Essen im Kübel? Warum Lebensmittelverschwendung alle etwas angeht.

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30. Dezember 2020: In Österreich werden jedes Jahr eine Million Tonnen genießbare Lebensmittel weggeworfen. Dafür nur Industrie, Handel oder Gastronomie verantwortlich zu machen ist zu bequem – und falsch: Über die Hälfte der vergeudeten Lebensmittel landen in Haushalten im Mistkübel.  

Nein, Graz ist nicht ganz so groß wie New York, Mexico City oder Delhi – aber eben auch kein ganz kleines Dorf: Mit Graz 443.066 Einwohner (Eurostat, 2019) ist die steirische Landeshauptstadt Österreichs zweitgrößte Stadt. Und das mit gewaltigem Respektabstand: Linz, die drittgrößte Kommune, ist mit 203.012 (allerdings 2017 gezählten) Einwohnern nicht einmal halb so groß wie Graz. 443.066 Köpfe entsprechen etwa fünf Prozent der heimischen Bevölkerung: oder und jede 20. Person, die in Österreich lebt, ist Grazer. Oder Grazerin.

Dennoch ist der Abstand auf die Nummer eins groß: Wien hat 1,8 Millionen Einwohner. Das sind 21 Prozent der Bevölkerung Österreichs. Also rund vier Mal Graz. Und genau darum geht es: Nicht um die Zahlen, sondern die Verhältnisse.

Denn in Wien wird täglich so viel Brot weggeworfen, wie ganz Graz an einem Tag konsumiert. Das liegt nicht an Wien oder den Wienerinnen und Wienern: Anderswo ist es nicht anders. Aber um das Verhältnis von frisch gebackenem, frisch verkauftem zu weggeworfenem Gebäck zu illustrieren, taugt dieser Vergleich ganz hervorragend. Darum noch einmal: Mit dem Brot, das in Wien an einem ganz normalen Tag weggeworfen wird, käme Graz einen ganzen Tag gut aus. Das ist gewaltig. Das tut weh. Das ist unbequem – und genau deshalb schauen wir lieber weg. Denn: Neu ist das nicht. Neu ist auch eine andere Zahl nicht – auch wenn der Begriff, um sie zu erklären einer breiteren Öffentlichkeit noch kaum geläufig ist: Für etwa 462.000 Menschen in Österreich ist „Ernährungsunsicherheit“ kein theoretisches, sondern ein alltägliches Thema – weil sie nicht genug Geld haben, um sich und ihre Kinder ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen. Ja, in Österreich – einem der reichsten Länder der Welt.

Und wenn es Ihnen jetzt den Hals zusammenzieht, ist das gut. Weil wir damit jetzt Ihre Aufmerksamkeit haben. Und, sorry, jetzt nicht aufhören werden, Ihnen ein bisserl die Luft zu nehmen, indem wir über Essen reden. Über Essen, das im Müll landet – obwohl es weder verdorben noch ungenießbar wäre.

Und, nein, es ist nicht nur die „böse“ Industrie, der „verantwortungslose“ Handel, der gute Lebensmittel grundlos vernichtet: Jährlich werden in Österreich etwa eine Million Tonnen gut genießbarer Lebensmittel entsorgt – aber mehr als die Hälfte (etwa 521.000 Tonnen) werden von Privathaushalten in den Mist geworfen.

Das Brot und das Gebäck sind da nur die Spitze des Eisberges brutaler Verschwendung: Mit 28 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel liegt das Brot da nur um einen Prozentpunkt vor Obst und Gemüse – dann folgen Milchprodukte (12 Prozent), Fleisch und Wurstwaren (elf Prozent) und dann Reis, Nudeln und andere Grundnahrungsmittel (sieben Prozent). Die Zahlen stammen vom WWF und aus Studien und Arbeiten der BOKU Wien (Institut für Abfallwirtschaft).  Sie wurden im Frühjahr publiziert und widersprechen auf den ersten Blick jenen des Umweltministeriums ziemlich.

