Freitag in der Arena #16: Gerhard Christiner

gerhard christiner agp, Foto: Reinhard Schmid
Gerhard Christiner ist Technischer Vorstand der Austrian Power Grid AG (APG).

5. Mai 2021, Tom Rottenberg: Unser Gast der 16. Folge von „Freitag in der Arena“ ist der Vorstand der Austrian Power Grid AG, Gerhard Christiner. Er sorgt – grob vereinfacht gesagt – dafür, dass der Strom vom Kraftwerk verlässlich zu den Verbraucher*innen kommt. Und das ist alles andere als eine „ruhige Kugel“. 

Erinnert sich außer mir noch jemand an die „Sendung mit der Maus“? Damals als weder Privat-TV noch Internet gab, war die „Sendung mit der Maus“ ein zentrales Welterklär-Werkzeug für Kinder. Verständlich aber nicht dümmlich-vereinfachend wurden scheinbar banale Themen erklärt: „Wie kommt der Strom in die Glühbirne?“ etwa.

Das Tolle: Neben der schlichten Erklärung „Kraftwerk – Leitung – Fassung“ wurde immer das mitgenommen, was ich bis heute das „Wunder Infrastruktur“ nenne. Also das, was noch passieren, bedacht und professionell abgewickelt werden muss, damit das scheinbar Selbstverständliche tatsächlich selbstverständlich wird. Beim Strom wären das wohl Stausee (schon damals zeigte man lieber Natur als Kohlewolken), Fallrohr, Turbinen, Schaltzentrale, Umspannwerk, Starkstromleitung, Trafostation, Erdleitung, Sicherungskasten und Schalter-Innenleben gewesen – und die Menschen, die alles in Gang halten: Wow! Neben dem Erkenntnisgewinn kam da noch etwas: Auch hinter angeblich „einfachen“ Dingen steckt Arbeit. Technik. Wissen. Wissenschaft – und Expertise. Wertschätzung für die Leistung. Und Respekt vor den Menschen dahinter – das lehrte mich die „Sendung mit der Maus“: Ich wusste, dass es keine Heinzelmännchen gab. Aber die Techniker (auch wenn sich das heute ändert: In meiner Kindheit waren es fast ausschließlich Männer), die mein Leben erst möglich machten, waren genau das: Heinzelmännchen. Emsig, präzise, verlässlich und unablässig werkelnd – und unsichtbar. Manchmal hätte ich mich gern bei ihnen bedankt.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich neulich mit Gerhard Christiner auf der Bühne der Wiener Arena saß. Christiner ist ein Heinzelmännchen. Natürlich würde ich das nie sagen. Und auch Ulrich Streibl, der Chef der oekostrom AG, mit dem gemeinsam ich regelmäßig in „Freitag in der Arena“, dem Klima- und Nachhaltigkeitstalk der oekostrom AG auch über Energie, Energiesicherheit, und den Umstieg von klimaschädlichen auf saubere Energieträger plaudere, würde Gerhard Christiner nie so nennen. Obwohl auch Streibl weiß: Ohne die Arbeit, die der Vorstand der Austrian Power Grid AG und sein Team in einem futuristisch anmutenden, in den Tiefen der Felder Simmerings von kaum jemandem je bemerkten High-Tech-Gebäude 24 Stunden täglich leisten, könnten Windräder, Sonnenkollektoren, Wasserkraftwerke (aber auch „alte“ Verbrennungsgeneratoren) noch so viel Strom erzeugen: Er käme nicht bis zur Steckdose.

Jedenfalls nicht jederzeit, nicht verlässlich und nicht überall. Denn genau dafür sorgt die APG: Sie regelt den „Verkehr“ auf regionalen, nationalen und internationalen Strom-Highways.

