Freitag in der Arena #18: Hildegard Aichberger

Hildegard Aichberger; freitaginderarena, Foto: Reinhard Schmid
Hildegard Aichberger, neue Vorständin der oekostrom AG, stellt sich in der 18. Folge von „Freitag in der Arena“ vor.

4. Juni 2021, Tom Rottenberg: In der 18. Folge von „Freitag In der Arena“ fehlt der bisherige Gastgeber: oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl meldet sich nur mit einer kurzen Grußbotschaft. Mit gutem Grund: Diese Ausgabe des Klima-, Nachhaltigkeits- und Zukunftstalks „gehört“ der neuen zweiten Vorständin des Unternehmens: Hildegard „Gitsch“ Aichberger.   

Manche Gespräche sind eben anders. Das ist gut so. Denn „anders“ fördert Achtsam- und Aufmerksamkeit: Die steigt, wenn man Routinen bricht. Im Alltag – aber auch in einer Talk-Sendung. Auf Seiten der Akteure ebenso wie beim Publikum.

Nehmen wir beispielsweise dieses Format, „Freitag in der Arena“: Im Zuge der 17 bereits existierenden Expert*innengespräche über Nachhaltigkeit, Klimawandel und das Recht auf Zukunft, haben oekostrom-AG-Boss Ulrich Streibl und ich gelernt, einander die Bälle – also Frage, Einstiege und Einwürfe – quasi „blind“ zuzuwerfen. Ulrich ist der souveräne, charmante und mit einer klaren Botschaft („wir können die Klimakatastrophe abwenden, wenn wir endlich alle an einem Strang ziehen“) – Gastgeber. Ich bin der Zweifel, der Reibebaum – und hin und wieder hole ich die in Expert*innengefilde entschwebende Fachdebatten zurück auf Jedermensch-Boden. Das macht uns Spaß. Das funktioniert. Und zwar, meinen zumindest wir, richtig gut.

Die Rollenverteilung, wieso da „der Chef“ sitzt, ist leicht erklärt: Als wir mit „Freitag in der Arena“ begannen, war Ulrich noch Alleinvorstand der oekostrom AG. War also auch alleiniges Gesicht und Stimme des Unternehmens. Für die Markenbildung ist so ein Solo gut. Aber bei der Führung eines Unternehmens hat es auch Nachteile. Denn vereinfacht gesagt sehen vier Augen mehr als zwei – und ein Team arbeitet immer besser als einer allein: Man kann Arbeit aufteilen und erweitert den Horizont. Nicht nur wegen der gegenseitigen Kontrolle, sondern auch weil Dialog auf Augenhöhe befruchtet: Schon die alten Römer bauten ihr politisches System auf diesem Prinzip auf.

Ein Solo für die Vorständin

Dass Hildegard Aichberger seit Anfang Mai den zweiten Vorstandsessel der oekostrom AG bekleidet, muss hier aber nicht eigens erklärt werden: Das wurde sowohl „im Haus“ als auch in „der Presse“ ausführlich kommuniziert. Was dort – nachvollziehbar – nie erwähnt wurde: Dieses Prinzip der Kollegialität, also das Arbeiten auf gleichberechtigter Augenhöhe, bedeutet auch, dass nicht mehr nur Ulrich bei „Freitag in der Arena“ Gästen auf den Klima-Zahn fühlen wird, sondern auch die neue Vorständin.

Und falls Sie sich fragen, wieso ich immer kumpelhaft von „Ulrich“ spreche, Aichberger bisher aber nur mit Vor- und Zunamen erwähnte: „Hildegard“ wäre zwar nicht falsch – aber auch ganz zutreffend. Denn niemand nennt Hildegard Aichberger so. Alle Welt sagt „Gitsch“. Das sei, sagt Gitsch, einfach so. Und zwar sei sie ein Kind war.

Was an diesem Talk dann „anders“ war, war, dass Ulrich Gitsch die Bühne zur Gänze überließ. Ganz bewusst – und mit Gründen: Männer maßen sich nämlich immer noch viel zu oft an, über oder für Frauen zu sprechen. Und auch wenn darüber, dass „die Neue“ keinen Für- oder Vorsprecher braucht, um zu erzählen, wer sie ist und wofür sie steht, keine Sekunde nur der geringste Zweifel bestand, geht es gerade in solchen Fragen immer auch um Zeichen. Um die Symbolik. „Ich sage Hallo, stelle sie vor – und ab dann ist es ihre Sendung,“ hatte Ulrich vorab gesagt.

