Freitag in der Arena #12: Leo Zirwes

leo zirwes fridays for future, Foto: Reinhard Schmid
Leo Zirwes ist Klimaaktivist und setzt sich bei Fridays For Future Vienna ein. Foto: Reinhard Schmid

12. März 2021: In der 12. Ausgabe von „Freitag in der Arena“ begrüßt oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl Leo Zirwes auf der Bühne der Wiener Kulturinstitution. Der Student ist einer der treibenden Köpfe der österreichischen „Fridays For Future“-Gruppe. Dass er zum Fukushima-„Jubiläum“ Gast im Öko-Talk ist, ist kein Zufall: Der Reaktorunfall hat Zirwes nachhaltig geprägt.  

Das mit dem Älterwerden ist so eine Sache. Man bemerkt es zuerst über Andere. Etwa wenn man sich angesichts einer Gruppe junger Menschen fragt, ob ihre Eltern wissen, was die Kinder treiben. Und plötzlich erkennt, dass diese „Kinder“ gar keine Kinder sind. Obwohl sie – altersmäßig – die Eigenen sein könnten: Das sind Erwachsene. Menschen, die eigenständig und verantwortlich denken und handeln. Nicht, dass Kinder das nicht auch können. Aber hier und jetzt geht es um etwas Anderes: Darum, zu erkennen, dass Andere, Jüngere, plötzlich dort sind, wo man sich gerade noch wähnte. Dass sie Themen und Träume für sich beanspruchen, die gestern – nein: heute! – doch noch einem selbst gehörten.

Das tut weh – und gut. Etwa wenn man mit der entwaffnend undiplomatischen Art konfrontiert wird, mit der eine Greta Thunberg uns, den – sagen wir es brutal – „alten Säcken“, unser Versagen ins Gesicht sagt. Wenn man sich eingestehen muss, dass sie mit jedem Satz Recht hat. Aber auch erkennt, dass man selbst mittlerweile wohl zu bequem, zu „gesettelt“ ist, die sich daraus ergebenden Konsequenzen tatsächlich zu ziehen. Kurz: Dass man alt geworden ist.

Wenn einem dann plötzlich 10.000 „Kinder“ gegenüberstehen, passiert aber vielleicht doch etwas. Weil sie einem das ins Gesicht sagen. Mit Recht – aber eben auch die richtigen Worte. Nicht nur voll (berechtigter) Wut und Anklage, sondern auch auf Dialog und Lösungen ausgerichtet. Auf der Suche nach einer vielleicht doch erträglichen Zukunft.

Deshalb tut es weh, mit Leo Zirwes zu sprechen – aber just deshalb tut es auch gut, ihm zuhören. Und genau deshalb hat oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl den jungen Klimaaktivisten, einen der treibenden Köpfe der österreichischen „Fridays For Future“-Bewegung in die Wiener Arena eingeladen.

Fukushima prägte sein Umweltverständnis

Der Talk geht ziemlich genau am 10. Jahrestag der Katastrophe von Fukushima online. Und das ist kein Zufall. Denn Fukushima hat Leo Zirwes geprägt – obwohl er gerade neun Jahre alt war, als der Reaktor in Japan hochging. „Ich hatte Scharlach und sah Nachrichten“, erinnert er sich: „und die Bilder vom rauchenden Reaktor, von Menschen, die panisch herumrennen in diesen komischen Schutzanzügen, die haben sich festgesetzt: Da gibt’s ein Kraftwerk. Da ist irgendetwas Giftiges. Das sieht man nicht, das riecht man nicht, das schmeckt man nicht. Aber das ist ganz, ganz gefährlich.“

Als Zirwes Jahre später überlegte, was er in der Schule als „vorwissenschaftliche Arbeit“ schreiben solle, hatte er ein ähnliches Erlebnis: „Dokus über Tschernobyl: Da haben mich diese Bilder wieder so beeindruckt, dass ich mir gedacht habe, ich schreib meine vorwissenschaftliche Arbeit drüber.“

freitaginderarena Leo zirwes, Foto: Reinhard Schmid
Leo Zirwes setzt sich für Klimapolitik in Übereinstimmung mit dem Pariser Klimaabkommen ein.

