Freitag in der Arena #14: Adam Pawloff

adam pawloff greenpeace Foto: Reinhard Schmid
Adam Pawloff ist Klima- und Finanzexperte bei Greenpeace Österreich

9. April 2021: Den Klima-Hebel beim Geld ansetzen – Gast der 14. Folge von „Freitag in der Arena“ ist Adam Pawloff – der Greenpeace-Experte will Klimaschutz durch Finanzpolitik forcieren.

Natürlich ist Adam Pawloff das Problem bewusst. Es heißt „Erwartungshaltung“. Und die ist ziemlich genau definiert, sobald das Wort „Greenpeace-Aktivist“ fällt. Die Bilder in den Köpfen des Publikums sind spektakulär: Da sitzt wer auf einem Schornstein und entrollt ein Transparent. Oder kettet sich an ein Fabrikstor. Oder brettert mit einem kleinen Außenmotorboot zwischen riesigen Schiffen herum – um das Verklappen von Giftmüll ins Meer zu verhindern: Das, weiß Adam Pawloff, ist „Greenpeace“. Jedenfalls das, woran die Leute denken, wenn sie „Greenpeace“ hören.

Wenn sie dann hören, was Alexander Pawloff tatsächlich tut, sind sie deshalb manchmal fast enttäuscht: Finanzpolitik? Wie trocken ist das denn? Sicher: Finanzpolitik ist wichtig. Aber: Aufregend? Packend? Mitreißend? Eher nicht. Aber vor allem: Was hat Finanzpolitik, Finanzanalyse, mit Klimaschutz zu tun? Wie geht das zusammen? Und vor allem: Wie passt das zu Greenpeace? Gibt es das: „Finanz-Aktivisten“?

Adam Pawloff irritiert das nicht. Im Gegenteil: „Ich habe den großartigsten Job der Welt“ stellt er sich zu Beginn des Talks vor – und erklärt seinem Gastgeber Ulrich Streibl wieso: „Großartig, weil ich mich jeden Tag der größten Herausforderung stellen darf: Der Begrenzung der globalen Erhitzung, der Bekämpfung der Klimakrise. Ich darf mich für eine bessere Welt einsetzen.“ Doch statt Transparent und Kälteschutz-Überlebensanzug verwendet Pawloff dafür eben andere Skills: Er analysiert und erklärt Geldflüsse. „Ich bin bei Greenpeace in Österreich für Klima und Finanzen zuständig.“

Hebel ansetzen um die Welt zu verändern

Warum das kein Widerspruch zum Action-Image von Greenpeace ist, kann Pawloff erklären: Aktionismus sei kein Selbstzweck, sondern immer das Mittel zum Zweck – und der Zweck, das Ziel, sei klar: Veränderung. Veränderung zum Guten. Die, so pathetisch wie realistisch, Rettung der Welt. Dafür gelte es, alle nur irgendwie verfügbaren Hebel einzusetzen. „Manchmal ist das Politik. Manchmal wirkt es, Konzerne direkt zu adressieren. Und manchmal geht es, indem man Druck über Menschen ausübt. Oder aber über den Finanzmarkt.“ Denn eins dürfe man nie vergessen:

„Die zerstörerischen Systeme der fossilen Energie, der Regenwaldzerstörung und vieler anderer Umweltthemen erhalten nach wie vor viele Finanzmittel.“

Wer da Veränderung – Veränderung zum Guten – erreichen wolle, müsse also ansetzen, wo der Einsatz Wirkung zeigt. Und eines ist unumstritten: Wer kein Geld hat – etwa weil er keine Kredite bekommt – kann dieses Geld auch nicht dafür verwenden, die Umwelt zu zerstören.

Das medial ansprechend über die Rampe zu bringen oder damit wegen des Klimakollapses empörte junge Menschen zu faszinieren, ist schwer. Das weiß Pawloff: „Es ist hochkomplex.“ Und in der Regel habe er auch meist mit einer anderen als der „breiten“ Zielgruppe zu tun: „Es gibt viele Akteure, die eine bewusstseinsbildende Rolle haben, meine – unsere – Rolle ist aber ein bisschen eine andere: Die primären Adressaten meiner Arbeit sind Akteure am Finanzmarkt.“ Also Personen, für die man das Funktionieren der Finanzwelt nicht eigens „runterbrechen“ muss – weil sie tagtäglich damit zu tun haben. Und sie daher wissen, wie spannend diese Welt ist – und wieviel hier bewegt wird: „Die Wirtschaft braucht Geld. Unternehmen sind Großteils durch Schulden finanziert. Wenn man dieses Schuldenmachen teurer machen kann, macht man Geschäftsmodelle nach und nach schwieriger: Das Fördern von Kohle, Öl und Gas etwa.“ Auch so kann man Klimaschutz betreiben.

