Freitag in der Arena #17: Benedikt Narodoslawsky

benedikt narodoslawsky
Benedikt Narodoslawsky schreibt im Falter über Klima- und Umweltthemen, außerdem ist er Autor von „Inside Fridays for Future“.

21. Mai 2021, Tom Rottenberg: In der 17. Folge von „Freitag in der Arena“ war Benedikt Narodoslawsky zu Gast. Der Klima-Journalist hat ein Buch über „Fridays for Futter“ geschrieben und leitet beim Falter das Natur- und Nachhaltigkeitsressort.

Manche Dinge tut man als Journalist nicht. Nicht, wenn man sich selbst zu den „Guten“, im Sinne von „den Sauberen“, zählt. Da schreibt man nicht über Menschen, zu denen ein Naheverhältnis besteht.

Nur lässt sich das manchmal nicht ganz vermeiden. Nicht in einem kleinen Land wie Österreich: Als ich noch fix bei der Wiener Wochenzeitung „Falter“ arbeitete, saß ich mit Benedikt Narodoslawsky im gleichen Zimmer. Den „Naro“ (den Namen richtig schreiben zu wollen gibt jede*r rasch auf) bewunderte ich schon damals für seinen Biss, seine Präzision und die Leichtigkeit, mit der er sperrige Inhalte zu vermitteln verstand. Wir verstanden uns auch sonst gut.

Warum ich das hier sage? Benedikt Narodoslawsky ist der 17. Gast des Klima- und Zukunftstalks „Freitag in der Arena“. Zu dem lädt oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl alle zwei Wochen schlaue Köpfe ein, um über Klimafragen, Nachhaltigkeit und Energiewende zu reden. Ich bin auch dabei. So zu tun, als würden der Naro und ich einander nicht kennen, wäre einfach unehrlich.

Narodoslawsky deshalb aber NICHT einzuladen, wäre auch falsch: Er leitet beim Falter das neu gegründete Natur- und Nachhaltigkeitsressort. Und hat ein Buch geschrieben: „Inside Fridays for Future“ heißt es. Darin beschreibt Naro sehr anschaulich, wie „die Fridays“ ticken. Wer sie sind, was sie treibt, wie sie arbeiten. Naro hat für sein Buch auch Greta Thunberg interviewt und begleitet.

Aber vor allem kann er eine Menge über den Umgang mit dem Thema „Klimawandel“ erzählen, sieht er sich doch als Mahner und Aufklärer:

„Meine Aufgabe ist es, auf die zwei größten Krisen aufmerksam zu machen und aufzurütteln: Die Klimakrise und die Biodiversitätskrise. Wenn wir die nicht in den Griff kriegen, haben wir ein Problem.“

Das Problem dabei: Geschichten müssen „fesseln“. Und mit sperrigen, komplizierten und unangenehmen Themen ist das nicht leicht. Erst recht nicht, wenn ein Thema ansetzt, wo niemand gerne „erwischt“ wird: im eigenen, komfortablen Alltag – und wo eine einmalige Aktion das Problem nicht löst: „Die Klimakrise passiert dauernd. Nicht so wie bei einem Terroranschlag, der einmal einen Klescher (Knall) macht. Klima ist die permanente Katastrophe. Es ist schwierig, da durchzukommen.“

Ist Klima sexy?

Journalistisch betrachtet, ist das „schlecht“: Die Sensation. Jahrelang musste der Naro um jede Zeile Platz für „seine“ Geschichten kämpfen: „Eh wichtig – aber halt nicht sexy“, war das, was er oft zu hören bekam

Dann ging er 2018 in Karenz. Und als er zurückkam, war alles anders: Das Thema „Klima“ war überall: „Sogar auf Wahlplakaten ist Klima gestanden.“ Schuld daran war eine auf den ersten Blick unscheinbare Schülerin aus Schweden: Greta Thunberg. Naro staunte: „Leute haben über das Klima zum Reden angefangen, die vorher nicht interessiert waren.“

Als Narodoslawsky dann eine größere Geschichte über den ersten Klimastreik schreiben wollte, wurde daraus mehr und mehr und mehr: Zuletzt reichte es sogar für ein Buch – ein Buch, das erzählt, was in einem Zeitungsartikel bestenfalls kurz angerissen werden kann: Die Geschichte darüber, wie es funktioniert, dass der Klimaprotest einer Einzelnen 100.000, wenn nicht Millionen auf die Straße bringt – und Wirkung zeigt.

