Freitag in der Arena #27 mit Martin Rohla: Wie geht nachhaltiges Unternehmertum?

freitaginderarena, Foto: Reinhard Schmid
Martin Rohla am „Freitag in der Arena“. (Foto: Reinhard Schmid)

8. Oktober 2021: Gitsch Aichbergers Gast in der 27. Folge von „Freitag in der Arena“ ist der Nachhaltigkeits-Business-Angel Martin Rohla. Er verrät, wie man in zwei Minuten über Millioneninvestitionen entscheidet – und „gesteht“, dass Nachhaltigkeit auch für ihn anfangs nur ein Marketinggag war.

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„Ducati. Und zwar natürlich Ducati Monster.“ Erste Eindrücke sind prägend. Denn das, was man in den ersten 10 Sekunden vermittelt pickt. Es zu korrigieren kostet Zeit. Und Mühe. Und ist oft fruchtlos. Trotzdem war ich unsicher. „Oder doch Vespa?“

Aber in einem Punkt war ich mir sicher: Martin Rohla war mit einem Prestige-Gefährt in die Arena gekommen. Mit einem „Hobel“, der nicht einfach fährt, sondern den man auch sieht. Sieht – im Sinne von wahrnimmt. Dynamisch – das wäre die Ducati. Oder stilbewusst – also Vespa.

Aber in jedem Fall ein Motorrad, das eine Geschichte erzählt. Schon im Vorbeifahren einen ersten, wenn auch klitzekleinen, Eindruck hinterlässt. Nicht einmal zwingend geplant, überlegt und bewusst: Menschen wie Martin Rohla sind so gestrickt. Haben den Auftritt, den „Impact“ immer im Hinterkopf. Weil sie wissen haben, dass das funktioniert. Immer – und bei allen. Ja, auch bei denen, die behaupten auf derlei „ganz bewusst“ nicht zu achten: Man kann nämlich nicht nicht-kommunizieren.

Die entscheidenden ersten zehn Sekunden

Die ersten zehn Sekunden, der erste Eindruck, die ersten zwei Minuten sind wichtig. Oft entscheiden. Nicht darüber, ob das was danach kommt, wirklich funktioniert – sondern darüber, ob jemand überhaupt die Chance bekommt, es auszuprobieren. Das klingt unfair? Ja. Aber es ist trotzdem so.

Im Privaten, beim Kennenlernen, ebenso wie im Geschäft. Und Martin Rohla ist da, im Geschäft, ein Profi: Rohla ist Unternehmer. Investor. Ein sogenannter „Business Angel“. Also jemand, der Startups und Jungunternehmen Geld gibt, um eine Idee in die Tat umzusetzen. Rohla ist auch Biobauer – und TV-Akteur: In der Puls 4-Startup-Show „Zwei Minuten – zwei Millionen“ ist er einer derjenigen, die Startup-Akteur*innen nach exakt zwei Minuten Präsentationszeit Geld geben, um ihr Business professionelle aufzuziehen – oder eben nicht.

Zeichen und Signale

Zwei Minuten also. Zwei Minuten, die alles entscheiden. Jemand, der so agiert, ist sich seines eigenen Auftretens sehr bewusst. Versteckt sich nie in der zweiten Reihe oder am Bildrand. Weiß, warum er wann wie welche Signale setzt. Weiß, wie er seine Botschaften verpackt. Verbal wie nonverbal. Bewusst wie – vermeintlich – unbewusst: Als Martin Rohla in die Arena kam, hatte er einen Motorradhelm in der Hand. Damit war die erste Botschaft, des „Business Angels“ an seine Gastgeberin, oekostrom AG—Vorständin Gitsch Aichberger und mich angekommen.

Gitsch hatte Rohla zu „Freitag in der Arena“ aber nicht eingeladen, um über Verkehrsmittel zu reden. Auch „seine“ TV-Show war nicht Grund, den Investor in den Klima-, Umwelt- und Ökotalk der oekostrom AG zu laden uns interessierte die Art seiner Investments. Die Entscheidungsgrundlage dahinter. Schließlich sagt Rohla, heiße seine Beteiligungsfirma nicht zufällig „Goodshares“ – und die 25 Unternehmen an denen sie Beteiligungen hält haben alle eines gemeinsam: Sie sind auf die eine oder andere Art der Nachhaltigkeit verpflichtet.

