Freitag in der Arena #10: Henriette Spyra

Umweltbundesamt Henriette Spyra
Henriette Spyra, fachliche Leiterin des Umweltbundesamts und Mobilitätsexpertin

12. Februar 2021: Henriette Spyra ist fachliche Leiterin des Umweltbundesamts und Mobilitätsexpertin. Sie stellt sich gemeinsam mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Moderator Thomas Rottenberg die Frage, ob unsere Sozial- und Wirtschafssysteme die Klimakrise aushalten, wieso der Verkehr das größte Sorgenkind der Klimapolitik ist und warum man trotzdem mit sturem Optimismus in die Zukunft blicken kann.

Henriette Spyra kam mit dem Fahrrad. Das war zwar irgendwie logisch – aber doch unerwartet: Es war sonnig, aber beißend kalt und windig. Wiener Winter halt. Da steigen auch Gewohnheits-Stadt-Biker*Innen gern in die U-Bahn. Wer dann noch radelt, sieht meist nach Reinhold Messner am K2 aus – aber nicht nach einer augenscheinlich sehr mode- und stilbewussten Frau.

Henriette Spyra war aber nicht in die Arena geradelt, um Vorurteile über städtisches Winterradfahren über den Haufen zu werfen. Obwohl „das geht, wenn man will“ schon zum Kern jener Botschaften gehört, die gebürtige Berlinerin seit September 2019 „amtlich“ kommuniziert: Da wurde Spyra wissenschaftliche Leiterin des Umweltbundesamtes. Dafür steht ihr offizieller Titel „Director Science & Innovation“. „Henriette Spyra zerbricht sich leidenschaftlich den Kopf darüber, wie wir Umwelt- und Klimaziele erreichen können und v.a. wie uns dieses WIE besser und anders gelingen kann“, steht auf der Webseite des Umweltbundesamtes. Zuvor hat Spyra die „Stabsstelle Mobilitätswende und Dekarbonisierung“ im Verkehrsministerium aufgebaut und geleitet: Eigentlich ist es also nicht überraschend, dass sie mit dem Rad zu „Freitag in der Arena“, dem Klima- und Umwelttalk- der oekostrom AG, nach Wien-Erdberg kam.

Sturer Optimismus

Auch ihr „Mission Statement“ passte da: „Ich arbeite an einer schadstoffarmen Zukunft, es um geht ein gutes Leben für alle.“ Fatalismus oder Resignation wären da falsch. Ihr Credo: „Mut zum Tun und Freude daran.“

Wobei das mehr als ein Motto ist: „Sturer Optimismus“, nennt Spyra eines ihrer drei Leitmotive. Denn „bei dem, was wir vorhaben, kann man manchmal verzweifeln und sagen: Oh Gott, werden wir das je hinkriegen?“ Auf den ersten Blick noch seltsamer klingt Spyras zweiter Leitsatz. Der vom „Endlosen Überfluss“. Dass das im Umweltkontext fast grotesk klingt, erklärte sie oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl, sei ihr bewusst. Doch just Provokationen generieren Aufmerksamkeit – und positive „Ahas“: „Wir Menschen haben einen endlosen Überfluss an Kreativität, an Ideen. Und – ich bin hier ja bei der oekostrom AG – an erneuerbaren Energien.“ So wird Optimismus ansteckend – und das, erklärte Spyra, sei wichtig, um den dritten Teil ihres Mantras zu platzieren: „Radikale Regeneration“. Was das heißt? „Dass wir uns um uns selbst sorgen, um unsere nächsten – und auch um die Umwelt.“ All das, so die Mobilitätsexpertin, ergäbe „eine Refokussierung unserer Werte. Wenn wir das hinkriegen, stehen wir 2040 gut da.“

Klimaneutralität bis 2040?

Denn 2040 soll Österreich „klimaneutral“ sein, 10 Jahre zuvor, 2030, Strom nur noch aus erneuerbaren Quellen kommen. Technik und Know-How dafür, so Spyra, seien da. Die Strategien auch. Eine davon sei jener Optimismus, der Ulrich Streibl schon lange imponiert: Bevor er zur oekostrom AG kam, arbeitete er im Umweltbundesamt.

Ich nicht. Ich komme – überspitzt gesagt – „von der Straße“. Und sehe dort vom Spyra´schen Optimismus wenig. Die Arena-Diskutantin widerspricht: Gerade in urbanen Räumen sei der Umbruch zu sehen – etwa am Wandel von Autostraßen wie der Mariahilfer Straße: „Wo Tag für Tag 15 000 Autos durchgebrettert sind, ist heute Begegnungszone.“ Wo sie mir zustimmt: Menschen spüren Veränderung erst, wenn sie unübersehbar ist. Etwa wenn mehr Fahrräder unterwegs sind. Mehr Fahrräder im Verkehr etwa.

Die Vor- und Basisarbeit aber sei oft unsichtbar: „Das Engineering im Hintergrund, die Arbeit an allem, was rechtlich, was technisch dazugehört.“ Darum sei es wichtig, „Tales of Tomorrow“ zu erzählen. Weil an Träume nur glaubt, wer von ihnen weiß.

