Freitag in der Arena #23: Michaela Reitterer

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Michaela Reitterer ist unser 23. Gast bei Freitag in der Arena und Inhaberin des nachhaltigen Boutiquehotels Stadthalle in Wien.

13. August 2021, Tom Rottenberg: Die Hotelchefin, die ihre Branche umkrempelt: Gast der 23. Ausgabe von „Freitag in der Arena“ ist Michaela Reitterer. Sie ist Chefin des weltweit ersten Zero-Energie-Hotels: Mit ihrem „Boutique Hotel Stadthalle“ zeigt die Präsidentin der Österreichischen Hoteliersvereinigung vor, wie nachhaltiges Gastgeber funktionieren kann.

Gestatten Sie mir einen Ausflug in meine Vergangenheit: In einem anderen Leben war ich Pressechef einer Hotelkette. Und weiß, wie diese Welt tickt – wenn es um Umwelt- und Klimafragen geht: Greenwashing funktioniert oft oberflächlich. Etwa wenn das nicht automatische Handtücherwechseln als Mega-Ressourcen-und-Öko-Ding verkauft wird, während im Wellnessbereich die Outdoorpools im Winter auf 36 oder mehr Grad temperiert werden, das Wasser grundsätzlich fröhlich plätschert, Klimaanlagen ungenutzte Zimmer im Hochsommer auf Permafrosttemperaturen abkühlen („Es könnte ja wer kommen.“) oder Tonnen guter Lebensmittel im Müll landen. All das kenne ich gut.
Auch den Glauben an ungebremstes Wachstum. Dass „Groß“ automatisch „Besser“ bedeutet. Und das Vorurteil, dass Frauen zwar gute Gastgeberinnen, Männer aber die besseren Manager sind. Auch das kenne ich.

Ich weiß auch, wie schwer manche „gestandene“ Alphamänner daran zu schlucken haben, dass es Frauen wie Michaela Reitterer gibt. Weil die das Gegenteil von dem lebt, was in „der Branche“ Jahrzehntelang Naturgesetze waren. Und in vielen Köpfen noch ist. Dass Reitterer erfolgreich vorlebt – als Unternehmerin ebenso wie als Mensch – dass es auch anders geht, ist da verstörend. Und das ist gut so.

Michaela Reiterer jetzt, Jahre nach diesem Ausflug in die Welt der Fünf-Stern-Luxusherbergen, kennen zu lernen war deshalb auch für mich spannend: Reitterer ist nicht nur „Hoteliére“ in Wien, sondern auch Präsidentin der „Österreichischen Hoteliersvereinigung“ – und das schon seit fünf Jahren. Das alleine zeigt: Da tut sich was!
Und so wie eine Frau an der Spitze der heimischen Hotel-Szene für Trendumkehr, für Umdenken, steht, ist auch ihr Zugang, wie Tourismus- und Beherbergungsindustrie auf die Klimakrise reagieren können, sollen und müssen, ein Besonderer: Reitterers Hotel ist nachhaltig. Es ist Österreichs erstes – und auch weltweit das erste – „Null-Energie-Bilanz-Hotel“.

Gemeinsam mit oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl Michaela Reitterer in „Freitag in der Arena“, dem Klima- und Zukunftstalk der oekostrom AG, begrüßen zu dürfen, war aus all diesen Gründen für mich hochspannend. (Und nebenbei erfuhr ich da, dass auch Ulrich Streibl eine „Hotelvergangenheit“ hat: Seine Eltern betrieben im bayrischen (???) XY ein Hotel – heute führen es Ulrichs Schwestern.

PV statt Klimaanlage am Dach

Michaela Reitterers Wurzeln gleichen denen von Streibl: Schon ihre Eltern betrieben das Hotel hinter der Wiener Stadthalle. Als Reitterer es 2007 übernahm, wollte sie es modernisieren – aber eben nicht so, wie es andere getan hätten. Als sie den Dachboden ausbaute, riet man ihr, da eine fette Klimaanlage drauf zu stellen, weil die Sonne das Dach ja aufheize. „Ich habe gesagt: Nein, ich mache keine Klimaanlage. Ich lege eine Solaranlage auf das Dach, weil dann kann die Hitze nicht eindringen. Alle haben gestaunt. Gesagt: ‚Das ist jetzt aber ganz interessant‘. Und ich habe gesagt: ‚Ja, aber ist doch das Schlaueste, oder?‘

Was da heute „state of the Art“ wird, klang damals noch revolutionär. Aber Reiterer tat, was sie für richtig hielt. Sie setzte auch auf das „Gartenhaus“ ein Lavendel- und kein Klimanlagendach. Und siedelte Hotelbienen an: Heute schmücken sich viele Hotels mit derlei „Assets“ – hinter der Stadthalle hat es Tradition.

