Die Verkehrswende-Lernkurve ist mehr als flach

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22. Juli 2020: Seit Jahrzehnten verordnet sich die Politik die „Verkehrswende“. Am Papier. Davor, davon auch nur einen Bruchteil umzusetzen, hat sie aber geradezu panische Angst.

Ich muss es ja nicht verstehen. Obwohl ich es gerne würde. Manchmal zumindest. Aber das ist wurscht. Weil in Wien Wahlkampf ist – und der, wie Ex-Bürgermeister Michael Häupl einmal sagte, tatsächlich die Zeit der geballten Unintelligenz ist.
Mag ja sein. Aber wieso glaubt die Politik, dass wir, die Wählerinnen und Wähler, so deppert sind, gerade in Wahlkampfzeiten ihren geballten Dummfug zu schlucken?
Etwa die gerade aktuelle Behauptung, eine Reduktion von 30 Prozent sei ident mit „frei von“: 30 Prozent ist sogar weniger als ein Drittel – auf diesen „Leger“ (oder höflicher: diese Verwechslung) – fallen bei Multiple-Choice-Tests meist nicht einmal Schüler unter 15 mehr herein.

Doch erwachsene Menschen sollen jetzt über eine „autofrei“ werdende Wiener Innenstadt jubeln – obwohl diese „Autofreiheit“ schon im nächsten Satz nicht bloß relativiert, sondern tatsächlich abgesagt ist: 30 Prozent weniger KfZ, die in oder durch die Wiener Innenstadt fahren, sind zwar nicht nix, – aber eben doch nicht das, was da groß verkündet wird: „autofrei“ nämlich. Ganz abgesehen davon, dass die Umsetzung wohl ohnehin noch an der einen oder anderen Hürde aus dem Rathaus hängen bleiben könnte.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde die Idee, die Wiens Verkehrsstadträtin (Birgit Hebein, Grüne) mit dem Bezirksvorsteher der Innenstadt (Markus Figl, ÖVP) über den Kopf von Hebeins Koalitionspartner (Bürgermeister Michael Ludwig, SPÖ) ausgeheckt hat, grundsätzlich gut. Und richtig. Denn in einer Stadt wie Wien braucht im Alltag kaum jemand das Auto, um von A nach B zu kommen: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind innerstädtisch perfekt ausgebaut und getaktet. Die Nahversorger-Infrastruktur und die damit verbundenen Distanzen zu Orten des täglichen Bedarfes, entspricht fast überall (auf alle Fälle innerhalb des Gürtels) jenem „historischen“ Maß, das schon in der Antike die gute Bewohnbarkeit von Stadtteilen definierte: Innerhalb eines Radius – meinetwegen auch der Kantenlänge des Stadtviertel-Karrees – von nicht einmal einem Kilometer ist alles da. Und somit fußläufig zumutbar erreichbar.

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Klima, Wetter und Topographie (die Außenzonen im Wienerwald mal ausgeklammert) machen Wien zur idealen Fahrradstadt. Oder würden es dazu machen – wäre da nicht das Primat des Autos, das Radfahren immer noch zum Wagnis macht. Doch nicht einmal mehr ein Drittel der Wienerinnen und Wiener besitzen heute einen PKW. Gerade ein Viertel aller Wege in der Stadt werden mit dem Auto zurückgelegt (1993 waren es noch 40 Prozent). 90 Prozent seiner Zeit ist ein motorisiertes Fahrzeug ein Stehzeug (nein, nicht im Stau: es parkt) – aber weit mehr als 60 Prozent der Verkehrsflächen Wiens sind für Autos reserviert. Immer noch.

Das ist nicht nur unzeitgemäß, sondern auch ungerecht. Und das Klima … ehschowissen. Das weiß auch die Politik – nicht erst seit vorgestern oder Corona. Die Reduktion des Kfz-Verkehrs durch das Begünstigen anderer, sinnvollerer Verkehrsformen, die Neuordnung der Flächenverteilung im öffentlichen Raum, das Zurückgeben der Stadt an die Menschen, die sie als Lebensraum nutzen – all das findet sich in 1000 schlauen Konzepten, Positionspapieren und Programmen der Politik. Nicht erst, seit in Wien vor zehn Jahren eine rot-grüne Koalition zu regieren begann, sondern auch schon, als die Koalition noch rot-schwarz war.

Passiert ist in all den Jahren aber? Genau: fast nichts. Die paar neuen Alibi-Radwegerln nimmt niemand ernst – sie dienen vor allem als Park- und Haltezonen für Lieferwägen, deren Lieferzonen zugeparkt sind. Wer mit Tempo 30 in Tempo-30-Zonen unterwegs ist, wird sogar von Polizisten aufgefordert, den Verkehr nicht mutwillig zu behindern. Wer sein Kind in einer Wohnstraße spielen lässt … Sind Sie wahnsinnig?!
Und wehe dem, der es wagt, zu fragen, ob das kostengünstige Abstellen von Autos im öffentlichen Raum tatsächlich ein Menschenrecht oder noch zeitgemäß ist, erntet neben Fassungslosigkeit einen politischen Aufschrei. Am lautesten von ebenjenen, die in ihren Positionspapieren seit Jahrzehnten all das als Zielvorgabe stehen haben, wohin auf den Weg zu machen sie dann für „unzumutbar“ halten.

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Das geschieht reflexartig: Das Infragestellen von Oberflächenparkplätzen löst diesen Reflex ebenso aus, wie das laute Aussprechen der Idee, es Eltern durch zeitlich begrenzte Fahrverbote unmöglich zu machen, ihre Kinder mit dem Auto bis vors Schultor zu bringen (weil dort ja so viel Verkehr ist, dass man die Kinder unmöglich zu Fuß gehen lassen kann …). Der Reflex ist immer der gleiche: Jedes Mal wird der Verkehrsgau, der Superstau und das damit verbundene unweigerliche Kollabieren der gesamten Stadt und ihrer Wirtschaftssystem als unmittelbare, unvermeidliche Folge solcher Maßnahmen angekündigt.

Dass dann, wenn man doch ein bisserl von alldem umsetzt keine der angekündigten Katastrophen eintritt? Dass Wiens erster Bezirk zu florieren begann, als und nicht obwohl man in den 60er Jahren Kärntner Straße und Graben zu Fußgängerzonen machte? Dass nicht einmal die schärfsten Kritiker der Begegnungszonisierung der Mariahilfer Straße zurück zum früheren Zustand wollen? Dass weltweit ganze Innenstädte für den Autoverkehr gesperrt werden … und so weiter: Egal. Diese Lernkurve ist politisch nicht bloß flach, sondern schlicht keine Kurve.

Ginge es nur um ein paar Freaks, die mit Lastenrädern statt mit dem SUV durch die Stadt cruisen wollen, wäre das wurscht. Nur: Es geht um mehr. Klimawandel und so Zeug halt …

Sich da von den Steuerungs- und Linderungsmaßnahmen, die eine Stadt hat und die man schon vor dem Einsetzen der für alle längst spürbaren Veränderung des (ja auch Stadt)-Klimas in den eigenen Strategiepapieren stehen hatte, zu verabschieden, sobald die „Gefahr“ besteht, sie umzusetzen, ist dumm. Mehr als dumm: Es ist gefährlich.

Und deshalb komme ich zu meinem Ausgangssatz zurück: Ich muss es ja nicht verstehen. Obwohl ich es gerne würde.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.