Freitag in der Arena #3: Agnes Zauner

freitaginderarena, Foto: Reinhard Schmid

 

6. November 2020: In dieser Folge von „Freitag in der Arena“ ist Agnes Zauner zu Gast. Agnes Zauner ist politische Geschäftsführerin der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000. Sie spricht mit Vorstand Ulrich Streibl und Moderator Thomas Rottenberg über Klimaschutz, das Pfandsystem in Österreich und darüber, wie man in schwierigen Zeiten OptimistIn bleibt.

Agnes Zauner ist politische Geschäftsführerin der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000. Sie spricht in dieser Folge „Freitag in der Arena“ mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Moderator Thomas Rottenberg über Klimaschutz, das Pfandsystem in Österreich und darüber, wie man in schwierigen Zeiten OptimistIn bleibt.

Wie hat dein Umweltschutzengagement begonnen?

Das ist lange her und ich würde sagen: Durch meine Eltern. Ich komm aus Wiener Neustadt und da gab es Anfang der 90er Jahre die Fischerdeponie. Dort wurde viel giftiger Müll deponiert und es gab aus der Gesellschaft großen Widerstand dagegen. Meine Eltern sind mit mir im Kinderwagen dorthin gefahren. So hat es begonnen und der Umgang mit dem Planeten war immer ein großer Teil meines Lebens. Als weiße Person in Europa bin ich unglaublich privilegiert und kann etwas machen, damit der Planet nicht den Bach runter geht – ich habe das immer als große Aufgabe empfunden. Außerdem habe ich mich immer viel mit Atomkraft beschäftigt und drei Wochen vor Fukushima gegen EURATOM plakatiert. Das erste Mal bewusst von GLOBAL 2000 gehört habe ich als Teenager in Zwentendorf – dort gab es einen Vortrag und ich war begeistert. Das habe ich dann aus den Augen verloren und war meine Zwanziger im Ausland unterwegs. Jetzt bin ich wieder zurück und kann bei GLOBAL 2000 die Themen, für dich ich brenne, so richtig in Angriff nehmen.

„Wir haben nur noch 10 Jahre Zeit die Klimakrise in den Griff zu kriegen. Dafür arbeiten wir – für eine richtig leiwande Zukunft.“

Passiert aus deiner Sicht genug im Kampf gegen den Klimawandel?

Die Gesetze, die gerade auf dem Weg sind, sind schon mal ein guter Anfang. Aber es geht natürlich noch nicht schnell genug. Es liegt an den politischen Entscheidungsträger*innen Gesetze zu machen, sodass wir ein Ende der fossilen Treibstoffe haben werden. Laut den Berechnungen sind wir auf keinem besonders guten Weg. Da heißt es, Druck zu machen.

Wir als NGO suchen das Gespräch mit allen Stakeholdern. Ein Beispiel ist das Pfandsystem, das kommen wird. Umfragen zufolge möchten 83 % der Österreicher*innen, oder der Menschen, die in Österreich leben, ein Pfandsystem. Da ist die Politik dran, darauf zu reagieren und zu sagen: Okay, die Zeit ist reif. Wir haben ein riesiges Müllproblem und laut Studien und der Wissenschaft ist ein Einwegpfandsystem oder eine verpflichtende Mehrwegquote die Lösung.

Dein Berufswunsch als Kind war Feuerwehrfrau – bist du nicht eigentlich jetzt Feuerwehrfrau?

Manchmal kommt es mir schon so vor, dass wir Brände löschen. Ich möchte das wirklich Große angehen – mir geht es um Zukunftsvisionen: Wie kann eine klimafreundliche Zukunft für uns alle ausschauen? Ich merke oft, dass sich Leute das nicht gut vorstellen können, denn es gibt noch keine Bilder von der Zukunft. Aber wir können zumindest welche zeichnen, welche erzählen. Viele meinen, dass eine klimafreundliche Zukunft mit Verzicht verbunden ist. Das stimmt gar nicht. Es geht um viel mehr Lebensqualität für alle. Man kann das auf konkrete Dinge runterbrechen, wie zum Beispiel: Es ist zu heiß im Sommer und ältere Leute leiden darunter. Was können wir dagegen tun? Statt den Parkplätzen vor der Haustür sind Begrünungsmaßnahmen eine Lösung zum Kühlen der Städte.

Müssen wir uns in der Zukunft also stärker in Verzicht üben, um das Klima zu schützen?

Nein, ich denke nicht. Es wird eine lebenswertere Zukunft für mehr Menschen geben. Es wird normal sein, dass wir weniger arbeiten, mehr Zeit für die Familie haben und mehr in die Natur gehen. Wir werden Häuser haben, die nicht überhitzen, sondern gedämmt sind. Wir werden Heizungssysteme haben, die keine CO2-Schleudern sind und für die wir keine Thermenwartung zahlen müssen. Autos wird es weiterhin geben. Die Frage ist, wo sie geparkt sind. Ein Auto ist ein „Stehzeug“ und steht durchschnittlich 23 Stunden pro Tag. Wenn wir den Platz mehr nutzen, können wir Kinder draußen spielen lassen, ohne dass sie durch Abgase und schnelle Fahrzeuge gefährdet sind. Ich glaub, es geht viel mehr in die Richtung und ich freu mich schon wirklich drauf.

Kann man Klimaschutz positiv besetzt kommunizieren?

