Freitag in der Arena #32: Katrin Hipmair

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Katrin Hipmair, Sprecherin bei Fridays For Future Vienna. (Foto: Reinhard Schmid)

17. Dezember 2021: Katrin Hipmair ist seit zwei Jahren bei Fridays For Future in Wien aktiv und beschäftigt sich mit Außenkommunikation und politischer Arbeit. In der neuen Folge von „Freitag in der Arena“ spricht Hipmair mit oekostrom AG-Vorständin Hildegard Aichberger und Moderator Tom Rottenberg über die Proteste gegen den Lobau-Tunnel, die Ökosoziale Steuerreform und warum Politiker:innen die Zukunft der Jugend aufs Spiel setzen.

Hier geht es zur Podcast-Folge mit Katrin Hipmair.

„Wer mit 20 nie Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat.“ Es war Herbert Wehner, der in den späten 1960ern diesen Satz prägte. Wehner damals Minister für „Gesamtdeutsche Fragen“ und ab 1969 SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzender: Er gehörte also zu jener Generation, die sich mit den legendären „68ern“ herumschlagen musste: Rebellischen, meist linken Jugendlichen und Studierenden, die damals das Establishment in Frage stellten. Und es heute sind: Wehner hatte recht.

Wehners Satz war schon in den 1960er-Jahren nicht neu: „Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz – wer es mit 40 noch ist, kein Hirn“ stammt aus dem Frankreich des 19. Jahrhundert. Und Winston Churchill machte daraus später sogar „Wer mit 20 kein Kommunist ist…“.  Aber das ist in diesem Zusammenhang nicht wichtig.

Wichtig ist etwas Anderes. Jene Jungen, die da von den „Alten“ mit einem sanften Lächeln darauf hingewiesen wurden, dass man ihre Revolution, ihren Zorn, ihre Leidenschaft und ihr Engagement für eine besser Welt zwar gütig nachvollziehen und – wenn man so will – „verzeihen“ könne, konnten tatsächlich diesem Spruch entsprechen. Weil die Welt, in der sie dann irgendwann doch Erwachsene waren, der, in der sie aufgewachsen waren in ihren Grundzügen noch immer glich: Ein bisserl Technologie, ein bisserl Mobilität, ein bisserl medizinischer und menschenrechtlicher Fortschritt? Ja eh.

Aber die große, die ganz zentrale Rahmenbedingung blieb so unverändert, dass niemandem überhaupt auffiel, wie wichtig sie war –und ist: Das Klima.

Deshalb korrigierte mich oekostrom AG-Vorständin Gitsch Aichberger recht rasch, als ich Katrin Hipmair unlängst in der Arena Herbert Wehners Satz sinngemäß an den Kopf warf: Ich, der 52-Jährige, wollte die 20-jährige Vertreterin von „Fridays for Future“ da ein bisserl aus der Reserve locken. Nicht, weil ich das, was die „Fridays“ tun, das was sie wollen und den Weg, den sie gehen für falsch oder schlecht hielte. Mitnichten!

Aber ich habe nicht nur 1000 jugendliche Revolutionäre erlebt, die dann „erwachsen“ nicht mehr ganz so wild brennen – ich bin ja selbst auch so einer. Nur hätte mir das vor 30 Jahren besser niemand so ins Gesicht gesagt.

Gitsch Aichberger aber fuhr mir da in die Parade: „Diese Generation hat gar nicht die Möglichkeit, so zu werden wie wir. Weil die Weichen ganz anders gestellt sind.“ Herbert Wehners Satz machte sie deshalb zu einer Gegenfrage an Katrin – eigentlich ja zu einer Sehnsucht: „Ist es nicht das, wofür ihr kämpft? Für eine Zukunft, in der auch ihr so werden könnt wie Tom und ich es heute sind?“

„Vieles wird nicht mehr existieren“

Katrin Hipmaier lächelte – und stimmte Gitsch zu: „Wenn wir die Kurve nicht kratzen in den nächsten 5 oder 10 Jahren, dann wird die Welt in 50 Jahren ganz anders sein als die Welt, wie wir sie jetzt kennen. Da wird vieles, was jetzt normal ist, einfach nicht mehr existieren.“

Genau darum geht es. Und genau das unterscheidet die „Fridays“ von all den Jugend- und Unirevolten früherer Zeiten:

Es geht um mehr als um soziale oder politische Anliegen – es geht um Lebensgrundlagen.

Deshalb sieht der Protest der „Fridays for Future“ auf den ersten Blick – etwa wenn da 80.000 Jugendliche in Wien auf die Straße gehen – zwar aus wie viele andere Jugendbewegungen. Im Detail – etwa in der Kommunikation, in der Art zu diskutieren und in der Nachhaltigkeit des Diskurses – ist dieser Protest aber ganz anders aufgestellt. Nicht einfach nur laut und würden – sondern meist intelligent, artikuliert, nachdenklich, nachvollziehbar – und inklusiv.