Wie das genau funktioniert habe, fragte Ulrich Streibl. Und Naro erzählte: „Der springende Punkt war, dass das Narrativ zu ändern. Es war ja so: Der Papst hat vor dem Ding (dem Klimawandel; Anm.) gewarnt. Leonardo di Caprio hat bei der Oscar-Rede davor gewarnt.“ Und alle nickten. Aber dann kam „ein Mädel, das redet wie eine 30-Jährige, aber ausschaut wie eine 12-Jährige und sagt: Ihr versaut meine Zukunft.“ Peng! Was daran anders, neu, „sexy“ war? „Auch di Caprio hat gesagt: Es geht um unsere Kinder. Aber wenn das Kind aufsteht und sagt: Ihr – und ich – und ihr macht mir das kaputt. Dann ist die Wirkung eine andere und das Narrativ ändert sich.“

Der Eisbär ist arm – und uns wurscht

Bildhaft gesprochen: „Alle haben oft über den Eisbären geredet, der auf einer schmelzenden Scholle treibt. Jeder ist traurig: Ma, die Klimakrise tötet den Eisbären. Aber eigentlich ist uns dieser Eisbär ziemlich egal. Weil er weit weg ist. Und ich will trotzdem mit dem Auto fahren. Aber wenn dein eigenes Kind…“ Naro schluckt. Ulrich Streibl schluckt. Beide haben Kinder. Naro spricht weiter:

„Ich bin Vater von zwei Töchtern. Es gibt nichts Emotionaleres, als zu erkennen, dass du grad deren Leben verhaust.“

Genau das, erzählt Naro, habe „das Mädel“, hätten „die Kids“, den Eltern gezeigt – ein Volltreffer: „Klima ist schlagartig, in kürzester Zeit, zum wichtigsten Thema in sehr vielen Ländern geworden.“

Das mit dem Narrativ, griff Ulrich Streibl ein, stimme: „Greta Thunberg war in Wien und ich war dabei. Nach Guterres, Schwarzenegger und Van der Bellen geht sie aufs Podium und sagt nur: ‚Ihr in diesem Raum – ihr habt die Macht. Ihr zerstört meine Zukunft. Ihr seid verantwortlich.’ Totenstille – da waren 800 Leute im Raum. Dann steht einer auf. Dann stehen alle auf – und klatschen.“

Was ihn, aber auch Narodoslawsky, an den Standing Ovation massiv irritiert habe, sei auch für Thunberg immer wieder ein Thema, erzählt der Journalist dann: „Sie versteht nicht, warum die Leute klatschen. Weil: sie selbst tun ja nichts.“

An dieser Verstörung sind sich Streibl und Narodoslawsky einig, müsse und könne man dann politisch – und wissenschaftlich unterfüttert – ansetzten. Eben weil plötzlich Emotionen, Interesse, Verunsicherung und das Erkennen, dass sich etwas ändern müsse, greif- und spürbar sei: Der Green Deal der EU, Österreichs Gesetz zum Ausbau Erneuerbarer Energie, die Pariser Klimaziele – all das habe auf einmal zu leben begonnen, sei vom trockenen alarmistischen Diskurs in die Wirklichkeit gesprungen.

Greta – ein Märchen aus Hollywood?

Fast zynisch, aber doch auch lehrreich, sei es da, sagt Narodoslawsky die Greta-Story aus der Märchen- oder Hollywood-Perspektive zu betrachten: Die Außenseiterin, das schrullige Mauerblümchen, die angeblich „behinderte“, tatsächlich hochintelligente Einzelgängerin – die sich nicht beirren lässt. Die die richtigen Wort findet. Die keine Führerin sein will. Die sich, man denke an die Fahrt mit dem Segelschiff nach New York, dem Tosen der übermächtigen Elemente aussetzt, um zu sagen, was gesagt werden muss: „Das hat fast etwas Mythisches – es berührt uns alle.“

Für den Journalisten zählt auch das Danach: Die Beobachtung und das Begleiten der Bewegung durch die „Mühen der Ebene“: Weil nach dem „Klescher“, dem Knall auch die dadurch eingeleitete Veränderung Betreuung und Aufmerksamkeit brauche.

