Freitag in der Arena #15: Michaela Krömer

michaela kroemer klimaklage Foto: Reinhard Schmid
Michaela Krömer kämpft mit Klimaklagen für ein Recht auf Klimaschutz.

23. April 2021, Tom Rottenberg: Mit Recht für eine lebenswerte Zukunft. Gast der 15. Folge von „Freitag in der Arena“ ist Michaela Krömer – die Rechtsanwältin setzt sich mit Klimaklagen für ein Recht auf Klimaschutz ein. Ein Blick hinter die Kulissen von Tom Rottenberg.

Manchmal ist es dann schwer, eine nächste Frage zu stellen. Weil es in Wirklichkeit keine Fragen gibt. Falsch: Natürlich gibt es Fragen. Jede Menge. Aber neben den „klassischen“, den journalistischen, den sauberen und wichtigen Fragen nach Wer, Wann Wo, Warum & Wieso und Wie ist da noch etwas: Die Gänsehaut. Die – ja, man kann es sagen – Ehrfurcht. Weil da jemand vor einem sitzt, die einen schlicht und einfach umhaut. Vor der man den Hut ziehen, der man applaudieren will. Und es nicht darf. Weil es „part of the game“ ist, auch Menschen, die man bewundert, auf den Zahn zu fühlen. Sie und ihr Tun in Frage zu stellen. Sie ein bisserl aus der Reserve zu locken. Auch und gerade dann, wenn man jeden Satz, den die Frau auf dem Sofa gegenüber sagt, lieber einfach wiederholen – ganz laut wiederholen – würde: Das ist der Unterschied zwischen PR- und Werbeauftritten und journalistischem Anspruch. Und auch wenn es im Moment schwerfällt: Das ist richtig und wichtig.

Die Vorgeschichte

Aber der Reihe nach: Die Frau, der oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl und ich unlängst in der Arena gegenübersaßen, ist hier keine Unbekannte: Michaela Krömer. Die Rechtsanwältin, die ihre Harvard-Zeit nur erwähnt, wenn man sie drauf anspricht, hat die Republik Österreich im Frühjahr beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) verklagt. Grund der Klage: Österreich tut zu wenig – respektive: so gut wie nichts – um seine Staatsbürger*innen vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen.

Insbesondere sogenannte „vulnerable“ Gruppen, also alte oder chronisch kranke Menschen und Kinder, aber auch sozial Schwache, seien von bereits jetzt spürbaren Auswirkungen der Erderwärmung besonders betroffen.

Mitunter so sehr, dass die Lebensqualität gravierend eingeschränkt wird. Krömer klagt da nicht theoretisches, sondern tatsächliches Leiden ein: Ihr Mandant leidet an einer Sonderform von Multipler Sklerose. Ab Temperaturen über 25 Grad ist er an den Rollstuhl gefesselt, wird es noch wärmer – etwa ab 30 Grad – fehlt ihm die Kraft, den Rollstuhl aus eigener Kraft zu bewegen. Krömer verklagt die Republik vor dem EGMR, weil Österreichs Klimapolitik so zahnlos ist, dass ihr Mandant in den kommenden Jahren immer öfter auf fremde Hilfe angewiesen sein wird.

Die Klimaklage

Der Fall ist bekannt. Er ging medial um die Welt. Auch hier, im Blog der oekostrom AG, hat die junge Anwältin bereits ausführlich über die juristischen, faktischen und klimapolitischen Aspekte der von ihr – mit Unterstützung der Fridays for Future – vorgebrachten Agenda gesprochen. Das Interview, in dem sie den Fall genau erklärt gibt es HIER nachzulesen, und HIER als Video nachzusehen.

Um so eine Klage vorzubringen und durchzufechten braucht es aber neben einer engagierten Juristin auch Geld – schlicht und einfach, um Arbeit zu bezahlen. Im Fall der „Klimaklage“ kam das über eine Crowdfunding-Kampagne zusammen – an der sich auch die oekostrom AG beteiligte.

Der Fall, die Klage, liegt nun – neben Klimaklagen aus anderen Staaten und für andere Gruppen – beim EGMR in Straßburg. Ob er angenommen und dann verhandelt werden wird, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. All das ist in seinen Grundzügen bekannt.

Die Frau hinter der Klage

Wieso Ulrich Streibl und ich Michaela Krömer trotzdem auch im oekostrom-Klima-Talk vor die Kamera baten? Natürlich auch weil die Klage eine oekostrom-Herzensangelegenheit ist. Auch, weil Ulrich Streibl stolz ist, dass „sein“ Unternehmen hier – so wie in anderen Fällen auch – einen Schritt weiter geht, als seine Kunden bloß mit sauberer Energie zu versorgen:

Es geht, betont Streibl, immer wieder auch um eine Botschaft. Um eine „Mission“. Darum, Dinge zu verändern.

Aber da war noch etwas: Ulrich und ich haben mit der Anwältin schon öfter gesprochen. Wir wissen wer sie ist – und wofür sie steht. Und wollten – neben den aktuellen Entwicklungen – auch sie ins Rampenlicht rücken: Wenn es darum geht, die Welt zu verändern, geht das nur, wenn es auch Menschen gibt, die hinter der Sache stehen. Menschen, die „brennen“. Und Michaela Krömer brennt. Lichterloh – mit ruhiger Stimme, mit Überlegung, Charme, Witz und Intellekt aber ohne dramatischer Marktschreierei, eitler Selbstinszenierung oder populistischem Getöse: Es ist ihre sichere, überlegte Ruhe, die andere begeistert. Mitreißt. Und das, was sie sagt zum Flächenbrand werden lässt. Und: Ja, das finde ich gut.

