Freitag in der Arena #22: Nunu Kaller

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Nunu Kaller ist Konsumkritikerin, Aktivistin und Autorin. (Foto: Reinhard Schmid)

30. Juli 2021, Tom Rottenberg: Die pessimistische Pionierin die für Veränderung steht: In der 22. Folge von „Freitag in der Arena“ begrüßt oekostrom AG-Vorständin Hildegard „Gitsch“ Aichberger eine Vorreiterin des kritischen Konsums, die Autorin und Aktivistin Nunu Kaller.

 Natürlich hatte Nunu Kaller dann auch eine Menge zu sagen. Schließlich ist die wortgewaltige Autorin nicht ohne Grund eine der gefragtesten Rednerinnen, Kommentatorinnen und Diskussionspartnerinnen des Landes. Über Nachhaltigkeit, Konsumwahn, den schmalen Grat zwischen Zwang zum Verzicht, vernünftigem Einkaufsverhalten und der Befreiung von Ballast könnte Kaller nicht bloß Bücher schreiben, sie hat es getan – und tut es laufend.

Das, was in „Ich kauf nix!“ (2013), „Fuck Beauty“ (2018) und „Kauf mich! Auf der Suche nach dem guten Konsum“ (2021) steht, hat Hand und Fuß: Hildegard „Gitsch“ Aichberger und ich hätten mit Nunu Kaller über das, was uns in den Konsum- und Beautywahn treibt, weit länger plaudern können, als es das Zeitkorsett von „Freitag in der Arena“ erlaubt. Dort, in der 22. Folge des Klima- und Nachhaltigkeitstalk der oekostrom AG, ist die ehemalige Pressesprecherin von Global 2000 und einstige Konsument*innensprecherin von Greenpeace nämlich Gast von Gitsch und mir.

Zwei Herzen in der Brust

Kallers erstes Buch „Kauf nix“ beschreibt den Selbstversuch, ein ganzes Jahr keine neue Kleidung zu kaufen – und trotzdem zu „überleben“. In ihrem aktuellen Werk „Kauf mich!“ dreht sich alles um grünen, nachhaltigen, sauberen Konsum.

Das Jahr, das die Autorin in ihrem ersten Buch beschrieb, veränderte das Leben der Wienerin grundlegend: „In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Das eine ist ein fürchterlicher Gerechtigkeitsmensch. Und auf der anderen Seite habe ich Hedonismus, also die Mode-Tussi, auch gern. Und beim Themenfeld „Wie wird Kleidung produziert? Wo kommt sie her?“ haben sich diese beiden Teile getroffen. Das Thema ist zum Lebensthema geworden:

„Ich kaufe heute so gut wie ausschließlich Second Hand. Weil das ist die ökologischste Variante des Kleider-Konsums.“

Wobei das – räumt Kaller ein – nicht immer geht. Bei Sportbekleidung etwa. Aber auch da gibt es einen Plan B: „Wenn ich neu kauf, muss es gescheit produziert sein, fair, aus guten Materialien, die lang halten.“ Aber vor allem: Überlegt – nicht aus dem von Werbewirtschaft und Marketingprofis bespielten „will haben“-Impuls heraus.

Was ist „guter Konsum“?

Genau das, die Psychologie des Kaufens und Warenhamsterns, ist nämlich die Geschichte, die Kaller tatsächlich erzählt: Jahrelang habe sie –unter anderem als Konsumentensprecherin von Greenpeace – zu definieren versucht, was „guter“ und was „böser“ Konsum sei. Und dabei seien manche Unschärfen immer öfter aufgetaucht: Etwa, wenn Anrufer*innen stolz erklärte, sie hätten soeben „alles Plastik aus der Küche“ eliminiert – und fragten, was sie jetzt nachkaufen sollten. Nach außen habe Kaller da stets höflich geantwortet, gedacht habe sie da aber oft „Du bist schon ein bisschen ein Trottel, wenn du langlebige Produkte weghaust. Das ist das unökologischste, was du machen kannst.“

Aus der Grundfrage „was ist wirklich guter Konsum?“ sei dann eben ihr aktuelles Buch entstanden: „Ich erlebe das seit meiner Shopping-Diät: Leute sagen: „Ah, Hose aus Plastik“ oder „Ah, du hast Nikes an“. Diese Schuhe habe ich um 10 Euro Second Hand gekauft! Aber vor allem: „Shaming“ bringt nichts. Ich habe noch nicht eine Person erlebt, die durch Shaming ihre Konsumverhalten verändert hätte.“

Darum betont sie, schreibe sie auch keine „Ratgeber-Bücher“ für Menschen, die sich danach „gut“ nennen können wollen. „Das ist kein Buch, wo ich sage: Das sind die 10 Tipps.

