Freitag in der Arena #11: Wolfgang Anzengruber

Wolfgang Anzengruber Verbund; Foto: Reinhard Schmid
Wolfgang Anzengruber in „Freitag in der Arena“

26. Februar 2021: In der 11. Ausgabe von „Freitag in der Arena“ findet Ex-Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber klare Worte zu Energiewende und Klimakollaps: Den raschestmöglichen Abschied von fossilen Energieträgern hält der „Elder Statesmen“ der Austro-Strom-Welt für ebenso alternativlos wie die Einführung einer CO2-Steuer. Beim Kampf dafür den Jungen nur zuzusehen, ist ihm zu wenig: Gemeinsam mit oekostrom AG-Chef Ulrich Streibl engagiert Anzengruber sich in einer „Plattform der Willigen“ – den CEOs FOR FUTURE“.

Woran erkennt man, ob einer „da oben“ Bodenhaftung hat? Ob er (oder sie) Wasser predigt und Champagner trinkt? Kurz: Ob er – oder sie – authentisch und glaubwürdig ist? Schließlich ist es leicht, in griffigen, prägnanten und starken Sätzen und Bildern zu erklären, was geschehen muss, damit das Gute obsiegt. In unserem Fall Der Klimakollaps ausbleibt.

Sich als einstiger Spitzenmanager des größten Energieversorgers der Nation hinzusetzen und klug, konzise und hochvernünftig zu reden, ist das eine. Aber meinen ganz persönlichen Lackmustest in Sachen Glaubwürdigkeit bestand Wolfgang Anzengruber danach. Nach seinem Gespräch mit Ulrich Streibl in der Wiener Arena. Mit einer kleinen, kurzen, einfachen Frage: „Wo ist die nächste U-Bahn?“

Ich kenne Umweltpolitiker*Innen, die sich mit der Dienst-Limousine bis exakt an die zur Öko-Wander-Pressekonferenz im Hinterland von Naturschutzgebieten ausgebreiteten Picknick-Decke chauffieren lassen. Bürgermeister*innen, die für Radwegeröffnungen mit Fahrrädern posieren, aber wohlweislich nicht aufsteigen. Und – im Gegensatz dazu – einen Bundespräsidenten, der mit der U-Bahn zur Messeeröffnung fährt. Ja eh, mit Wolfgang Anzengrubers Besuch bei „Freitag in der Arena“ hat das nichts zu tun. Weder optisch noch inhaltlich. Nicht, wenn wir nur zuhören – und nicht hinterfragen, wie echt das ist, was der langjährige „Mister Verbund“ im Klima- und Ökotalk der oekostrom AG erzählt. Doch genau darum geht es: Solche Details verraten, wie jemand tatsächlich tickt. Wolfgang Anzengruber ist ein gefragter Berater, Konsulent und Gesprächspartner. Er hat einen vollen Terminkalender. Sogar ohne eigenen Dienstwagen wird man in dieser Liga von einem Gast- oder Auftraggeber mit Executive-Limousinen zum nächsten „geshuttelt“. Anzengruber fragte nach dem Weg zur U-Bahn.

Doch vermutlich sollte ich nicht am Ende, sondern zu Beginn dieses hochspannenden Gespräches zwischen zwei hochrangigen Energie-Experten und CEOs zum Thema Klimaschutz und Energiewende beginnen. Oder noch weiter davor. Schließlich weiß nicht jede und jeder, dass Wolfgang Anzengruber bis Jahresbeginn CEO des Verbundes war. Also des größten Strom- und Gasvertreibers Österreichs. Anzengruber hatte über 12 Jahre eine ganz zentrale Rolle in der Energie- und somit Klimapolitik des Landes inne. Er leitete einen Konzern, der nicht nur „saubere“ Energie bereitstellt, sondern auch „böse“. Etwa weil Verbund-Energie jahrzehntelang auch aus Kohlekraftwerken kam. Oder aus (ausländischem) Atomstrom.