Start bei Fridays For Future

Von den „Fridays“, von Greta Thunberg, erzählt der heute 20-jährige, hört er erst später: Als er im Frühjahr 2019 an einem Freitag früher aus der Schule kam, ging er mit Freunden „Demoschnuppern“. Eher aus Neugierde. Doch es machte „Klick“. Die Anliegen, die Atmosphäre, die Leute – das passte: Binnen kürzester Zeit war der bis dahin superbrave Schüler („ich hatte noch nie Schule geschwänzt!“) ein zentrales Rad der österreichischen „Fridays For Future“-Bewegung. Er organisierte, debattierte – und stand in der ersten Reihe, als über 30.000 Jugendliche in Wien von der Politik forderten, Worten endlich Taten folgen zu lassen, als sie ihr Recht auf Zukunft lautstark einklagten.

Den „klassischen“ Versuch jungen Menschen das Recht aufs Ernstgenommenwerden wegen ihrer Jugend abzusprechen, kennt der junge Aktivist natürlich. Von Diskussionen mit Passant*innen ebenso wie von Debatten mit mächtigen Angehörigen der internationalen politischen Elite beim Forum Alpbach. Nur funktioniert das nicht: Während eine Greta Thunbergs inhaltlich unwiderlegbare, direkte Empörung die Protokoll-Schutzschilde der Überheblichkeit der „Betonierer“ durchbricht, überrumpelt Leo Zirwes seine Gesprächspartner durch seine brillante, fachlich-analytisch wie diskurs-semantisch im positiven Sinn „erwachsene“ Art. Da sitzt ein langhaariger Teenager mit Doc Martens – der aber so gar nicht bloß wie ein juvenil-empörter Aufmucker klingt: Zirwes kennt die Zahlen, Fakten und Folgen der Klimawandels. Beherrscht das wissenschaftliche und das politische Vokabular perfekt. Beschreibt die Zusammenhänge zwischen dem Versagen der Politik, der Gier der „alten“ Seilschaften und des Wegschauens derer, die um ihre Komfortzonen bangen präzise und griffig – und bringt all das auf den Punkt:

Die Klimakrise muss öffentlich als Aufgabe höchster Priorität anerkannt werden. Dafür sind wir freitags laut.

Sein „wir“ nimmt alle mit: „Ich halte es für ganz falsch, eine Schuld-Debatte aus der Klimafrage zu machen. Das würde der Dynamik des Wandels nur schaden. Ich finde es wichtig, dass die Bewegung breit ist. Wenn man nur ein Thema für die Jungen draus machen würde, hätte das nicht diesen politischen Impact.“

Klimakrise und Coronakrise?

Inklusives und strategisches Denken also. Mit diesem Zugang beantwortet der Jus-Student auch Ulrich Streibls Frage, zum zweiten großen Weltthema: Corona. Kann eine Massenbewegung wie die „Fridays“ im Lockdown Klima-Inhalte überhaupt transportieren? Zirwes: „Es wäre sinnfrei, die zwei Krisen gegeneinander auszuspielen: Die Gesundheitskrise gegen die Klimakrise? Wir müssen uns darauf fokussieren, wie es weiter geht, wenn die Impfungen wirken.“

Was nicht heißt, dass man nicht auch jetzt Bewusstseins- und Informationsarbeit betreiben kann und muss. Eben in den Internetforen und Medien. Das bietet die Chance andere Menschen zu erreichen. Jene etwa, die die „Fridays For Future“ bisher als „Kinderspaziergang“ abgetan haben: „Ich denke, man kommt weiter, indem man das Thema noch mehr Leuten näherbringt. Vielleicht auch Menschen, die Klima- und Umweltthemen bisher nicht beschäftigt haben. Klimaaktivismus muss sich jetzt darauf fokussieren, dass man Menschen anspricht, die bisher noch kein Bewusstsein für das Thema haben.“

Etwa, kommt Leo Zirwes auf sein „Öko-Initiationsthema“ zurück, indem man PR-Tricks der Vertreter alter, gefährlicher Technologien aufzeigt – gerade am Jahrestag von Fukushima. Und, wie Ulrich Streibl anmerkt, „obwohl und gerade weil in Österreich der Eindruck vorherrscht, dass Atomkraft kein Thema ist“.

