Freitag in der Arena #30 Hanna Simons: Klimaschutz vs. Naturschutz? – Wie gelingt eine naturverträgliche Energiewende?

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Hanna Simons, stellvertretende Geschäftsführerin des WWF Österreich, zu Gast bei Freitag in der Arena. (Foto: Reinhard Schmid)

19. November 2021: Gast der 30. Folge von „Freitag in der Arena“ ist WWF-Naturschutzsprecherin Hanna Simons. Eine Debatte über das Problem, Klima- und Naturschutz unter einen Hut zu bringen.

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Normalerweise ist „das Richtige tun“ einfach: Man schaut auf Bio-, Umwelt-, Fairness und andere Nachhaltigkeitszertifikate. Vermeidet Flugreisen. Fährt innerstädtisch Rad oder öffentlich. Achtet auf regional und saisonal. Bestellt online dort, wo Mitarbeiter:innen nicht ausgepresst werden. Ist generell darauf bedacht, Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte – und hat, wenn man Strom doch noch nicht von der oekostrom AG bekommt, zumindest einen zertifizierten Grünstrom-Tarif anderswo. Außerdem weiß man, was Tier- und was Artenschutz ist – und wieso das eigene Verhalten darauf abzielen sollte, die Artenvielfalt, also die Biodiversität, zu schützen.

Das ist viel? Jein. Tatsächlich ist das ein „Mindset“. Weil wer A versucht, meist auch B erreichen will: Eins ergibt das andere.

Nur stimmt das blöderweise halt nicht. Jedenfalls nicht immer. Noch blödererweise, jedenfalls aus der Perspektive von oekostrom AG-CEO Ulrich Streibl und mir, lassen sich einander widersprechende Interessen beim Gutes-Erreichen-Wollen, just in „unserem“ Wirkungsbereich leicht festmachen: Artenschutz und saubere Energiegewinnung – passt das wirklich zusammen? Windräder und Zugvögel. Wasserkraftwerke und Fisch-Wanderungen. Wir – Ulrich, Sie, ich – wollen beides. Aber: Geht das?

Durchmogeln

Natürlich könnten wir uns durchmogeln. Ausweichen, abschwächen und relativieren. Irgendwelche Papiere hervorkramen, in denen steht, dass eh alles super ist – und der Eingriff des Menschen in die Natur grundsätzlich super ist.

Gestatten Sie mir hier zwei kleine beispielhafte Off-Topic Einschübe: Der Betreiber eines Gletscherskigebietes erklärte mir einst, dass Schneekanonen und intensives Pistenpräparieren zum Sommerskilauf aktiver Naturschutz seien, weil der planierte Kunstschnee den darunterliegenden Gletscher schütze. Und vor gut 20 Jahren behauptete ein Verteidigungsminister, dass der Artilleriebeschuss eines Naturschutzgebietes „neue Lebensräume“ schaffe, weil durch die Granattrichter dann „Mikro-Hanglagen in alle Richtungen“ entstünden. Außerdem würde so den Grundwehrdienern „die Natur wortwörtlich vor Augen“ geführt“. Die meinten das so. Einschub Ende.

So sind wir nicht

Natürlich könnten wir das tun. Aber: So sind wir nicht. Wir tun das Gegenteil: Wir reden offen über die Widersprüche, die Gegensätze. Das ist mit einer der Gründe, wieso ich „Freitag in der Arena“ so mag: Im Klima-, Umwelt- und Zukunftstalk der oekostrom AG in der Wiener Arena sind wir uns oft einig. Eben weil wir meist mit Menschen reden, die die gleichen Ziele haben. Aber bei Reibungspunkten und Bruchlinien weichen wir nicht aus – wir sprechen sie an.

Deshalb war ich auch gespannt, wie Ulrich Streibl und Hanna Simons miteinander auskommen würden. Hanna ist nämlich Programmleiterin für Natur- und Umweltschutz beim WWF Österreich. Mit dem Energiewende-Traum von möglichst vielen Fluss- und Windkraftanlagen möglichst überall kann sie also, weit weniger anfangen als ein Errichter und Betreiber wie Ulrich.