„Mir geht es darum, dass die Leute anfangen nachzudenken. Weil dieses Ressourcen-Anschaffen in uns drinnen ist. Wir müssen akzeptieren, dass der Wunsch nach Reduktion ein permanenter Kampf ist.“

Anleitungen zur Nachdenklichkeit

Nachdenken, sich der Mechanismen, die uns beeinflussen, bewusst zu werden, bestätigte Gitsch Aichberger, sei, was sie aus Kallers Büchern „mitnehme“: „Wo ich erschrocken bin? Wie selten wir Kaufentscheidungen selbst treffen: Wenn ein Supermarkt die Einkaufswagen-Größe verdoppelt, kaufen die Leute signifikant um ein Fünftel mehr. Da reißt es mich.“

Wobei das nur eines von 1000 kleinen, manipulativen Details ist: Temperatur, Licht, Präsentationssreihenfolge der Ware – das sind noch die „einfachen“ Verkaufstricks. Und – speziell, wenn es um Schönheit geht – die permanente, unterschwellige Behauptung, dass Gesundheit, Glück und ewige Jugend von optischen Faktoren abhängen. Aichberger:

„Uns werden zuerst Defizit eingeredet, die dann Konsum beheben helfen sollen.“

Doch Wünsche an sich „böse“ zu nennen, lehnt Kaller ab: „Wir haben alle einen ästhetischen Anspruch. Es wird kritisch, wenn der dazu genutzt wird, mehr zu verkaufen, als man braucht: Wir Über-Konsumieren.“ Und lassen uns ganz gern belügen. Etwa weil Greenwashing-Zertifikate auch Sehnsüchte stillen.

Bringschuld der Industrie

Da Konsument*innen zu schulen, die Tricks zu durchschauen, zäume das Pferd aber von hinten auf, meint Kaller: Ich erwarte schlicht und einfach, dass Unternehmen das nicht mehr machen. Ich erwarte mir, dass Unternehmen und Konzerne sich ihrer Verantwortung wieder bewusstwerden.“ Aus Marketinggründen werde von Konzernen ja gerne suggeriert, Kund*innen hätten per Kaufentscheid die Macht Gut von Böse zu trennen. Bei genauerem Hinsehen eine freche Zumutung: „Der Riesenkonzern sitzt an Riesen-Hebeln und delegiert an den einzelnen Konsumenten und die einzelne Konsumentin: ‚Du kannst die Welt ändern’ – da hängt es mich aus.“

Was fehle, sei das Regulativ der Politik. Lieferketten-Verantwortung durch ein Lieferketten-Gesetz, verpflichtende Transparenz oder deutlich strengere Rahmenbedingungen etwa.

Dennoch stimme, dass jede Kaufentscheidung auch eine politische sei: „Wir haben eine politische Stimme. Die ist mehr, als ein Kreuzerl bei einer Wahl zu machen. Wir können politisch agieren.“ Was das bedeuten könne, zeigte Aichberger an einem Beispiel auf. „Energie ist auch etwas, wo man eine bewusste Kaufentscheidung trifft. Die oekostrom AG gibt es seit über 20 Jahren – und wir haben es stark vorangetrieben, dass es sowas wie eine verpflichtende Kennzeichnung gibt: Das kann ein Schlüssel sein.“

Der Ruf nach dem Lieferketten-Gesetz

Derlei, sind sich die Frauen einig, führe zu Transparenz – auch was Herstellungswege und Kostenwahrheit angeht. Das Schlagwort „Lieferketten-Gesetz“ bedeute genau das: „Es geht darum, dass Firmen für die gesamte Lieferkette, also auch die Praktiken ihrer Zulieferer, verantwortlich sind.“

Bereit dafür, ist Nunu Kaller überzeugt, seien nicht nur die Konsument*innen, sondern auch immer mehr Unternehmen. „Die Suez-Kanal Blockade hat hingezeigt, wo man normalerweise nicht hinschaut: Wer denkt darüber nach, dass keine Baumaterialien geliefert werden können?“ Aber auch Corona habe viel geändert: Die Frage, woher Ware kommt, wenn Laden-Geschäfte geschlossen sind ohne ausschließlich Megakonzerne noch mächtiger zu machen, machte Kaller auch einer nicht buch-affinen Öffentlichkeit zum Begriff. Sie „bastelte“ nämlich eine Online-Einkaufsseite, auf der sich das Angebot regionaler Hersteller*innen und Läden aus Österreich kompakt und übersichtlich finden ließ – und ging damit „durch die Decke“: Das Ding funktionierte – im Gegensatz zu dem, was die Regierung Wochen später mit großem Getöse und Aufwand als „Kaufhaus Österreich“ präsentierte – und das außer dilettantisch und unfassbar teuer nur eines war: Komplett unbrauchbar.