Michaela Reitterer spürte aber, dass ersten Schritten weitere folgen müssen. Also hat ihr Haus heute einen aktivierten Betonkern, eine PV-Anlage und Wärmepumpen. „Übers Jahr erzeugen wir soviel Energie, wie wir verbrauchen“, ist sie stolz. Dass sie daher den sauberen Strom der oekostrom AG nicht bezieht, „verzieh“ ihr Ulrich Streibl augenzwinkernd: „Grundsätzlich ist jede Kilowattstunde, die erneuerbar produziert ist, in unserem Sinne.“ Darüberhinaus sei aber Reiterers „übers Jahr“ eine wichtige Aussage: In Zeiten, in denen die Haus-PV-Anlage keinen Überschuss produziert, braucht der Betrieb schließlich Strom „von außen“. Wenn zuviel Strom da ist, könne der aber ins Netz eingespeist werden. Genau das, merkte Streibl an, sei Teil des oekostrom AG-Konzeptes.

Von der Energieautarkie zum Bio-Frühstück

Energieautarkie, erzählt Michaela Reitterer in der Arena, war nur „der Grundpunkt. Dann kam das Bio-Frühstück. Dann haben wir alles auf Bio geändert. Getränke sind meistens auch regional. Wir bauen unsere Möbel selbst. Wir haben „Cradle to Cradle“-Stoffe. Das heißt, dass alles wieder verwendet wird. Zero Waste und Abfallvermeidung sind mehr als Schlagworte: Wir reinigen mit biologischen Reinigungsmitteln und schütten nicht jedes Mal eine halbe Flasche Putzmittel in den Kübel.

Darauf, sich deshalb eine Medaille umzuhängen wäre Reitterer nie gekommen: „Nachhaltigkeit“ zu einem Label, zu etwas besonderem zu mache, sei nämlich ein bisserl absurd: „Nachhaltigkeit ist doch nur ein anderes Wort für Hausverstand. Es liegt doch auf der Hand, dass man keine Dinge kauft, die fünfmal eingepackt sind und so jede Menge Müll schaffen. Es liegt doch auf der Hand, dass man von den Menschen kauft, die in der Umgebung leben. Dass man Qualität kauft. Und so weiter und so fort.“ Aber, gibt sie zu, die angelernten Gewohnheiten der Geiz-ist-geil-Mentalität und der Turbo-Globalisierung habe auch sie erst abzulegen lernen müssen: „Das war ein Prozess.“ Und ihr anfangs naiver Zugang sei da vielleicht sogar gut gewesen: „Viele Leute sagen mir heute: Seien Sie froh, dass sie vorher nichts davon verstanden haben – sonst hätten sie es nicht gemacht: Ja, das mag schon sein.

„17 SDGs“ – die Gebote der Nachhaltigkeit

Heute, wirft Ulrich Streibl ein, sei nicht nur die Technik, sondern auch das Bewusstsein weiter. Heute gäbe es etwa die „17 SDG“, die „17 Sustainable Development Goals“ der UN, als globales Konzept für Nachhaltigkeit. Dass Reitterer, merkt er fast ehrfürchtig an, da für jedes Ziel ein eigenes „Themenzimmer“ im Haus habe, sei daher doppelt spannend.
Nur: Gehen die Gäste da mit? Wie reagieren die darauf, wenn nicht alle Zimmer gleich sind, wenn Möbel-Materialien ein „Vorleben“ hatten?

Das Zimmer zum SDG-Goal #14 zum Beispiel – Reitterers Lieblingszimmer, wie sie strahlend betont – ist dem „Leben unter Wasser“ gewidmet. Da hängt das Bild eines Fisches an der Wand – aus an Strände gespülten Flipflops: Ein Hinweis auf die Unmengen von Plastik in den Weltmeeren. Ihre Gäste, schmunzelt die Hoteldirektorin, „lieben das.“ Aber „das liegt auch an der Gästeschicht, die wir ansprechen.“ Anders gesagt: In Konzern- und Kettenhotels mit ihren immer gleichen Zimmern wäre derlei – so wie der der Verzicht auf den Stromfresser „Minibar-Kühlschrank“ – schwer möglich. „Die Großen Hotels haben oft Konzern-Vorgaben. Kleine Häuser tun sich da leichter.

