Freitag in der Arena #24: Andrea Vaz-König

freitaginderarena, Foto: Reinhard Schmid
Andrea Vaz-König ist Pionierin der nachhaltigen Ernährung.

27. August 2021, Tom Rottenberg: Gast bei der 24. Folge von „Freitag in der Arena“ ist Andrea Vaz-König. Die ehemalige Bankerin ist eine Pionierin in Sachen Ernährungs-Nachhaltigkeit.

Natürlich geht Liebe durch den Magen. Aber das, sagt Andrea Vaz-König, sei längst nicht alles. Denn auch wenn es weit weniger romantisch klingt, Essen und Ernährung mit Nachhaltigkeit, mit Ressourcen und Verteilungsfragen und letztendlich auch mit dem Klimawandel zu verbinden, als mit den rosa Herzerln eines Dates, sei das ihre Botschaft: Essen – das was und das wie – ist ein Offenbarungseid. Und abgesehen von der individuellen Geschichte, die jede*r über sich zwischen den Zeilen erzählt, sobald es um Ernährung geht, hat Ernährung auch immense gesellschaftspolitisch und politische Aussagekraft – und Wirkung.

Mit das Faszinierende an Andrea Vaz-König ist, dass man ihr zunächst gar nicht anmerkt, wie tief das, was sie erzählt und tut, greift. Auf den ersten – gar nicht bloß oberflächlichen – Blick berät die Wienerin, die von der erfolgreichen Bankerin zur noch erfolgreicheren Wirtin wurde, heute Schulen, Spitäler, Unternehmen und auch die Stadt Wien in Ernährungsfragen: Gutes, gesundes und auch nachhaltiges Essen mit Schwerpunkt auf Gemeinschaftsverpflegung – also Großküchen. Spannend und wichtig, keine Frage. Aber ist das wirklich ein Klimathema? Eines, das in einen Klima-Talk wie „Freitag in der Arena“ gehört?

Männliche Skepsis

Ganz ehrlich? Anfangs war ich skeptisch. Andererseits weiß ich zweierlei. Erstens: oekostrom AG-Vorständin Hildegard „Gitsch“ Aichberger weiß genau, wen sie warum im Klima- und Zukunftstalk der oekostrom AG begrüßen möchte. Zweitens: Ich bin ein Ernährungs-Analphabet. Bei mir brennt Wasser an. Auch wenn ich weiß, dass es keine Geheimwissenschaft ist, sich halbwegs gesund zu ernähren, ertappe ich mich regelmäßig dabei, mich von alten Ernährungsgewohnheiten nicht lösen zu können: FFFF – Fett, Fleisch, frittiert – und „fast“. Angeblich typisch kinderlos-männliches Verhalten.

Wenn „Gitsch“ also mit Andrea Vaz-König einem Pionier der Ernährungsnachhaltigkeit zum Zukunftstalk in die Arten einlädt, ist das eine Chance – auch für mich: Ich kenne mein Problem – aber ich war zu träge und bequem nach der Lösung zu fragen.

Eine Mutter- und Elternfrage

Dass das gar nicht atypisch ist, verrät Angelika Vaz-König indirekt gleich zu Beginn. Eines meiner Schlüsselvokabel dürfte (neben „Mann“) „kinderlos“ lauten: „Ich bin aus einem eigenen Bedürfnis auf das Thema Ernährung gestoßen: Ich war schwanger. Dann eine junge Mutter: Wie kann ich mit der Ernährung meines Sohnes umgehen? Da stellst du viele Fragen, die vorher nicht relevant waren.“

Nur: Denken nicht alle Mütter, alle Eltern, so? Ja, natürlich. Aber bei Andrea Vaz-König kam etwas dazu: Auch wenn man es der – damals noch – Bankerin mit klassischer Karriere vielleicht nicht anmerkte, hatte sie sich schon mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ auseinandergesetzt, als noch kaum jemand das Wort verwendete: „Schon auf der Uni hat mich der Nord-Süd-Konflikt und die globalen wirtschaftlichen Zusammenhänge interessiert.“