Die Pole

Trotzdem betonte Hanna zunächst, was verbindet: „Wir haben ein gemeinsames, ganz wichtiges Anliegen – den Klimaschutz.“ Doch das „Aber“ kam sofort: „Allerdings ist es unsere Aufgabe darauf zu achten, dass wir nicht mit der Bewältigung der einen großen Krise eine erzeugen, die Naturschutzkrise.“ Wobei sie sich gleich korrigiert: „In der sind wir schon mittendrin.“ Denn der Verlust an Biodiversität sei „enorm“ – auch in Österreich.

Das Dilemma sei klar: „Wir sehen es als unsere Rolle zu verhindern, dass mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien, den wir zweifelsohne brauchen, Natur zerstört wird und wir mit noch mehr Biodiversitätsverlust zu kämpfen haben. Wir haben die Klimakrise ausgelöst. Ich möchte nicht, dass wir durch die Bekämpfung der Klimakrise die Biodiversität zerstören.“

Als Moderator muss man da aufpassen: Leicht kann sich die Diskussion hier in der Komfortzone der grundsätzlich gleichen Absichten verkriechen. Also fragte ich Ulrich, ob er heute die Rolle des „Bösewichtes“ habe. Natürlich widersprach er: „Was wir brauchen, sind klar ausgewiesene Zonen und Flächen, in denen wir bauen und betreiben dürfen. Und Schutzflächen.“ Dafür, so der oekostrom AG-CEO brauche es klare Regeln und Richtlinien: Wo geht was – und wo geht was nicht.

Problematisch sei da weniger die Position des WWF, als die Instrumentalisierung von Umwelt- und Naturschutz um Infrastruktur zu verhindern. „Da werden Verfahren ins Unendliche gezogen. Interessanterweise oft von Menschen, die am Freitag für Klimaschutz demonstrieren und dann am nächsten Donnerstag auf eine Umweltschutz-Demo gehen.“ Das beträfe nicht nur Kraftwerke, sondern jede Form von Infrastruktur: Photovoltaikanlagen ebenso wie Strommasten. „Da wird oft großzügig argumentiert, um regional zu verhindern. Das ist das Thema.“

Die NIMBY-Problematik

Das Fachvokabel dafür kennt auch Hanna Simons gut: „Nimby steht für ‚Not in my backyard‘.“ Verstehen könne sie diesen Zugang aber schon. Schließlich wolle jeder und jede in einer schönen Umgebung wohnen. Darum seien Instrumente wie Anrainer- und Umweltschutzverfahren entwickelt und festgeschrieben worden. Aus Sicht der Naturschützer würden Infrastruktur-Errichter (um es pauschal zu formulieren) Projekte möglichst lange geheim hielten, um Widerstand und Einsprüche im Vorfeld zu verhindern oder „sogar an den Betroffenen vorbeizuschleusen“ (Simons). Die Politik wiederum habe Angst vor unpopulären Entscheidungen – und delegiere an Umweltverträglichkeitsprüfung & Co. Das „Learning“ an der Basis laute dann: Blockieren wo und was geht. Schließlich wisse man oft ja nicht, was im Verborgenen noch lauere – oder durch Mauschelei längst beschlossen sei.

Zufriedenstellend, weiß Hanna, sei das für niemanden. Und Unternehmen, die saubere Enger mit sauberen, transparenten Beteiligungsverfahren umsetzen wollen, wären oft „Kollateralschäden“: „Wir sind uns einig, dass es in den Verfahren Verbesserungen braucht. Gleichzeitig sehen wir, dass es Betreiber gibt, die Wasserkraftwerke in Schutzgebieten planen. Aktuell werden ein Drittel aller neu geplanten Wasserkraftwerke in Schutzgebieten geplant.“ Just diese Projektbetreiber, würden sich aber am lautesten über kompliziere Bewilligungsverfahren und hohe Auflagen beschweren. „Da kann ich nur sagen: Augen auf bei der Standortwahl.“

