Erste österreichische Sinus-Milieu-Studie zur Klimakrise

Studie_1, Foto: Anna Stöcher
Foto: Anna Stöcher

14. September 2020: „Unser Klima, unsere Zukunft – Wir haben es in der Hand“ ist das Motto des diesjährigen MUTTER ERDE-Schwerpunkts. In diesem Rahmen wurde am 10. September gemeinsam mit GLOBAL 2000 die erste Sinus-Milieu-Studie zum Thema „Klimakrise in Österreich“ präsentiert.

Der Klimawandel ist bereits seit drei Jahren ein wichtiges Thema für die Österreicher*innen. Durch die Friday for Future-Initiative wurde dieser Trend noch verstärkt. Die Sinus Milieu-Studie hat uns klar gezeigt, dass wir den großen Informationsbedarf der Österreicher*innen auch weiterhin decken müssen, etwa über die Mutter Erde-Website. Daran werden sich alle unsere Mitglieder und Partner – der ORF und die Umwelt- und Naturschutz-NGOs – beteiligen. Vielfach fehlt den Menschen ganz einfach das große Bild, wie etwa Österreich in das Klimathema involviert ist oder welchen Anteil daran Europa hat.

Es braucht einen Bewusstseinsprozess
Bewusstsein für dieses große Thema zu schaffen ist ein Prozess: Da geht es um Themen wie Geophysik, gesellschaftliche Aspekte, Landwirtschaft und Meteorologie. Es wird den Menschen in diesem  Zusammenhang sehr viel abverlangt, denn die Problemstellung ist groß und komplex. Ganz abgesehen davon gibt es eine Vielzahl anderer Themen, die die Menschen in ihrem Alltag bewegen und die damit in den Vordergrund rücken.

Mit Hilfe der Ergebnisse dieser Studie sehen wir die groben Linien. Wichtig ist nun, darüber nachzudenken, wie wir die einzelnen Milieus – v.a. die weniger überzeugten – erreichen können. Beim Thema „Haben Sie vor, sich klimafreundlicher zu verhalten“ stellt sich etwa die Frage, wie die Milieus der Digitalen Individualisten (die zukünftige Elite) und Adaptiv Pragmatischen (die neue bürgerliche Mitte) erreicht werden können. Gerade in diesen Milieus bestehen große persönliche Barrieren im Hinblick auf ein klimafreundlicheres Verhalten. Und genau hier ist der Zugang zum Thema nach wie vor nicht für alle vorhanden.

Studie_6, Foto: Anna Stöcher
Foto: Anna Stöcher

Bedeutung der Klimakrise
Die Bedeutung des Themas „Klimakrise“ hat sich verändert. War das Thema zwar durch die Corona-Pandemie kurzzeitig in den Hintergrund gerückt, ist es mittlerweile wieder sehr präsent. Das Wetter ist in diesem Zusammenhang ein „Schuhlöffel“ – der Neusiedlersee trocknet aus, es gibt Dürren, Ernteausfälle und vermehrt Hitzetage. Auch wenn das Thema nicht immer top of mind, ist es in den Köpfen der Menschen sehr präsent.

Das Interesse der Bevölkerung an Klimaschutzmaßnahmen ist sehr hoch. Schwierig wird es immer dann, wenn es um den persönlichen Lebensbereich der Menschen geht, wenn die „Einschränkung“ spürbar wird, wenn jede*r umlernen muss. Darum ist es auch so wichtig, die einzelnen Maßnahmen auf den Alltag und die Lebensrealität der Menschen herunterzubrechen.

Postmaterielle als Opinion Leader
Das Milieu, das es im Zuge der Coronakrise zu mehr gesellschaftlicher Beachtung und einem deutlich höheren gesellschaftlichen Stellenwert gebracht hat, ist jenes der Postmateriellen. Und genau hier finden sich die meisten Klimawandel-Bewegten. Und genau hier schließt sich auch der Kreis zum harten Kern, 25 – 35 % der Österreicher*innen, die aus großer Überzeugung Klimaschutzmaßnahmen umsetzen.

Über die Studie
Im August 2020 wurden 1.000 Interviews (online und telefonisch) mit Österreicher*innen, die älter als 16 Jahre sind, geführt.

Die Inhalte der Befragung waren

  • Problembewusstsein & Wissensstand
  • Vermutete Verursacher der Klimakrise
  • Verantwortlichkeiten der Akteure
  • Persönliches Verhalten & Barrieren
  • Motivation & konkrete Maßnahmen

Die Umfrage zeigt das große Interesse der österreichischen Bevölkerung am Klimaschutz: Vier von Fünf interessieren sich für das Thema – ein Drittel sogar sehr. Jedoch fühlen sich nur 10 % der Befragten sehr gut informiert – und ebenso viele stufen sich als wenig bis schlecht informiert ein.