Was auf den ersten Blick einfach klingt, ist hochkomplex: „Grid“ bedeutet „Gitter“. Ein Gitter ist stabil. Deshalb erklärt „Netz“ Laien wohl anschaulicher, was die APG tut: Stellen Sie sich ein Spinnennetz vor. In Ruhe ist es einfach ein filigranes schönes Wunder der Natur. Berührt man es an einem Punkt – egal wie leicht – gerät alles in Bewegung: Damit es nicht reißt, bedarf es enormes Vorwissen beim Netzaufbau – und präzises Wissen, welche Veränderungen sich wann wie wo auswirken. Und wenn es einmal in Bewegung gerät, hohe Reaktionsgeschwindigkeiten seiner „Bewohner“. Nicht ohne Stolz erklärte Christiner im Arena-Talk:

„Das europäische Stromsystem, dieser Verbund, dieser Netzverbund, dieser Energieverbund, ist die komplexeste von Menschen gemachte Maschine, die wir haben.“

Was die APG genau macht, lässt sich am anschaulichsten am Beispiel eines Beinahe-Crashs des europäischen Stromnetzes erklären.

Zu so einem „Black Out“, also einem totalen Stromausfall in weiten Teilen Europas, wäre es Anfang Jänner beinahe gekommen.

An diesem Tag, dem 8. Jänner, wurde „sehr viel Strom aus Südosteuropa Richtung Westeuropa exportiert“, erzählt Christiner. Es kam zu Überlastungen in Rumänien und Kroatien. „Das „schwächste Glied hat nicht mehr standgehalten – eine Kupplung in einem Umspannwerk in Kroatien.“ Dort kommen Leitungen aus Serbien und aus Kroatien an – und gehen Richtung Westeuropa. „Die Kupplung hat geöffnet. Innerhalb von 40 Sekunden sind 14 Leitungssysteme – wie ein Riss durch Europa – quasi rausgefallen.“

Laienhaft formuliert: Der Stromstoß aus Osteuropa verursachte im Westen massive Frequenzschwankungen. Hätten die Netz-Kontrolleure und ihre Notfall-Systeme in Frankreich und Italien nicht binnen Sekunden tausende Industriebetriebe kurzfristig vom Netz genommen und – auch in Österreich – Kraftwerke als „Gegengewicht“ auf Höchstleistung hochgefahren, wäre in Europa der Strom ausgefallen. Bis Netze in so einem Fall wieder voll funktionsfähig sind, kann es Tage dauern: Das Szenario, was das für die Infrastruktur – Krankenversorgung, Banken, Verkehrsleitsysteme, Kühl- und Logistikketten, Heiz- oder Wasserversorgung – heißt, füllt Endzeit-Filme und -Bestseller.

So aber triggerten die Power-Grid-Kontrollor*innen „einfach“ ihre Notfallprogramme: „Guad is gangen – nix is’ g’schehn“ sagt man da auf Wienerisch. Aber wenn Gerhard Christiner vom 8. Jänner spricht, sieht und hört man ihm an, wie knapp das war.

Freilich: Extremfälle sind die Ausnahme. Doch auch das „Tagesgeschäft“ ist hochkomplex – gerade weil der auch von Christiner begrüßte Umstieg auf „Erneuerbare Energien“ die Verteilung von Strom komplexer macht: Kohle- oder Gaskraftwerke konnte man nahe an Industrie- und Ballungsräume bauen. Die Produktion fuhr man nach Bedarf hinauf oder herunter – zum Preis jener Emissionen, die maßgeblich zum Klimawandel beitragen. Erneuerbare Energien sind nicht ganz so auf Knopfdruck produzierbar: Kommt Wind etwa vom Atlantik übers europäische Festland, „erwischt“ er Windpark nach Windpark. Die Stromproduktion schießt – wie immer: gröbst vereinfacht – momentan lokal nach oben. Doch gebraucht wird Energie kontinuierlich und flächendeckend. Die Planung, Schaffung und das Zurverfügungstellen von Leitungen, Speichern und Puffern, das Wissen, wann wo wievielt gebraucht wird – das ist der Job der Grid-Betreuer.

Und das, erzählte der Vorstand der APG, führe mittlerweile oft zu einem Problem:

Alle wollen saubere Energie – doch die Infrastruktur soll unsichtbar sein. Windräder? Hochspannungsmasten? Ja – aber anderswo.