Die Balance zwischen persönlich und professionell

Dass Gitsch das kann, auch kann, bewies sie ab der ersten Arena-Sekunde. Nicht nur weil sie fachlich überzeugt und firm ist.  Sondern vor allem weil sie „echt“ ist. Spricht, ohne sich zu verstellen. Weil sie die Kunst des Plauderns vor Mikrofonen und Kameras, diese Balance zwischen persönlicher Authentizität und professioneller Sachlichkeit, nicht schauspielert, sondern ist wer und wie sie ist. Derlei kann man – oder frau – nicht lernen: Das hat man – oder hat es nicht. Gitsch hat es:

„Es fühlt sich an wie heimkommen“, beschrieb sie das Gefühl bei der oekostrom AG anzudocken. „Ich komme zu etwas zurück, was lange mein angestammtes Gebiet war.“

Klar, auch weil es um Umwelt-Agenden geht. Aber auch, weil die oekostrom AG nicht nur eine Firma, nur ein Job ist: „Die oekostrom AG ist ein Unternehmen, das ein Anliegen hat.“

Gitschs Lebenslauf erklärt das „Heimkommen“: Sie studierte an der BOKU, war dann beim WWF, hob die ORF-Umweltinitiative „Mutter Erde“ aus der Taufe und war zuletzt bei der Caritas. Eine „NGO-Vita“ par excellence. Und obwohl die oekostrom AG keine NGO sondern eine Firma ist und hier deshalb andere Regeln gelten, gilt: Diese Firma ist nicht bloß ein Energieprovider, sondern einer mit Mission und Botschaft: „Im Marketing-Sprech würde ich ‚Impact Brand‘ sagen. Also ein Unternehmen, das es gibt, um etwas zu erschaffen. Natürlich wollen wir wirtschaftlich erfolgreich sein. Aber im Innersten geht es darum, dass wir die Energiewende vorantreiben.“

Insofern, so Gitsch, sei dieses Anliegen „das Gleiche, das ich in einer NGO gespürt habe.“ Auch die Parallelen der Geschichte vieler NGOs und der oekostrom AG, seien frappant: Das Unternehmen gibt es seit 20 Jahren – so wie viele Umweltgruppen auch. Doch von der Info- und Lobbyarbeit kommt Gitsch nun ins „Schaffen“:

„Jetzt geht es darum in den ‚full mode‘ zu gehen: In zehn Jahren soll der gesamte Strom aus den Erneuerbaren kommen.“

Und hier offenbare sich der Unterschied zwischen Bewusstseinsbildnern und Energieunternehmen: „Hier geht es ums Tun. Da bin ich am besten aufgehoben in einem Unternehmen, das etwas macht. Das Windräder baut, das Solaranlagen baut, das Menschen unterstützt, selber Teil der Energiewende zu werden.“

Ein symbiotisches Duo

Spannend sei aber auch die Konstellation des Vorstandes: Ulrich Streibl kommt ja aus der Energiebranche. Hat unter anderem eine Mineralöl-Vergangenheit, saß also lange Zeit auf der „gegnerischen“ Bank. Aichberger dagegen war immer „umweltbewegt“. Doch die sehr unterschiedlichen Backgrounds sind ein Asset, ist Gitsch überzeugt:

„Ich glaube, dass Ulrich und ich Vieles haben, wo wir uns ergänzen. Es gibt viele Eigenschaften, die er mitbringt, die ich nicht habe und umgekehrt. Was uns aber eint: Wir sind beide Klimaschützer.“

Und das von ganzem Herzen. „Wir kommen sehr gut zusammen, haben die gleiche Vision. Plus: Wir haben Spaß an der Arbeit und kommen menschlich gut miteinander aus.“

Dazu käme der Glaube an den USP des Unternehmens oekostrom AG: Das Wissen, an einem Projekt zu arbeiten, das ohne „aber“ und „Kleingedrucktem“ agiert und prosperiert: „Wir verkaufen nicht grünen Strom als EIN Produkt, sondern wir verkaufen NUR grünen Strom. Das ist der große Unterschied.“ Anderswo könne man sich zwar für Grünstrom entscheiden – aber dafür bekämen dann eben andere Kunden des gleichen Unternehmens umso mehr Strom aus Nicht-Erneuerbaren, nicht eindeutig nachvollziehbaren, sogenannten „grauen“ Quellen.

Reden wir über den Mehrwert

Und dann gibt es noch den „Mehrwert“, die Mission – das Mehr-als Energie-erzeugen-und-verkaufen: „Wir versuchen, Rahmenbedingungen zu verändern. Da gibt es viele Beispiele, wo wir die ersten waren. Die zum Beispiel im Bereich Strom-Kennzeichnung viel entwickelt haben. So wie jetzt bei der Biogas-Kennzeichnung. Das sind Rahmenbedingungen, die alle betreffen und die die Welt ein Stück weit besser und klimafreundlicher machen.“

Dazu käme die Überzeugungsarbeit. Die „Mission“, dass Klimaschutz machbar ist: Für 60 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sind Klima- und Umweltschutz zentrale Themen. Sie anzusprechen, sie abzuholen, ihnen mit einer Vision entgegenzutreten, nennt Gitsch eines ihrer wichtigsten Ziele.