Das Standort-und-Zeit-Dilemma

Das ganz so einfach, widersprach Ulrich Streibl, sei das mit der Standortwahl aber auch für die „Guten“ nicht. Bei Windkraft und Photovoltaik würden Gemeinden und Bundesländer derzeit „überhaupt keine Standorte freigeben. Wir sind in einer Situation, dass wir nichts mehr bauen können.“ Und das, obwohl die Politik sich wortreich zum Ausbau der Erneuerbaren bekenne. Was da vergessen werde: „Von der ersten Überlegung bis zum Windrad vergehen acht Jahre. Wenn wir heute zu planen anfangen, was wir ohne Flächen nicht können, haben wir das Windrad 2029. Wir wissen aber, dass wir in 2030 den gesamten Strom erneuerbar produzieren möchten. Das geht sich nicht aus!“

Hanna Simons glaubt dagegen, dass sich die Energiewende zeitlich ausgehen könnte– aber nur, wenn es endlich eine „übergeordnete Energie-Raumplanung“ gibt. Derzeit werde von Standort zu Standort, von Projekt zu Projekt gedacht – niemand mache eine Masterplan: Wo sind Gebiete, in denen Erneuerbare gewonnen werden können? „Dann würden wir diese Konflikte im Kleinen vermeiden, wenn es übergeordnete Planung gäbe. Hier ist die Politik säumig.“ Wenn man immer nur das einzelne Projekt betrachte, sei klar, wieso der WWF „oft auf der Seite der Initiativen, der Bürgerinnen und Bürger“ sei.

Wie bitte?

Moment! Fordert die WWF-Expertin da gerade, dass regionale Einzelinteressen dem „Großen Ganzen“ untergeordnet werden sollen? „Ja, wenn wir vorher dafür sorgen, dass die Grundlagen für die Umweltverträglichkeitsprüfung entsprechend ausgestaltet ist. Hier entzieht sich der Gesetzgeber der Verantwortung, formuliert unklar. Wenn Gesetze klar formuliert sind, kann die Behörde klar entscheiden: Ist dieses Projekt genehmigungsfähig oder nicht?“ Das schaffe Rechtssicherheit – und helfe, Zeit zu sparen. Zeit, die auf dem Weg zur Energiewende niemand habe. „Die UVP ist ein Verbesserungsinstrument, keine Verhinderungsinstrument.“

Die Wirklichkeit, ergänzte Ulrich, sähe nämlich so aus: An Projekten wie der „Salzburg Leitung“, einer interalpinen Überlandstromleitung von zentraler Wichtigkeit, werde seit über 20 Jahren geplant, gefeilt – und nicht entschieden. Hanna nickt: „So lange hinauszuzögern ist nicht gut.“ Dennoch sei offen, wie und man bei Megaprojekten alle Anrainer- Naturschutzinteressen wahrnehmen solle, solange die Politik sich vor grundlegenden Antworten drückt.

 Denn dass Umweltschützer*innen ausschließlich verhindern wollen, stimme so nicht: „Bei der Wasserkraft gibt es Sektionierungsvorschläge“, also Reviere, in denen aus Umwelt- und Naturschutzsicht nicht grundsätzlich „Njet“ gelte. Wobei dann im konkreten Fall noch einmal genau geschaut werden müsse: „Bei Wasserkraftwerken wird oft das einzelne Projekt überprüft, aber nicht die Summen-Wirkung – wenn an einem Fluss mehrere Wasserkraftwerke gebaut werden.“

Was macht welches Problem?

Ulrich Streibl stellte dann eine Wissensfrage: „Welche Probleme machen die Erneuerbaren konkret?“ Hanna Simons begann grundsätzlich: „Jedes Wasserkraftwerk ist ein Eingriff in die Gewässer-Ökologie.“ Flusslauf und Durchfluss verändern sich, Turbinen und künstlich veränderter Wasserstände sind für viele Fische tödlich. Auch Windräder sind „Turbinen“ – und damit für Vögel gefährlich. Allerdings gäbe es hier schon gut funktionierende „Zonierungen“, um Schäden für die Vögel möglichst geringhält.