Auch, weil gerade junge Aktivist*innen, all jene die für „Fridays for Future“ nun weltweit arbeiten, nicht den Biss und den Mut verlieren dürfen: Da nachzufragen, da nachzuholen, da Themen – große wie klein – immer wieder aus anderen Blickwinkeln zu beleuchten, sei das, was er täglich (oder: wöchentlich) mache.

Ein dickes Brett

Das sei ein „dickes Brett“ – aber es werde besser. Weil immer mehr Medien, andere Journalist*innen die Wichtigkeit von Klimathemen erkennen – und systematisch und regelmäßig darüber berichten. „Journalismus ist da extrem wichtig. Wir versuchen denen auf die Finger zu klopfen, die es verbocken: Das ist wichtig!“

Aber nie laut und intensiv genug. Auch weil Gegenwind immer lauter pfeift als Rückenwind: „Die, die etwas verlieren, sind immer lauter: Sie haben etwas und wollen es nicht hergeben.“ Oder sich umorientieren. Der Mensch sei eben ein Gewohnheitstier, dem alles Neue zunächst suspekt sei: „Bei meinem Vater hat ein Installateur Solarpaneele aufs Dach gehaut und gesagt, er glaubt nicht dran: Da ist das Mindset noch nicht da.“ Das, ändere sich gerade – aber nur, wenn es immer wieder thematisiert wird .

Beim oekostrom-CEO rannte Narodoslawsky da, wenig überraschend, offene Türen ein: „Es gibt keine Alternative. Wenn wir nichts tun, haben wir zum Ende des Jahrhunderts um 5 Grad erhöhte Erdtemperaturen: In den südlicheren Ländern kann man dann nicht mehr leben. Dann werden wir unvorstellbare soziale Verwerfungen haben.“

Doch leider, so Streibl, sei diese Botschaft noch nicht überall angekommen. Also brauche es gemeinsame Anstrengungen. Nicht „verhabernd“-schulterklopfend, sondern kritisch und ohne Angst vor auch unangenehm Fragen. Aber vor allem mit einem Ziel: Einer Welt, in der Väter (und Mütter) ihren Kindern auf die Frage, wo sie waren, als das Klima zu kippen drohte, antworten können:

Dort, wo Eltern sein müssen, wenn es um die Zukunft geht – auf der Seite derer, die nicht bloß klatschten, als Greta Thunberg redete, sondern auch etwas taten.

Benedikt Narodoslawsky erzählte in der Arena noch mehr. Viel mehr. Der Talk mit ihm war vermutlich einer der längsten dieser Serie. Aber: Er war keine Minute langweilig. Auch für mich nicht – obwohl ich „den Naro“, die Art wie er redet, denkt, tickt, gut kenne. Nicht nur als Freund sage ich: Der Mann hat fast immer recht.

Tipp am Freitag von Benedikt Narodoslawsky

Mit seinem ersten Versuch zum „Tipp am Freitag“, dem individuellen Maßnahmen-Ratschlag jedes Gastes, in dem es um kleine aber effiziente Klima-Schritte geht, ließ ich ihn aber nicht durchkommen: „Ich hab mir was Egoistisches überlegt: Ich schreibe im Falter auch einen Natur-Newsletter. Der kommt immer am Freitag raus: da packen wir Tipps rein, die genau diese Frage beantworten.“

Nein, Naro, wir wollen was Konkretes. „Auf die Straße gehen. Wenn ich etwas gelernt habe von meiner Buch-Recherche, dann, dass jeder die Welt verändern kann. Dass Protest Sachen bewirken kann, hat die Fridays for Future Bewegung gezeigt. Und deswegen: Geht auf die Straße!“

Keymessage von Ulrich Streibl

„Die Presse wird oft als vierte Macht im Staat bezeichnet: Kommunikation hat Macht. Auch jene, uns alle ehrlich, kritisch, authentisch, sinnvoll und verständlich zu informieren. Das nehme ich heute mit: Dass ich mich freue und dankbar bin, dass es Menschen wie Benedikt Narodoslawsky gibt. Ich kann ihm und all seinen Kolleg*innen nur sagen: Macht weiter – ihr seid wichtig.“

 

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.