Freitag in der Arena #5: Reinhard Uhrig

reinhard_uhrig; Foto: Reinhard Schmid
Foto: Reinhard Schmid

 

4. Dezember 2020: Gast der fünften Ausgabe von „Freitag in der Arena“ ist Reinhard Uhrig. Uhrig, heißt es auf der Webseite von GLOBAL 2000, ist launig und doch kämpferisch, „schaltet Atomkraftwerke ab“. Doch was da fast kokett über den 50-jährigen gebürtigen Münchner geschrieben steht, hat einen sehr ernstgemeinten Hintergrund: Reinhard Uhrig ist bei GLOBAL 2000 nicht nur Kampagnen-Koordinator, sondern auch und vor allem Kopf der Anti-Atom-Arbeit. Darüber hinaus ist er aber auch einer, der im Wirrwarr unterschiedlicher Energie- und Stromanbieter tatsächlich Durch- und Überblick haben: Ende November hat GLOBAL 2000 gemeinsam mit dem WWF den „Stromanbietercheck 2020“ präsentiert – ein transparenter und klarer Überblick über eine Szene, in der längst nicht alles grün ist, was sich selbst gerne so nennt.

In „Freitag in der Arena“, diskutiert Reinhard Uhrig mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Moderator Tom Rottenberg deshalb nicht nur darüber, wieso Atomstrom und Atomkraft auch heute noch eine reale Bedrohung und Gefährdung für uns alle sind, sondern auch über den sogenannten „Stromfilz“ – über Verflechtungen und Vernetzungen heimischer Stromanbieter mit internationalen Konzernen, die nach wie vor auf Atomenergie oder Kohle setzen – das aber oft, gerne und meist auch sehr geschickt zu verbergen wissen.

Dass das Aufzeigen solcher Täuschungsmanöver und der Einsatz für ein Umfokussieren auf nachhaltige und erneuerbare Energieträger nicht immer in der Komfortzone stattfindet, liegt auf der Hand: Mitunter ist da nicht nur der politische oder institutionelle Gegenwind eisig, sondern auch die realen Rundumbedingungen. Gerade UmweltschützerInnen wissen das – Reinhard Uhrig ist da keine Ausnahme: Als sich oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Tom Rottenberg zu Beginn des Gespräches dafür entschuldigten, dass man (nicht zuletzt zur Einhaltung der Corona-Auflagen) auch bei Minusgraden im Freien, auf der großen Bühne der Wiener Arena, säße, lachte der GLOBAL-2000-Aktivist nur: Kälte und Wind, sagte er, sei er gewohnt – nicht zuletzt habe er dereinst bei den Protesten gegen das Atom-Endmülllager in Gorleben etliche Tage auf der Straße verbracht. Gemeinsam mit Zigtausenden anderen: Ja, es sei bitterkalt gewesen – aber wichtig. Und daran habe sich nichts geändert: Die Klimakrise, der Einsatz für nachhaltige Energiepolitik und das Aufzeigen von Mogelpackungen, Filz und Machenschaften seien mit den Anti-Atomprotesten seiner Jugendtage und dem Ausharren vor Gorleben sehr wohl vergleichbar: „Und letzten Endes haben wir damit ja auch Erfolg gehabt.“ Denn das Endlager Gorleben wurde nicht errichtet und darüber, dass Atomkraft weder sicher noch ein Geschäft ist, muss man heute auch nicht mehr diskutieren. Oder vielleicht doch?