Auf jeden Fall. Auf einem toten Planeten können wir auch keinen Spaß, keinen Luxus, keine Arbeitsplätze und einfach kein schönes Leben mehr haben. Wie Fridays for Future sagt: There is no future on a dead planet. Klimagerechtigkeit ist ein großes Thema und eine Demokratiefrage. Politik kommt uns oft wie gelähmt vor. Eigentlich haben wir die Regierung gewählt, damit sie uns aus dieser Klimakrise rausholt. Das ist ihr Job.

Wie geht ihr mit der Rolle der Wirtschaft in der Klimakrise um?

Ich bin total gerne mit Wirtschaftstreibenden in Kontakt, denn es ist interessant, was die für Probleme haben oder wie sie Dinge lösen wollen. Es gibt viele innovative Branchen, Unternehmen und Unternehmer*innen. Wir als GLOBAL 2000 haben Wirtschaftskooperationen, bei denen wir ganz genau schauen, dass unsere Unabhängigkeit immer gewahrt ist. Wir gehen nur Kooperationen ein, bei denen wir sagen: Wir haben einen wirklichen Impact und können den Unternehmen helfen in Richtung klimafreundlich, umweltfreundlich zu gehen. Wir haben seit 18 Jahren ein Pestizid-Reduktions-Programm, gemeinsam mit REWE. Wir haben viel strengere Pestizidgrenzwerte als gesetzlich vorgegeben eingeführt. Dies hat wiederum einen großen Impact auf das, was wir in den Supermärkten konsumieren. Wir haben viele Expert*innen, die sich das genau anschauen und unabhängig testen. Bei der Testung gibt es vom Konzern kein Mitspracherecht.

Wie stehst du zum Thema Atomkraft? Befürworter sprechen ja von CO2-neutraler Energiegewinnung.

Denen fehlt eine Info, denn Atomstrom ist nicht klimaneutral. Wenn man sich genau anschaut, was vom Atomkraftwerkbau bis zum Uranabbau bis zur Endlagerung verbraucht wird, verursacht Atomkraft wesentlich mehr CO2 als Photovoltaik und viel mehr als Windkraft. Außerdem kann man Atomkraftwerke nicht versichern. Wie soll man Millionen von Menschenleben versichern? Das geht gar nicht. Banker und Ökonom*innen sagen: „Nuclear power prized itself out of the market.“ Es ist mittlerweile so teuer und nicht mehr rentabel Atomkraftwerke zu bauen. Und es gibt kein Endlager. Atomkraft ist ein Auslaufmodell.

Warum gibt es keine CO2-Steuer?

Es gibt einfach viele große andere Wirtschaftsinteressen, vor allem von Konzernen. Diese wollen hohe Gewinne und Boni ausschütten. Gleichzeitig sehen wir auch, dass die Menschen in Österreich keine Lust mehr auf die staatliche Subventionierung von CO2-Schleudern haben. Und erst recht nicht darauf, dass Boni an Unternehmenschef*innen ausgezahlt werden, anstatt in Klimaschutzmaßnahmen zu investieren.

Wie schaffst du es Optimistin zu bleiben?

Entweder wird die Zukunft urfurchtbar oder urleiwand. Und ich finde, wir haben keine andere Option, als zu sagen: Sie wird richtig leiwand, gerechter und schöner. Schaffen können wir es auf jeden Fall, das sagt auch die Wissenschaft. Wir müssen nur die richtigen Entscheidungen treffen. Mich motivieren auch die jungen Leute. Wir haben tolle Freiwillige und Menschen, die bei uns Praktikum machen und Projekte durchführen. Das ist der antreibende Motor. Gemeinsam rettet es sich die Welt leichter und schöner.

Key message zu diesem Talk von Ulrich Streibl

Ich sehe, dass Agnes, GLOBAL 2000 und viele Organisationen, die in dem Bereich sind, sehr reflektiert sind. In den Studien von euch und von anderen steckt unglaublich viel Wissen. Dieses Wissen brauchen wir. Das Rebellische ist notwendig, denn wenn wir keine rebellischen Elemente in dieser Gesellschaft haben, wird zu wenig passieren. Wir haben alles, was wir brauchen. Wir müssen nur diese Kräfte zusammenbringen und etwas tun. Das wird uns gelingen.

Tipp am Freitag von Agnes Zauner

Es ist wichtig, wählen zu gehen und das Demonstrationsrecht zu nutzen. Genauso wichtig ist es, mit anderen Leuten über Klimaschutz-Themen zu sprechen. So können Prozesse für die Zukunftsgestaltung angestoßen werden. Wenn finanziell möglich, ist auch die Unterstützung von Organisationen und Initiativen ein großer Beitrag zum Klimaschutz.

Unser Podcast „Freitag in der Arena“ erscheint alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

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Katharina Steinbichler ist bei der oekostrom AG in den Bereichen PR, Kommunikation und Social Media tätig und sorgt dafür, dass die Nachhaltigkeitscommunity weiter wächst. Auch privat zieht sich der grüne Lifestyle durch ihr Leben, denn spätestens seit dem Schnorcheln durch abgestorbene Korallenriffe auf Bali ist ihr klar: Sie muss etwas gegen den Klimawandel tun! Mit welchen kleinen Schritten jeder Einzelne etwas bewirken kann schreibt Katharina auf dem Blog der oekostrom AG.