Katrin Hipmair und die Art, wie sie – die 20-Jährige – in der Arena mit Gitsch und mir sprach, ist dafür ein sehr gutes Beispiel: Ich hätte jedes Verständnis dafür, wenn Katrin – stellvertretend für all die anderen „Fridays“ mit der Faust auf den Tisch haut. Tobt. Schimpft und anklagt. Sie hätte da mit jedem Wort und jedem Satz recht:  Wer, wenn nicht wir – die Alten – haben denn den Karren in den Dreck gefahren? Und wer beharrt noch immer darauf, so weiterzumachen – anstatt schon vorgestern die Notbremse gezogen zu haben? Eben.

Handausstrecken statt Auf-den-Tisch-Hauen

Doch Katrin (also: „Die Fridays“) tut genau das nicht. Statt „Ihr habt“-Vorwürfen kommen „wir sollten“-Einladungen. Sie spricht ruhig, besonnen, nachdenklich und reflektiert.  Und argumentiert zwingend: Was sie sagt ist belegt und belegbar. Nachvollziehbar – und nicht relativierbar.

Das hat einen Grund: Das Kalmieren der „Alten“, das Negieren der Ernsthaftigkeit der Warnungen und Katastrophenszenarien der Wissenschaft, mit dem Stehsatz „Jaja, aber es hat sich doch immer schon alles geändert“ habe sie vor ziemlich genau zwei Jahren einfach nicht mehr ertragen: „Irgendwann kommt der Punkt, wo man erkennt: Wow, eigentlich stecken wir schon ziemlich tief in der Scheiße.“ Dem sei eine Entscheidung gefolgt: „Okay, ich mach was. Ich kann nimmer zuschauen.“ So landete sie bei „Fridays for Future“ – und das veränderte vieles.

Auch ihren Blick auf die Probleme – und die, die sie verursachen:

„Es gibt Vorstände in großen Firmen, die sich immer noch freuen, wenn sie Gesetze verhindern.“

Oder so abschwächen, dass sie zahnlos oder ineffizient sind: Die ökosoziale Steuerreform etwa. Gitsch war da ganz bei Katrin: Es reiche, bekräftigte Gitsch, wirklich nicht, zu sagen „ich muss ein bisschen was machen: es braucht jetzt wirklich ein massives Umsteuern.“

Radikales Umdenken

Davon sieht die junge Aktivistin der Fridays aber immer noch zu wenig: Die Frage, sei aber, ob es für einen Kurswechsel nicht ohnehin schon reichlich spät, vielleicht ja sogar zu spät sei. Ob sie vor diesem Szenario Angst habe? Katrin wich ein wenig aus: „Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht ohne wird.“

Nur: Was wäre die Alternative? Aufgeben? „Wir haben vor zwei Jahren 80.000 Menschen auf der Straße gehabt und seitdem hat sich politisch wenig getan.“ Ist ja nicht unbedingt eine optimistische Analyse.

Und manche Aktivist:innen fragen sich – gerade nach dem „blablabla“-Gipfel von Glasgow – nicht nur insgeheim: „Was muss denn noch passieren?“

Die Gefahr hinter solchen Gedanken ist evident: Resignation – oder Radikalisierung. Deshalb sei es wichtig, erklärte Katrin, noch den kleinsten positiven Schritt als Erfolg zu sehen – auch wenn er nur ein „Schrittchen“ ist: So wie die die Ökosoziale Steuerreform. Was an der positiv sei? „Vor ein paar Jahren war es undenkbar, dass eine Besteuerung von CO2 kommt.“ Und nachbessern sei immer besser als immer noch bei Null zu stehen. Denn in dies Diskussion könne man auch andere „ausgesparte“ Punkte einbringen: Das Diesel-Privileg. Oder das Pendlerpauschale.

