Freitag in der Arena #20: Andrea Fronaschütz

freitaginderarena, Foto: Reinhard Schmid
Andrea Fronaschütz ist Leiterin des Gallup Instituts.

2. Juli 2021, Tom Rottenberg: Gast der 20. Folge von „Freitag in der Arena“ ist Andrea Fronaschütz. Die Chefin des Gallup-Institutes verrät, wieso die Politik sich oft nicht traut, mehr als kosmetische Klimapolitik zu betreiben.

Irgendwann geht fast jedem und fast jeder Medien- und Politikkonsument*in ein Licht auf: Das, was Politiker*innen als ihre ehrliche, unumstößliche und aus tiefstem Herzen kommende Meinung bezeichnen, ist meist längst nicht so in Fels gehauen, wie es in Interviews und Sonntagsansprachen dargestellt wird. „Situationselastisch“ nannte das ein ehemaliger Minister einmal Moment. Den Mann gibt es, politisch gesprochen, nicht mehr: Er war wohl zu ehrlich.

Dieser Erkenntnis schließen sich Fragen an: Wie und wann verschieben sich Politiker*innen-Überzeugungen? Was bestimmt den momentanen Standpunkt? Worauf basiert er? Wie ticken und arbeiten die, die die Grundlagen für Polit-Standpunkte liefern?

Wer all das verstehen will, schaut – traditionell – „nach Amerika“. Nicht zuletzt, weil sich all diese Mechanismen anhand US-amerikanischer Wahlkämpfe, aber auch mit Filme und Serien gut beschreiben lassen: Beispiele, wie Politiker*innen mitunter 180-Grad-Wendungen machen, weil aktuelle – mitunter im Stundentakt bei ihnen eintreffende – Meinungsumfragen sagen, dass „das Volk“ dies oder jenes denken, gibt es da zuhauf. Und das Sprichwort „Wag the dog“ ist – als Frage formuliert – fast ein Offenbarungseid: Wedelt der Hund mit dem Schwanz – oder doch der Schwanz mit dem Hund? Auf deutsch: Wer führt – und wer folgt?

Zielerfassung

Auch bei uns, in Europa, in Österreich, funktioniert Politik so. Mit objektiv nachvollziehbaren Gründen: Wollen Entscheidungsträger*innen ihre Zielgruppe erreichen, müssen sie wissen, wie die tickt. Was und wie sie denkt, was sie erhofft, was sie fürchtet – und wie sie erreicht werden kann. Ob man der Öffentlichkeit da einen zuckrigen Energydrink oder Änderungen der Verfassung schmackhaft machen will, macht da inhaltlich viel, methodisch aber wenig Unterschied: Es geht um Wording und Verpackung – und den richtigen Zeitpunkt. Je präziser und detaillierter man weiß, wie das Publikum denkt, je genauer man die eigene Aktion wie eine Reaktion darauf wirken lassen kann, umso geringer ist die Gefahr, etwas falsch zu machen.

Das Erheben der dafür nötigen Daten ist ein hochspezialisiertes, aufwändiger Geschäft – und ein „Markt- und Meinungsforschungsinstitut“ vor dem Firmennamen von Umfrage-Unternehmen steht, ist alles andere als Zufall: Markt orientiert sich an Meinung.

So tickt Österreich

„Wir wissen wie die Österreicher ticken“, lautet Andrea Fronaschütz‘ erster Satz im kurzen Vorstellungsvideo der aktuellen Folge von „Freitag in der Arena“. Und Fronaschütz‘ Gastgeber, oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl, weiß: Das ist keine Übertreibung. Denn Andrea Fronaschütz ist die Leiterin des österreichischen Gallup-Institutes – eines der ganz großen Markt- und Meinungsforschungsinstitute. Nicht nur, aber eben auch in Österreich:

„Wir können repräsentativ verbindlich die Haltungen, die Meinungen der Österreicher zu bestimmten Themen interpretieren – und können das auch der Politik, Unternehmen oder Institutionen erzählen.“

In diesem kurzen Statement steckt sehr viel. Auch der Grund, wieso Ulrich Streibl Fronaschütz in den Klima-, Zukunfts- und Nachhaltigkeitstalk der oekostrom AG in die Wiener Arena eingeladen hat: Weil Meinungsforscher ihren Auftraggebern nicht einfach Datenberge liefern, sondern diese auch auswerten und interpretieren – und sich daraus strategische Handlungsempfehlungen ableiten lassen. Ganz wie in den US-Serien.

Das Umweltbekenntnis

Dass das auch in Klima- und Umweltfragen relevant ist, liegt auf der Hand. Schließlich ist die Umwelt allen wichtig. Zumindest solange man an der Oberfläche bleibt. Wie es aber aussieht, wenn das nicht ohne Veränderung des eigenen Konsum- oder Mobilitätsverhalten, ohne Eingriffe oder sogar Einschnitte in die eigene Komfortzone umsetzbar ist, ist eine andere Frage: Doch nur davon hängt ab, ob Politiker*innen nur von grünen Wiesen und blauen Seen fabulieren – oder laut sagen, dass sich etwa Ölheizungen und ungezügelter Straßenverkehr mit den Pariser Klimazielen nicht vereinbaren lassen. Und es Regularien braucht:

Die Angst, dafür bei der nächsten Wahl abgestraft zu werden, ist der größte Bremsklotz der Klimapolitik.

