Freitag in der Arena #13: Anna Hehenberger

anna hehenberger momentum institut Foto: Reinhard Schmid
Anna Hehenberger ist Ökonomin beim Think Tank Momentum Institut.

26. März 2021: Anna Hehenberger ist Ökonomin beim Momentum Institut und spricht im Podcast über die sozialen Aspekte der Klimakrise und Lösungen für eine klimagerechte Welt zur Verbesserung des Lebens der Vielen.

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich gehöre zu jenen Menschen, die ganz gerne streiten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Damit meine ich weder persönlich-untergriffiges Hickhack noch stures Rechthabenwollen. Auch nicht Hinhacken, bis der oder die Gesprächspartner*in sich am Boden windet. Und bestimmt nicht Lautwerden: Wer brüllt, hört nichts. Wer tobt steht nicht fest – sondern betoniert sich ein.

Was konstruktives Streiten ausmacht, ist – auch – die andere Meinung zuzulassen, zu respektieren, Wert zu schätzen. Und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Ein guter Streit ist ein Tanz. Leichtfüßig, elegant – nach Regeln, und doch überraschend. Auch für das Publikum. Weil all das in der österreichischen – angeblichen – „Debattenkultur“ ein seltenes Vergnügen ist, habe ich es genossen, Anna Hehenberger und Ulrich Streibl in der Arena beim Streiten zu erleben – bei „Freitag in der Arena“.

Ulrich Streibl und das Format muss man hier nicht mehr vorstellen, Anna Hehenberger schon: Der Vorstand der oekostrom AG lud mit der Ökonomin aus dem Think Tank Momentum Institut eine Frau zu seinem Klima- und Ökotalk, die in vielen Punkten nicht seiner Meinung ist. Obwohl sich die zentralen Anliegen zu 100 Prozent decken: Das Erreichen der Klimaziele des Pariser Abkommens. Doch in der Frage nach Weg und Methode prallen dann Welten aufeinander. Intelligent, luzide – und für mich, den begleitenden Zuhörer, erhellend-befruchtend.

Klimagerechtigkeit braucht Verteilungsgerechtigkeit

Eines der zentralen Themen des Think Tanks Momentum Institut ist auch Streibls: Klimagerechtigkeit. Ohne sie, sagt Anna Hehenberger, sei das Ziel, das Halten und Verbessern „des Lebens der Vielen“ nicht möglich. Doch das hänge auch mit Verteilungs- und Geschlechtergerechtigkeit zusammen. So einig sich die beiden bei der Geschlechtergerechtigkeit waren, so sehr gingen bei Verteilungsfragen die Meinungen auseinander.

Doch just das ist Aufgabe eines Think Tanks: Themen aus anderen Perspektiven aufzugreifen und zu kommunizieren. Vorschläge zu machen, die den Mainstream infrage stellen.

Im Polit-Lager-Sprech steht die Ökonomin Hehenberger da weit links: „Warum? Weil wir mit der Einstellung konfrontiert sind, dass politische Entscheidungen wirtschaftlich alternativlos sind.“ Zufällig, so Hehenberger, nutze das aber jenen, die ohnehin Geld und Macht haben: „Steuern wurden gesenkt, Arbeitsschutz und Sozialstaat zurückgebaut. Dabei haben wir einen Pflegenotstand, ein Bildungssystem, dem das Geld fehlt – aber Steuererleichterungen für Superreiche können wir uns leisten.“

Hehenberger stellt „den Wenigen“ bewusst „die Vielen“, die breite Masse, gegenüber. Die werde getäuscht. „Durch angeblich neutrale Experten, die tatsächlich eine Agenda verfolgen, die Konzernen und Reichen nützt“. Das Momentum Institut sähe seine Aufgabe daher darin, „neoliberale Mythen zu entlarven“ – auch in der Klimapolitik.

