Freitag in der Arena #2: Anita Malli

 

23. Oktober 2020: In dieser Folge unseres Podcasts „Freitag in der Arena“ sprechen Ulrich Streibl und Tom Rottenberg mit Anita Malli. Sie ist Geschäftsführerin der Umweltinitiative MUTTER ERDE, ein Zusammenschluss des ORF und der führenden österreichischen Umwelt- und Naturschutzorganisationen. Das Ziel der Organisation ist es, Bewusstsein für die drängenden Umweltthemen und die Klimakrise zu schaffen. In dieser Folge geht es um die Kommunikation von Klimawandel, zivilgesellschaftliche Bewegungen in der Klimakrise und welchen Beitrag die Wirtschaft leisten muss.

Überall spricht man von der Klimakrise. Warum sind wir trotzdem so weit von den Zielen entfernt?

Sozialpsychologen zufolge geht es bei diesem Thema um die persönlichen Einschnitte. Wir sind Gewohnheitstiere und es fällt uns schwer, neue Ideen und Herangehensweisen im Alltag zu verankern. Wir suchen grundsätzlich eher nach Sicherheit und wollen uns nicht aus unserer Komfortzone wagen. Obwohl wir wissen, dass wir entweder change by disaster oder change by design erleben werden, fällt es uns immer noch schwer, die nötigen Veränderungen anzugreifen – aus Angst, etwas zu verlieren.

Nehmen wir uns als Gesellschaft im Hinblick auf den Klimaschutz zu viel vor?

Es gibt keine Alternative, denn jetzt sind wir mit Kurs auf den Eisberg unterwegs. Aber wir haben noch Zeit, ihm auszuweichen und es geht darum, eine Klimakatastrophe zu verhindern. Unser Wirtschaftssystem ist jedoch unglaublich rigide und Unternehmen verdienen immer noch sehr viel Geld mit fossilen Energien. Diese Unternehmen werden versuchen, die fossilen Rohstoffe bis zur letzten Sekunde zu nutzen.

Was können wir tun, damit wir schneller vorankommen?

Bei diesem Thema ist die Fridays For Future Bewegung extrem hilfreich, da sie viele Menschen mitreißt und das Thema Klimakrise in seiner Dringlichkeit anspricht. Es braucht dieses zivilgesellschaftliche Engagement, aber natürlich auch Politiker*innen weltweit, die die Klimakrise ernst nehmen. So wurde z. B. der Green Deal verabschiedet, der sicher aufgrund des Druckes der Bewegungen rascher umgesetzt wurde. Auch die österreichische Bundesregierung hat sich ambitionierte Ziele gesetzt, um bis 2040 klimaneutral zu werden, was sicher eine Konsequenz dieser Bewegung ist. Es braucht außerdem einen Dialog zwischen den Gruppen – Zivilgesellschaft mit der Wirtschaft und den NGOs, denn es gibt noch viele Missverständnisse untereinander.

Erreicht die Klimakommunikation alle? Oder nur Unternehmen, Regierungen und engagierte Jugendlichen?

Laut unserer Studie interessieren sich 87 % der Österreicher*innen für das Thema Klimaschutz. Man muss jedoch unterscheiden zwischen Menschen, die einen hohen Bildungsabschluss und ein höheres Einkommen haben. Die sogenannte Verantwortungselite kennt sich mit dem Thema aus und ist in der Lage, über die großen Hebel zu sprechen. In anderen Milieus braucht es andere Antworten.

Bei Corona wurden Maßnahmen sehr rasch umgesetzt. Bei der Klimakrise ist das Verständnis für die Langfristigkeit nicht da.

Bei so großen gesellschaftlichen Entwicklungen bahnt sich oft lange etwas an und irgendwann ist es unausweichlich. Ich glaube, dass das Thema Klimakrise in den nächsten 10 Jahren noch viel mehr Druck bekommen wird. Denn in diesen 10 Jahren wird sich entscheiden, ob wir die Klimakrise lösen oder nicht. Auch die Rolle der Wissenschaft trägt maßgeblich dazu bei, das Thema noch besser zu erklären und den Menschen näher zu bringen. Das haben wir auch während der Corona-Krise gesehen.