Das Potenzial der Willigen

Andrea Fronaschütz weiß das. Denn sie hat und liefert jene Daten, die das Handeln, respektive das Zögern, der Politik auslöst. Auf den ersten Blick erzählte sie auf der Bühne der Arena, schaue alles fein aus: Umweltschutz ist den Österreicher*innen wichtig. „Wir haben ungefähr 13, 15 Prozent tatsächlich Aktive. Personen, die in einer Organisation engagiert sind oder sie unterstützen: Die Engagierten.“ Ihnen gegenüber stehe ein Fünftel, das sage: „Klimaschutz ist mir nicht wichtig.“ Dazwischen liegt das Potenzial der Willigen. „Knapp 60 Prozent, die sagen: Ja, Umwelt ist mir wichtig, Klimaschutz ist mir wichtig. Ich versuche darauf auch in meinem täglichen Handeln einzugehen – wenn sich die Möglichkeit bietet.“

Hier wird es spannend: „Wenn sich die Möglichkeit bietet“ kann Vieles bedeuten. Zuallererst ist es eine Chance. Die Möglichkeit, Menschen abzuholen. Denn die Bereitschaft mitzumachen, beantwortet die Meinungsforscherin Ulrich Streibls Frage, ob die Willigen in den letzten Jahren mehr geworden sind, steige. „Das hängt mit Erfolgserlebnissen zusammen. Wir haben gelernt, Müll zu trennen. Wir haben gelernt, Papier zu sammeln. In Österreich sind viele kleine Schritte bereits gegangen worden.“

Ulrich Streibls „Aber“

Klingt gut – und ist es auch. Nur gibt es da ein „Aber“, hakt Ulrich Streibl ein. Solche sichtbaren Erfolge ermutigen, tangieren den eigenen Komfort aber nicht – und bringen zu wenig: Altpapier in den Container zu werfen verändert Konsumverhalten und Klimabilanz kaum nachhaltig: „In den letzten 30 Jahren war Österreich in der Umwelt- und Klimapolitik nicht erfolgreich: Wir haben CO2 Levels, die stagnieren. Wir gehen kein bisschen runter, obwohl alle sagen, wir tun was für Klima und Umwelt. Wir sammeln Plastik aus dem Müll, recyceln aber in Wahrheit nur 14 Prozent davon. Sehen Sie das auch in ihren Umfragen?“

Andrea Fronaschütz nickt: Ihre Daten besagen, dass die Österreicher*innen „wahrscheinlich bereiter wären für Rahmenbedingungen und für Maßnahmen, als tatsächlich in der Realität umgesetzt sind.“ Was die bewusst neutral formulierende Meinungsforscherin damit sagt: Die Politik traut sich trotz „guten“ Datenlage nicht, über effiziente Gesetze. Wieso?

Diesmal zeigt Fronaschütz in die USA: „Schauen Sie sich Joe Biden an. Der ist sofort in den Umsetzungsmodus gegangen. Warum? Weil er nicht damit rechnet, sich einer zweiten Wahl stellen zu müssen: Er schielt auf keine Wiederwahl.“ Auf Umwelt-Umfragen und Österreichs Bevölkerung umgelegt: Sich in einer Umfrage für strengere Maßnahmen auszusprechen ist das eine – sich im Umsetzungsfall dann aber bei der nächsten Wahl nicht für damit eventuell einhergehende Einschränkungen zu „revanchiere“ das andere. Unwissenschaftlich formuliert: Nicht nur Politiker*innen ist das Hemd (als die Wiederwahl) näher als der Rock (die Zukunft) – auch Wähler*innen reagieren oft kurzsichtiger als sie es selbst wahrhaben wollen.

Die Daten hinter den Daten

Derlei zu erkennen und es auch aus augenscheinlich engagierten – und absolut ehrlich gemeinten – Antworten herauslesen zu können, gehört im Metier der Markt- und Meinungsforscher auch zu dem, was „der Kunde“ (egal ob Markenartikler oder politischer Player) erwartet – und bekommt: Welche Ergebnisse veröffentlicht werden, obliegt dem Auftraggeber – und was der kommuniziert ist logischerweise meist nur jene „Spitze des Eisberges“, die seinen Absichten weiterhilft. Nicht nur, weil die Fülle aller Daten das Publikum „erschlagen“ würde, sondern auch weil die hinter den Oberflächenergebnissen liegenden Erkenntnisse für Strategie und Planung oft mindestens so wichtig sind, wie das „öffentliche“ Ergebnis einer Umfrage.