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Denn laut der „Restmüllanalyse“ der Sektion für Abfallwirtschaft im Umweltministerium landeten 2018 rund 225.000 Tonnen „vermeidbarer Lebensmittelabfälle“ ebendort – also im Restmüll.

2012 waren es zwar lediglich 157.000 Tonnen, aber das, erklärt die im Ministerium für den Bereich zuständige Abteilungsleiterin Christine Hochholdinger, läge nicht an einer Explosion der vernichteten Lebensmittel, sondern am genaueren Hinschauen: Der Fokus auf das Thema ist relativ neu. Erst seit 2012 fordert die EU ihre Mitgliedsstaaten auf, exaktes Lebensmittelverschwendungs-Monitoring zu betreiben – und alle vier Jahre ganz genau hinzusehen.

Die Diskrepanz zu den Zahlen des WWF lässt sich auch durch dieses „genaue Hinschauen“ leicht erklären: Genießbare Lebensmittel, die etwa in die Tierfütterung eingebracht, kompostiert oder als Biomasse zur Bio-Energiegewinnung „genutzt“ werden, sind kein „Restmüll“. Verschwendet, vernichtet, sind sie aber dennoch. Wobei Handel und Gastronomie da – derzeit – oft kaum eine Alternative zum Entsorgen bleibt: Wer Lebensmittel mit überschrittenem Ablaufdatum in den Verkehr bringt, macht sich im schlimmsten Fall sogar strafbar. Und was einmal zubereitet und serviert wurde, darf auch nicht ohne Weiteres wiederverwendet werden. Nebenbei: Für rund ein Viertel der vermeidbaren Lebensmittelabfälle der Gastronomie sind nicht die Wirte, sondern die Gäste verantwortlich. Etwa weil sie statt „Doggybags“ zu verlangen, halbe Portionen stehen lassen.

Freilich: Initiativen wie „Foodsharing“, die „Tafeln“ oder die Sozialmärkte kooperieren hier mit Handel, Gastronomie und Industrie auf mittlerweile viele und kreative Arten, um Lebensmittel vor dem Weggeworfenwerden zu bewahren und sie Menschen zukommen zu lassen, die sich gutes, gesundes oder einfach nur tatsächlich genug Essen nicht leisten können. Und über Plattformen wie „Mundraub“ oder „Too good to Go“ können auch Private „überschüssige“ Lebensmittel in allerletzter Sekunde (und oft zu Superpreisen) vor dem Entsorgtwerden „retten“.

Doch das dürfe über eines nicht hinwegtäuschen, erklärt Alexandra Gruber, die Geschäftsführerin der Wiener Tafeln und Obfrau des Tafelverbandes:

Auch wenn wir und andere Organisationen immer größere Mengen an Nahrungsmitteln vor dem Weggeworfenwerden bewahren, reden wir hier lediglich von zwei, vielleicht drei Prozent dessen, was an Überschuss da ist.

Aber bleiben wir – noch – bei dem, was jeder einzelne Haushalt wegwirft. Also zuerst kauft – und dann ungenutzt entsorgt. Bricht man die vom WWF errechneten 521.000 Tonnen von Österreichs Haushalten entsorgter Lebensmittel von der abstrakten, für niemanden wirklich greifbaren Gesamtmengen auf „Haushaltsgrößen“ herunter, wird das individuelle Ausmaß der Verschwendung klar: Pro Haushalt und Jahr landen 133 Kilogramm guter Lebensmittel im Müll. Und für alle, denen das Müllvolumen noch immer egal ist: Das entspricht einem Einkaufswert von 800 Euro. 800 Euro, die man auf den Mist wirft. Einfach so.

Aber da ist noch etwas: Das Urassen mit Lebensmitteln ist auch ein Klimakiller. Denn jedes Stück Nahrung hat eine Geschichte. Es wurde angebaut oder gezüchtet, gefüttert oder bewässert und gedüngt, geerntet und verarbeitet, gekühlt, transportiert und schlussendlich (hoffentlich) zubereitet – hat also eine „Klimawirkung“. In Österreich macht die Ernährung etwa 20 Prozent des CO2-Fußabdruckes jeder Person aus. Deshalb macht es klimapolitisch durchaus einen Unterschied, ob man etwa den Fleischkonsum reduziert oder auf regionale und saisonale Nahrungsmittel achtet – das Entsorgen genießbarer Lebensmittel gibt diesem Thema allerdings einen zusätzlichen Spin.

