Freitag in der Arena #26 mit Franz Essl: Ist die Biodiversität noch zu retten?

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Franz Essl ist Biodiversitätsforscher an der Uni Wien und Gast der 26. Podcast-Folge. (Foto: Reinhard Schmid)

24. September 2021: In der 26. Folge von „Freitag in der Arena“ Gast in der 25. Folge von „Freitag in der Arena“ ist der Biodiversitätsforscher Franz Essl. Seien Worte, seine Warnungen sind eindeutig – aber sind sie auch laut genug?

Nein, Joseph Haydn war kein Wissenschaftler. Mit Klima- oder Umweltschutz hatte er nichts zu tun: Haydn lebte und arbeitet in der Hochblüte des Barock – also im 18. Jahrhundert. Er war Haus- und Hofkomponist des Fürstenhauses Esterhazys. Und die Esterhazys galten sogar am Hof von Versailles als Benchmark für Lebenskunst und Savoir Vivre: französische Gärtner und Köche kamen nach Eisenstadt, um sich Ideen zu holen – und zu Festen, Bällen und Gelagen gehörten damals immer auch eigens für den Anlass komponierte Werke.

Joseph Haydn war also ein vielbeschäftigter Mann. Das beglückt Musikliebhaber:innen auf der ganzen Welt bis heute. Wenn Haydns Symphonie Nummer 94 in G-Dur am Programm steht, lächeln Klassikfreunde wissend. Das 1792 uraufgeführte Werk heißt auch „Symphonie mit dem Paukenschlag“ – und das nicht ohne Grund. Der Komponist hatte es satt, dass sein Publikum nach kurzer Zeit unweigerlich unaufmerksam wurde. Oder einschlief. Also so baute er in seine 94. Symphonie in eine ruhige Passage eine plötzliche Fortissimo-Stelle ein, bei der nicht nur die Pauken überraschend Vollgas gaben – und das Publikum wachrüttelten: Eine noble Dame, schreiben Haydns Biographen, soll vor Schreck gar in Ohnmacht gefallen sein.

Von Haydn zum Artenschutz

Was das mit dem Besuch des Biodiversitäts- also Artenschutzforschers Franz Essl in „Freitag in der Arena“ zu tun hat? Eine ganze Menge: Der Wiener Wissenschaftler ist ebenso vielbeschäftigt und umtriebig, wie es Haydn zu seiner Zeit war. Er gilt als einer der meistinterviewten und angefragten Forscher des Landes, wenn es um Auswirkungen, Gefahren und Folgen des Klimawandels auf die Artenvielfalt geht. Essl erzählt, referiert, zeigt und mahnt. Um nicht zu sagen „predigt“: Mit klaren, deutlichen, verständlichen und auch für Lai:innen nachvollziehbaren Worten. Man, das Publikum, nickt. Anfangs betroffen – und dann oft doch ein. Nicht, weil Essl ein schlechter oder langweiliger Redner wäre – ganz im Gegenteil. Doch so wie bei Haydns verwöhntem, übersättigtem Publikum setzt auch bei uns irgendwann der Gewöhnungseffekt ein. Nur geht es bei Essl blöderweise nicht bloß um Ergötzungen und Freude an der holden Kunst, sondern ums Überleben ganzer Arten und Gattungen.

Joseph Haydn komponierte 93 Symphonien lang dezent, höflich und zurückhaltend. Essl ist – ins Wissenschaftliche übersetzt – auch so: ER spricht sachlich, seriös, ist solide und objektiv. Und obwohl jedes Wort, dass er im Zukunfts- und Ökotalk der oekostrom AG mit oekostrom-AG-Vorständin Gitsch Aichberger wechselte, wichtig, alarmierend und richtig war, war ich genau deshalb unzufrieden. Fast verzweifelt: Was der Wissenschaft – nicht nur Essl – fehlt, ist der Paukenschlag. Das Fortissimo, dass uns aufweckt. Das – überspitzt gesagt – Unhöfliche. Das Auf-den-Tisch-hauen. Auch auf die Gefahr hin, zu verstören. Ja, auch wenn jemand vor Schreck in Ohnmacht fallen könnte: Grundlos geschähe das nicht.

