Freitag in der Arena #25: Oliver Schmerold -„Hallo Auto“? Vom Neudenken von Mobilität

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Oliver Schmerold, Direktor des ÖAMTC bei Freitag in der Arena. (Foto: Reinhard Schmid)

10. September 2021: In der 25. Folge von „Freitag in der Arena“ diskutiert ÖAMTC-Präsident Oliver Schmerold mit Ulrich Streibl über E-Autos, Verbrennerverbote und die Frage, wie eine Gesellschaft mobil bleibt, wenn auf Sprit eine CO2-Abgabe aufgeschlagen wird.

In die Wiener Arena kommt man heute sehr rasch und einfach: Mit der U3 nach Erdberg, dann ein paar Schritte zu Fuß: Zuerst durch einen unattraktiven, nie in die Gänge gekommenen Business- und Shoppingpark und dann durch einen zum Glück immer offenen Durchgang direkt vor die Zentrale des ÖAMTC. Von dort führt eine weite Rampe hinunter auf Straßenniveau – fast direkt vor den Eingang der Arena.

Warum ich das hier erwähne? Weil man von der Rampe auf einen kleinen Verkehrsübungsplatz blickt. Dort lernen Kinder Verkehr. Polizistinnen und Polizisten regeln in einer Miniaturwelt den Radverkehr der kleinen, erklären Verkehrszeichen, warnen, loben und mahnen – und all das in einem sicheren, freundlichen, übersichtlichen Umfeld. Toll.

Und weil das alles so fein ist, hängen überall Transparente. In ÖAMTC-gelb steht da ein Slogan drauf: „Hallo Auto!“ Und darüber ärgere mich jedes Mal.

Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen Autos habe: Ja, in meinem Stadt-Alltag brauche ich keines. U-Bahn, Rad und Motorroller reichen – und wenn es weiter weg geht, kombiniere ich Bahn und Mietauto. Aber dass das in weniger urbanen Zonen nicht funktionieren würde, weiß ich: Das Auto, der PKW, ist für viele Menschen im Alltag unverzichtbar. Und: Ja, es ist gut Kinder recht- und frühzeitig auf den Verkehr vorzubereiten.

Aber: „Hallo Auto!“ hat in meinen Augen die falsche Tonlage. Die falsche Emotionalität. Es hebt das Auto auf ein Niveau, das ihm nicht zusteht. Macht es vom Werkzeug zum Familienmitglied. Von einem sinnvoll eingesetzten, nützlichen Tool zu einem Partner auf Augenhöhe. Zu jemandem – im Gegensatz zu „etwas“ – dessen Allgegenwart und damit auch Rechte und Bedürfnisse selbstverständlich sind. Mit der Tonalität von „Hallo Auto!“ wird nicht hinterfragt, nicht relativiert, nicht in Schranken gewiesen – und schon gar nicht suggeriert, dass es auch mit weniger Auto oder gar ganz ohne gehen könnte.

Teil der Mobilitäts-DNA

Wer Kindern als Verkehrsinauguration fröhlich „Hallo Auto!“ zuruft, will damit wahrlich nichts Böses. Ganz im Gegenteil. Er – oder sie – denkt über das, was „Hallo Auto!“ im Unterbewusstsein sagt, aber keine Sekunde nach. Weil er oder sie genau diese Botschaft schon tief in der eigenen Mobilitäts-DNA verinnerlicht hat. Weil das Auto und seine Stellung im Leben selbstverständlich ist. Genau das ist das Problem. Nicht der des Satzes „Hallo, Auto!“, sondern der einer Gesellschaft, die sich selbst ohne Auto nicht mehr vorstellen kann.

Warum ich das hier so ausführlich erzähle? Weil die Frage, ob ein Satz wie „Hallo Auto!“ heute noch zeitgemäß sei, der einzige Moment war, in dem Oliver Schmerold keine gut vorbereitete Antwort aus dem Ärmel schüttelte: Der Präsident des ÖAMTC saß mit oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl und mir wenige Meter von „seinem“ Hauptquartier entfernt auf der Bühne der Wiener Arena. Dass das für ihn keine, wie man auf wienerisch sagt „gmahde Wies’n“ sein würde, war allen Beteiligten klar: Verkehr verursacht über 30 % der CO2-Emissionen. Er ist also eines der zentralen „Problemkindern“ der CO2- und somit Klimakrise. Straßenbau und Zersiedelung und damit auch die rasant fortschreitende Bodenversiegelung mit all ihren Klima-, Umwelt- und Artensterbenproblemen, hängen untrennbar miteinander zusammen. Und die Frage, ob, wann und wie man Verbrennungsmotoren aus dem (sic!) Verzehr ziehen kann, ist eines der ganz heißen politischen Eisen.