Reitterer – die Antithese zum „klassischen“ Verbands-Präsidenten

Und das, kommt Reiterer zu ihrer Rolle als Präsidentin der Hoteliersvereinigung, sei symptomatisch: „Ich verkörpere alles, was bis früher undenkbar war: eine Frau ist, eine Frau aus Wien – und nur ein 3-Sterne Hotel hat. Einer dieser Punkte alleine wäre früher schon ein KO-Kriterium gewesen.

Ihr Denken sei genau deshalb „ansteckend“ – also inspirierend. Darum wird sie heute auch von einstigen Kritikern als „best practice Beispiele“ genannt – und immer öfter auch kopiert. Weil das, was sie tut so wie sie es tut funktioniert: Gäste – Kunden –, so Reitterer gewinne man heute nur mit „Geschichten“. Und „die schlechteste Geschichte, ist die, dass du billig bist: Es gibt immer einen, der noch billiger ist. Das wird zur Todesspirale. Also erzählen wir andere Geschichten – und entwickeln daraus eine Community.“ Bei den Gästen ebenso wie bei den Mitarbeiter*innen: „Wir suchen nie Mitarbeiter*innen. Weil wir immer mehr Bewerbungen haben. Weil viele für dieses Konzept arbeiten möchten.“

Wer je in der Reitterers Branche tätig war (ich zum Beispiel), weiß, was das bedeutete: Sehr viel. Denn dort, wo die Mitarbeiter zufrieden sind, spüren das auch die Gäste. Und dann erkennen die Betreiber, dass auch ihre Welt reif für ein Umdenken ist. Nicht nur an der PR-Oberfläche mit drei Bio- oder Regional-Produkten beim Frühstücksbüffet – sondern tatsächlich. Reitterer: „Also dort, wo man es nicht sieht, es aber wirklich viel bringt: Etwa beim Tausch einer Ölheizung gegen Erdwärme.

„Best Practice“-Beispiele – auch für andere Branchen

Was Reitterer mache, setzt Ulrich Streibl nach, funktioniert anderswo auch: Nämlich vorzuleben, dass es sich auszahlt, „gut“ zu agieren. Darum sei die Hotelchefin auch in der Plattform „CEOs for Future“ mit dabei: Weil „Best Practice“-Beispiele auch andere zum Umdenken anspornen – und damit einen Umschwung in der Wirtschaft beschleunigen.
Reitterer sieht as genauso: „Ich setze mich für die Verknüpfung von Wirtschaft und Nachhaltigkeit ein, weil es dort anfängt. Ich glaube, dass die SDGs ihren Siegeszug nur über die Wirtschaft antreten werden können: Wir haben 30.000 Nächtigungen im Jahr. Wenn davon 20.000 in den SDG-Zimmern stattgefunden haben, nehmen alle Gäste etwas mit – und können nachdenken: Was kann ich selbst beitragen?

Eine Gastgeberin mit Bildungsauftrag also, hake ich ein? Reitterer verneint vehement: „Ich bin keine Missionarin. Ich mag keine erhobenen Zeigefinger: Das ist dann nicht Urlaubmachen! Aber ein bisschen was mitzunehmen oder mitzugeben, finde ich einen guten Ansatz.

Achtsamkeit beginnt am Teller

Das begänne subtil: Etwa beim Frühstücksbuffet. Wenn Gäste dort nur soviel aufladen, wie sie dann auch essen. „Mein liebster Ort, wenn ich im Hotel geholfen habe, war in der Abwasch. Weil du dort siehst, was bleibt auf den Tellern drauf, was kommt zurück. Das haben wir etwa mit dem selber Runterschneiden-Müssen bei Wurst und Käse, mit einem bewussteren Umgang mit Lebensmitteln, sehr verbessert.

Aber wir sind in Österreich: „Das kann und wird nicht gehen“, hat sie ständig gehört. „Darüber könnte ich Bücher schreiben. Die Nachbarn, die Stadt Wien, die Baupolizei. Alle haben gesagt: ‚Es gibt kein Hotel, das seine eigene Energie erzeugt. Es gibt kein Hotel, das ein Passivhaus ist.’ Und ich habe gesagt: ‚Eines muss das erste sein. Es gibt kein Hotel, das eine Fassaden-Begrünung hat? Dann werden halt wir das ersten sein.’ Daran bin ich auch gewachsen: Wenn du ein ‚Frontrunner‘ bist, muss man sich damit abfinden, dass es keine Bestimmungen gibt. Ich bin die, die es erklärt. Und zwar mit Begeisterung, weil es authentisch ist und nicht mit Excel-Tabellen.