Selbst keine AKW zu betreiben, stimmt Zirwes bei, verleite tatsächlich zu einem trügerischen Selbstbetrug:

Man verdrängt das, weil man nicht sehen will, dass etliche Atomkraftwerke nah an der Grenze stehen.

Dieser Irrglaube, dieses „betrifft uns nicht“ mache anfällig für den aktuellen Klimaschmäh der Atomlobby: Die argumentiert damit, dass Atomkraft eine CO2-freie Energiequelle sei. Zirwes: „Ihr hattet da schon einen Podcast mit Global 2000 zur Lieferkette des Urans. Diese ist alles, nur nicht CO2 frei. Eine Renaissance der Atomenergie anzupeilen, wäre völlig falsch.“ Dennoch erfüllt das PR-Getrommel seinen Zweck, ergänzt Ulrich Streibl:

Atomstrom, der anderswo zugekauft wird, wir ‚umgebrandet‘ –  in grünen Strom.

Zirwes, ganz Aktivist, entwickelt aus dem Stand und mit dem historischen Datum im Hinterkopf eine kleine Strategie: „Wo man da ansetzen müsste: Zuerst aufzeigen. Einerseits sind diese Kraftwerke steinalt und extrem risikobehaftet. Es gibt Störfälle, bei denen radioaktives Material freigesetzt wird. Dann muss man sagen: die stehen nah an der Grenze – und: Wir nutzen sie. Wir profitieren von diesen Kraftwerken, wir unterstützen sie finanziell. Und dann fragen: Wollen wir das?“

Tipp am Freitag von Leo Zirwes

Doch nicht nur globale und mediale Themen waren es, die Leo Zirwes, der regelmäßig auf dem oekostrom AG-Blog schreibt, in der Arena ansprach: Ein zentraler Punkt von „Freitag in der Arena“ ist der „Tipp am Freitag“. Hier ist Platz für Ideen, mit denen es leichter fällt, das eigene Leben „klimakompatibler“ zu machen. Oft geht es um Einkaufs- und Mobilitätsverhalten, Leo Zirwes aber liefert „Brainfood“: „Ich bin Student und deshalb ein großer Fan von Bildungsangeboten wie Bücher und Podcasts. Es gibt einen neuen Podcast im Umweltbereich, den ich sehr empfehlen kann: 1,5 Grad von der deutschen Fridays For Future-Aktivistin Luisa Neubauer.“

Keymessage von Ulrich Streibl 

Leo Zirwes ist ein Vorbild und sein Engagement ist Wahnsinn. Weil Leo und seine Kolleg*innen von Fridays For Future junge Menschen sind, die etwas tun. Das finde ich großartig. Und meine Kinder auch. Weil wir sehen, dass nur etwas passiert, wenn jemand aufsteht und sagt: Ich pack‘s an. Das ist Inspiration.

Ich finde es unglaublich, was der Klima- und Umweltbewegung passiert – die wird ganz stark getrieben durch die Jungen. Die uns Älteren in den Hintern getreten und gesagt haben: „So, wir wissen es alle. Jetzt tun wir endlich was.“

Dieser Moment ist jetzt da: Ich spüre es überall. Ob in der Diskussion hier, ob in der Wirtschaft: Es passiert richtig viel. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo etwas kippt: Ich glaube, dass der Übergang von der fossil geprägten Welt zu einer erneuerbaren Welt jetzt und mit einer unglaublichen Dynamik, wie eine Welle, startet.

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

KLIMAKLAGE:  Hier an der aktuellen Klimaklage gegen die Republik Österreich von Fridays For Future Austria vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof beteiligen. #FightForYourHumanRight

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.
Das könnte Sie auch interessieren
Klimaschutz Joe Biden A rough ride: Joe Biden und der Klimaschutz
weiterlesen
schlechtes klimagewissen Schluss mit dem schlechten Klima-Gewissen
weiterlesen
gletscher klimawandel Wenn die Gletscher schmelzen
weiterlesen