Klima war – es waren die 1980er – kein Thema. Umwelt schon. Allerdings nicht dort, wo die junge Wienerin unterwegs war: „Auf der WU war ich damit ein totaler Nerd: Wirtschaft und Ökologie? Es gab keine Vorträge oder Pro-Seminare. Aber meine Diplomarbeit konnte ich zu dem Thema schreiben.“ Andrea Vaz König schrieb über die Rolle von politischen Institutionen bei der Förderung von wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Damals Neu- oder Niemandsland.

Andrea Vaz-König gehörte zu den ersten, die heute zentrale Fragen stellte: „Was heißt Nachhaltigkeit? Was können politische Institutionen, was der Einzelne beitragen?“

Tun statt Jammern

Vaz-König definierte aber nicht bloß Probleme, sie griff sie auch an. Statt mit Gleichgesinnten das Elend zu beklagen, ging sie dorthin, wo Entscheidungen getroffen wurden: „Bei einer Bank kannst du etwas bewirken: Wie gibst du Kredite, wie machst du Finanzierungen?“

Das dann ergab das andere: Mit der Schwangerschaft kam das Interesse für Ernährung. Und neben gesundheitlichen Überlegungen standen wirtschaftlich analytische Fragen. Etwa „wieviel Futter ein Tier essen muss, damit es selber zum Futter wird.“ Die Diskussion über den Mitteleinsatz, den „Fleischabdruck“ – also den Bedarf an Futter, Boden, Wasser & Co – kennt man heute. In den 1980ern war auch das neu.  Vaz-König rechnete schon damals: „Das ist unverhältnismäßig. Ich könnte das pflanzliche Lebensmittel essen und mir diesen Umweg ersparen.“

Die Suche nach „Schuldigen“ mache man sich aber einfach: man zeige auf andere – statt in den Spiegel zu sehen. Bis heute. Bei Tagungen der Vereinten Nationen hörte sie noch vor zwei Jahren „wir müssen in der Landwirtschaft etwas ändern“. Sie reagierte zornig: „Ich habe mich so geärgert, dass ich zum Mikrofon gegriffen habe:

 „Warum nennen wir das Kind nicht beim Namen? Es ist nicht die Landwirtschaft böse, sondern unsere Art zu konsumieren. Die meisten Bauern würden gerne anders arbeiten können. Aber sie können nicht anders: Das wirtschaftliche Gefüge macht es unmöglich, wirtschaftlich anders zu überleben.“

Den Hebel ansetzen

Da anzusetzen, sagt Vaz-König, sei ihre Aufgabe. Das sei alles andere als einfach. Denn das „wirtschaftliche Gefüge“ basiere auf über Jahrhunderte verfestigten Gewohnheiten, die teils sogar evolutionäre Gründe hätten: „Wir werden verführt mit Zucker und Fett. Wir sind so programmiert: Der Mensch muss diese Dinge zu sich nehmen, damit er für schlechte Zeiten vorgesorgt hat.“

Vereinfacht: Wir jagen zwar keine Mammuts mehr, doch unser Ernährungs-Unterbewusstsein glaubt nicht so wirklich dran – und die Nahrungsmittelindustrie setzt weiter auf diese Karte.

Das Mammut ist kein schlechtes Beispiel: Die Jagd und die Kunst, Fleisch zuzubereiten brachte den Menschen an die Spitze der Nahrungskette. Allerdings in der Steinzeit. Heute funktioniert ganzheitliche, gesunde Ernährung aber auch anders. Wenn man will. Doch will man? Vor allem: „Mann“? Ab 2013 kochte Andrea Vaz König vegan. „Anfangs zum großen Missfallen meines Mannes,“ lacht sie. Ausgehen „wurde zur Katastrophe: Ich gehe gerne in einen Bioladen. Aber das ist doch kein Ort, wo ich ein Date habe!“

Also beschloss sie, den Ort, den sie vermisste, selbst zu schaffen – und wechselte das Metier: Die Bankerin wurde Gastronomin. Ihr Credo: „Man muss zeigen, was möglich ist, statt zu predigen, was man soll.“

Uncool!