Leitungen, erklären Bürgerinitiativen und Gemeinden, sobald ein Projekt geplant wird, „müssen“ in den Boden – weil sie ja die Landschaft verschandeln. Aufwand und Kosten explodieren dann. Und die diversen Genehmigungsverfahren dauern. Es vergeht Zeit. Viel Zeit. Zeit, die im Hinblick auf das Erreichen der Pariser Klimaziele fehlt, betonte oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl: „Ich würde mir mehr Tempo wünschen. Warum ist es so schwierig, die Netze auszubauen?“

Gerhard Christiner gab Streibl eine Antwort, die auch Errichter von Windkraftwerken kennen: „NIMBY“. Das steht für „Not in my Backyard“: Baut bitte beim Nachbarn. Doch während Windkraft ein sichtbar-sauberes Signal ist, das immer mehr Menschen verstehen, sei das bei Leitungen anders: „Die Leute sagen ‚Wir kriegen Photovoltaik. Wir kriegen das im Kleinen jetzt hier. Wozu braucht man dann so große Leitungen wieder?‘“ Da zu erklären, dass es neben lokalen auch die großräumigen Netze braucht, um Energieversorgung für alle zu sichern, sei schwer. Auch, weil es an Solidarität mangle: „Alle sind weg, wenn die ersten Bürgerproteste auftauchen. Auf einmal bist du ganz allein. Da unterstützt dich kein Windpark-Betreiber.“

Ulrich Streibl nahm die Kritik an – und den Ball auf: „Ich würde kommen und sagen: Ihr braucht die Leitungen. Wir haben solche Fälle: Wir haben fertige Projekte, die wir bauen könnten. Und die stehen, weil wir keinen Netzzugang haben. Netzinfrastruktur ist entscheidend.“

Und plötzlich war ich mit meinen „Heinzelmännchen“, mit der „Sendung mit der Maus“, wieder mitten in der Diskussion: Kann es sein, dass viele Menschen keine Ahnung haben, was an Arbeit, an Logistik, an Infrastruktur nötig ist, damit das Licht angeht? Kann es sein, dass wir alle vergessen haben, zu fragen, was und wer dahintersteckt, dass das selbstverständlich ist? Und wäre es nicht hoch an der Zeit, diese – aber auch viel andere Heinzelmännchen (die in so vielen anderen übersehenen Bereichen ja meistens Heinzelfrauen sind) öfter vor den Vorhang holen?

Denn auch das ist Nachhaltigkeit: Sich „selbstverständlicher“ Dinge wieder bewusst zu werden. Sie wertzuschätzen.

Tipp am Freitag von Gerhard Christiner

„Was wir wieder lernen müssen, ist Energie wertzuschätzen. Wir reden immer vom Umbau. Aber ich glaube, Effizienz ist mindestens so wichtig. Da können wir alle beitragen. Das beginnt in unserem Alltag: Standby Modus und Licht abschalten. Nicht sorglos mit dem Produkt Strom umgehen. Der ist ein wertvolles Produkt: Ich versuche auch meinen Kindern nahezubringen, dass das nicht etwas ist, wo man auf einen Knopf drückt und er ist eh da. Und wenn es günstig ist, zählt es nichts. Sondern dass es etwas ist, das unseren Wohlstand erst ermöglicht – und mit dem wir bewusst umgehen sollten.“

Keymessage von Ulrich Streibl

Ich nehme aus diesem Gespräch mit, dass eine unglaubliche Intelligenz nötig ist, diese komplexe Maschine zu managen. Hoffentlich tragen wir dazu bei, interessierten Menschen nahe zu bringen, was da dahintersteckt. Denn die erneuerbare Welt, in die wir gehen, ist ja eine viel bessere als die Heutige. Wir werden keine Schadstoffe mehr in der Luft haben. Wir werden in den Städten saubere Luft haben zum Atmen. Wir werden die Temperatur auf der Erde stabil halten können. Da ist es ein zentraler Beitrag, Energie nachhaltig zu produzieren – aber sie muss dann auch zu den Menschen gebracht werden.

Ich nehme aus diesem Talk aber auch Vertrauen mit. Gerhard Christiner hat dargestellt, wie groß die Komplexitäten sind, unser Leben aufrechtzuerhalten. Er hat aber auch gezeigt, wie gut unsere Netzbetreiber vorbereitet sind für den Extremfall. Und in meinem Erwachsenenleben, jedenfalls in Österreich, kann ich mich überhaupt nicht an einen richtigen Stromausfall erinnern: Das ist nicht selbstverständlich.

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.