Corona als Wendepunkt für die Mobilität?

Schwer wird es dann, wenn die Realität dem Optimismus, den „Tales“ widerspricht. Und seit 1990 hat sich in Sachen Mobilität vieles falsch entwickelt: Es gab eine massive Steigerung an Verkehr. Der Besetzungsgrad der Autos ist niedriger. 1970 gab es in Österreich eine Million PKW, 1980 zwei, jetzt fünf Millionen. Flug-Wochenendtrips waren, in den 90er Jahren nicht normal. Das schlimmste daran? „Das als gegeben hinnehmen.“

Die Corona-Krise wäre da aber ein möglicher Wendepunkt: „Das muss man positiv nutzen.“ Jetzt, so Spyra, sei die Zeit, zentrale Fragen zu stellen. Fragen über Denk- und Wertesysteme. Anschaulich mache das jenes Beispiel, bei dem Wissenschafter*Innen den Logistik- und Klimastunt einer typischen Fünf-Paar-Schuh-Bestellung bei Zalando (inklusive Herstellungsprozessen und Rücksendeirrsinn) nach Umwelt-Optimierungsoptionen durchkämmten: „Aber niemand hat gefragt: Warum bestellt jemand fünf Paar Schuhe?“

Transformation by design – ein feiner Verzicht

Natürlich, sagt Spyra, stoße man mit solchen Fragen an eine sensible Grenzen: Die der individuellen Freiheit. Nur: Geht es da um „Freiheit von“ im Sinne von Verboten – oder um „Freiheit für“? Also „Freiheit für Lebensqualität. Freiheit für Luft. Freiheit für Platz für Kinder.“ Daraus ergebe sich die philosophische Aufgabe, „den Freiheitsbegriff zu redefinieren: Wir haben festgestellt, wenn wir so weiter tun hat man ein Problem. Eine Klimakrise. Aber wenn wir sagen: Klimaneutralität 2040 in Österreich, muss das heißen, dass relativ nah in der Zukunft keine fossilbetriebenen PKW mehr zugelassen werden dürfen.“

Dennoch propagiere sie nicht „Transformation by Desaster“, sondern „Transformation by Design“. Auch da habe Corona viel geändert: „Früher sind wir aus einem Ministerium 10x im Jahr nach Brüssel gefahren. Jetzt haben wir innerhalb weniger Monate gelernt, dass wir das auch virtuell können. Worauf habe ich verzichtet? Ich verzichte auf: Um 5 Uhr morgens aufstehen, mich müde ins Flugzeug quetschen, gestresst in Brüssel mit dem Bus fahren und am Abend total geschlaucht nach Hause zu kommen: Ein feiner Verzicht!“

Ähnliches erklärt Spyra im oekostrom-Talk, gelte für alle anderen Themenfelder der Klimadebatte: Gebäudesektor. Landwirtschaft. Abfallwirtschaft – und Industrie. Gerade in der Stahlindustrie dächten Österreichs große „Köche“ intensiv über Dekarbonisierung nach – auch, weil das eine Chance bringe. Die, im Innovationsbereich Weltmarktführer zu werden.

So komplex die Materie sie, so einfach lasse sie sich unter ein Motto stellen: Das „Do-no-harm“-Prinzip. Also sich so zu verhalten, dass man niemanden anderen schadet. „Für jeden einzelnen ist das schwierig – aber man kann sich was vorstellen.“

Tipp am Freitag von Henriette Spyra

„Mein Mann fährt jeden Samstag mit dem Rad zum Naschmarkt. Wenn man vom regionalen Bauern Gemüse und Obst kauft, ist es billiger für eine vierköpfige Familie, als im Supermarkt. Und er nimmt jede Woche die gleiche Verpackung mit. Aber es geht noch einfacher, auch im Supermarkt: Mein einfacher ‚Tipp am Freitag‘? Kauft jetzt keine Erdbeeren. Kauft jetzt keine Heidelbeeren. Achtet drauf: Was wächst jetzt? Das ist etwas relativ Einfaches, wo man ein bisschen ändern kann und schon viel Gutes tut.“

Keymessage von Ulrich Streibl 

Es geht Henriette darum Geschichten zu erzählen, Bilder zu vermitteln: Bilder der Zukunft zu haben, die zeigen, wie es aussehen kann. Bilder, die zeigen, dass die Zukunft positiv sein kann. Mein Bild der Zukunft ist eines, dass wir die „Entfesselung“ zurückfahren. Vieles ist nicht notwendig. Kleider, die wir drei Wochen brauchen, weil sie nur 9,99 Euro kosten und dann wegwerfen etwa. Diese Wegwerfgesellschaft, wo wir alles nur noch kurz benutzen, nichts mehr zu reparieren ist, wird sich zurückbilden. Es wird dahin gehen, wo wir vernünftiger mit Ressourcen umgehen. Wird es eine ganz schreckliche Verzichtwelt sein? Nein, das wird es nicht sein. Ich glaube, das wird eine gute Welt sein mit Vernunft.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.