Streibls Bekenntnis zum Wirtschaftsliberalismus

Ulrich Streibl dagegen hat „an einer der neoliberalsten Universitäten überhaupt“ studiert. Dass nur „die Wenigen“ von liberalisierten Wirtschaftsstrukturen profitieren, glaubt er nicht: „Die Welt ist wohlständiger geworden. Dass neoliberales Denken dazu geführt hat, dass viele zurückgeblieben sind, sehe ich nicht.“

Hehenberger kontert: „Aber wohin hat es geführt? Wo sitzen wir jetzt? Wir sitzen hier, um die Auswirkungen der Klimakrise zu diskutieren.“ Streibl stimmt da zu, pocht aber auf den „Wohlstand der Vielen“: „Dieses Wirtschaften hat mehr Menschen Wohlstand gebracht als Menschen geschadet.“

Hier verläuft die Bruchlinie. Hehenberger: „Die Einkommensschere ist weit aufgegangen.“ Das führe in unteren Schichten oft zu „totaler Resignation“. Die führe zu Gleichgültigkeit: „Die Menschen gehen nicht zur Wahl.“ Oder pfeifen auf Klimaschutz – auch, weil sie ihn sich nicht leisten könnten: Die Photovoltaikanlage am Dach, das E-Auto in der Garage – für die „unten“ unerreichbar, während derlei denen „oben“ vom Staat gefördert werde.

CO2 trennt Reich von Arm

Obwohl die „Reichen“ weniger zur Lösung als zum Problem beitrügen:

„Die oberen 10 Prozent stoßen viermal so viel CO2 aus wie die die unteren. Doppelt so viel wie der Durchschnitt.“

Wieso? „Sie haben mehr Geld. Können öfter auf Urlaub fliegen, haben größere Autos, größere Häuser, für die man mehr Fläche versiegelt hat.“ Außerdem hätten sie Einfluss. Könnten auf 1000 Arten Klimaschutz forcieren, täten es aber nicht: „Bei den österreichischen Anleihen im Unternehmensanleihenkaufprogramm der EZB sind 62 Prozent der österreichischen Anleihen auf die Öl- und Gasindustrie zurückzurechnen.“

Auch bei den Lösungskonzepten, etwa einer CO2-Steuer, kämen die Armen stärker zum Handkuss: „Unternehmen können das Geschäftsmodell anpassen, nachhaltiger werden. Die Mieterin in der Mietwohnung kann sich nicht aussuchen, ob sie mit der Gastherme heizt.“

Streibl: Lob des Liberalismus

Streibl bekannte sich dennoch zu einem „freien, liberalen Wirtschaftsmodell, das eher zur Lösung beiträgt als zum Schaden.“  Wo der oekostrom AG-Vorstand der Ökonomin aber beipflichtet: „Dieses Modell hat zur Klimakrise geführt.“ Dass „sozialistische Ansätze“ zur Lösung führen könnten, bezweifle er dennoch. „Unternehmen entwickeln Technologien, die Klimakrise zu bewältigen. Wir müssen diese Kraft weiterhin freisetzen. Nur müssen wir anders lenken.“

Hehenberger konterte und verwies auf andere Krisen, die der Liberalismus begünstig und nicht gelöst habe: Dotcom-Krise, Finanzkrise, Eurokrise, Corona-Krise. Corona? Ja. Denn nicht-nachhaltiges Wirtschaften habe die Verbreitung beschleunigt. „Ungebremste freie Märkte haben zu Krisen geführt, die die Schwächsten am stärksten treffen.“ Gelöst und bewältigt, wurden und werden Krisen stets „sozialistisch“ – vom Staat. Maßnahmen würden immer durch Steuereinnahmen finanziert, doch die Reichen und ihre Unternehmen, allen voran Konzerne, hätten ihr Geld meist anderswo geparkt: „Österreich entgehen über 700 Millionen Euro durch Gewinnverschiebung. Gleichzeitig lassen sich die Konzerne von Steuerzahler*innen retten.“

Die Frage nach Werten

Hehenbergers Lösungen wären weniger radikal als die Worte „Planwirtschaft“ oder „Staatssozialismus“ suggerieren, betont sie: „Es muss nicht viel anders sein. Aber anders ausgerichtet. Es kann nicht sein, dass Kostenminimierung, Profitmaximierung über Menschenrechten, Umweltschutz, Klimaschutz, ausgeruhte und produktive Arbeitskräfte geht. Wir müssen darüber reden, was uns wirklich etwas wert ist.“

Hier fanden der „neoliberale“ Streibl und die „sozialistische“ Hehenberger zusammen. „Ich bin mir Anna einig, dass wir im Wirtschaftssystem was ändern müssen. Wir müssen das Emittieren von Schadstoffen teuer machen. Das geht über Steuern. Wir brauchen unbedingt eine CO2-Steuer, als wichtigstes Instrument überhaupt.“ Bei den Details – etwa wie man „ärmere“ Haushalte dann nicht fürs Heizen bestraft – gäbe es aber tatsächlich viel zu besprechen, viel zu streiten. Aber nur so lernt man.