Kallers Webshop

Kallers Seite dagegen funktionierte – und rettete etliche kleinere Unternehmen vor dem Corona-Untergang. Trotzdem sei da ein „wahnsinnig bitteres Gefühl. Wir alle kennen das, dass wir an der Arbeit der Politiker herumkritisieren und sagen: Die haben ja keine Ahnung. Aber wirklich zu beweisen, dass man’s besser kann – mit nur drei Tagen Arbeit – ist in Wahrheit ein unglaublich frustrierendes Gefühl. Denn das sind doch die, die sich eigentlich darum kümmern sollten. Das ist nicht meine Aufgabe! Deswegen finde ich es bitter.“

Corona sei aber nicht nur deshalb eine Geschichte der politisch vergebenen Chancen: „Die Aufgaben wäre gewesen, für eine Digitalsteuer zu sorgen, die für ein Fair-Level mit Amazon sorgt. Oder Und Steuerschlupflöcher zu schließen. Oder für österreichische Unternehmen mit der Post Erleichterungen zu schaffen?“

Pessimistische Pionierin

Vergebenen Chancen und der Untätigkeit der Politik steht allerdings eine Bürger*innengesellschaft gegenüber, die ein massives Umdenken in so gut wie alle Bereichen des Lebens fordert. Und die gerade in diesem Talkformat von den Gästen stets als Grund für Optimismus und eine Trendwende zitiert wird, Nunu Kallers Arbeit – auch ihre Webplattform – wird da regelmäßig erwähnt.

Freut sie dieser Optimismus?  „Rasend optimistisch bin ich nicht. Weil ich nicht weiß, ob wir das mit dem Klimawandel noch „darennen“ – aber das heißt nicht, dass wir es nicht probieren müssen: Seit es mich gibt, kenne ich diese Studien quasi. Also ich glaube, ich war sieben oder acht, da habe ich das erste Mal das Wort Klimawandel gehört. Und wirtschaftlich bin ich es nicht, weil ich so unfassbar viel Greenwashing sehe. Wo der Trend der Nachhaltigkeit ausgenutzt wird, aber nichts gemacht wird: Es bräuchte viel radikalere Einschnitte.“

Gitsch Aichberger wollte das so nicht stehen lassen: „Wir wollen hier Lust und Mut zur Zukunft machen. Ich glaube, man verändert nur, wenn man daran glaubt, dass sich etwas verändert. Ich möchte ein Bild geben, das kommt von unserem Bundeskanzler. Es wird dich wundern, dass ich ihn hier zitiere. Aber das Bild ist gut: Der ‚Ketchup-Effekt‘. Den sehe ich im Bereich der Energie tatsächlich. Wir versuchen 20 Jahre etwas zu verändern – und sehen immer nur kleine Stücke. Und was auf der anderen Seite passiert, macht es wieder wett. Das ist frustrierend. Irgendwann glaubt man nicht mehr dran. Aber irgendwann geht die Flasche unten auf – dann kommt das ganze Ketchup raus. Ich bin sicher, so wie das im Bereich Energie passiert ist, wo jetzt auf einmal dieser Durchbruch erreicht ist, werden wir es auch im Bereich des Konsums sehen.“

Key message von Hildegard Aichberger

„Menschen wie Nunu Kaller bewirken wahnsinnig viel mit ihren Büchern und Vorträgen. Sie verändert viel was an dem, was Menschen glauben über Konsum-Themen zu wissen. Die sind aber extrem komplex: Jede Entscheidung, jede Konsumentscheidungen, ist eine politische Entscheidung. Das zeigt und erklärt Nunu Kaller, zeigt aber auch, dass man mit dem Konsumverhalten allein das System letztendlich nicht verändern kann: Es reicht nicht, nur die „richtige“ Konsumentscheidung zu treffen – wir müssen auch das System verändern. Und das trifft auf alle Lebensbereiche zu.“

Tipp am Freitag von Nunu Kaller

Es gibt einen berühmten Spruch: „Jeder hat gesagt, es funktioniert nicht, bis einer kam und es machte. Solche Leute gibt’s in Österreich auch. Zum Beispiel die Cornelia Diesenreiter von „Unverschwendet“. Das ist diese erste Handlungsanleitung: Lest Cornelia Diesenreiters Buch „Nachhaltig gibt’s nicht“. Oder helft Leuten, die andere Konsum-Systeme aufbauen. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist „markta“. Markta will kleinteilige Landwirtschaft, hilft in der Direktvermarktung und umgeht Supermärkte. Wenn man beginnt, sich zu informieren, dann findet man wahnsinnig viel. Und das finde ich sehr motivierend.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.