Doch das, sagt Rohla, sei eigentlich vollkommen normal.

„Es kann heute kein erfolgreiches Unternehmertum mehr geben, das nicht an Nachhaltigkeit denkt.“

„Wenn du an die Ur-Definition von Nachhaltigkeit denkst, nämlich ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung, ist völlig klar: Das ökonomische muss an erster Stelle stehen. Das heißt ohne Profitabilität gibt es kein nachhaltiges Unternehmertum.“ In den letzten zwei, drei Jahren habe sich da unglaublich viel getan – und „schuld“ daran sei „der Konsument, weil der die Keule in seiner Geldbörse entdeckt hat: Du gehst durch die Kärntner Straße und in jeder Auslage hängt ein Plakat mit Sustainability.“

Ein Satz – drei Themenangebot

Rohla ist ein Medienprofi: Andere, meist Wissenschafter*innen, brauchen oft eine halbe Stunde, um eine Botschaft zu platzieren – und dann wird da meist auch noch abgewogen oder relativiert. Aber Rohla bietet in seinem ersten Satz gleich drei Themen an – und hat zu jedem auch eine klare Meinung: Profitabilität als Basis. Die Allmacht des Konsumenten. Nachhaltigkeit als Megatrend. Aber vor allem: Er sagte so gleich, wohin die Reise gehen würde.

Ich entschied mich für die These der Macht der Konsument*innen: Wedelte da nicht der Schwanz mit dem Hund? Entscheiden wir tatsächlich – oder glauben wir, das zu tun, weil uns Details zur Auswahl vorgelegt werden, die großen Richtungsentscheidungen aber ganz anderswo getroffen werden? Rohla war sofort am Punkt:

„Die wahre Macht geht von Konsument:innen aus.“

Das was er mache, stehe dazu in keinem Widerspruch. Im Gegenteil: „Was ich mache ist, Leute auf Ideen bringen. Ich kann nicht selber was verändern. Ich kann nur versuchen, die Unternehmen, wo ich Einfluss habe, dorthin zu bringen, dass sie auf die Frage sozialer und/oder ökologischer Impact eine klare, gescheite Antwort geben.“ Doch sein Steuerungsinstrument sei ident mit dem der Konsument*innen: Geld.

Dass Rohla da nicht falsch läge, bestätigte oekostrom AG-Vorständin Aichberger umgehend: Auch wenn die oekostrom AG aus einem zivilgesellschaftlichen Anspruch heraus entstanden sei, wäre das Unternehmen ohne Kund*innen, die sich bewusst für es entscheiden, nicht marktfähig. „Wir treffen uns letztendlich bei dem Glauben, dass wirtschaftlich langfristig nur erfolgreich ist, wer nachhaltig wirtschaftet.“ Und wirklich selbstverständlich sei das noch gar nicht so lange: „Da gab es in den letzten Jahren eine Veränderung. Auch wir haben im Energiebereich gesehen, dass sich viel verändert, dass es einen Durchbruch gegeben hat: Wir waren immer Nische und jetzt sind wir auf einmal Mainstream.“

Bluffer erkennt man rasch

Das sei, so Aichberger, aber eine Entwicklung gewesen. Habe länger als zwei Minuten gedauert. Und was sie sich frage sei schon, wie und wie schnell eine Investor*in Zukunftspotenzial erkennen könne. Rohla sprach Klartext: „Das spürst du relativ schnell. Natürlich gibt es Bluffer, aber spätestens beim zweiten Termin kriegen wir das raus.“ Da zähle schon auch die Erfahrung beim Zuhören und Zwischen-den-Zeilen-lesen-lernen. Was aber vor allem zähle, worauf er achte, sei „Entscheidungsfreude. Das wichtigste Handwerkszeug des Unternehmers ist Entscheidungsfreude. Entscheidungen rasch zu treffen: Eine falsche Entscheidung kann man korrigieren – und der Weg zum Ziel ist nie die langsame Gerade, sondern das rasche Zickzack.“