Frauen sind Opfer des Klimawandels?

Bei einem anderen, zentralen Thema von Anna Hehenberger waren sich die beiden aber einig: Geschlechtergerechtigkeit. Frauen, sagen Expert*innen nämlich, sind von der Klimakrise weit stärker betroffen als Männer. Allerdings hatten Ulrich Streibl und auch ich da eine Verständnisfrage: Frauen und Männer leben zwar oft in unterschiedlichen Welten – aber am gleichen Planeten. Hehenberger erklärte: Die Betroffenheit von der Klimakrise korreliere mit den Einkommen.

Wer weniger verdient, habe weniger Möglichkeiten, sich vor der Klimakrise zu schützen.

„Ärmere Menschen leben in Wohnungen an stärker befahrenen Straßen: Stichwort Luftverschmutzung.  Oder in Wohnungen, die weniger Schutz vor Hitzewellen bieten.“ Das sei aber nur ein plakativer von vielen sehr unterschiedlichen Aspekten. Die Frage laute daher: „Wer ist arm?“ Und die Antwort ist weiblich: „Jede dritte Frau in Österreich gehört zum unteren Einkommensfünftel. Frauen sind stärker von Altersarmut betroffen. Bei Alleinerzieherinnen ist die Armutsgefährdungsgefahr doppelt so hoch.“ Und:  Alte und Kinder sind gesundheitlich mehr vom Klimawandel betroffen, würden aber primär von Frauen betreut: „Zwei Drittel der pflegenden Angehörigen sind weiblich. 82 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt.“

Frauen leben klimaneutraler

Aber da sei noch etwas:

„Frauen können Schadstoffe weniger leicht verarbeiten als Männer.“

Auf der Haben-Seite trügen Frauen jedoch mehr zum Klimaschutz bei als Männer: „Frauen leben umweltfreundlicher. Sie essen weniger Fleisch, verbrauchen weniger Energie. Fahren mehr mit dem Fahrrad, gehen mehr zu Fuß.“ Dazu gäbe es Zahlen: „Wären Männer wie Frauen mobil, würden in Österreich fast zwei Millionen Tonnen Treibhausgase weniger emittiert.“

Ein Weg zur Lösung, sind für Anna Hehenberger Quoten. Verpflichtend. Ulrich Streibl lächelte:Ich bin seit jeher für Frauenquoten. Grundsätzlich. Weil sie nachweisbar wirken.“ Deshalb würde er sogar weiter gehen: „Man könnte sie auch für Jung-Alt einführen.“

Tipp am Freitag von Anna Hehenberger

Anna Hehenberger verweist dafür auf eine Special-Interest-Webseite der „New York Times“: Every Country has its own Climate Risk heißt sie. „Die stellt deutlich dar, wie verschiedenen Regionen von der Klimakrise betroffen sein werden. Gut animiert und klasse aufbereitet. Wenn man sich das ansieht, wird klar, dass die Klimakrise nicht einfach vorbeigehen wird. Auch nicht in Mitteleuropa: Dürre, Hitzewellen, Überflutungen betreffen über 90 Prozent der Weltbevölkerung.“

Keymessage von Ulrich Streibl

Anna Hehenberger und ich sind uns beim Ziel einig: Wir brauchen eine klimagerechtere Welt. Wir brauchen ein gerechtes Wirtschafts- und Sozialsystem, nur das sichert Freiheit und Wohlstand. Wo wir uns nicht einig sind, ist der Weg dahin. Aber das ist okay. Denn Annas Ansatz kommt aus Thinktank-Überlegungen: Was könnte man machen? Aber ich muss jeden Tag mit einem Unternehmen vorwärtskommen. Klar ergibt das unterschiedliche Ansätze – aber genau das ist das Spannende, genau davon profitieren wir. Etwa bei Fragen, wie Verteilungsgerechtigkeit und Klimakrise zusammenhängen: Das war mir so nicht präsent. Das ist ein Denkimpuls: Was können wir beitragen? Das nehme ich mit. Darum ist es immer spannend, mit Menschen zu sprechen, die die Welt anders sehen.

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.