Wie das funktionieren könnte? Keine Ahnung. Denn Franz Essl spricht ohnehin Klartext:

„Ich sehe in meiner täglichen Arbeit, wie wir unsere Umwelt zerstören und welche massiven Folgen das hat.“

Und daran, dass dieses Unheil menschgemacht ist, lässt er keinen Zweifel: „Wir, die Menschen, haben die Evolution abgelöst,“ sagt er – aus dem Mund eines Wissenschaftlers ist das schon sehr plakativ. Fast populistisch. Denn natürlich, räumt Essl ein, gibt es die „echte“ Evolution noch. Bloß:

„Welche Arten das Ende dieses Jahrhunderts erleben werden, hängt davon ab, was wir tun oder nicht tun. Was durch Evolution passiert, ist heute geprägt durch unsere Umweltzerstörungen.“

Eine Art bedroht eine Million andere

Bumm. Das sitzt. Ist ein Paukenschlag. Erst recht, wenn Essl nachlegt:

„Wenn eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind durch eine Art, durch uns, dann ist das ein Riesenproblem. Wir verursachen etwas, was wir Wissenschaftler als ‚sechste Aussterbenskrise‘ nennen.“

War es vor 65 Millionen Jahren ein Meteorit, der die Epoche der Dinosaurier beendete, ist es heute der „Impact“ der Menschen.

Und blöderweise nicht nur der der „Bösen“: Auch – sogar – die erneuerbaren Energien sind in puncto Artenschutz nicht unproblematisch. Weil jedes Wasser- und Windkraftwerk einen Eingriff in natürliche Lebensräume etlicher Arten bedeutet. Oekostrom AG-Vorständin Gitsch Aichberger ist sich dieser Problematik sehr bewusst: „Ich komme aus der Naturschutz-Szene, wo wir uns angekettet haben, um Wasserkraftwerke zu verhindern, um die Artenvielfalt in einem Fluss zu erhalten. Bei Windrädern ist es nicht viel anders: Oft heißt es die erneuerbaren Energien sind in Konflikt mit Biodiversität. Es kommt immer wieder zu Reibungspunkten.“

Reibungspunkte

Ja, sagt der Wissenschaftler, die Reibungspunkte sähe er auch. Dennoch führe kein Weg an der Energiewende vorbei: Das Verfehlen der Pariser Klimaziele hätte noch gravierendere Auswirkungen. „Es gibt Abwägungsgründe: Naturschutz oder Abstände zu Siedlungen etwa.“ Aber gegen die – derzeit sehr beliebte – Instrumentalisierung „seiner“ Disziplin zur Verzögerung oder Verhinderung jedweder Veränderung verwahrt er sich. Bei Straßenbauten und Einkaufszentren habe er, sagt der Artenschutzexperte meist mehr Verständnis für Protest und Einsprüche als bei Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer, sauberer Energie: „Naturschutzanliegen sollen oder dürfen kein Verhinderungsinstrument für die Energiewende sein. Freilich: Das ist kein Freibrief. In Österreich sind 17 Prozent der Fließgewässer nicht ausgebaut, sprich gestaut. Hier gibt’s Konfliktthemen. Grundsätzlich aber gibt es viel mehr Potenziale, als genutzt werden – bei allen Energieformen.“

