Freitag in der Arena #6: Elisabeth Müller

elisabeth_müller; Foto: Reinhard Schmid
Foto: Reinhard Schmid

18. Dezember 2020: Heute ist Elisabeth Müller bei Freitag in der Arena, dem Podcast- und Videoformat der oekostrom AG, zu Gast. Elisabeth Müller ist Leiterin des Sozialunternehmens ESG Plus und arbeitet an nachhaltigen Lösungen für den Finanzmarkt wie die Plattform CLEANVEST, die Transparenz am Fondsmarkt schafft. Sie erklärt, wie jede*r nachhaltig investieren kann und warum der Finanzmarkt ein wichtiger Hebel für den Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit ist.

Vermutlich ist es nicht immer einfach, sich als „Geldmensch“ mit Leuten an einen Tisch zu setzen, die sich „guten“ Werten verpflichtet fühlen oder verschrieben haben. Schließlich haftet „dem Geld“ nicht erst seit Frank Stronach („Wer das Gold hat, macht die Regeln“), Bert Brecht („Erst kommt das Fressen, dann die Moral“) Goethes Gretchen („Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles – ach wir Armen“) und dem „Pecunia non olet“ ( „Geld stinkt nicht“) des römischen Kaisers Vespasian (etwa um 70 n Chr.) der Nimbus an, vor allem dort zuhause zu sein, wo Werte wenig zählen. Höflich gesagt.

Wenn dann jemand beweisen will, dass Geld, dass Finanzdienstleistungen, dass Investieren, auch sauber, nachhaltig und transparent sein kann, ist das keine leichte Aufgabe. Schon gar nicht, wenn dieser jemand eine Frau ist: Geld, die Bankenwelt, ist männlich. Immer noch. Eine Frau, die loszieht um all das auf den Kopf zu stellen, die zeigen will, dass man im „dreckigen“ Geldbusiness auch mit Haltung, sauberem Gewissen, nachhaltig und ohne sich an Waffenproduktion, Atomkraftwerken, Kinderarbeit oder klimaschädlichen Businessmodellen zu beteiligen, erfolgreich investieren und Geld anlegen kann, hat da gleich auf einer zusätzlichen Ebene ein dickes Brett zu bohren. Überzeugungsarbeit zu leisten.

Doch genau das tut Elisabeth Müller. Und genau darüber erzählt die bei der ESG plus für Österreich und internationale Projekte zuständige Managerin im Talk mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Tom Rottenberg in der sechsten Folge von „Freitag in der Arena“.

Der Finanzmarkt, erklärt Müller, hat enormes Lenkungspotenzial – auch und gerade zum Erreichen von Klimazielen: Ein Umdenken würde da Enormes bewirken:

„Es geht darum, globale Geldströme umzulenken. Von klimaschädlichen in Richtung klimaschonende Investitionen und Finanzierungen. Aber auch darum, Unternehmen, die soziale Gerechtigkeit in ihrer gesamten Lieferkette leben und einhalten, zu fördern.“

Um Investitionen in Richtung erneuerbarer Energien grüner Technologien zu lenken, gäbe es daher Instrumentarien, die ganze Portfolios auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit „abklopfen“ und ebendiese Informationen an Konsument*innen weitergeben, die ihr Geld sauber anlegen wollen.

Und das wahrlich nicht nur auf „Millionärsebene“, betont Müller: „Jede und jeder kann da einen Beitrag leisten. Etwa wenn ich eine Versicherung habe. Da stellt sich die Frage, wo diese monatliche Prämie, die ich einzahle, veranlagt wird. In Richtung fossiler Energie? Oder für grüne Technologie und erneuerbare Energie? Für Unternehmen, die diesen Geschäftszweig vorwärtsbringen? Es geht eben nicht nur um Großinvestoren, die hier große Gelder schichten, sondern auch um kleine Mengen.“

Das gelte und funktioniere bei Fonds genauso – etwa bei Ansparplänen für die eigenen Kinder. Fonds mit Fokus darauf zu analysieren, ob sie tatsächlich frei von Kohle, frei von Öl und Gas oder frei von Waffen und frei von Kinderarbeit seien, sei für Laien aber oft nicht einfach – weil derartige Beteiligungen meist gut versteckt seien.