Doch. Denn leider, so Uhrig im Talk, sei es absolut nicht unzeitgemäß, heute über Atomkraft zu reden. Insbesondere weil es „der neuestes Schmäh der Betreiber dieser gescheiterten Technologie“ sei, Atomstrom als „klima- oder CO2-neutral“ zu präsentieren. Auf dieses Argument zu antworten, bat oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl Uhrig gleich zu Beginn des Gespräches. Schließlich wird diese Ansage gerade in letzter Zeit immer öfter von der Atomlobby in Diskussionen um die Klimakrise eingebracht. Uhrig weiß das: „Atomkraft ist alles andere als CO2-frei: Wenn man sich die gesamte Urankette anschaut, also von der Gewinnung über die Anreicherung und Aufbereitung bis hin zum Betrieb und zur immer noch ungelösten Lagerung des hochradioaktiven Mülls, verursacht das massive CO2-Emissionen: Bis zu 146 Gramm CO2 pro Kilowattstunde.“ Das ist viel: Bei Windkraft liegt der Wert meist unter 20 Gramm, bei Photovoltaik geringfügig darüber.

Darüber, dass die Atomlobby sich ein grünes Mäntelchen umhängen will, wundert sich der Anti-Atomcampaigner in „Freitag in der Arena“ dennoch kein bisschen. Im Gegenteil: Derlei zu behaupten sei taktisch absolut nachvollziehbar. Schließlich sei es bequemer, über die eigene angebliche CO2-Neutralität zu fabulieren, als offen über die immer noch ungelöste Frage der Endlagerung von radioaktivem Müll zu reden. Der fällt bei jedem Atomkraftwerk laufend an – und strahlt dann 240.000 Jahre. „Die Pyramiden sind 4000 Jahre alt, die Steinzeit endete vor 10.000“ macht Uhrig die abstrakte Zahl greif- und spürbar: Die Neandertaler sind vor 40.000 Jahren ausgestorben – hätten sie Atomkraftwerke gehabt, müssten wir uns immer noch mit ihrem Müll herumschlagen. „Die Japaner sagen heute: Ein Atomkraftwerk zu bauen ist so, als baue man ein Wohnhaus – und verzichte auf die Toilette.“

Doch auch aus rein wirtschaftlicher Sicht habe Atomkraft längst keine Zukunft mehr, analysiert der Umweltenergieexperte im Talk mit Ulrich Streibl:

„Für Wind-, Wasser- und Sonnenenergie stellt die Natur keine Rechnung aus: Atomkraft wird dagegen immer teurer und ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Sogar die Banker der Weltbank sagen es: ‚Nuclear prized itself out of the market‘.“

Dass weltweit nur noch 450 Mailer in Betrieb sind, nur noch 2,5 Prozent der globalen Strombedarfs durch Atomstrom gedeckt werden und Österreich eines der ersten Länder war das sich gegen die Kernenergie entschied, klinge zwar gut. Es sei auch der richtige Weg. Dennoch sei das kein Grund, sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen und das Atom-Thema ad acta zu legen: Dass 44 Prozent des heimischen Energiebedarfes aus Wasserkraft und 13 aus Wind- und Sonnenkraft kommen, schützt nicht vor den Schäden und Folgen von AKW-Unfällen wie Fukushima oder Tschernobyl: „Was Wenigen wirklich klar ist: Viele Böden und Flächen in Österreich waren nach Tschernobyl die nach Weissrussland am schlimmsten betroffenen Gebiete weil der Wind in die falsche Richtung geblasen hat und es dann regnete.“ Der Kampf gegen Atomkraftwerke, die viel näher bei Österreich liegen als Tschernobyl, sei deshalb wahrlich kein „Retro-Thema der 80er oder 90er-Jahre.“ Als das hatte Moderator Rottenberg es eingangs nämlich bewusst polemisch zur Diskussion gestellt.

Freilich war der GLOBAL-2000-Kampagnenchef auch gekommen, um über zukunftsträchtige Themen zu spreche: Die Stromwende bis 2030 etwa. Klimaneutralität, so der Öko-Experte, bedinge nicht nur die radikale Hinwendung zu erneuerbaren Energieträgern und nachhaltigen Systemen, sondern werde auch durch die Möglichkeit unterstützt, zwischen tatsächlich und nur scheinbar sauberer Energie zu unterscheiden:

Mit der Wahl des Stromanbieters habe jeder Haushalt die Möglichkeit, ein Statement zu setzen und Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Umweltverträglichkeit zu belohnen.