Ganz unproblematisch sei auch die Photovoltaik nicht: Hier würden enorme Flächen gebraucht – und Österreich sei europäischer Spitzenreiter im Bodenversiegeln. „Wir beobachten, dass es auch in der PV stark in die Freifläche gegangen wird.“ Dabei gäbe es genug verbaute Flächen, an denen Sonnenkollektoren möglich wären. Etwa über bestehenden Parkplatzanlagen von Shoppingcentern. Oder Versuche, auf landwirtschaftlich genutzten Flächen zusätzlich Sonnenenergie zu „ernten“.

Und was verbindet?

Klare Richtlinien würden helfen, sind sich WWF und oekostrom AG einig. Und zügige Verfahren, in denen tatsächlich und endgültig entschieden wird: Nein, das Ergebnis muss, wird und kann nicht immer allen Beteiligten passen. Aber so wisse jeder, woran er oder sie sei.

Doch da ist noch etwas. Etwas, das man mit neuen Kraftwerken alleine nicht den Griff bekommen wird, sind sich Hanna Simons und Ulrich Streibl einig:

„Wir müssen mit dem Energieverbrauch um 50 Prozent runter“, betont Streibl, „Minus 50 Prozent, das heißt Energieeffizienz, andere Technologien. Die 1,5 Grad von Paris können wir uns sonst in die Haare schmieren.“

Dennoch, betonte er, bleibe er Optimist: „Denn es gibt keine Alternative. Und wenn wir die Klimakrise nicht bewältigen, wird die Artenvielfalt dramatisch hinuntergehen.“ Denn zur Energieversorgung kämen Verkehr – und Industrie. „Wir müssen überall schnell viel tun, sonst geht sich das nicht aus.“

Zeit, bestätigte Hanna Simons, sei das, wovon wir am wenigsten haben: „Also es ist knapp. Es wird sehr knapp.“

Viel Anlass zu Optimismus gäben ihr weder die öko-soziale Steuerreform noch die COP, der Klimagipfel von Glasgow. Der Hebel läge deshalb bei uns. Beim Ausbau der „Erneuerbaren“ – und Verhaltensänderungen jedes und jeder einzelnen.

Das, so Hanna Simon, helfe auch, die Hoffnung nicht zu verlieren: „Erfolge passieren oft im Kleinen. Es sind die kleinen Schritte, die zum großen Erfolg führen.“ Das gelte in ihrer Arbeit beim WWF ebenso wie im Alltag.

Ulrich Streibls Keymessage

Das Thema Umweltschutz versus Klimaschutz aufzulösen, ist extrem schwierig. Da gibt es einander widersprechende Interessen. Aber Hanna und ich sind uns einig, dass diese Diskussion geführt werden muss. Durchaus auch kontrovers.

Wir müssen die Politik hineinnehmen. Wir müssen die Menschen hineinnehmen. Und diese Diskussion so führen, dass wir es ausstreiten. Und am Ende muss da ein Ergebnis stehen. Wir müssen klar definieren: Das hier sind schützenswerte Naturräume, die greifen wir nicht an. Auf keinen Fall. Dann gibt es auch keinen Projektwerber, der auf die Idee kommen würde, einen Antrag einzureichen.

Dafür gibt es aber dann auch Räume, wo man sagen kann: Da geht diese Technologie – und da machen wir es auch. Und dann machen wir es bitte auch.

Eiern wir nicht acht, 20 oder 30 rum – sondern machen wir das in ein, zwei, drei Jahren! Stellen wir die notwendigen erneuerbaren Energieanlagen mit möglichst geringen Naturschutz-Eingriffen auf – und lassen die Naturräume, die wir brauchen, unberührt. Ja, das ist ein dickes Brett. Aber so kriegen wir das hin.

Hanna Simons „Tipp am Freitag“

Mein Tipp am Freitag ist ein Projekt des WWF: Das Projekt „Superpower“.

Warum Superpower? Wir haben alle eine Superkraft, wenn es um den Klimaschutz geht: Unsere Ernährung. 37 Prozent aller Emissionen global werden durch unsere Ernährung, die Art und Weise, wie wir essen, ausgelöst.

Und da treffen wir täglich mehrere Entscheidungen, im Supermarkt, beim Essen. Hier können wir jedes Mal eine Entscheidung für oder gegen das Klima treffen.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.