Ulrich Streibl ist, Sie können es in den mittlerweile 14 anderen Pod- und Videocasts dieser Reihe selbst überprüfen, keiner, der auf den Mund gefallen ist. Er hat etwas zu sagen – und bringt sich mit Fragen und Anmerkungen oft und gern in Debatten ein. Aber im Gespräch mit Michaela Krömer war er auffällig still. Überlies das Feld, die Bühne, ihr – und hörte über weite Strecken einfach zu. Aus dem Augenwinkel sah ich: Das war kein „Schmähstad“-Sein. Kein trotzig-schmollendes Schweigen. Ganz im Gegenteil: das war Bewunderung. Demut. Respekt.

Der prägende familiäre Background

Nicht bloß für die juristische Arbeit. Nicht bloß für die Juristin – sondern für den Menschen. Für eine Frau, die sich mit vollem Herzen „ihren“ Themen und Aufgaben verschreibt. Für eine Anwältin, die ihre „Lehr- und Wanderjahre“ unter anderem nach Harvard führte, die bei Anwält*innen lernte, die von Barack Obama abwärts das Who is Who der Weltpolitik beraten. Die in Kanzleien arbeiteten, die nicht davor zurückschrecken sogar US-Verteidigungsminister wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen anzuklagen. Die eine „Vita“, einen Lebenslauf, vorweisen kann, mit dem sie in Kanzleien auf der ganzen Welt aus dem Stand unfassbare Summen verdienen würde – aber auf genauso eine Karriere verzichtet.

Natürlich spielt auch die Familiengeschichte da eine Rolle. Michaela Krömer entstammt einer Juristen-Familie, in der der Menschen seit Generationen vor Mammon und Macht kommt: Ihr Urgroßvater kämpfte zwischen den Weltkriegen als Strafverteidiger gegen die Todesstrafe. Ihr Vater vertritt in Asyl- und Strafverfahren Menschen, die sich nicht im Entferntesten normale Anwalts-Honorarsätze leisten könnten. Ihre Mutter tut das gleiche als Zahnärztin – in Österreich, aber (früher) auch in afrikanischen Gefängnissen: Engagement, Rückgrat und das Bekenntnis dazu, nicht den einfachen, lukrativen und komfortablen Weg zu wählen in der DNA, der Muttermilch, mitzubekommen ist das eine – es aber auch selbst kompromisslos zu leben, das andere.

Die verlorene Klima-Steuer-Klage

Das tut Michaela Krömer nicht erst mit dieser „Klimaklage“: Schon 2019 begleitete sie eine Sammelklage im Auftrag von Greenpeace und 8000 Österreicher*innen, in der die Aufhebung klimaschädlichen Steuerausnahmen gefordert wurde. Ja: Erfolglos.

Aber im Nachhinein war das, erzählt sie in „Freitag in der Arena“, vielleicht sogar hilfreich für die aktuelle Klage: Derartige nationale Urteile belegen, dass es fruchtlos und nicht zielführend ist, Klima-Anliegen vor heimische Gerichte zu bringen – und genau das ist (nichtjuristisch formuliert) eine der Voraussetzungen, um beim EGMR vorstellig werden zu dürfen. Dieser Zugang, dieses unablässige Suchen nach einem Hebel, mit dem man trotzdem weiterkommt, ist es, was sie ausmacht. Was mir – und Ulrich Streibl – so viel Respekt abnötigte.

Außerdem ist da noch der Mensch, die Frau, die Privatperson: Die Anwältin kam hochschwanger – eigentlich schon im Mutterschutz – zu uns. Und schluckte nur ein einziges Mal: Als ich sie fragte, ob sie Optimistin sei. Ob sie daran glaube, dass ihre Tochter in 20 Jahren in einer besseren, saubereren, lebenswerteren Welt erwachsen sein werde. Sie sei sich, räumte sie nach der ersten längeren Nachdenkpause des ganzen Gespräches ein, da nicht sicher. Aber worauf es ankäme, sei, „dass ich ihr in die Augen schauen kann, wenn ich sage, dass ich dafür alles getan habe, was in meiner Macht stand.“

Welche Frage würde oder könnten Sie da als Interviewer*in noch nachschicken? Eben.

Tipp am Freitag von Michaela Krömer

„Ich mag schön angezogene Menschen, weil ich gelebte Schönheit anziehend finde. Die Fashion-Industrie ist aber sehr klimaschädlich, weshalb man sich von der Idee, dass Schönheit so vergänglich ist und jeder Mode-Zyklus mitgemacht werden muss, lösen sollte. Ich finde willhaben.at eine klimafreundliche und kostengünstige Möglichkeit, den zweiten Kleidungszyklus aktiv zu bedienen und sich einzukleiden.“

Keymessage von Ulrich Streibl

„Ich sitze heute mit viel Demut hier. Weil hier eine Frau spricht, die mit unglaublicher Motivation sagt: ‚Ich will gestalten. Ich nehme das Instrument „Recht“, um zu gestalten.‘ Da geht es ja nicht nur um einen konkreten Fall, sondern um einen Gestaltungsanspruch. Wenn Menschen sich so einer Dimension engagieren und das auch noch mit so viel Sympathie erzählen können, lässt mich das mit Demut und Freude zurück. Ich bin dankbar, dass es Menschen wie Michaela Krömer gibt. Dass sie zu uns kommen – und den Anspruch und die Leidenschaft Dinge zu verändern mit uns teilen.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.