Neun von zehn Befragten sind der Ansicht, dass jede*r von uns etwas zum Klimaschutz beitragen kann. Etwa 75 % denken, dass das Verbrennen fossiler Stoffe der größte Verursacher des Klimawandels ist. Die überwiegende Mehrheit sieht den Klimawandel auch als hauptverantwortlich für den Anstieg von Hitzetagen und Wetterextremen. 88 % der Befragten sind der Ansicht, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel sinnvoll und notwendig sind.

Studie_2, Quelle: Mutter Erde
Quelle: Mutter Erde

Für den Studienleiter der INTEGRAL Markt- und Meinungsforschung, Dr. Bertram Barth, ist eines klar: „Speziell die klassischen Verantwortungsmilieus der Postmateriellen, Etablierten und Konservativen, aber auch die technokratische Elite der Performer haben ein hohes Problembewusstsein und fordern aktiv Maßnahmen gegen die Klimakrise ein. Ihr Einfluss reicht bereits in die gesellschaftliche Mitte. Andere Milieus, wie die „Zukunftsmilieus“ der Adaptiv-Pragmatischen oder der Digitalen Individualisten, benötigen noch relevante Informationen und leicht umsetzbare Verhaltenshinweise.“

Studie_2, Quelle: Mutter Erde
Quelle: Mutter Erde

80 % der Befragten wollen sich künftig klimafreundlicher verhalten.
Aber auch die Wirtschaft sowie die Industrie, aber auch die EU und die österreichische Bundesregierung sollten aus Sicht der Bevölkerung viel größere Anstrengungen in Sachen Klimaschutz unternehmen. Was mögliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise betrifft, so finden Maßnahmen zur Nutzung der Solarenergie sowie der Verbesserung des öffentlichen Verkehrs die meiste Unterstützung unter den Befragten.

Studie_3, Quelle: Mutter Erde
Quelle: Mutter Erde

Bei bereits ergriffenen Maßnahmen werden die lange Verwendung von Gebrauchsgegenständen sowie der Kauf regionaler bzw. saisonal produzierter Lebensmittel am ehesten umgesetzt.

Studie_4, Quelle: Mutter Erde
Quelle: Mutter Erde

Fazit

  1. Die große Mehrheit der österreichischen Bevölkerung ist am Thema „Klimawandel“ interessiert und sieht die Notwendigkeit konkreter Gegenmaßnahmen. Die Postmateriellen sehen den Klimawandel am weitesten fortgeschritten. In der Studie wird auch ein Stadt-Landgefälle – z.B. bei den Hitzetagen oder der Akzeptanz ohne Auto auszukommen – ersichtlich.
  2. Die Wirtschaft und die österreichische Regierung, aber auch jeder und jede einzelne sollten mehr gegen die Klimakrise tun.
  3. Das Vertrauen in die richtigen Maßnahmen der Politik ist relativ gering. Die von deutlichen Mehrheiten erhobenen Forderungen politischer Maßnahmen sind vielfältig, wie Produktion von mehr Ökostrom, Verdichtung der Fahrpläne öffentlicher Verkehrsmittel, stärkere Besteuerung klimaschädlichen Verhaltens oder Bindung von Wirtschaftshilfen an Klimafreundlichkeit.
  4. Die eigene Bereitschaft zur Verhaltensänderung ist grundsätzlich hoch. Aktive Proponenten sind die klassischen Verantwortungsmilieus der Postmateriellen, Etablierten und Konservativen, deren Einfluss aber schon deutlich in die Mitte reicht. Für die skeptischeren Milieus – speziell auch die „Zukunftsmilieus“ der Digitalen Individualisten und Adaptiv-Pragmatischen – muss das Thema noch verhaltensnäher heruntergebrochen werden – klimafreundliche und praktikable Verhaltens- und Konsumalternativen müssen ihnen nähergebracht werden.

Regierung muss sich auf die Wünsche der Bevölkerung fokussieren
„Die österreichische Bunderegierung ist aufgerufen zu handeln und konkrete Pläne vorzulegen, denn die Bevölkerung ist bereit. Jetzt liegt es an der Politik hier auch Anreize und alternative Handlungsmöglichkeiten anzubieten,“ so Agnes Zauner von der Umweltschutz-NGO GLOBAL 2000.

Tatsächlich haben wir es nicht mehr mit einem Klimawandel zu tun. Wir befinden uns mitten in der Klimakrise. Es liegt nun an uns allen, in der Krise die Katastrophe zu verhindern.

Anita Malli ist Geschäftsführerin der Umweltinitiative MUTTER ERDE., einem Zusammenschluss des ORF und der führenden Umwelt- und Naturschutzorganisationen Österreichs – Alpenverein, BirdLife, GLOBAL 2000, Greenpeace, Naturfreunde, Naturschutzbund, VCÖ und WWF.