Freitag in der Arena #21: Valerie Hackl

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Valerie Hackl ist Geschäftsführerin der Austro Control GmbH. (Foto: Reinhard Schmid)

16. Juli 2021, Tom Rottenberg: Valerie Hackl ist Geschäftsführerin der Austro Control GmbH und mit ihrem Team verantwortlich für einen sicheren, effizienten und möglichst umweltschonenden Flugverkehr im österreichischen Luftraum. Im Podcast spricht sie über die mögliche Dekarbonisierung des Flugverkehrs, Eigenverantwortung von Konsument*innen und darüber, warum ihrer Meinung nach „Flugscham“ zu kurz gedacht ist.

Natürlich gibt es da ein Kernthema: Die Frage, ob Fliegen nachhaltig oder klimaverträglich sein kann. Schließlich gehören Begriffe wie „Flugscham“ mittlerweile zum alltäglichen Wortschatz – und die Frage wieso und wie lange die Befreiung von Kerosin- und anderen Steuern der Luftfahrt noch einen unfairen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Bahn und anderen weniger Schadstoffe emittierenden Verkehrsmitteln geben sollen, können und dürfen, taucht in so gut wie jeder Verkehrs- Umwelt und Klimadebatte auf.
Wenn sich da eine Frau zu Ulrich Streibl und mir auf eine der Talk-Couches des oekostrom AG-Klimadiskussionsformates „Freitag in der Arena“ setzt, deren Job es ist, den Luftverkehr über Österreich sicher und reibungslos zu gestalten, dann ist das also per se spannend: Dass Valerie Hackl als Chefin der „Austrocontrol“ sich für Reduktionen oder gar Verbote des Flugverkehrs oder massive Steuererhöhungen für ihre „Kundschaft“ aussprechen würde, war nicht zu erwarten. Aber wie würde die Frau, die immerhin, wenn auch nur für wenige Tage in einer Übergangsregierung im Sommer 2019, Verkehrsministerin der Republik war, das wohl argumentieren?

Vom Zug zum Flieger

Erst recht bei ihrer Vorgeschichte: Bevor Hackl zur „Austrocontrol“ wechselte und sich damit den Jugendtraum der Fluglotsin gleich mit dem Sprung in den Chef*innensessel erfüllte, war sie nämlich drei Jahre lang Vorstandsmitglied der ÖBB Personenverkehr AG. Und zeichnete dort unter anderem für eines jener Konzepte verantwortlich, mit denen die Bahn versucht, dem überbordenden Flugverkehr zumindest ein wenig Paroli zu bieten: Mit schnellen Nachtzügen quer durch Europa.

Muss man – in dem Fall Frau – da also vom Paulus zum Saulus, rückkonvertierten? Braucht es dafür Verrenkungen und, wie man in Österreich sagt „Positionselastizizät“? Oder gibt es plausible, nachvollziehbare und auch für klima- und nachhaltigkeitsfokussierte Menschen schlüssige Gründe, in einer global massiv in der Kritik stehenden Branche eine Schlüsselposition zu übernehmen? Dass oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl und ich da gespannt auf die promovierte Betriebswirtin, – das nur nebenbei – in ihrer Jugend rhythmische Sportgymnastin auf absolutem Spitzenniveau und, sie schon erwähnt, Kurzzeitministerin warteten, überrascht also nicht.

Doch auch wenn Hackl in ihrem Eingangs- und Vorstellungsstatement selbst gleich sagte , sie wolle „heute einen Beitrag leisten, um auch zu erläutern, was wir tun, um die Luftfahrt nachhaltiger zu gestalten“, hatte ich zunächst eine ganz andere Frage. Schließlich sind wir ja in Österreich …

Hier, im einstigen Kakanien, sind Titel, Anrede und Etikette nämlich immer noch wichtig. Es gibt über 200 Titel, die rechtlich gesehen „Namensbestandteil“ sind. Auch wenn der Rest der Welt darüber schmunzelt haben „Hofrät*innen“,„wirkliche Hofrät*innen“ & Co daher einen Rechtsanspruch darauf, mit ihren Titeln angesprochen zu werden. Lebenslang. Auch Bürgermeister*innen, Präsident*innen und Minister*innen bleiben – titeltechnisch – was sie einmal waren. Eventuell steht dann ein „a. D.“ im TV-Insert – das steht für „außer Dienst“. Bei Veranstaltungen, bei direkter Anrede, fällt das aber weg.
Bei „Freitag in der Arena“ sind Ulrich und ich mit unseren Gästen per Du. Protokollarisch und rechtlich wäre aber „Ministerin“ (eventuell mit „a. D.“) korrekt. Aber „Du, Frau Ministerin“?
Valerie Hackl ist 39 Jahre alt – und hat internationale Job- und Studienerfahrung. Das ist gut: Sie weiß, wie skurril- und antiquiert das klänge. „Ich glaube, der Titel bleibt einem ein Leben lang, aber mit ‚Valerie‘ sind wir bestens aufgehoben.“ Banal? Absolut. Aber nur solange, bis ein Titelträger (in der Regel sind es Männer) daraus ein echtes Problem macht. Derlei passiert gar nicht so selten.

