Flugschämen 2.0 - vom eigenen Verzicht

19. August 2019: Anderen das Fernreisen aus Klimagründen madig zu machen ist einfach. Aber es sich dann auch selbst zu verbieten ganz und gar nicht: Ein kurzer Blick auf eine neue Form von Generationskonflikten.

Früher war das Leben einfach. Auch beim Urlaubmachen: Wer weiter weg kam, der gewann. Die, deren Eltern es zu nix gebracht hatten, machten Urlaub auf Balkonien. Nicht wirklich viel cooler war Urlaub „am Land“. Am Bauernhof. Oder „in den Bergen“.
Badeseen? Salzkammergut war halbwegs ok. Weil sich etliche meiner Mitschüler etwas drauf einbildeten, dass ihre Großeltern Angehörige des Lederhosen- oder Eisenbahnadels gewesen waren.

Kärnten war – weil wärmer und wetterbeständiger – irgendwie eine Spur besser. Caorle, Lignano oder Bibione? In meiner Volksschul-Hood – Favoriten – akzeptabel, im Gymnasium im ersten Bezirk dann aber ein Naserümpfer: „Prolo“. Weniger als Griechenland oder Spanien war inakzeptabel.

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Dann, nach der Matura, gondelten wir zwar auf Interrail-Trip mit dem Zug quer durch Europa, aber eigentlich war nur eine Form des Reisens wettbewerbsfähig: Fliegen. Je weiter und öfter, desto besser. Ibiza, Teneriffa oder „Malle“? Nö: Goa, New York und Cancun. Unmittelbar nach meiner Interrail-Zeit kamen Roundtrip-Flugtickets auf: Das erste und einzige Mal, wo ich Menschen, die fünf Jahre nach mir flügge wurden, um die Gnade der späten Geburt beneidete. Schließlich zahlten da noch die Eltern: Pamplona (Tierschutz war in den späten 80ern für uns ein Fremdwort), Strandparties in Nizza und Tage im Schlamm der britischen Rockfestivals konnten nicht mehr mithalten: Raves auf Koh Pangan, der Burning Man in der Wüste Nevadas, Surfen vor Kapstadt – das Flugweltreise-Ticket machte es möglich. Cool war, wer Meilen gemacht hatte.

Heute ist das anders. Eltern – also Menschen meiner Generation – die ihrem Nachwuchs bieten wollen, was sie auch hatten, haben es schwer. Machen alles falsch. So jedenfalls erzählten es unlängst beisammen ein paar Väter und Mütter. Der Konflikt beginnt beim Wort „Flugticket“: „Gerade dass sie uns nicht angebrüllt haben, ob wir jetzt vollkommen den Verstand verloren hätten“, erzählt G. von ihren Zwillingstöchtern, als als „Maturaprämie“ Tickets nach London am Tisch lagen.

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Bei M.s war es nicht anders: „Wie wir nur auf die Idee kommen könnten, ihr den Trip nach Thailand, Vietnam und Laos zu schenken. Dabei hat sie zwei Jahre nur davon geredet“, berichtet die Mutter. „So, sagte sie, gingen wir also mit ihrem Erbe um: Der Welt. Dem Klima.“ Auch S. kennt das Lied: „Er sah uns verletzt und traurig an und sagte: Habt ihr es noch immer nicht kapiert? Wollt ihr, dass das bisserl, was ihr nicht selbst zerstört habt, jetzt von uns kaputt gemacht wird?“ Die Familie hatte zusammengelegt, um das Ein-Jahres-Roundtripticket zu kaufen: „Meine Mutter, die Oma, hat von ihrer Pension richtig weggespart. Und wurde beflegelt.“

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Natürlich kränkt das. Trotzdem waren die Eltern auch ein bisserl stolz. Weil die Kinder nicht bloß ein Jahr lang den Spaß am Protest zelebriert hatten, als sie bei den „Fridays for Future“-Demos mitmarschiert waren, sondern meinten, was sie dort gesagt hatten. Sogar dann, wenn es um sie selbst ging. Ihre Komfortzonen- und Horizonterweiterung: Dass Reisen bildet, dass wer anderes kennt, Vorurteilen, Stereotypen und Klischeevorstellungen weniger leicht aufsitzt, hatten sie gelernt. Auch, dass lebenslanges Lernen, Neugierde und ständiges Über-den-Tellerrand-Schauen mit Mobilität zusammenhängen.

Trotzdem sagten sie „nein“. Vielleicht ja auch ein bisserl aus pubertärem Trotz – aber doch mit Gründen. Gründen, die Eltern stolz machen. Aber eben auch traurig. „Sie versäumen so viel. Gerade in dem Alter. Ich wäre nicht, wer ich bin, wenn ich nicht jeden Groschen, jede freie Minute, all mein Herz und meine Energie in Reisen gesteckt hätte“, seufzt B.: „Natürlich respektiere ich die Entscheidung. Aber ich hoffe, dass noch nicht alles verloren ist – und sie es sich irgendwann selbst erlauben können. Ohne schlechtes Gewissen – und voller Freude und Neugierde: Weil die Welt da draußen so unendlich spannend ist. Und schön.“

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht.
Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.