Das eigentliche Problem seien aber nicht Wind-, Solar- oder Wasserkraftwerke, sondern die in Österreich exorbitante Bodenversiegelung: Das Zubetonieren der Landschaft im Rekordtempo. „Jeden Tag werden in Österreich 13 Hektar, also so viele Fußballfelder, wie die Vereine der ersten und zweiten Bundesliga zusammen besitzen, versiegelt.“ Grund dafür sei vor allem die Flucht ins Umland der Städte, die Bautätigkeit im „Speckgürtel“: Der Traum des Einzelnen, im Grünen zu leben und in der Stadt zu arbeiten, wird durch die Menge derer, die ihn wahr machen, zum gesamtgesellschaftlichen Albtraum. Nicht bloß wegen des Raumes, der da für Tiere und Pflanzen verloren geht, sondern auch wegen der „Henne-Ei-Begleiterscheinungen“ – etwa steigendem Autoverkehr, dem Bau von Gewerbe- und Shopping-Centern, einem höheren Energiebedarf und anderen Infrastrukturproblemen.

Kakteen in der Wachau

Biodiversität ist aber keine Einbahn: Wo etwas verschwindet, wo sich Verhältnisse ändern, rückt Neues nach. So findet man in der Wachau heute Kakteen. Am Sonnblick wurden Fledermäuse gesichtet. Baumgrenzen und Wälder verändern sich auch. Zyniker und Leugner des menschlichen Einflusses auf die aktuellen Klimaveränderungen sagen, dass das eben der Lauf der Dinge sei. Schließlich gab es in der Erdgeschichte bereits fünf große „Aussterbenswellen“. Essl ist weder Zyniker noch will er den Klimawandel schönreden oder verharmlosen: „Dieser Standpunkt negiert die Verantwortung, die jeder trägt.“ Wer so argumentiere, zeige, „dass man damit zufrieden ist, dass von acht Milliarden Menschen in 100 Jahren nur mehr ein Bruchteil so leben können wird, wie wir es heute kennen.“

Und da rede er nicht von ein paar Kakteen oder „neuen“ Fischarten in der Neuen Donau, sondern von „kriegerischen Auseinandersetzungen um knapper werdende Ressourcen, massive Migrationsströme durch überflutete Küstenregionen und andere massive Auswirkungen des Klimawandels: Wenn Ökosysteme zu starkem Klimastress ausgesetzt werden, brechen sie zusammen. Das wird dann nicht mehr ein schöner Anblick sein, sondern katastrophale Auswirkungen haben.“

Obwohl es auf der Bühne der Arena sonnig-warm war, fröstelt Gitsch Aichberger: „Mir rinnt es kalt den Rücken runter, wenn ich mir diese Welt vorstelle.“ Trotzdem stellt sie – ganz bewusst – eine „Technokratenfrage“: „Könnten wir ohne Biodiversität, nur mit dem technologischen Vermögen, das wir uns angeeignet haben, überleben?“

Essl schüttelt den Kopf: Das ist komplett unmöglich.“ Auch wenn viele Stadtbewohner*innen in ihrem Alltag die Abläufe der Natur gar nicht mehr mitbekämen.

„Unsere Gesellschaft würde innerhalb weniger Tage zusammenbrechen.“ Denn Biodiversität stabilisiert das gesamte Ökosystem Erde.

Und die überfordern, übernutzen und über-versiegeln wir gerade massiv: „Ich kann mein Bankkonto überziehen. Aber irgendwann wird der Kredit fällig. Und dieser Bankrott heißt dann, dass unsere Strukturen zusammenbrechen werden.“ Neu, betont Essl, sei das wahrlich nicht: „Wir wissen, dass einige der massivsten politischen Krisen der letzten Jahre, etwa Syrien, unter anderem durch die Übernutzung lokaler Ressourcen verbunden mit Dürreperioden, die viele Leute in die Städte getrieben hat, ausbrachen: das war eine Folge des Klimawandels.“

Und jetzt?

