Freitag in der Arena #31: Johannes Wesemann

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Johannes Wesemann bei Freitag in der Arena. (Foto: Reinhard Schmid)

3. Dezember 2021: Der Wiener Unternehmer Johannes Wesemann möchte Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro vors internationale Strafgericht bringen: Die Vernichtung der Regenwälder Amazonas seien ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. In der 31. Folge von „Freitag in der Arena“ erklärt er oekostrom AG-Vorständin Gitsch Aichberger, wieso er, der Gründer von Uber Österreich, zum Umweltschützer wurde.

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Nein, diese Eröffnung hat natürlich nix mit dem zu tun, wofür „Freitag in der Arena“ steht. Denn vor über 30 Jahren, waren Klimawandel und Nachhaltigkeit für „Joe“ (oder war es „Johnny“?) und mich kein Thema. Umweltschutz war nur ein Wort – und die Zukunft? Weiter als bis zur nächsten Party dachten wir selten: Wir waren Kids aus angeblich „gutem“ (ich) und „besserem“ (Joe) Haus, besuchten die dazu passenden Schulen und waren in der gleichen Clique unterwegs. Ich spielte und „sang“ in einer –echt grottigen – Punk-Ska-Band. Und weil Joe und seine Freunde unsere Freunde waren, sagten sie uns nicht, wie elend wir in Wirklichkeit spielten, sondern kamen zu jedem Gig: Wir hatten Spaß. Sehr viel Spaß. Aber nach der Matura verloren wir einander aus den Augen. Leider – aber normal.

Natürlich vergisst man einander nicht. Wenn Namen von früher in den Medien auftauchen, löst das was aus. Als „Uber“ vor ein paar Jahren nach Österreich kam und ich „Joe“ – mittlerweile „Johannes“ – Wesemann als Kopf des Österreich-Ablegers des ebenso innovativen wie umstrittenen Fahrtendienstes sah, war das ein anerkennendes „Aha, der hat da was geschafft“. Doch als ich vor einigen Monaten erfuhr, dass Wesemann den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro wegen der Zerstörung des Regenwaldes vor den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bringen wollte, wurde ich neugierig: Zum jugendlichen Ungestüm, mit dem wir mit 18 die Welt einreißen (und natürlich retten) wollten, passte das – aber zu einem soliden, professionellen Unternehmer? Noch dazu einem an einer Schlüsselstelle eines global agierenden, nicht unumstrittenen Unternehmens?

Wiedersehen mit einem Jugendfreund

Und so war ich nicht nur beruflich, sondern auch privat neugierig, diesen Johannes Wesemann, der mit seiner NGO „AllRise“ von Österreich aus dem Öko-Unwesen des brasilianischen Präsidenten ein Ende bereiten will, in der Wiener Arena wieder zu treffen. An einem Ort, an dem wir – damals noch „Joe“ und „Tommy“ – früher immer wieder das Gefühl gefeiert hatten, „dem System“ eins auszuwischen. Ein bisserl zumindest.

Diesmal saß Gitsch mit mir auf der Arena-Bühne – und ihre erste Doppelfrage wäre auch meine gewesen: Was genau will Wesemann? Und: Glaubt der Mann im Ernst, von Österreich aus den Präsidenten Brasiliens in die Knie zwingen zu können?

Beide Fragen kommen natürlich nicht unerwartet. Also erklärte der Gründer von Allrise zunächst einmal grundsätzlich, warum er Jair Bolsonaro wegen der Vernichtung enormer Regenwaldflächen im Amazonas anklagen will.

„Wir müssen schauen, ob bestehendes Recht ausreicht, der Klimakrise zu begegnen“, leitet er ein – und betont, weder Jurist, noch ein „klassischer“ Aktivist oder Umweltschützer zu sein – sondern Unternehmer.