Und das wirft dann eine zentrale Frage auf: Die der Objektivität. Schließlich tragen Fragestellung und Art der Auswertung massiv zu dem bei, was dann als Ergebnis vorliegt – und eventuell in einer Handlungsempfehlung mündet: Auch Markt- und Meinungsforscher*innen sind Menschen. Und Menschen haben persönliche Standpunkte und Meinungen.

Wissenschaft, nicht Orakelei

Andrea Fronaschütz widerspricht: Genau das trenne Wissenschaft von Orakelei oder „nach dem Mund reden“: „Wir sehen Zahlen an, wie sie kommen. Wir versuchen, sie dann zu interpretieren. Das ist in vielen Fällen sehr gut möglich, weil Zahlen sehr plausibel sind, wenn man weiß, welche Motive, welche Akzeptanz, welche Ängste in der Bevölkerung sind. Da wir sehr viele Umfragen machen, laufen bei uns permanent Erkenntnisse aus hunderten anderen Studien mit hinein. Das hilft bei den Erklärungsansätzen: Wir stehen ganz selten vor einer Zahl, wo wir uns sagen: Schwierig zu erklären.“

Darum könne sie auch Ulrich Streibls Frage nach „Hemmnissen“ im Bereich der Umweltschutzbereitschaft der Befragten klar antworten: „Die liegen in erster Linie in Angst vor dem Verzicht, in der Angst grundlegender Verhaltensveränderungen, die mit unangenehmen Konsequenzen verbunden werden.“ Angst vor Verzicht, weiß man aus der Psychologie, werde auch durch das Versprechen von Zugewinnen an Lebens- oder gar abstrakt-ferner Zukunftsqualität schwer, – genauer: kaum bis gar nicht – aufgewogen.  Was dann wiederum den Mut der Politik, nachhaltige Maßnahmen zu setzen … und so weiter.

Ein Beispiel? Verkehr

Wer konkrete, griffige Beispiele suche, brauche sich nur den Eiertanz beim Themenfeld Klimawandel und Mobilität anzusehen:

Dass Mobilität der größte Klimakiller ist, ist unumstritten.

Dass Maßnahmen wie CO2-Steuern nach dem Verursacherprinzip da zu massiven Änderungen des Mobilitätsverhaltens und damit sogar kurzfristig zu einer Erhöhung der Lebens- und Luftqualität in den Städten führen würden, auch.

Aber die „heilige Kuh“ PKW, das Recht auf freie Fahrt für (fast) alle steckt eben tief in der sozialen DNA.

Kommunikationsaufwand und Erklärungsbedarf für Maßnahmen seien gewaltig – und das Risiko, nicht gehört, verstanden oder akzeptiert zu werden, groß, erklärt Fronaschütz: Da traut sich kaum ein*e Politiker*in drüber, der oder die wieder gewählt werden will. Noch.

Aber langsam, betont die Gallup-Chefin, verändere sich da doch Einiges. Und ob der Schwanz mit dem Hund wedle oder der Hund mit dem Schwanz sei dann, wenn sich etwas ändert oft eine akademische Frage:  Was in Umwelt- und Klimafragen zählt, ist auch die Bewegung an sich.

Darüber, dass da jeder und jede auch mit kleinen Beiträgen zum einen tatsächlich für „Impact“ sorgen kann, der in Summe sehr wohl relevant ist, zum anderen aber auch andere zum Mitmachen ermuntern könne, waren sich Gallup-Chefin Andrea Fronaschütz und Ulrich Streibl einig.

Key message von Ulrich Streibl

In den Reden von Greta Thunberg hört man immer wieder etwas ganz Zentrales. Greta sagt: „Wir wissen seit 30 Jahren, dass wir ein Umwelt- und Klimaproblem haben. Und es ist so wichtig, dass diese Daten und Fakten ins Bewusstsein der Bevölkerung kommen.“

Ich sehe in Umfragen auch, dass das Klima- und Umweltthema in den letzten Jahren sehr, sehr stark im Bewusstsein zugenommen hat. Wenn 70 Prozent empfänglich sind, dann ist das etwas Positives.

Auf der anderen Seite sehe ich eine in weiten Teilen unglaublich zögerliche Politik. Ich sehe großes Bremsen von Teilen der Wirtschaft.

Ich hoffe, dass sich das, auch basierend auf den Umfragedaten, bald erledigt. Weil die Umwelt ist das, worin wir leben. Da soll keine schmutzige Luft in den Städten sein. Da sollen keine verdreckten Flüsse sein, da sollen keine toten Wälder sein. Das ist ganz banal. Aber da will ich hin.

Tipp am Freitag von Andrea Fronaschütz

Mein ‚Tipp am Freitag‘ wäre an die Österreicherinnen und Österreicher, die wir ja repräsentativ erheben, sich genau zu überlegen, wie es auf der einen Seite um Versprechungen aussieht – sei es vonseiten der Politik, vonseiten der Unternehmen, vonseiten der Institutionen – und dem wahrnehmbaren Umsetzen oder Einhalten solcher Versprechungen: Schärfen Sie Ihre persönliche Aufmerksamkeit dafür – und halten Sie sie geschärft.“

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.