Hildegard Aichberger verdrehte hier die Augen: Sie erinnere sich, sagte sie, lebhaft daran, wie uncool es die Themen „Bio“ und „vegan“ in den Nuller- und Zehnerjahren noch waren: „Ich stamme aus Linz. Da gab es einen Bioladen. Es war verpönt, dort hinzugehen.“ Der Vergleich zu heute, das Umdenken und die wachsenden Bio-Anteile im Sortiment großer Lebensmittelketten, sind sich die beiden Frauen einig, mache aber Hoffnung. Doch die Idee, sich die Bio-Eier persönlich vom Bauernhof zu holen klinge zwar charmant, sei aber im urbanen Raum nicht praktikabel – nicht zuletzt aus Verkehrs- und damit wieder Klimagründen. Vaz König: „Ich finde es nicht verwerflich, zu sagen, es braucht Supermärkte. Ja, die brauchen wir.“

Dort gäbe es aber viele Ansatzpunkte, Themen wie Nachhaltigkeit – insbesondere Saisonalität – auch als Bildungsthema zu spielen: „Wenn ich im Supermarkt Paprika, Gurken und Paradeiser das ganze Jahr lang sehe, braucht man sich nicht wundern, dass sogar der Klima-Beauftragte der Region nicht weiß, dass im November keine Gurken in Österreich wachsen. Das ist ein Problem.“ Da, so Vaz-König, sei zentrales Wissen verloren gegangen: „Wann esse ich was? Saisonal-regional ist es nämlich auch billiger.“ Wobei „billig“ auch ein echtes Problem berge: Fleisch. „Fleisch ist so unfassbar billig, dass wir oft nicht gar wissen, was wir sonst essen könnten.“ Hier schließe sich ein Kreis: „Deswegen ist es so wichtig zu zeigen: Was gibt’s für Möglichkeiten? Was gibt’s für eine tolle, reichhaltige Gemüse-, Getreide-Küche? Erst dann finden wir den Weg zu mehr Bio. Weil dann ist Bio auch leistbar.“

Play Big!

Leistbar sei auch und gerade in Großküchen ein Asset: Bei der Verköstigung ganzer Betriebe, Schulen oder Spitäler sind Kosten intern ein zentraler Faktor. Nach außen hin wäre und ist aber die Vorbildwirkung enorm, weiß die Beraterin: „Viele, etwa die Stadt Wien, haben das schon erkannt. Die machen viele Projekte, dass sich da etwas ändert.“ Hildegard Aichberger hakt ein: Ja, der Bio-Anteil beim Schulessen ihrer Tochter sei hoch. Aber, setzt sie nach, der Fleischanteil auch. Sie verstehe das zum Teil sogar: Kinder mit „uncoolem“ Gemüse bei der Stange zu halten sei halt schwer.

Vaz-König lacht und nickt gleichzeitig: „Ja, das hat jeder schon erlebt. Aber was passiert, wenn man eine Karotte in Stifterl schneidet und einfach auf den Tisch stellt? Kommentarlos. Die verschwindet. Oder einen Apfel aufschneidet und verteilt. Irgendein Obst. Vollkommen wurscht: Die Kinder greifen danach.“ Es zähle eben nicht das „Was“, sondern auch das „Wie“: Das erlebe sie nicht nur als Beraterin, sondern habe zuvor in der Schule ihres Sohnes ausprobiert – mit Erfolg. „Dass da ‚nur vegan‘ gegessen wurde, ist keinem aufgefallen. Ganz im Gegenteil.“