Mit gutem Grund: Die Sehnsucht nach „fairen“ Investitionen sei längst weit verbreitet. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung würde lieber so als „klassisch“ investieren – aber nur 13 Prozent tun es tatsächlich. „Eben weil die Transparenz fehlt.“ Deshalb, so Müller, habe die ESG ein Portal entwickelt, „eine kostenfrei für jeden und jede nutzbare nachhaltige Vergleichsplattform, die alle Fonds und ETFs, die es in Österreich am Markt gibt, screent: CLEANVEST. Dort bewerten wir diese Produkte nach Nachhaltigkeitskriterien“. Also grünen Technologien, Bildung, Artenschutz und indigenen Rechte oder Gesundheit – und nach Ausschlusskriterien wie Kohle, Öl, Gas, Atomkraft, Waffen oder Kinderarbeit. „User können diese Nachhaltigkeitskriterien nach eigenem Verständnis auf der Plattform definieren und reihen – und bekommen so wesentlich Entscheidungshilfen, was sie mit ihrem Geld wo tun können.“

Einfach, räumt die Absolventin der London School of Economics und sieben Jahren Praxis Führungstätigkeiten bei UN-Projekten zu Nachhaltigkeitsstrategien und Dekarbonisierung in der Finanzwirtschaft, sei es aber wahrlich nicht, da mit Vorurteilen aufzuräumen. Nicht nur beim breiten Publikum, sondern auch in der eigenen Branche: Die Fama, dass nachhaltige Investments keine oder weniger Rendite abwürfen als „konventionelle“ Fonds, halte sich hartnäckig – obwohl längst nachgewiesen ist, dass 70 Prozent aller nachhaltigen Fonds gleich gut oder sogar besser performen. Daran habe auch die durch Covid-19 ausgelöste Krise nichts geändert: „Nachhaltigkeit und Rendite schließen einander nicht aus.“

Mit derzeit in vielen Bereichen – auch der Finanzwirtschaft – gängigen „Greenwashing“-Aktivitäten habe das nichts zu tun, betont Müller. Ganz im Gegenteil: Eben weil sich viele Fonds und Unternehmen grüne Mäntelchen umhängen, sei es wichtig, genau und professionell nachzusehen – und eventuell auch zu bohren. Das sei komplex und schwierig – und nicht unähnlich dem Beginn der Bio-Welle bei Lebensmitteln vor 20 Jahren: „Da war es schwierig zu wissen, ob ein Bioprodukt wirklich Bio ist. Es gab noch keine Kennzeichnungen. So ähnlich ist es heute bei Finanzprodukten. Aber immer mehr bekommen Kennzeichnungen, auf die ich mich verlassen kann. Irgendwann wird es auch ein europäisches Siegel geben. So wie es auch in der Bio-Welt Labels und Siegel gibt.“

Da jetzt, am Anfang, dabei zu sein, sei doppelt spannend, erklärt Elisabeth Müller. Zum einen, weil sie hautnah den Umdenkprozess einer ganzen Branche mitgestalte und miterlebe. Zum Anderen auch, weil sie beobachte, dass sich gerade Frauen in traditionell und immer noch männerdominierten Finanz- und Investmentfragen immer mehr einbrächten: „Frauen die Tools in die Hand zu geben, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, ist wichtig. Wenn wir Analysen machen von CLEANVEST Usern, merken wir, dass das Userverhalten dort mittlerweile demographisch ausgewogen ist.“

Keymessage von oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl

Im Pariser Klimaabkommen steht etwas ganz Wichtiges: Die Lenkung der Finanzierungsströme ist eines der drei Hauptziele der Klimapolitik. Wir müssen Finanzströme so lenken, dass sie zu nachhaltigem Wirtschaften führen. Nur so können wir das erste Ziel erreichen: Dass die Temperaturen nur zwei, besser noch nur 1,5 Grad steigen.

Dieser Hebel hat Kraft: Es gibt viele Menschen, die mit ihrem Geld Gutes tun wollen. Die damit für Klima und Umwelt arbeiten wollen, die darauf achten wollen, dass auch soziale Kriterien wie Kinderarbeit beim Investieren berücksichtigt werden: Das ist eine unglaubliche Power.

Tipp am Freitag

Kein Wunder also, dass auch Elisabeth Müllers „Tipp am Freitag“ sich um das Wissen, wie und wo das eigene Geld „arbeitet“, dreht: „Wir sagen immer: Mein Geld für eine bessere Welt. Es geht darum, wirklich zu wissen, wo du investiert, wo du involviert bist. Darum, zu wissen welche Unternehmen und Projekte das eigene Geld unterstützt. Denn nachhaltiges Investieren geht ganz einfach – und Transparenz ist möglich: Einfach ausprobieren – auf CLEANVEST.org.“

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.