Geld regiert die Welt

Ulrich Streibl weiß sehr genau, wie diese Mechanismen funktionieren. „Geld regiert die Welt. Vor allem in der Energiewirtschaft werden Investitionsentscheidungen langfristig getroffen,“ erklärt er – und kommt zum Zusammenhang mit der Klimapolitik:

„Im Pariser Klimaabkommen ist eines der drei Hauptziele die Umlenkung der Finanzströme auf nachhaltige Investitionen: Es gibt das Zwei-Grad-Ziel, die Anpassung an den Klimawandel und die Umlenkung der Finanzströme.“

Genau das, so der „Freitag in der Arena“-Gastgeber, mache es spannend, mit Adam Pawloff zu reden: Pawloff analysiert, verfasst Studien – und die seien dann ganz klare Signale, wohin die Reise geht – oder gehen sollte: „Wohin kann ich investieren? Wofür kriege ich als Unternehmen Geld? Wofür kriege ich kein Geld? Wo wird es teurer?“ Lauten die Fragen, die Greenpeace, die Adam Pawloff stellt – und beantwortet. Und hier setzt dann der Hebel an, so Streibl: „Das wird unsere Welt ganz, ganz stark verändern.“ Zumal es da nicht nur um Geldflüsse privater Unternehmen, sondern auch staatlicher Institutionen oder sogar „supranationale Institutionen“ gehe – also etwa der Nationalbank oder der Europäischen Zentralbank.

Greenpeace, erklärt Pawloff, habe lange beobachtet und erkannt „dass alles zu langsam geht, wenn wir Bank für Bank, Versicherung für Versicherung, die Finanzmarktakteure langsam verändern. Dann werden wir nicht rechtzeitig am Ziel ankommen.“ Das Ziel? Die Begrenzung der Klimakrise. Also habe man beschlossen „größer“ zu spielen – auf Institutionenebene. „Weil die für die Spielregeln verantwortlich sind und sich der Finanzmarkt als Ganzes daran orientiert: An der Europäischen Zentralbank (EZB) – ihrer Zinspolitik und ihrer Bankenaufsicht.“

Nationalbanken und EZB stützen die Wirtschaft. Unter anderem durch den Ankauf von Anleihen – von Staaten ebenso wie Unternehmen. Doch hier beginnt das Problem, erklärt Pawloff: „Der Kapitalmarkt ist in Richtung der großen Unternehmen und somit im Energiebereich der fossilen Unternehmen gerichtet.“ Wer da „undifferenziert“, also ohne genau hinzusehen, handelt, fördert fossile Konzerne. Die Summen sind gigantisch: Derzeit hält die EZB ungefähr 280 Milliarden Euro an Unternehmensanleihen. Greenpeace fand heraus, dass „um die 65 Prozent davon entweder fossile Energiekonzerne, Autokonzerne, Fluglinien oder energieintensive Produktionen sind.“ Das Fazit ist klar: „Das muss sich ändern.“

Markt- und Politikversagen

Freilich sagt das die EZB mittlerweile auch selbst. Dennoch hat sie laut Greenpeace allein seit Beginn der Covid-19-Krise erneut mehr als 7 Milliarden in fossile Energieträger investiert: Große „Tanker“, weiß Pawloff, agieren schwerfällig. Ein Kurswechsel „geht nicht von heute auf morgen. Da gibt es klare Regeln. Und die Frage:

Darf sich die EZB angesichts der Klimakrise neutral verhalten?