Fürs Essen begeistern

Da könne man ansetzen: Die Begeisterung für das, was am Tisch steht, in Neugierde verwandeln „und im Sinne eines ‚Whole Food Approaches‘ den Kindern zeigen: Wo kommt Essen her. Wie kann ich es verarbeiten? Was macht es in meinem Körper?“

Vaz-König spricht da von einem Drei-Säulen-Modell, das sie Kunden empfiehlt: Säule zwei sei die Kochausbildung: „Wenn Köche nur lernen: Fleisch, Fisch, Stärke – dann ist das auf dem Teller. Wenn Köche wissen: Wie kriege ich einen Brokkoli knackig hin? Wenn das lustig und schön ausschaut – dann werden es alle, auch die Kinder gerne essen.“ Und die dritte Säule ist das Einkaufsverhalten, die Einkaufsrichtlinie von Unternehmen, Institutionen und Städte: „Da erwarte ich mir enorme Veränderungen.“

Wie kommt das Klima ins Schnitzel?

Doch egal ob in Schule, Firmenküche oder daheim, ob im Gasthaus oder im Spital, wichtig sei es, reinen Wein einzuschenken. Den Konsument*innen klar zu machen, was sie tatsächlich essen. Auch woher es kommt und unter welchen Bedingungen es produziert, gehalten oder gezogen wurde: An einer Kennzeichnungspflicht für Nahrungsmittel – auch in der Gastronomie – ist Vaz-König überzeugt, führe daher kein Weg vorbei.

Denn dann gäbe es rasch „Aha“-Erlebnisse: All zu viele wüssten noch immer nicht, dass und wieso Fleischkonsum den Klimawandel vorantreibt. Wieso die Fütterung von Tieren bei uns die Vernichtung tropischer Regenwälder bewirkt.

„Fleischkonsum in Österreich bedeutet, dass wir Tierfutter, Eiweiß-reiches Soja, damit die Tiere schnell wachsen – was übrigens nicht artgerecht ist – importieren müssen.“

Und zwar aus Übersee. „Das Unfassbare: Nachdem wir die Dritte Welt auf der Bodenschatz- und Rohstoff- Ebene ausgeräumt, sagen wir jetzt: Wir müssen dort Boden zerstören, damit wir hier billig Fleisch essen können. Es ist eine Katastrophe, dass wir das nicht wissen. Langsam hören wir es. Lernen wir es. Mir ist es genauso gegangen: Ich hatte keine Ahnung.“

Key message von Hildegard Aichberger

Was ich aus diesem Gespräch mitnehme, ist ihre Freude. Und das kann man wahrscheinlich über unser Produkt, den Strom, nicht sagen: Strom ist kein ‚Lustprodukt‘. Aber Essen schon.

Deshalb breche ich eine Lanze für Essen als Sinnbild des lustvollen, aber doch bewussten Konsums. Das ist möglich – und das finde ich toll.

Was ich darüber hinaus mitnehme ist der Zugang, über Freiwilligkeit Bewusstsein zu schaffen: Es ist immens wichtig, dass wir als Konsument*innen die Möglichkeit haben, uns auszukennen – also die Kennzeichnungspflicht. Bei uns, im Strombereich, gibt es das – aber das braucht es auch im Lebensmittelbereich.

Tipp am Freitag von Andrea Vaz-König

Ich würde mich freuen, wenn ihr auf die Website von „natürlich gut essen“ oder auf die Website „GenussRegionen.at“ schaut. Auf beiden Webseiten findet ihr Restaurants und Lokale, die beim Projekt „natürlich gut essen“ mit der Stadt Wien mitgemacht haben und Bio zertifiziert sind und sich bemühen, das vegetarische und vegane Angebot auf ihrer Speisekarte zu erhöhen.

Und für alle, die in den Bundesländern leben: auf GenussRegionen.at kann ich Restaurants, Manufakturen und Direktvermarkter sehen, die regional agieren. Und über einen Filter kann ich mir auch Biobetriebe raussuchen: Bitte kauft dort. Eure Geldbörse ist eure Wahlkarte.

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.