ganz anderen Stimme. Sanft. Ruhig. Liebevoll—besorgt: „Hallo Schatzi. Da ist die Mami, Was gibts denn?“ Sie lauschte. Ihre Gesicht wechselte zwischen Sorge und stiller Heiterkeit. „Nein, wirklich, die Spielkonsole ist schon wieder abgestürzt? Wie kann denn das sein?“ Die Erklärung am Telefon entlockte ihr dann einige „Uijes“, „Ahas“ und „Das-ist-blöd“s.

Am anderen Ende der Leitung näherte man sich allem Anschein nach nun dem Kern des Problems: „Und der Dominik gewinnt dauernd?“ Pause. „Weil?“ Noch eine Pause. „Echt wahr? Weil unser Netz daheim so langsam ist und er die neuere Hardware hat geht das beim ihm so schnell?“ Pause. „Und du bist dir ganz sicher?“ Von daheim dürfte es jetzt Bestätigungen gehagelt haben. Jedenfalls zeigte das Gesicht der Mutter nun Entschlossenheit: „Na dann brauchst du natürlich auch einen neuen Computer. Ich bin eh gleich daheim – dann schau ich, wie wir das hinkriegen. Bussili!“

Sie tippte kurz am Handy. „Tschuldige. Bin schon wieder da. Kleiner Gaming-Weltuntergang daheim… “ Sie lachte. „Wo waren wir grad?“ Ihr Gesicht war jetzt wieder das einer Kämpferin. Ihre Stimme wieder hart: „ Wo waren wir? Ach ja, der Neukaufwahn. Da braucht es echt ein Gesetz …“

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht.
Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.