Die Schlüsselrolle des ÖAMTC

Der ÖAMTC spielt da eine Schlüsselrolle. Schließlich hat er Millionen Mitglieder. Die nehmen nicht nur die Pannen- und Notfallservices des „Clubs“ in Anspruch nehmen, sondern verlassen sich auch in allen anderen Mobilitätsfragen darauf, dass ihre Anliegen stark und mit einem guten Netzwerk in Politik, Medien, Industrie und Verbände kommuniziert und vertreten werden. Das ist gut und richtig so. Dafür gibt es Lobbys und Interessenverbände ja. Nur gilt gerade in Klima- und Umweltfragen, dass etwas nicht zwingend richtig sein muss, weil es sehr viele so haben wollen.

Und: Gerade in Verkehrsfragen offenbart sich darüber hinaus etwas sehr Menschliches. Für den Klimaschutz sind eh alle. Ohne Wenn und Aber. Allerdings nur so lange der eigene Komfort, die eigenen Gewohnheiten, davon nicht spürbar berührt werden. Doch sobald die Selbstverständlichkeit des Autofahrens (oder -abstellens) in Frage gestellt wird, wird das von sehr vielen Menschen als enormer, als unerhörter Ein- und Angriff verstanden. „Hallo, Auto!“ eben – das Mindset. Dass man sich gerade da von der eigenen Organisation Schutz und Fürsprache erwartet, ist verständlich und legitim.

Vom Autofahrer- zum Mobilitätsclub

Das weiß nicht nur Oliver Schmerold, das wussten auch Ulrich Streibl und ich. Umso gespannter waren wir auf das Gespräch in der Arena. Denn: Dass sich im Verkehr sehr viel ändern muss (und wird) wenn die Pariser Klimaziele auch nur annähernd erreicht werden sollen, ist uns allen klar. Auch, dass es dafür nicht ausreicht, sich – schon vor ein paar Jahren – statt „Autofahrerclub“ nun „Mobilitätsclub“ zu nennen.

Der ÖAMTC, betonte Schmerold, habe die Zeichen der Zeit verstanden – man setze auf Innovationen. Mit Pannenfahrer (immer noch mehrheitlich Männer), die auf E-Bikes den City-Stau austricksen. Oder mit Solarpaneelen auf Stützpunktdächern. Oder mit einem Bekenntnis zur Energiewende in der Mobilität: „Wir glauben, dass Elektromobilität einen sinnvollen Beitrag leisten kann, vor allem wenn nachhaltig erzeugte elektrische Energie in einem Elektromotor in Bewegungsenergie umgesetzt wird.“

Doch schlagartige sei das nicht möglich. Nicht nur wegen der Umstellungskosten für den oder die Einzelne, sondern auch wegen der benötigten Energiemengen, wegen der Lade- und Serviceinfrastruktur. Den „Verbrenner“ will Schmerold aber auch aus einem anderen Grund nicht totsagen oder gar verbieten: Er setzt auf „konventionelle Verbrennungsmotoren, die mit einem CO2 neutralen Kraftstoff betrieben werden.“ Wasserstoffmotoren also – auch wenn es die de facto am Markt und im Verkehr noch nicht gibt: „Hier braucht es internationale Projekte, um über Wasserstoff synthetische Kraftstoffe zu erzeugen. Was wir alle nach 2050 nicht mehr wollen, ist, dass wir fossile Rohstoffe aus der Erde fördern, um sie zu verbrennen. Das ist der Punkt, der aufhören muss.“

Unbezahlbarer Sprit?

Darüber, dass dieses Aufhören über eine CO2-Bepreisung attraktiver gemacht werden könnte, war sich Schmerold mit Ulrich Streibl, der das ja vehement und in fast jeder „Freitag in der Arena“-Folge fordert, grundsätzlich einig.  Die Forderung der deutschen Grünen, einen zweistelligen CO2-Steuer-Prozentsatz auf den Benzinpreis zu legen, fand Schmerold von der Grundidee her zwar überlegenswert, in den aktuell diskutierten Höhen aber „mobilitätsbedrohend“. Weil so der Spritpreis in Höhen klettern könnte, „dass es den Leuten ökonomisch nicht mehr möglich ist zu fahren – oder nicht in dem Ausmaß. Das ist etwas, was man sozialpolitisch nicht haben wollen kann.“ Stattdessen sei eine treffsichere Besteuerung sinnvoll, die Menschen, die tatsächlich aufs Auto angewiesen sind, weiterhin Mobilität erlaubt.