Wobei „neutral“ eben falsch sei: Klimarisken, die Kosten der Emissionen, sind in den Kalkulationen nicht eingepreist: „Das ist ein Marktversagen.“ Streibl geht weiter: Nicht der Markt, die Politik versagt. „Ich glaube, dass wir zur Steuerung Bepreisungsinstrumente brauchen. CO2 ist das typische Beispiel. Da ist die Politik mehr gefragt als ein Marktmodell.“

Zwar gäbe es auch Modelle, mit denen nicht das Schlechte, sondern das Gute gefördert werde – im Kleinen wie im Großen. Aber Streibl weiß: Der Weg zur sauberen Investition ist lang und steinig: „Ich habe meinem Patenkind zum 18. Geburtstag Finanzanlagen geschenkt. Aber es war schwierig, ein Portfolio zu finden, das nachhaltig auf eine bessere Umwelt gerichtet ist. Jetzt stelle ich mir das für die EZB noch viel, viel schwieriger vor.“

Greenpeace-Finanzexperte Pawloff nickte: „Am Finanzmarkt gibt es mehr als genug Anleihen von Unternehmen, die die EZB dennoch kaufen könnte. Die Frage nach einem nachhaltigen Finanzprodukt scheitert – wie im Kleinen – oft daran, dass sich Banken und Vermögensberater bis heute wenig damit auseinandergesetzt haben.“
Doch der steinige Weg sei sinnvoll: „Ich glaube, dass ein Wert drin liegt, das Richtige zu tun: Man setzt etwas in Gang und schafft Bewusstsein. Und darum geht’s.“

Darum, kam Pawloff zurück zum „großen“ Geld, gehe es auch auf den internationalen Finanzmärkten: Evaluieren welche Ziele und Unternehmensstrategien große Unternehmen haben. Abklopfen, ob sie “Paris-konform” agieren. Das, so Pawloff müsse dann zur Richtschnur werden, ob EZB & Co Anleihen kaufen – oder nicht. „Damit gibt es einen ganz klaren Anreiz, Strategien in die richtige Richtung zu verändern. Und ja, diejenigen, die das nicht tun, werden sich über kurz oder lang schwertun, sich am Finanzmarkt zu finanzieren.“

Der Enkel

Genauer und weit detailreicher erzählt Pawloff das in der aktuellen Folge von „Freitag in der Arena“: Hochkomplex – aber wenn man einmal begonnen hat zu verstehen, auch für Finanz-Laien hochspannend.
Doch der Greenpeace Finanz-Aktivist hat noch eine zweite Geschichte zu erzählen: Er ist der Enkel der 2015 verstorbenen österreichischen Umweltschutz-Galionsfigur Freda Meissner-Blau. Ihr Name steht unter anderem für den Kampf gegen die Atomkraft und für die Rettung der Hainburg Au. Meissner-Blau war Mitbegründerin der Grünen, später auch Kandidatin für das Amt der Bundespräsident*in: Ein Fixstern am heimischen Umweltschutz-Firmament.
Die Öko-Ikone habe ihn natürlich geprägt, erzählt Pawloff. Doch die Frage, ob er da „in große Schuhe“ steige, stelle sich nicht: „Freda ist vor allem eines gewesen: Meine Großmutter, mit der ich im Waldviertel spazieren und Schwammerl suchen gegangen bin.“

Tipp am Freitag von Adam Pawloff

Ich bin leidenschaftlicher Zugfahrer, leidenschaftlicher Nachtzugfahrer. Mein Tipp: wenn ihr das nächste Mal in den Urlaub fahrt – etwa in ein Nachbarland wie Italien: Es gibt nichts Herrliches, als mit dem Nachtzug zu reisen. Klar: Es ist klimaschonend. Aber darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass man beim Fliegen zwar schnell von A nach B transportiert wird, die Seele aber erst später nachkommt. Zugfahren ist anders: Da kommt man tatsächlich an.

Keymessage von Ulrich Streibl

Was mir bei Greenpeace immer schon aufgefallen ist: Neben dem Aktivismus, dem Hinaufklettern auf Ölplattform oder Schiffe, haben wir hier einen wirklichen Denk-Pool. Genau das drückt Adam Pawloff aus. Es geht darum etwas zu bewegen. Und das Finanzthema ist kein unkomplexes: Geld regiert die Welt – und zu sehen, wie man durch das Steuern von Geldflüssen und Investitionen weg von klimaschädlichen, hin zu sauberen Finanzierungen und Anlageformen an der Gestaltung einer besseren Welt, die nachhaltig und umweltfreundlich und ein gutes Leben für uns alle bietet, mitwirken kann, finde ich toll.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.
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