Die Sache mit den Plastikbechern

VCM-Chef Wolfgang Konrad und adidas Österreich-Sprecher Georg Kovacic
VCM-Chef Wolfgang Konrad und adidas Österreich-Sprecher Georg Kovacic

6. Mai 2019: Manchmal muss man auch loben. Und hin und wieder sogar große Unternehmen. Global agierende Konzerne. Obwohl das so gar nicht den angelernten Gut-Böse-Schemata entspricht. Denn da sind die Großen die Bösen. Immer.

Deshalb gibt es hier und heute Lob für adidas. Genau, den Sportartikelriesen. Und – ja – obwohl Sportartikler ganz allgemein immer wieder in der Kritik stehen. Produktionsbedingungen. Rechte von Arbeitern. Umweltstandards.

Gerade deshalb gilt es aber positive Schritte zu honorieren. Und dass adidas Österreich heuer beim Vienna City Marathon einen ersten Schritt zum Einsatz wiederverwertbarere Becher gesetzt hat, ist genau das: Ein erster Schritt.

Der Reihe nach. Wer läuft, braucht Wasser. Wer weit läuft, braucht es öfter. Denn ein dehydrierter Körper überhitzt – und kippt um. Also gibt es bei Laufveranstaltungen Versorgungsstationen. Meist alle drei oder fünf Kilometer. Wenn nur fünf oder 50 laufen, ist das mülltechnisch kein Problem: Da steht dann eben ein Mistkübel.

Aber bei 10.000, 20.000 oder 30.000 Menschen sieht das anders aus. Beim Vienna City Marathon sind es insgesamt 42.000 Beine. Und auch wenn „nur“ etwa 6.000 den ganzen Marathon und 15.000 Staffel- oder Halbmarathon laufen, sind das viele. Rechnet man einen Becher pro Läufer pro „Labe“ ergibt das … genau: Einen gewaltigen Müllberg.

Foto: tozerowasteliving
Foto: tozerowasteliving

An, neben und auch auf der Strecke. Denn zu erwarten, dass Läufer im Wettkampffieber , wenn sie im vollen Lauf trinken, dann in Mistkübel treffen, ist naiv: Hunderttausende Plastikbecher (weil man auf Karton leichter wegrutscht) säumen den Weg. Das ist ein ein echtes Entsorgungs- aber auch ein Imagethema: Laufen ist doch sauber! Klimaneutral. Läuferinnen und Läufer verbrennen keine fossilen Energieträger. Laufen verursacht keinen Müll. Aber da sind diese Becherberge …

Bei kleinen Laufbewerben, bei Trail-, also Geländeläufen, hat man umgedacht: Da muss meist jeder seinen eigenen Becher dabeihaben. Man schenkt sich aus einem Krug Wasser ein. Jeder Müsliriegel ist beschriftet. Wer ein Futzerl Müll außerhalb der „Littering Zone“ (meist endet die fünf Meter nach der Versorgungsstelle) fallen lässt, ist raus. Aber Trailläufe haben halt meist nur dreistellige Teilnehmerzahlen. Stadtmarathons sind riesig: In Berlin etwa laufen über 40.000 Menschen den vollen Marathon. Sie verbrauchen eine Million Einwegbecher!

Schon an kleinen Schrauben zu drehen zeigt da Wirkung: Beim Berlin-Marathon letzten September stattet adidas 5000 Läufer mit weichen, 10 Gramm leichten Mehrwegbechern aus. Wasser konnten sie an mehreren etliche Meter langen Wasserhahn-Strecken abzapfen. Natürlich war da trotzdem ein irrer Plastikbecherberg – aber die Aktion fiel auf. Vor Ort und medial: Der erste Schritt.

Der adidas-Mehrwegbecher
Der adidas-Mehrwegbecher

Am 4. April wiederholten die adidas-Leute den Versuch dann beim Berliner Halbmarathon schon mit weit über 10.000 Soft-Bechern für die 35.000 Teilnehmer. 700 Becher konnten kurzfristig nach Wien umgeleitet werden. Denn der Wien-Marathon fand am gleichen Tag wie der „Halbe“ in Berlin statt. Und die Veranstalter in Wien sagten: „Was Berlin kann, schaffen wir auch.“

Natürlich sparten die 700 Läufer mit Kautschukbechern dann insgesamt nur 3.000, vielleicht 4.000 Einweg-Plastikbecher ein. Nein, das rettet die Welt nicht. Noch nicht. Trotzdem ist es das, worauf es ankommt: Der Versuch, das Richtige zu tun. Ein erster Schritt. Und der ist immer der schwerste.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht.
Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.
adidas Österreich
Vienna City Marathon