Gibt es Handlungsanleitungen, wie ich im Kleinen etwas tun und auch das Mindset von meinem Umfeld verändern kann?

Durch das Projekt „Family Challenge“, das wir gemeinsam mit Zero Waste Austria durchgeführt haben, haben wir gesehen, dass man auch auf der kleinen Ebene etwas verändern und andere beeinflussen kann – egal ob beim Thema Ernährung, nachhaltiges Reisen oder Green Finance. Natürlich braucht es die großen Hebel. Aber wenn wir alle dazu beitragen, ist das Unverständnis umso größer, wenn die großen Player nichts oder zu wenig tun.

Wie können wir es schaffen, dass die Wirtschaft einen größeren Beitrag in Richtung Umwelt und Klima leistet?

Viele Unternehmen tun das schon, im Lebensmitteleinzelhandel wurden beispielsweise schon Initiativen angekündigt. Das hängt stark mit dem spürbaren Druck von den Kund*innen zusammen. Es braucht in der Hinsicht zum einen Innovationen und zum anderen Förderungen. Konkrete Rahmenbedingungen von der Politik sind auch enorm wichtig. Ich glaube, dass die gesamte Gestaltung der Klima- und Umweltpolitik für die Wirtschaft viel mehr Chancen als Risiken birgt.

Woher muss der Mut für Veränderungen kommen?

Ich glaube, dass der Mut bei großen Veränderungsprozessen immer von Einzelnen ausgeht. Es sind inspirierte Einzelne, die die Welt aus den Angeln heben. Für diese Menschen ist es auch nicht zu anstrengend, sich einzusetzen und die Dinge zum Besseren zu verändern. Wenn man sich mit Veränderungsprozessen beschäftigt, muss man in gewisser Weise ein rebellischer Geist sein.

Wie siehst du die Entwicklung Europas im Hinblick auf die Lösung großer Fragen wie die Klimakrise?

Natürlich wäre es besser, wenn wir auf Ebene der UNO oder zumindest auf europäischer Ebene Lösungen finden würden. Der Green Deal ist ein Versuch, auch in diese Richtung etwas weiter zu bringen. Wenn wir uns die osteuropäischen Staaten bei diesem Thema ansehen, ist das natürlich verheerend. Letztlich könnten diese Staaten aber aufgrund einer ökonomischen Notwendigkeit einlenken müssen – wenn z. B. fossile Energien eines Tages viel zu teuer sein werden und es klüger ist, auf Erneuerbare zu setzen. Hoffentlich ist dann noch genug Zeit.

Key Message aus diesem Talk von Ulrich Streibl

Es sind immer einzelne Menschen, die etwas tun, inspirieren und andere mitreißen. So zum Beispiel Anita – sie hat den Bogen von der individuellen Verantwortung bis hin zur Politik großartig gespannt.

Tipp am Freitag von Anita Malli

Ich finde Simon Sinek, ein Kommunikations-, Marketing- und Organisationsentwickler, besonders inspirierend. Er beschäftigt sich mit großen Veränderungsprozessen in Organisationen und in der Gesellschaft. Ich empfehle seine Bücher und YouTube Videos – ein extrem witziger, kurzweiliger Zeitgenosse.

 

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Katharina Steinbichler ist bei der oekostrom AG in den Bereichen PR, Kommunikation und Social Media tätig und sorgt dafür, dass die Nachhaltigkeitscommunity weiter wächst. Auch privat zieht sich der grüne Lifestyle durch ihr Leben, denn spätestens seit dem Schnorcheln durch abgestorbene Korallenriffe auf Bali ist ihr klar: Sie muss etwas gegen den Klimawandel tun! Mit welchen kleinen Schritten jeder Einzelne etwas bewirken kann schreibt Katharina auf dem Blog der oekostrom AG.