Das große Minus

Aber eine neue Generation an Entscheidungsträger*innen denkt und agiert eben anders. Und so war Valerie Hackl sehr rasch am Punkt. Erzählte von den coronabedingten Einbrüchen im Flugverkehr – und den Folgen für die Flugsicherung: Im März, im April gab es ein Minus von 90 Prozent zum „üblichen“ Flugaufkommen. Übers Jahr gerechnet waren es minus 70 Prozent – die Umsätze sackten von geplanten 290 Millionen Euro auf 146 Millionen zu liegen gekommen. Nur kann die Austrocontrol bei weniger Flugbetrieb nicht einfach weniger Lots*innen einsetzen: „Wir haben Betriebspflicht. Das heißt, wenn nur ein einziger Flieger am österreichischen Himmel fliegen wollte, braucht es die Fluglotsinnen und -lotsen, die sicherstellen, dass der Flug sicher über die Bühne gehen kann.“

Schon deshalb sei es im Interesse der Austrocontrol, „einen Sommer erleben zu können, wo man tatsächlich wieder fliegen kann. Wo Familien ihre Sommerurlaube wieder am Meer verbringen können.“

Betriebswirtschaftlich ist das natürlich nachvollziehbar. Aber klimapolitisch? Fliegen steht ja gerade symptomatisch für die Klimabelastung durch den Verkehr. Hackl sieht das anders: „Fliegen verursacht in etwa drei Prozent der CO2-Emissionen. Das ist etwas. Das ist nicht zu leugnen und nicht zu ignorieren. Aber drei Prozent ist nicht die Masse. Vor allem wenn man sich andere Formen der Mobilität ansieht. Den Straßenverkehr beispielsweise. Aber natürlich: Wenn man nicht fliegt, wenn keine Flugzeuge am Himmel sind, wird weniger CO2 ausgestoßen.“ Zahlen, über die tatsächliche Reduktion, bedauert die oberste Fluglotsin, habe sie allerdings noch keine. „Aber auch wenn der Flugverkehr jetzt wieder zurückkommt, sind wir bestrebt, dass wir da, wo es möglich ist, CO2 reduzieren.“

Die Chance dafür, antwortete Hackl als Ulrich Streibl fragte, wie nachhaltig die Reduktion der Flugbewegungen wohl sein könne, käme vor allem aus dem Geschäftsbereich. „Da hat man gelernt, auch ein Stück weit ohne das physische Meeting auszukommen.“ Doch an ein dauerhaftes „Learning“ glaubt sie da selbst nicht: „Langfristig glaube ich, dass es sich sehr rasch wieder normalisieren wird. Wir rechnen damit, dass mit 2024, 2025 wieder das Vor-Corona-Niveau zurückgekehrt sein wird.“

Klimahoffnung Flugzeug-Technik

Wenn weniger Fliegen also unrealistisch sei, setzte Ulrich Streibl nach, sei die Klimahoffnung wohl in der Technologie zu suchen. Oder? Doch leider: „Die Allzweckwaffe, um Kerosin zu vermeiden, ist noch nicht gefunden. Und ich vermute, das wird auch noch einige Jahre benötigen. Strom als Ersatz ist noch nicht im Wirkungsgrad da, wo er sein soll. Ähnlich mit Wasserstoff.“

Lediglich bei (kleineren) Drohnen funktioniere der Betrieb mit Elektromotoren bereits – aber da gebe es andere Probleme. Problem, die ursächlich in die Zuständigkeit der Austrocontrol fallen: Da immer mehr Unternehmen mit Drohnen arbeiten – etwa um Stromleitungen zu kontrollieren, demnächst ja vielleicht auch um Güter auszuliefern – brauche es Regularien. Zertifizierungen. Und Kontrolle: Das, so Hackl, sei eines der zentralen Themen ihrer Arbeit derzeit – wobei die Frage, ob oder ab wann „Drohnen-Taxis“ Menschen transportieren können, wohl noch länger nicht aktuell sein wird.