Denn Fleischprodukte sind weit klimaschädlicher als Obst oder Gemüse: 9 Kilo CO2 pro Kilo Fleisch stehen 0,7 kg CO2 (Gemüse) respektive 0,9 kg CO2 (Obst) pro Kilo im Einkaufswagen gegenüber. Brot ist, so die Zahlen des WWF,  mit 0,6 kg CO2 pro Kilo noch „billiger“, Milch und Molkereiprodukte mit 3,8 kg CO2 „mittelteuer“ – wenn sie denn konsumiert werden. Aber im Müll? Der WWF hat nachgerechnet: Die sorglose Lebensmittelvernichtung verursacht pro Haushalt und Jahr etwa 250 CO2-Äquivalente – das entspricht dem Befahren des kompletten österreichischen Eisenbahnnetzes durch eine Kleinfamilie.

Oder anders, wieder globaler, formuliert: Von jenen Treibhausgasen, die unsere Ernährung verursacht, ließen sich durch das Nichtverschwenden von Lebensmitteln 16 Prozent einsparen.

Würden all die Lebensmittel, die im Hausmüll landen, gar nicht erst produziert, würden allein in Österreich rund eine Million Hektar Anbaufläche nicht ge- oder verbraucht. Das entspricht der gesamten landwirtschaftlichen Fläche Oberösterreichs.

Das Fazit aus alledem klingt simpel:

Verschwendung, das Wegwerfen, beginnt beim Einkauf. Planloses Shoppen ist mit ein Garant, Lebensmittel in der Tonne enden zu lassen.

Strategisches, schon vorher bedachtes Restl-Kochen und schlaues, richtiges Lagern tun das Ihre dazu. Das Vertrauen auf die eigenen Augen und Nase ist auch hilfreich: Was genießbar aussieht und so riecht, ist es in der Regel – ungeachtet des „mindestens haltbar bis“-Aufdruckes. Die Evolution hat uns mit einem sehr guten, verlässlichen Sensorium zum Erkennen genießbarer Nahrung ausgestattet – vertrauen Sie ruhig darauf.

Und wenn tatsächlich etwas übrigbleibt: Teilen macht glücklich – suchen Sie auf Webseiten von Initiativen wie „Foodsharing“ nach „Fairteilern“ in ihrer Umgebung. Also Kühlschränken und Lebensmittelregalen an (halb) öffentlichen Orten, die Menschen offen stehen, die sich das, was bei Ihnen übrig bleibt, nicht leisten können. Aber trotzdem Hunger haben.

Falls sie all die Zahlen, Daten und Fakten über verschwendete, weggeworfene, vergeudete Nahrung empört haben: Sie sind damit alles andere als alleine. Drei Viertel der Österreicherinnen und Österreicher finden, dass Lebensmittelverschwendung gar nicht geht. Dass das Thema wichtig ist.

Gut so. Aber: Lassen Sie es jetzt nicht bei Ihrer Empörung bewenden, sondern tun Sie etwas. Fangen Sie in ihrer eigenen Küche, ihrem eigenen Kühlschrank, auf ihrem eigenen Einkaufszettel damit an.

Mehr Informationen zum Thema Lebensmittelverschwendung gibt es auf den Seiten des WWF. Unter anderem lassen sich dort auch kompakte Infoblätter (gut zum Auf-den-Kühlschrank-Kleben) mit Tipps zum eigenen Umgang mit Lebensmitteln finden und herunterladen )

Gruppen, Initiativen und Plattformen, die sich der Lebensmittelrettung oder dem Teilen widmen, finden Sie hier:
www.foodsharing.at
www.wienertafel.at
www.toogoodtogo.at
www.dietafeln.at
https://mundraub.org/

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.