Der Unternehmer und sein Anwalt

Die Bilder der brennenden und zerstörten Regenwälder hätten ihn wütend gemacht. „Ich bin zu meinem Anwalt gegangen und habe gesagt: Wolfram, wir müssen den Bolsonaro klagen. Finden wir einen Weg.“ Das sei, zwar „sehr jugendlich, bissl ungestüm“ gewesen – aber bei der Suche nach Lösungen seien er und sein Anwalt „rasch erwachsen geworden: wir haben uns den Internationalen Strafgerichtshof angeschaut – und relativ rasch gewusst, was wir machen wollen.“

Sein Zugang, so Wesemann, sei folgender: „Ich glaube, dass die Klimakrise sehr stark über das Recht bekämpft werden und gelöst werden muss. Wir müssen die Gerichte beschäftigen, weil die Politik nicht den Mut hat, Entscheidungen zu treffen: Wir wollen beweisen, dass bestehende Gesetze ausreichen, Umweltzerstörung globalen Ausmaßes juristisch zu verfolgen.“

Internationale Vorbilder

Dafür gäbe es schon Beispiele: der deutsche Verfassungsgerichtshof hat im April befunden, dass schlechte Umweltgesetze Auswirkungen auf die Grundrechte haben – und Klagen dagegen daher zulässig sind. „Das ist ein Meilenstein und wird nachhaltigste Auswirkungen haben. Was in Deutschland passiert, wird weltweit genau angeschaut.“ International gebe es zwar (noch) keinen Straftatbestand des „Ökozids“, aber eben doch den der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Die Klimafolgen der Abholzung seien – juristisch betrachtet – allerdings irrelevant, fanden Wesemann und sein Anwalt heraus. Ja, obwohl sie Lebensgrundlagen für alle vernichten.

Doch um den Regenwald ungehindert abholzen zu können, würden massive Verbrechen begangen. Nicht zuletzt gegen die indigene Bevölkerung – aber auch gegen Kritiker:innen und Aktivist:innen:

 „Umweltschützer sind Repressalien ausgesetzt und werden sogar umgebracht: Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir erreichen das gleiche Ziel – aber über einen anderen Weg.“

Ist das Bolsonaro nicht „Blunzen“?

Bolsonaro deshalb zu verklagen klingt gut und engagiert. Aber: Ist es nicht ein bisserl weltfremd? Ich formulierte es wienerisch: „Ist eine NGO in Wien Bolsonaro nicht vollkommen Blunzen? Wird ein Wiener den brasilianischen Präsidenten stoppen – oder setzt du eher ein Zeichen?“

Wesemann ist kein Träumer. „Worum es geht, ist, einen Präzedenzfall zu schaffen: Anerkennt der Strafgerichtshof unseren juristischen Weg, versteht er die Schwere des Verbrechens, schaffen wir einen Präzedenzfall. Dann muss sich in Zukunft jeder Unternehmer und Politiker bei ähnlichen ‚Weggabelungen‘ sehr genau überlegen, ob ihm das nicht auch passieren kann.“ Dieses Nachdenken, dieses Zögern sei wichtig: Wer zögert, verliert Zeit, bleibt eventuell sogar stehen. Die Dynamik des Tuns, der Schwung, bricht: „Das ist es was wir letztendlich erreichen wollen.“

Die Katastrophe in Zahlen

Die „Schwere des Verbrechens“ kann Wesemann sehr genau beschreiben: Offiziell sind es „nur“ 4000 Quadratkilometer tropischen Regenwaldes, die jährlich in Brasilien abgeholzt werden. Zum Vergleich: Wien ist 414, Vorarlberg 2600 Quadratkilometer groß. Tatsächlich, weiß der Allrise-Gründer, werden aber Jahr für Jahr über 10.000 Quadratkilometer abgeholzt. Die Klimafolgen sind zwar juristisch nicht einklagbar, wissenschaftlich aber längst errechnet und belegt: In den nächsten 80 Jahren sind allein deshalb 180.000 Hitze-Tote zu erwarten. Wesemann: „Das ist kein Kavaliersdelikt.“

Andererseits, warf Gitsch ein, sei es aber auch sehr einfach mit dem Finger von Europa aus auf Brasilien oder Afrika zu zeigen – und zu „übersehen“, dass dort nichts anderes passiert, als man es auch in Europa getan hat: Von der europäischen Waldfläche der Zeit vor der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts sind heute nur noch drei Prozent übrig.