Taxiflüge? In einer Zeit, in der von Klimaschützer*innen immer wieder der Ruf nach dem Verbot von Kurzstreckenflügen kommt? Die Frage an die Ex-ÖBB-Personenverkehrsvorständin lag auf der Hand: Wie reist man da am vernünftigsten? Etwa von Graz nach Wien. Oder von Wien nach Innsbruck. „Für den Punkt-zu-Punkt-Verkehr wie Wien-Innsbruck macht es wahrscheinlich Sinn die Bahn zu verwenden: Die Infrastruktur ist sehr gut ausgebaut. Man ist in 4 Stunden 15 am Ziel. Man hat keine Umsteige-Notwendigkeiten. Es ist klimaschonend. Ich habe keine Übergänge, wo ich meinen Laptop aus-/einpacken muss, um arbeiten zu können. Da spricht vieles dafür, dass man die Bahn verwendet.“ Und weiter Distanzen, also die innereuropäische Mittelstrecke? „Sagen wir Wien-Berlin. Da gibt’s auch Bahnverbindungen, aber die Infrastruktur nicht so gut ausgebaut. Es ist eine Fahrt im zweistelligen Stunden-Bereich. Mit dem Flugzeug bin ich in einer Stunde am Ziel. Jetzt kann man diskutieren: Ist das eine Fahrt, die aus Klima-Sicht mit der Bahn stattfinden soll oder darf man da fliegen?“ Verbindliche Antwort will Hackl da aber keine geben: „Ich glaube es ist eine höchst persönliche Entscheidung.“ Und eine Entscheidung, bei der die Frage der Vernetzung der Verkehrsmittel wichtig sei: „Was mache ich auf der letzten Meile? Gibt es ein Taxi? Das wir in Berlin leicht sein. In Innsbruck auch. Aber wenn ich an einen abgelegenen Ort fahren muss? Da kommt dann das Auto wieder ins Spiel.“

Gegen Flugverbote

Und auch und obwohl der Beruf des Lotsen das Zuteilen verbindlicher Routen und Wege beinhaltet, wollte sie auch auf Nachfrage keine fixen Regeln empfehlen oder gar fordern: „Nach meinem Empfinden hat der Flug ab 500, 600 Kilometern seine Berechtigung. Dass man sich dann frei entscheidet, etwas anderes zu konsumieren, bleibt jedem überlassen. Ich bin keine Politikerin, daher habe ich die Freiheit, das so zu sagen.“
Darüberhinaus, so Hackl, hätte ein Inlandsflugverbot in Österreich wohl nur zur Folge, dass Innsbrucker statt von daheim aus von München nach Wien fliegen würden: Der Klimaeffekt wäre dann gleich Null, die Maßnahme also nur kosmetisch „wirksam“.

Ich hoffe, dass diejenigen, die sich fürs Fliegen schämen, sich genauso für das Automobil, das sie zu Hause haben oder vielleicht sogar mehrere Automobile – schämen.

Freilich geht’s gerade in dieser Diskussion auch sehr stark um Wahrnehmung: Die Flugscham-Debatte, meint Hackl, sei dafür symptomatisch. „Ich hoffe, dass diejenigen, die sich fürs Fliegen schämen, sich genauso für das Automobil, das sie zu Hause haben oder vielleicht sogar mehrere Automobile – schämen: Gerade im städtischen Bereich frage ich mich oft: Sind die vielen Autos, die da herumfahren, wirklich notwendig? Ich bitte, auch immer das größere Ganze zu betrachten: 3 Prozent der CO2-Emissionen sind der Luftfahrt zuzuschreiben – 18 Prozent sind auf die Straße zurückzuführen: Wir müssen überall hinschauen und uns dann auch wirklich stringent schämen.“

Heute hängt die Steuer auf dem Lohn. Die muss in Zukunft auf der Umweltverschmutzung liegen.