Kein Wunder, dass so mancher Stromanbieter sich da ein grünes Mäntelchen umhängt. Auch wenn es nur zur Tarnung dient, weil der Strom eben nicht aus erneuerbaren Quellen stammt.

Ulrich Streibls Bitte, diesen „Stromfilz“ genauer zu erklären, kam Uhrig gerne nach, räumte aber ein, dass die komplexen Strukturen für Laien oft schwer bis gar nicht bis ins letzte Detail zu durchschauen seien – und das wohl nicht ganz grundlos. Umso wichtiger sei es, dass NGOs und Umweltschutzorganisationen neben er Information der Bürgerinnen und Bürger auch Druck auf Politik und Energieprovider machen, den Filz von innen heraus zu säubern und Verflechtungen, in und hinter denen unsaubere Anbieter sich verstecken können, aufzulösen: „Das funktioniert.“

Aus ebendieser Transparenz ergäben sich dann aber auch Handlungsanleitungen oder -empfehlungen: Ausgehend von der für Konsument*innen kaum durchschaubaren Struktur der Stromanbieter, ihren Grün- und Graustromzugängen aber auch den strategischen Ausrichtungen der Unternehmen, erstellten WWF und Global ein Ranking der Stromanbieter in Österreich – den „Stromanbietercheck 2020“.

„Das heißt“, fragte oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl nach, „wenn ich mir als Konsumentin oder Konsument im oberen Drittel dieses Liste umsehe, kann ich davon ausgehen, tatsächlich nachhaltig erzeugten Strom ohne Atom- und Kohleanteile zu bekommen?“ Reinhard Uhrig nickte: „Ja. Wir haben in den letzten Jahren ein immer komplexeres, aber sehr transparentes Bewertungssystem entwickelt und immer weiter verfeinert. Das heißt, die Kundinnen und Kunden könne sich ein aussagekräftigeres und detaillierteres Bild machen, als wenn sie nur in ein Vergleichsportal schauen, in dem Zusammenhänge und Verflechtungen für Laien dann oft doch nicht herauszulesen sind.“

Key message zu diesem Talk von Ulrich Streibl

Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir es zuerst verstehen. Österreich hat zwar keine eigenen Atomkraftwerke, aber Atomkraft ist nach wie vor eine wesentlichen Quellen der Energiegewinnung in manchen Regionen der Welt.  Allerdings ist das eine Technologie, die wir Menschen nicht beherrschen. Weder im Betrieb noch im Sinne des Umgangs mit dem Atommüll. Der Betrieb, die Erhaltung und die Errichtung von Atomkraftwerken ist darüber hinaus auch extrem teuer und unwirtschaftlich. Dennoch versucht die Atomlobby versucht derzeit verstärkt, Atomkraft als CO2-freie Technologie, also als sauber und zumindest klimaneutral zu präsentieren. Doch das Gegenteil ist wahr – und genau deshalb ist es gerade heute wichtig, über Atomkraft zu sprechen.

Tipp am Freitag von Reinhard Uhrig

Mit der Wahl des Stromanbieters hat jeder Haushalt die Möglichkeit, ein Statement zu setzen. Zudem braucht es systemisches Verständnis, denn unsere Lebensweise ist nicht nachhaltig. Dazu empfehle ich das Buch ‚Imperiale Lebensweise‘ von Ulrich Brand und Markus Wissen.

Der ganze Talk – in dem Reinhard Uhrig auch über Probleme und Strategien des Ausstieges aus fossilen Energieträgern beim Heizen spricht, falsche Marketingversprechen und Erwartungen rund um das sogenannte „Grüne Gas“ enttarnt und vom Noch-Dilemma der Fernwärme mit den Energiequellen zur Wärmegewinnung spricht – erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.