Nein, mehr Alarmsignale kann man wirklich nicht aussenden. Doch Essl weiß, dass ein Zuviel an schlechten Omen und Nachrichten zu Resignation und Fatalismus führt. Auch wenn die individuellen Handlungsmöglichkeiten gering und wenige sind, sei es daher umso wichtiger, aktiv zu sein. Dort anzusetzen, wo es individuell möglich ist. Und da, so Essl, gäbe es immer und überall Möglichkeiten.  Beginnend von der Änderung von Mobilitäts- und Konsumgewohnheiten bis hin zur Wahl eines nachhaltigen Energieproviders. Und dem Ergeben der eigenen Stimme – sei es bei Wahlen oder in Initiativen, oder im Alltag.

Genau das sei es, was ihn nicht verzweifeln lasse: zu sehen und zu erleben, wie viele Menschen nicht mit den Schultern zucken – sondern aufgewacht und aufgestanden seien: „Das gesellschaftliche Klima hat sich gravierend geändert. Das Bewusstsein hat sich fundamental transformiert. Ich glaube, dass es in vielen europäischen Staaten eine Mehrheit gibt, die eine ambitionierte und dann eben nicht leichte Umstellung wesentlicher Teile der Gesellschaft unterstützen würde. Politische Leadership vorausgesetzt, glaube ich, dass ein großer Teil der Bevölkerung mitgenommen werden kann in eine andere Zukunft. Weil viele Leute sehen, spüren oder wissen, dass es so nicht weitergeht.“

Noch einmal Haydn

Ist Essl – um zu Haydns Symphonien-Vergleich zurückzukommen – also vielleicht doch schon bei seiner 94. Symphonie? Hat der Paukenschlag den gemütlichen „Kulturschlaf“ gar schon unterbrochen?

Ich weiß es nicht: Wissenschaftler:innen sind keine PR- oder Marketingmenschen, keine „Werber:innen“ – und keine Populist:innen. Sie tun nicht so, als gäbe es auf komplexe Fragen einfache, knackige „Ein-Satz-Antworten“. Genau das macht die Qualität der Gespräche mit ihnen aus.

Aber eben auch das Dilemma – wenn man auf den Paukenschlag wartet, der dann wirklich alle aufweckt.

Key message von Gitsch Aichberger

Ich habe fast ein bisschen Angst vor dem Gespräch mit Franz Essl gehabt. Weil mir der Zustand der Artenvielfalt leider sehr bewusst ist. Weil mir klar ist, wie viel sich da ins Negative entwickelt hat in den letzten Jahren. Aber Franz hat es aber geschafft, mir Mut zu machen. Vor allem, weil er einen Aspekt hervorgekehrt hat, den wir auch im Energiebereich sehen: Dass sich in der Gesellschaft gerade sehr viel verändert. Der Artenverlust ist ein Symptom ist – ein Symptom einer Wirtschafts- und Lebensweise, genauso wie der Klimawandel.

Aber wenn es diese Veränderung, diese kritische Veränderung in den Köpfen der Menschen gibt, dann sind wir in der Lage, auch diese Herausforderungen zu meistern.

Tipp am Freitag von Franz Essl

„Ein super Beitrag könnte sein, sich fünf Minuten Zeit lang gut zu überlegen: Was ist ein Beitrag, den ich gerne leisten würde? Ich würde das sehr offen sehen. Es kann sein, dass ich sage: ‚Ich möchte einen kleinen Garten mitbewirtschaften.‘ Es kann sein, dass ich mir denke: ‚Für mich ist es einfacher, eine Organisation mit einem Beitrag, der für mich realistisch ist, dauerhaft zu unterstützen.‘ Oder ‚Ja, ich möchte mich bei einer Organisation engagieren, die Ziele, die mir besonders wichtig sind, vertritt.‘ Diese fünf Minuten sind auch für etwas anderes wichtig: ‚Ich überprüfe mein Wahlverhalten. Sind die Politiker oder Politikerinnen, die ich wähle, diejenigen, die sich tatsächlich kümmern – oder verschleiern sie die Antworten?’ Wenn ich nur eine dieser Fragen, einen Aspekt, der mir wirklich nahe geht, herausgreife, und dann eine Maßnahme setze, dann ist das so ein Beitrag.“

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.