Hinzu käme die Bereitschaft Risiken einzugehen – und „arbeiten bis zur Selbstaufgabe. 24/7. Das sind für den Unternehmer die richtigen Voraussetzungen.“ Bei der Unternehmensidee zählten dann wieder andere Faktoren. Und oft ließen sich die akademisch kaum beantworten: „Wie bewertest du Nachhaltigkeit? Das ist sauschwer.“ Bei einem seiner bekanntesten Projekte, dem „Habibi & Hawara“, einem Flüchtlingsintegrationslokal, das mittlerweile auf fünf Restaurants mit über 100 Mitarbeitern gewachsen sei, habe die WU eine große Wirksamkeitsstudie gemacht. „Großartig: 150 Seiten dick. Nur da ist etwas ganz Wichtiges ausgelassen worden – nämlich der Haupt-Impact: Zu uns kommen Menschen als Gäste, denen wird die Angst vor dem Fremden nehmen. Da kommt vielleicht der FPÖ-Wähler aus dem Gemeindebau und sagt: Aha, schau, der ist aber eh lieb. Er erzählt das den Nachbarn: das ist ein Impact, der gigantisch ist. Wir willst du den messen? Und darum ist es auch die Frage der Messbarkeit von nachhaltigem Impact wahnsinnig schwer.“

Nicht auf Sand, auf Pläne bauen

Dennoch verlange er als Investor mehr als die Idee – nämlich auch einen handfesten Businessplan: „Kannst du das rechnen? Bist du eine NGO oder ein Unternehmen? Wenn du ein Unternehmen sein möchtest, brauchst du einen messerscharfen Businessplan.“

Aber so sicher und fundiert das alles klinge: Das Scheitern einzelner Projekte sei immer eine Option – genau deshalb sei es wichtig, Investments zu streuen.

So geboren, sagt Rohla, werde aber niemand. Er selbst habe im „klassischen“ Bankensektor als Trainee begonnen, gelitten – und den Weg in die Selbständigkeit gesucht. „Das Thema Nachhaltigkeit hat mich früh erwischt. 2005 mit der Saint Charles Apotheke, wo wir eigentlich am Anfang diesen Begriff von LOHAS – Lifestyle Of Health And Sustainability als herrliches Marketing G‘schichtl genommen haben.“

Nachhaltigkeit – nur ein Marketinggag

Moment: Sagt da der Nachhaltigkeits-Business-Angel tatsächlich, dass er Nachhaltigkeit nur als Gag, Schlagwort und hohle Phrase aufgegriffen habe? Echt jetzt? Rohla lacht: „Genauso war es: Wir hatten fünf Apotheken in Österreich und jede braucht ein Leitthema. Und fragten: Okay, was für ein G’schichtl gibt es für die Saint Charles Apotheke? Mein Kompagnon Alexander Ehrmann sagt: Ich habe eine gute Idee – LOHAS. Sag ich: Hast du irgendwie eine Rachen-Krankheit? Sagt er: Nein. Das ist Lifestyle Of Health And Sustainability. Aber dann bekam das extrem rasch eine eigene Kraft.“ Und zwar so viel Kraft, dass aus dem Gag etwas Solides und Fundiertes wurde -und den Investor überzeugte und mitriss: „Ich habe 2008 eine Bio-Landwirtschaft gekauft, weil ich mit irgendwas Nachhaltigem in die Produktion gehen wollte.“

Die Veränderung, die er da an und in sich selbst erlebt habe, sei gewaltig. „Es fühlt sich anders an. Das morgens in der Früh aufstehen macht mehr Sinn. Das Arbeiten macht mehr Sinn. Vielleicht eine schlaflose Nacht haben macht auch mehr Sinn.“

Aber auch wenn das philosophisch, fast schon nach Bekehrung, klänge sei er doch immer noch eines: Unternehmer. „Auch ein Unternehmer versucht zu ergründen, warum er tut, was er tut. Das Schlimmste sind Menschen, die nicht den großen oder den halbwegs vernünftigen größeren Plan haben.“