Oder über Bevorzugungen reden: Fliegen ist ja nicht zuletzt deswegen so populär, weil es billig ist. Zu Billig. Und dafür sorgen nicht zuletzt Steuerbefreiungen und Erleichterung die den Wettbewerb zwischen Bahn und Flieger geradezu grotesk verzerren. Das predigt oekostrom AG-Boss Streibl seit Jahren: „Um das richtig zu stellen, ist die Steuer notwendig. Genauso wie wir es ja beim Autofahren über die Mineralölsteuer tun, die ja letztlich eine Steuer auf die Schadstoffe, nämlich auf CO2 ist. Insofern müssen wir bei den Steuersystemen nachdenken, dass wir Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen mehr besteuern als heute. Heute hängt die Steuer auf dem Lohn. Die muss in Zukunft auf der Umweltverschmutzung liegen.“

Der große Steuervorteil

Hackl stimmte Streibl da grundsätzlich zu – relativierte aber im Detail: „Es ist richtig, Kerosin ist nicht besteuert. Und das ist natürlich ein Vorteil, ein Wettbewerbsvorteil. In dieser Diskussion wird aber außer Acht gelassen, dass die Luftfahrt ihre gesamte Infrastruktur selbst finanziert. Bei der Straße und bei der Schiene ist es so, dass die öffentliche Hand, in weiten Teilen in Europa jedenfalls das finanziert. Hier wird also subventioniert. Man muss den Fokus erweitern und schauen, was ist gerecht? Ist es nur die CO2-Emission oder wie muss man steuern, damit man den gewünschten Lenkungseffekt herbeiführt.“

Lenkungseffekte gibt – und braucht – es aber nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Zumindest in diesem Punkt waren wir drei uns auf der Bühne der Wiener Arena zu 100 Prozent einig. Auch, weil viele kleine, individuelle Maßnahmen oder Schritte in Summe dann auch einen spürbaren Effekt haben – ganz abgesehen davon, dass Bewusstsein für Kleines auch den Blick auf Großes schärft. Nicht zuletzt aus diesem Grund gibt es bei „Freitag in der Arena“ die Tradition, dass der Gast einen – möglichst persönlichen und konkreten – „Tipp am Freitag“ gibt.

 

Key message von Ulrich Streibl

Wir reden ja über das Fliegen – aber genauso über das Autofahren: Ich glaube es ist in der Gesellschaft, in der Politik, in der Wirtschaft ein neues Denken da. Das Denken, dass wir vermeiden müssen, CO2 zu emittieren. Ich glaube nicht dran, dass die neue Welt, die erneuerbare Welt eine des Verzichts sein wird. Sondern dass wir Dinge einfach anders tun müssen. Dazu braucht es ein paar Bewusstseinsentscheidungen. Dass man vielleicht nicht unbedingt über das Wochenende schnell nach Mallorca fliegen muss. Ich glaube, da gibt es schon Veränderungen. Aber grundsätzlich werden wir reisen, wir werden auch Individualreisen, wir werden Autos benutzen, wir werden Züge benutzen. Wir werden auch Flugzeuge benutzen.
Die werden technologisch aber anders funktionieren. Im Straßenverkehr merken wir das schon: Österreich hat schon zehn Prozent aller Neuzulassungen bei reinen Elektroautos. Da tut sich was. Bei den Zügen auch. Und es wird bei den Flugzeugen auch passieren. Valerie hat es angesprochen: Da sind technologische Entwicklungen auf dem Weg – aber das dauert ein bisschen. Und das Flugzeug ist wahrscheinlich das Transportmittel, das am letzten dann vollständig dekarbonisiert sein wird. Aber auch da gibt’s Ansätze.
Hinter uns haben wir eine große Raffinerie stehen. Die wird zukünftig wahrscheinlich nicht mehr nur Kerosin produzieren, sondern vielleicht synthetische Fuels, die aus nachwachsenden Rohstoffen kommen. Da gibt’s Technologien, die kommen schon. Und ich bin zuversichtlich, dass wir auch da den Umbruch schaffen.

Tipp am Freitag von Valerie Hackl

„Also ich empfehle da eine Organisation. Ganz jung, ganz neu, wahrscheinlich noch nicht bekannt. Sie nennt sich „Mobility Allstars“ und ist in Deutschland daheim. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, nahtlose, multimodale Mobilität zu fördern – in Österreich, in Deutschland und der Schweiz. Es geht da ums Weiterdenken, um die Vernetzung von Wissenschaft, Forschung, Praxisanwender*innen – und Politik. Dieser Think Tank will weiterdenken – und definieren, wie man jedem Verkehrsmittel seine Rolle zukommen lassen kann, damit eine nachhaltige Mobilitätswende möglich wird. Das ist das Abstrakte.
Die beständige Mahnung ans Klima zu denken und auch etwas zu tun ist aber sehr konkret: meine Tochter. Weil auch sie auf diesem Planeten eine gute Zukunft haben soll.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.