Und mit „so einem“ setzt sich oekostrom CEO Ulrich Streibl hin, duzt, lacht, plaudert amikal – und ist meist einer Meinung? Geht das überhaupt? Kann das glaubwürdig sein? Ja – es kann. Weil Anzengruber offen erzählt, wie wo und wann auch und gerade in seiner Welt das Umdenken begann – und wie dick die Bretter sind, die es zu bohren gilt, wenn man einen Kurs, den jahrelang niemand in Frage gestellt hat, ändern will: Ideologie-Bretter. Sachzwang-Bretter. Polit-, Job- und Wirtschaftsstandort-Bretter. Gewohnheits-Bretter. Und historische „Daswarschonimmerso“-Bretter.

Ein Beispiel?

Anzengruber war es, der 2020 in Mellach Österreichs letztes Kohlekraftwerk schloss.

Das klingt logisch und einfach. Aber ein Kraftwerk schließt man nicht von heute auf morgen. „Dass ich stolz bin, etwas zu schließen, ist ein bisschen skurril“, gibt er im Talk zu. „Aber: Schon vor 10 Jahren habe ich gesagt: Wir werden keinen Euro mehr in CO2-emittierende Technologien investieren. Am Anfang wird man da belächelt. Als Träumer, als Illusionist. Dann wird man bekämpft. Dann kritisiert. Und zum Schluss beneidet.“ Und ein Part wird dann ausgeblendet: Der menschliche: „Man stellt sich vor einer Belegschaft hin – über 100 Leute – und sagt: Freunde, ihr habt keine Fehler gemacht. Ihr habt gut gearbeitet. Aber die Zeit ist vorbei. Die Welt hat sich verändert. Wir müssen weg, wir sperren dieses Kraftwerk zu: Dort kriegen Sie keinen Applaus.“

Genau das macht es spannend, Anzengruber zuzuhören: Da sitzt einer, dem es nicht um Applaus geht, sondern darum, zu tun, was richtig ist. Auch wenn das unbequem ist. Eben weil die Welt sich verändert hat – und es eine Überlebensfrage ist, darauf zu reagieren. Auch wenn Corona gerade alles überschattet: „Die Perspektive muss auch Nachhaltigkeit und Klimaschutz heißen, sonst ist das, was uns droht wesentlich stärker und wesentlich langfristiger, als was wir aktuell erleben.

Wir können bei Klimathematiken nicht mit einem Lockdown antworten.

Es ist ein langer Weg – nur wir werden das Ziel nie erreichen, wenn wir nicht beginnen.“ Bequem ist sich der „Elder Statesmen“ der Austro-Energie im oekostrom AG-Talk mit Gastgeber Streibl einig, werde diese Reise nicht: „Die Zielsetzung wird jeder unterschreiben. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist der Weg.“ Denn auf dem warten einschneidende Maßnahmen. Streibl spricht dann ein Wort, vor dem die Politik in Österreich immer noch davonläuft, als erster aus: „CO2-Bepreisung“. Anzengruber nickt: „Ulrich hat’s gesagt. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre ist um 30 Prozent höher als in den letzten 800 000 Jahre. Das überschreitet die normale Planungszeit von Unternehmen. Wenn ich will, dass CO2 nicht in diesem Umfang emittiert wird, muss ich es entweder verbieten. Das geht nicht. Also muss ich die CO2-Emission teurer machen. Damit Technologien, die CO2 nicht emittieren, günstiger oder wettbewerbsfähig werden.“ Die Vokabel („Steuer“), so Anzengruber, sei da weniger wichtig als das Instrument. Nur das gäbe Industrie und Wirtschaft die Möglichkeit, wirtschaftlich zu planen und zu agieren: „Wir brauchen nicht so tun, als wäre das eine Idee von Spinnern: CO2 Bepreisung gibt es in mindestens 20 Ländern Europas. Die braucht man nicht neu erfinden.“ Doch es gehe nicht nur um Industrie und Produktion, sondern auch „um Verkehr und Konsum: Wenn man die nicht mitnimmt, werden wir es nicht schaffen.“ Denn die Zielvorgabe der Europäischen Union sei klar: Eine Reduktion auf 55 Prozent. „Das heißt, wir müssen um 50 Prozent runterfahren. In zehn Jahren. Das ist keine leichte Aufgabe. Mit Strategien alleine wird das nicht gehen.“