Optimismus ist Pflicht 

Deshalb hätten Weltuntergangsstimmung, Fatalismus und Pessimismus in seinem Weltbild auch keinen Platz, betonte der Investor: Da ist dieses Problem der Wahrnehmung. Da überlesen und übersehen wir, was sich alles Gutes tut. Allein die Definition der 17 SDGs von vor 12 Jahren hat viel bewegt. Nicht in dem Tempo wie man wollte, nicht mit der Effizienz wie man wollte. Aber alle Unternehmen müssen sich danach ausrichten: der Kapitalmarkt schreit danach. Da passieren wahnsinnig viele gute Dinge – aber eben nicht von heute auf morgen.“ Der Blick auf den Weg – und seien es die ersten Meter – sei aber wichtig. Auch, um zu motivieren: „Das spannt den Bogen zum Thema Greenwashing. Der Vorwurf ist ein gefährlicher: Es muss zulässig sein, dass Unternehmen mit komplexen Geschäftsmodellen, sich in vielen kleinen Teilschritten verändert. Wenn beim ersten Teilschritt alle schreien „Aha, Greenwashing“, hindert das vielleicht das Unternehmen daran, den großen Plan umzusetzen.“

Freilich gehe es da auch um den Faktor Zeit, warf Gitsch Aichberger ein: „Es ist eigentlich schon zu spät. Für vieles was wert wäre zu retten, ist es zu spät. Wenn man vor 20 Jahren an der Klimakrise gearbeitet hätte, würde Vieles weniger disruptiv sein als das, was jetzt notwendig ist. Aber wir haben immer noch eine gute Chance, dass wir die Zukunft positiv gestalten und dass wir die Klimakatastrophe abwenden. Die Klimakrise werden wir nicht mehr abwenden, aber die Klimakatastrophe schon. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.“ 

Ein Nachsatz:

Es gehört zu den „Freitag in der Arena“-Spielregeln dem Gast hier nicht zu widersprechen. Hier, im geschriebenen Text geht das aber: Als die Kameras abgeschaltet waren, fragte ich Rohla, wie dieser Öffi-Tipp zu seiner Anreise per Motorrad passe. Rohla stutzte kurz – dann lachte er: Er pendle mit dem E-Auto am Land vom Bauern- zum Bahnhof, nehme den Zug in die Stadt und dann die U-Bahn ins Büro. In der Stadt fahre er dann mit den Öffis – oder dem E–Moped.

Ich sah mir das Ding an: Kein Dynamic-Tempo-Hobel wie die Ducati. Keine Stil-Ikone wie die Vespa – aber ein absoluter Hingucker. Etwas, mit dem man auf den allerersten Blick eine Botschaft platziert und eine Geschichte erzählt. Martin Rohla kann das perfekt – und ich mag seine Geschichte

Key message von Gitsch Aichberger

Steve Jobs hat einmal gesagt: Wenn man auf ein Leben blickt und man schaut immer nur nach vorne, dann sieht man lauter Punkte in irgendeiner Reihenfolge. Erst wenn man zurückschaut, erkennt man das Muster da drinnen. Deshalb braucht es Leidenschaft und Karma. Oder Glauben: Sonst würde man nie diesen Weg gehen.

Martin Rohla hat für mich dieses Bild mit Leben gefüllt, weil er sehr viel Leidenschaft für das ausstrahlt, was er machst.

Er sagt: Ich visiere dorthin, aber aus Leidenschaft. Das spürt man bei allem, was du uns erzählt hast. Das nehme ich mir mit, weil ich glaube, da kann dann nur was Gutes dabei rauskommen.

Tipp am Freitag von Martin Rohla

„Der erste: Keine Produkte aus industrieller Tierhaltung essen. Denn wir wissen alle, dass die industrielle Tierhaltung, der größte Umweltverpester von allen ist.

Und der zweite: Nutzt den öffentlichen Verkehr. Lasst das Auto zu Hause, das Moped, zu Hause, außer es ist elektrisch. Gerade in Österreich ist die öffentliche Verkehrsanbindung so sensationell, dass ich seit einigen Jahren wirklich versuche, möglichst viel U-Bahn und Bahn zu fahren.“

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.