Etwa den Energiewandel als Chance zu „framen“ – eine Chance, die auch Jobs schafft: „Fossile Energie bedeutet, die Wertschöpfung, die Arbeitsplätze liegen irgendwo im Ausland. Erneuerbare Energie schafft normalerweise regionale und hochwertige Arbeitsplätze. Das ist etwas, das Menschen begeistern kann und wo sie mitkönnen.“

Das gelte auch für den Wunsch nach einer sauberen Umwelt – und den Traum, dazu selbst etwas beizutragen: „Kann ich mir vielleicht ein Solarkraftwerk aufs Dach bauen? Kann ich Teil davon werden? Kann ich ein Elektroauto anschaffen?“ Wo es heute noch Unsicherheiten, mitunter auch Vorbehalte und Ängste gebe, sieht Gitsch ein weiters Feld an Aufgaben – und Möglichkeiten. Für sich als Vorständin – aber auch für die oekostrom AG. Und das unabhängig davon, ob Menschen einfach nur am Thema „Erneuerbare“ interessiert seien oder als oekostrom AG-Kunden schon Teil der Energiewende sind, ob sie eventuell als „Prosumer“ (etwa als Betreiber kleiner Dach-Solaranlagen) sogar Strom liefern wollen oder Aktionäre der oekostrom AG sind – oder das in Zukunft vielleicht sein wollen: Dass sich der Wert der oekostrom AG-Aktie seit dem Börsengang verdoppelt habe, sei ja kein Zufall, sondern ein Zeichen.

Das Windrad-Signal

Und Zeichen und Signale, weiß Hildegard Aichberger, sind wichtig. In allen Belangen des Lebens – und manchmal gehe die Botschaft über die Ästhetik: „Es ist gut, dass Windräder sichtbar sind. Das ist ein wichtiges Signal. Auch wenn ich sie nicht unbedingt immer schön finde, sind sie mir lieber als ein vergrabenes Atommüll-Endlager: Dieses Sehen hat eine Funktion. Es erinnert daran, dass wir Energie verbrauchen und dass wir Energie auch produzieren müssen.“ Denn bis 2030 bei 100 Prozent erneuerbarem Strom zu sein, ist keine leichte Aufgabe. Für die Politik, für Produzenten und Unternehmen aber auch die Gesellschaft gelte daher umso mehr, dass nur mit Transparenz Ängste und Wiederstände ausgeräumt werden könnten. Und Signale, wiederholt Gitsch, sind in diesem Prozess wichtig.

Genau da, sagt sie, schließe sich der Kreis zu ihren NGO-Wurzeln wieder: Aus der weiß sie, dass Menschen vor allem dort gegen etwas – oder auch gegen Menschen – sind, wenn sie es oder sie nicht sehen. Nicht kennen. Nie Kontakt damit haben. Überspitzt gefragt: Sind Windräder sind Flüchtlingen vielleicht gar nicht unähnlich?

Gitsch lacht, nickt aber auch: „Ja, ich glaube, das ist immer ein Kommunikationsthema. Es gilt vor allem aufzuklären. Über das gemeinsame Ziel und den eigenen Nutzen.“ Das sei zwar nicht immer einfach – aber lohnend. Und möglich. Gerade für ihre neue Heimat.

Denn der immense Vorteil, den die oekostrom AG habe, sei ihre Glaubwürdigkeit. Weil sie nicht einfach eine stromproduzierende und -verkaufende Firma ist, sondern ihre Wurzeln dort hat, wo auch Gitsch herkommt: In der Umweltbewegung.

Und genau das macht jenen Unterschied aus, den Hildegard Aichberger meint, wenn sie sagt, wie es sich anfühlt, bei er oekostrom AG zu arbeiten: „Es ist wie heimkommen.“

Key message von Hildegard Aichberger

„Die oekostrom AG fühlt sich für mich wie Heimkommen an. So ist es wirklich. Ich freue mich über das Team-Gefühl, über das gemeinsame Wollen. Das ist etwas, das ich aus meiner Zeit im Umweltbereich kenne. Ich sehe, dass sich ganz besondere Menschen für Umwelt- und Klimaschutzthemen begeistern. Es ist etwas Schönes, da Teil sein zu dürfen – und das in der Arbeit zu spüren. Das macht wirklich viel Freude.“

Tipp am Freitag von Hildegard Aichberger

„Mein Tipp dreht sich um nachhaltige Geldanlagen: Wie wir unser Geld anlegen, macht einen großen Unterschied. Auch wenn wir vielleicht nicht so viel Geld haben, dass es die Welt bewegt. Aber wenn es viele Menschen tun, macht es einen Unterschied, ob wir in nachhaltige Industriefirmen oder in fossile oder nicht nachhaltige Technologien investieren. Es ist wichtig, sich zu überlegen, wie man sein Geld anlegt.“

 

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.