Kleine Erfolge motivieren

Motivation durch das Betonen auch kleiner Erfolge ist wichtig. Gitsch weiß das: „Ich mache seit über 20 Jahren Klimaschutz. Ich weiß, wie viel man da vorangebracht hat: Extrem wenig. Doch in den letzten drei bis fünf Jahren hat sich so viel getan wie in 15 Jahren davor nicht.“ Und das gebe nicht nur der oekostrom AG-Vorständin Hoffnung: „Auch wenn der aktuelle CO2-Preis lächerlich ist: Ihn einzuführen ist schwieriger, als ihn zu erhöhen.“

Und die „Fridays“ hätten, betonte Gitsch, an diesen ersten Erfolgen massiven Anteil. „Was habt ihr da eigentlich richtig gemacht?“

Katrin überlegte: „Glück“ sei angesichts der Klimakatastrophe wohl das falsche Wort aber „die Zeit war reif“ passe schon: Im Hitzesommer 2019 spürten viele Leute erstmals selber gespürt, wie sich Wetter und Klima geändert haben. Und dann sei eben Greta Thunberg aufgetaucht: Der Satz „In die Schule gehen bringt nichts mehr, weil wenn es so weitergeht wie jetzt, kann ich meine Zukunft vergessen“ habe „funktioniert“. Weltweit. Bei Jugendlichen – und vielen Älteren. Und die Medien hätten als Multiplikator hervorragend gewirkt.

Die Internetgeneration

Nicht nur die „Alten“: Internet und soziale Medien – und die hohe Medienkompetenz der „Kids“ hätten rasch eine enorme Eigendynamik entwickelt. Auch deshalb seien Vereinnahmungsversuche – etwa durch inhaltslose Politiker:innen-Selfies mit Greta – meist ebenso verpufft wie unwahre Behauptung durch die Politik: Was da zum Beispiel von Wiens Bürgermeister über den auch von den „Fridays“ mitgetragene Protest gegen den Wiener Lobautunnel oder die „Stadtstraße Aspern“ gesagt wurde, sei meist rasch und leicht widerlegbar gewesen.

Aber natürlich sie auch der „Reiz des Regelbruchs“ etwas, was Jugendliche spannend finden – wobei die Fridays ihren Aktionen immer klare Grenzen setzen würden, betonte Katrin: Schulstreik und ziviler Ungehorsam: ja – aber Gewalt ein klares „NoGo“. Obwohl die Frage, wie weit man gehen dürfe oder müsse, manchmal im Detail knifflig werde: „Wenn Politiker:innen Verträge abschließen und sich Ziele vornehmen, keines dieser Ziele erreichen und so unsere Zukunft aufs Spiel setzen, wenn man schon demonstriert und Gespräche geführt hat – und sich noch immer nichts ändert, muss man fragen: Okay, welche Möglichkeiten habe ich noch?“ Besetzungen wie die der Lobautunnel- und Stadtstraßenbaustellen – an denen sich die „Fridays“ beteiligten – seien dann Optionen.

Denn „BlaBlaBla“ – also das, was von den „Alten“ in Glasgow kam – sei ein Offenbarungseid. Der Beweis dafür, dass sich „das Establishment“ im Umgang mit jungen Menschen seit Wehner, seit Churchill und seit dem Ursprung des Anfangssatzes dieses Textes im Frankreich des 19. Jahrhunderts, noch immer nicht geändert hat – und es auch gar nicht wolle: Nein, sagt Katrin Hipmair, sie fühle sich von der Politik oft noch immer nicht ernst genommen.

Gitsch Aichbergers Keymessage

Katrin hat mir einfach ihr Wesen und ihre Argumentation wieder einmal bewusst gemacht, wie dringend es ist und wie viele Menschen die Klimakrise direkt. Bei jungen Menschen wird das besonders sichtbar: Wenn man von „Mitte des Jahrhunderts“ oder „Ende des Jahrhunderts“ spricht, hat man das Gefühl: „da bin ich längst in Pension“.

Aber das 4-Grad-Szenario ist etwas, was Menschen wie Katrin und ihre Freunde, ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen wirklich erleben werden.

Das hat sie heute für mich auf fast traurige Weise präsent gemacht.

Aber ich finde das auch gut: Es ist letztendlich kein lustiges Thema, über das wir hier reden – es geht um die Zukunft dieser jungen Menschen. Und ich glaube die, die heute in den Entscheidungsfunktionen sitzen, in der Pflicht, dafür was zu tun.

Denn es ist unsere Verantwortung, den Kindern die Erde so zu übergeben, dass sie gut auf ihr leben können.

Katrin Hipmairs „Tipp am Freitag“

„Geht zum nächsten weltweiten Klima-Streik. Nehmt drei Freunde mit, die noch nie beim Klima-Streik waren: Es ist so wichtig für uns alle und es betrifft wirklich jeden – und es kann echt lustig sein, dort zu sein.“ Denn das, betonte Katrin, sei auch wichtig. Gerade wenn man jung ist: Das Leben zu genießen. „Protest kann Spaß machen. Man kann mit Freunden dort sein – und Leute treffen, die man gernhat.“ Und das, betonte sie, gelte nicht nur für die „Kids“: „Jeder darf und soll hinkommen, egal was man macht, egal wie alt man ist: es geht uns alle an.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.