Die Profiteure im Hintergrund

Wesemann stimmte zu: Genau deshalb müsse man auch jene ins Visier nehmen, die von der Abholzung heute profitieren. Das seien nämlich nicht brasilianische, sondern global aufgestellte Unternehmen: Die Futter- und Nahrungsmittelindustrie etwa. Oder Autohersteller, die noch immer Unmengen an Leder für Autositzbezüge bestellt – und die Finanzwelt, also die Bankenwelt, die all das immer noch finanziert. „Es geht nicht um das Spiel: ‚Du darfst, du darfst nicht‘,“ betonte Wesemann, „wir haben hier ein Problem in Brasilien, das uns alle betrifft.“

Ich musste lächeln: Sätze wie diese habe ich auf der Bühne der Arena im letzten Jahr oft gehört – aber meist kamen sie von Menschen mit „klassischem“ Aktivist:innen-Hintergrund. Johannes Wesemann aber kommt aus einer ganz anderen Ecke, „brennt“ mittlerweile aber genauso für das Thema. „Die Caritas hat in meiner Jugend eine Werbung geschaltet. Die endete mit dem Satz: ‚Nicht nur nicken, sondern Spenden.‘“ Nicken, sagt er, kenne er gut: „Du denkst dir: ‚Schrecklich.’ – und gehst Tennis spielen.“ Dieser Satz habe ihn nun, als er Allrise gründete, wieder eingeholt „Ich habe Kinder. Die wollen Antworten. Das waren meine persönlichen Gründe – aber dann bin ich professionell geworden und auf einen Bereich gestoßen, der mich fasziniert: das Recht, das uns als Gesellschaft leitet.“

Und dann sei etwas passiert. In ihm: „Ich war noch nie so glücklich.“ Und das läge nicht nur daran, dass die Allrise-Petition innerhalb weniger Wochen über 50.000 Unterstützer:innen gewinnen konnte.

Und jetzt?

Wie es weitergeht? Die Allrise-Anzeige wurde am 12. Oktober an den internationalen Gerichtshof geschickt. Nun liegt es am Gerichtshof, dazu Stellung zu nehmen – oder auch nicht. Das dürfte im ersten Quartal des kommenden Jahres sein. Je nachdem, wie diese Stellungnahme lautet, werde auch Allrise dann weiter machen. Und zwar in Abstimmung mit vielen anderen Initiativen, die derzeit bei viele Gerichten der Welt zum Thema „Klimakollaps“ eingebracht wurden. Auch, weil immer mehr Menschen erkennen, dass dessen Vermeidung zu wichtig ist, um die Politik damit alleine zu lassen, sagt Wesemann: „Die Gerichte sind eine weitere Säule, auf die wir setzen müssen.“

Gitsch Aichbergers Keymessage

Mich fasziniert an Johannes Wesemanns Geschichte auch, dass er nicht von der Öko-Seite, sondern von ganz anderswo herkommt, aber sagt: „Ich will was machen und bringe mich ein.“ Das finde ich extrem spannend, weil dadurch auch neue Dynamik entsteht – in Johannes Fall mit der Klage gegen Jair Bolsonaro eine Art Zangengriff: Die eine Seite ist die politische und die andere das Recht.

Das Rechtssystem wurde offensichtlich vorausschauend gebaut: Es ist zwar nicht in Hinblick auf die Klimakrise entstanden, aber erreicht doch Probleme, die man noch gar nicht antizipieren konnte als die Rechtsmaterie geschaffen wurde. Das ermöglicht uns heute, dass wir das Richtige durchsetzen.

Das finde ich toll – und beruhigend: Wir müssen die Infrastruktur nicht erst schaffen, sie ist schon da. Und ich finde es toll, wenn Menschen sich entscheiden, etwas zu bewirken.  Am Beispiel von Johannes Wesemann sieht man, dass das möglich ist – und was man da alles bewegen kann.

Johannes Wesemanns „Tipp am Freitag“

„Wir haben eine Petition auf change.org für unsere Kampagne ‚The Planet vs. Bolsonaro‘ gestartet. Mit unserer Aktion zeigen wir, dass man sich ohne große Voraussetzungen engagieren kann. Eine Unterschrift ist ein kleiner Beitrag mit großer Wirkung.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.