Wie? Da sei der Diskussionsprozess erst im Anfangsstadium. Aber es gehe natürlich auch um andere Arten der Mobilität: Fahrgemeinschaften etwa. Sharing-Modelle – egal ob mit Autos oder Scootern. Und natürlich die Attraktivierung des Umstiegs auf Öffis oder Rad durch bessere Angebote. Wobei die halt eben nicht auf Kosten der Attraktivität und den Bewegungsspielraum des Autos gehen dürften. Bei der Frage der Platzneuverteilung im städtischen Raum eine schier unlösbare Aufgabe: Parkplätze werden zwar in fast allen europäischen und US-Metropolen im öffentlichen Straßenraum längst massiv reduziert – in Österreich traut sich da aber noch kein Politiker wirklich drüber.

Und die Mobilitätsprobleme des Umlandes löst die städtische Parkplatz-Raumumverteilungsdiskussion ja auch nicht: Dort, sind sich Schmerold und Streibl einig, fehle einfach eine funktionierende und engmaschige Öffi-Infrastruktur – also die Option, auf das Auto überhaupt zu verzichten: Die jahrzehntelangen Fehler der Raumplanung, das Wachsen der „Speckgürtel“, mache das Auto zur „conditio sine qua non“– mittelfristig könne da nur bessere also, schadstofflose Antriebstechnologie helfen.

Hier dann im Pannenfall (in der Regel sind es leere Akkus) rasch helfen zu können, sei ein zentrales Stück Servicesicherheit. Und mit dem, so der ÖAMTC-Chef, könne man die Angst vor dem Umstieg aufs Elektroauto massiv lindern helfen.

Und „Hallo Auto“?

Eine Frage war da noch offen: Die, ob „Hallo, Auto!“ heute noch zeitgemäß ist. Ob da nicht auch ein „Mindset“ mitkommuniziert werde, das in einer neuen Mobilitätswelt weniger postuliert denn hinterfragt werden sollte. Mit dieser Frage hatte Oliver Schmerold nicht gerechnet: „Wir bieten dieses Programm seit mittlerweile 30 Jahren gemeinsam mit der allgemeinen Unfallverhütungsanstalt an, als ganz wesentliches Element der Verkehrserziehung. Das ist keine Glorifizierung des Autos, sondern es geht – ganz im Gegenteil – um ein Bewusstmachen und Vermeiden von Gefährdungen für Kinder. Kinder in der dritten, vierten Klasse Volksschule lernen hier, wie aus der Perspektive eines Autofahrers andere Verkehrsteilnehmer erscheinen. Wie schnell ein Auto bremsen kann. Das Hauptelement von ‚Hallo Auto!‘ ist, dass man den Anhalteweg abzuschätzen lernt. Wie schnell kann jemand im Auto reagieren und wie schnell kann er dann bremsen?“

Keine Frage: Wenn es um die Sache, die Kursinhalte, geht, bin ich zu 100 Prozent auf der gleichen Linie von Oliver Schmerold.

Was uns trennt ist aber das „Mindset“: Was vor 30 Jahren als Wording gut, richtig und sogar wegweisen war, muss es heute nicht unbedingt mehr sein. Weil Sprache Bewusstsein schafft – nicht nur im Verkehr. Aber eben auch hier.

Key message von Ulrich Streibl

Wenn ich mich zurückerinnere, waren die Automobilclubs Hüter des Heiligen Grals der Verbrennungsmobilität. Das ist 10, 20, vielleicht 25 Jahre her. Ich sehe mit Freude, dass sich das aufweicht. Oliver Schmerold legt sehr schön dar, dass es dem ÖAMTC heute um verschiedene Formen der Mobilität geht und er nicht für eine Technologie eintretet, sondern offen für neue Technologien ist.

Das ist der richtige Ansatz. Wir können die Probleme der Klimakrise nur meistern, wenn wir den Blick weiten und sagen: Was gibt es alles? Und es gibt nicht immer nur das eine richtige geben – es gibt verschiedenste Mobilitätsformen. Und die alle im Fokus zu haben, ist der richtige Weg.

Tipp am Freitag von Ulrich Streibl

Der ÖAMTC-Fokus auf E-Mobilität, sein persönlicher Blick auf den Ladestand seines E-Autos aber auch das Wissen, wie lange das Laden wohl dauern werde, sagt Oliver Schmerold, hat einen sehr guten Nebeneffekt: „Das Gefühl, was im Alltag wieviel Energieaufwand bedeutet, steigt. Wenn man ein Elektroauto hat, bekommt man ganz einen anderen Bezug zum Energie-Konsum des Fahrzeuges als man ihn bei einem Verbrennungsmotor jemals hat. Wenn man vom Auto her weiß, was eine Kilowattstunde ist, dann weiß man auch, was die Kilowattstunde kostet. Das heißt, man entwickelt ein Gefühl dafür, was Energie kann – und was sie wert ist. Dann ist der Schritt zu Energie-Sparsamkeit in allen Sektoren und Bereichen des Alltages nur mehr ein kurzer.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.