Und Corona?

Trotzdem wäre da noch etwas. Schließlich waren Österreichs Hotels coronabedingt monatelang geschlossen, müssen immer noch unter Auflagen agieren – und der Tourismus läuft erst wieder an. Gab es da nie den Gedanken, alles hinzuschmeissen? Oder eben den einfachen, billigen, nicht-nachhaltigen Weg zu gehen?
Nein! Wir hatten die größte Freude, als wir wieder aufsperren durften! Ich habe es gemacht, damit meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder etwas zu tun haben. Weil wir alle Gastgeberinnen mit Herz sind. Aber die Stadt-Hotellerie wird mindestens bis 2024 unter dem Fehlen internationaler Gäste leiden, unter dem Fehlen von Kongressen, von Firmen-Meetings. Das ist das Problem. Das touristische Geschäft ist nur von Freitag bis Sonntag. Die übrigen fünf Tage hatten wir Kongress und Kultur.

Andererseits: Da neue Wege einschlagen zu müssen sei auch eine Riesenchance. Für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus. Für eine Neuorientierung – weg von der Masse, hin zur Klasse: „Wie entwickelt sich Tourismus? Stichwort Over-Tourism: Können wir daraus lernen? Ist Tourismus nur eine Quantitätsschleuder? Werden wir es schaffen, Qualität vor Quantität zu stellen? Wenn man statt vier oder fünf Kurztrips einen Qualitätsurlaub macht, hat das auch einen Klima- Vorteil: Die Ökobilanz der Anreisen.

Und damit waren wir bei dem, was jede und jeder selbst tun kann, um kleine, in Summe aber wirkmächtige Maßnahmen zu einer besseren Klimabilanz zu setzen: Alle „Freitag in der Arena“-Gäste werden von gebeten, einen konkreten Tipp dazu zu geben. Michaela Reitterer empfahl in ihrem „Tipp am Freitag“ ein Unternehmen, das ihr schon oft wertvolle Dienste geleistet hat.

Key message von Ulrich Streibl

„Mir imponiert die Begeisterung von Michaela Reitterer. Und der Mut und die Kreativität, mit der sie nicht nur ihr Hotel sondern eine ganze Branche umkrempelt. Das ist total faszinierend. Gerade weil Fragen von Nachhaltigkeit unser Leben so stark berühren: Wir brauchen nicht ein paar wenige, die alles perfekt machen, sondern wir brauchen ganz viele, die alles unperfekt machen, aber dabei vieles gut. Und ich glaube, das ist genau das, wie wir unser Leben einstellen müssen.
Wir können reisen, wir können uns bewegen. Da mit Bewusstsein umzugehen, ich glaube, das ist das Konzept. Wenn man das so macht wie Michaela, wenn wir bewusst an diese Themen herangehen und sagen: Ich denke darüber nach, was ich habe.
Wir können das Leben neugestalten, so dass es nachhaltig ist – mit dem gesunden Hausverstand. Wir müssen nur den gesunden Hausverstand anwenden, damit wir ein nachhaltiges Leben führen können, das für uns gut ist und das auch für unsere Kinder gut ist. Darum nehme ich Michaelas Begeisterung mit.“

Tipp am Freitag von Michaela Reitterer

„Ich möchte Gabarage empfehlen. Gabarage ist ein ökosoziales Unternehmen. Hier arbeiten Menschen, die nicht mehr im Arbeitsmarkt verankert waren, aber handwerklich unglaublich fix sind. Man kann sich dort alles nachbauen, bauen, überziehen, anmalen, lackieren, spritzen, verbessern oder reparieren lassen. Damit nichts weggeschmissen wird. Man nennt das „upcyclen“. Wir haben z.B. unsere Schürzen für das Frühstück-Service aufpeppen lassen: Wir haben im Frühstücksraum eine Bank, die mit alten Jeans überzogen ist – auch von Gabarage – und wir haben diese Idee genommen und Jeanshosen-Säcke auf die Schürzen genäht. Gabarage hat auch einen Shop in der Schleifmühlgasse im 4. Bezirk, wo aus alten LKW-Planen Taschen gemacht werden und aus Büchern Hocker.
Das finde ich einen unglaublich tollen Ansatz, Abfall zu vermeiden und Dinge wieder zu verwenden. Und zwar mit Pep.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.