Anzengrubers Credo lautet nicht von Ungefähr „vom Reden ins Tun Kommen“ – und das nicht alleine: Der Spitzenmanager ist, so wie Ulrich Streibl auch, Mitglied der im Vorjahr gegründeten „CEOs for Future“. Die „CEOs for Future“ sehen sich als „Plattform der Willigen“, in der bewusst nicht nur jene zusammenkommen, die eh als „die Guten“ gelten: Es gehe, betont Anzengruber, um Inklusion. Darum, jene ins Boot zu holen, bei denen Optimierungs- und Umdenkpotenzial noch groß sei. Und bei denen auch die Kluft zu den Jungen, größer als bei Streibl und ihm ist: „Greta Thunberg ist ein Synonym eines Unwohlseins. Sie bringt es zum Ausdruck. Deshalb ist der Dialog mit der Jugend so wichtig. Wir haben etwas aufzuholen mit den jungen Menschen. Wir haben an Glaubwürdigkeit verloren. Die glauben uns nicht: Wir machen große Veranstaltungen. Da stellt sich die Weltelite hin und sagt: ‚Klimaschutz ist ganz was Wichtiges.‘ Dann gehen sie nach Hause und tun weiter wie vorher. Und das merkt die Jugend.“

Tipp am Freitag 

Auf den ersten Blick tut Wolfgang Anzengruber in „Freitag in der Arena“ das ja auch: Er erklärt, wie wichtig Klimaschutz und Umdenken sind. Er gibt auch den im Talk von allen Gästen eingeforderten „Tipp am Freitag“ ab – eine konkrete, kleine Handlungsanleitung.

Bei ihm sind es sogar drei: „Wir können bei unseren Lebensmitteln darauf achten, ob sie tausende Kilometer auf dem Rücken haben, bevor sie auf dem Teller landen. Wir können Flugreisen wieder als das sehen, was sie sind: Als Urlaubs-, nicht Standardthema. Die Krise hat gezeigt, was man mit Videokonferenzen machen kann.  Und das Dritte ist, dass auch die Zustimmung zum Verhalten politischer Kräfte etwas bewegt.“

Klingt gut. Nur: Verrät das, ob der, der es sagt, glaubwürdig – „echt“ – ist?

Aber als die Kameras abgeschaltet waren, als der Dreh zu Ende war, stellte Wolfgang Anzengruber, der Spitzenmanager mit Privilegien, Dienstwagenanspruch und vollem Terminkalender, eine kleine, kurze Frage: „Wo ist denn die nächste U-Bahn?“

Keymessage von Ulrich Streibl 

„Wolfgang und ich haben eine ähnliche Historie – und das gleiche Ziel: Wir setzen uns für erneuerbare Energien ein, weil wir sonst die Energiewende nicht schaffen. Da müssen wir ständig anschieben und immer wieder sagen: ‚Es geht nicht anders. Wir müssen es tun.’ Das ist ein mühsamer Prozess – aber Wolfgang Anzengruber strahlt dabei immer einen positiven Spirit aus, malt positive Zukunftsbilder. Es ist tatsächlich so, dass die erneuerbare Zukunft eine bessere ist. Wenn Autos keinen Dreck raus blasen. Wenn wir keine Schadstoffe emittieren. Wenn Fische freischwimmen können. Es ist wichtig, dass wir neben den problembelasteten Diskussionen auch sagen: Wir gehen in eine gute Welt. Und Optimismus zeigen. Es ist beeindruckend, wie Wolfgang Anzengruber mit seiner unglaublichen Erfahrung als Topmanager jetzt eine Initiative, die „CEOs for Future“, mit anzieht, die diese Zukunftsbilder zeigt und auf diese Zukunftsbilder hin handelt.“

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.