Freitag in der Arena #7: Katharina Rogenhofer

katharina_rogenhofer; Foto: Reinhard Schmid
Foto: Reinhard Schmid

1. Januar 2021: Katharina Rogenhofer ist Sprecherin des Klimavolksbegehrens, Initiatorin von Fridays for Future in Österreich und sorgt dafür, dass ambitionierte Klimamaßnahmen in die Politik getragen werden. Sie spricht mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Moderator Thomas Rottenberg darüber, was wir aus der Corona-Krise lernen können, wie wir in Sachen Klimaschutz vom Reden ins Tun kommen und gibt einen Ausblick auf das Klimajahr 2021.

Irgendwann kommt der Augenblick, in dem man sich für eine Seite entscheiden muss. Und da muss es nicht einmal um die Frage gehen, ob man Teil des Problems bleiben oder Teil seiner Lösung sein will. Denn als Katharina Rogenhofer 2018 beim UN-Klimagipfel in Katowice Greta Thunberg das erste Mal sah, glaubte sie, längst Teil der Lösung zu sein. Schließlich berieten hier, in Polen, die Leader (und ein paar Leaderinnen) der Welt über Maßnahmen zu Klimaschutz und Klimarettung – und die damals 24-jährige Katharina Rogenhofer machte gerade ein Praktikum bei einer UN-Klimastabsstelle in Bonn.

Doch dann stellte Greta Thunberg, dieses auf den ersten Blick unscheinbare Mädchen mit dem „Schulstreik für das Klima“-Schild, das Leben der Wiener Biologin auf den Kopf. Und jetzt noch, fast drei Jahre später, leuchten ihre Augen, als sie oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl von diesem Schlüsselerlebnis erzählt: „Am liebsten“, sagt Katharina Rogenhofer, „hätte ich mich zu ihr gesetzt. Aber ich habe mich zunächst nicht getraut: Ich war doch für die UN da, war Teil des Klimagipfels – und Thunberg protestierte gegen die Untätigkeit der Regierenden. Also gegen das, was hier – nicht – geschah.“

Dennoch setzte sich Rogenhofer dann kurz zu der jungen Schwedin. Doch dabei blieb es nicht. Dieses Treffen hatte auch in und für Österreich Folgen: Zigtausende Schüler gingen bald darauf auf die Straße. Später unterzeichneten 400.000 Menschen das Klimavolksbegehren. Katharina Rogenhofer ist nicht unschuldig – und, so erzählt sie in der ersten Folge „Freitag in der Arena“-Folge im neuen Jahr, stolz darauf.

Denn dem Moment mit Greta Thunberg folgte Rogenhofers Entscheidung, die Schul-Klimastreiks nach Österreich zu bringen: Die Biologin wurde zu einer der Gründer*innen von „Fridays for Future“ Österreich. Obwohl sie davor mit Demos und Menschenmassen nie zu tun gehabt hatte, brachte sie zigtausende Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Und erreichte so die Eltern: Im Frühjahr 2019 wird die gerade 25-jährige Frau Chefin des Klimavolksbegehrens. Das forderte die Verankerung des Klimaschutzes in der Verfassung und nahm mit 380.590 Unterstützungserklärungen die für das Behandeltwerden im Parlament nötige 100.000-Unterschriften-Marke locker.

Plötzlich eine „politische Playerin“ zu sein, mit Entscheidungsträger*Innen zu diskutieren und statt auf der Straße sogar im Parlament das Wort zu ergreifen, erzählt die Frontfrau der Klimabewegung im Talk, sei „gewaltig“. Tatsächlich spricht sie aber – einer Neujahrssendung entsprechend – lieber von der Zukunft als ihrer Geschichte: „Die Impulse der letzten zwei Jahre“, erklärt sie Ulrich Streibl, „machen mich optimistisch. Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass es eine globale Klimabewegung geben kann, dass Menschen aufstehen um da etwas einzufordern.“ Erste Erfolge sähe sie – trotz der Jahrzehnte des Stillstandes bei Umwelt- und Klimaschutz – durchaus: „Ohne diese Bewegung hätte es einen Green Deal auf EU-Ebene nicht gegeben, hätte es eine Nationalratswahl auch bei uns nicht gegeben, wo alle Parteien zum Klima zumindest etwas sagen mussten. Allerdings glaube ich, dass wir weiterhin Druck brauchen. Sonst wird sich 2021 wenig verändern.“

Ulrich Streibl wollte Rogenhofers Optimismus nicht unhinterfragt lassen: Die Klimaziele Europas und Österreichs seien weit und fern gesteckt. „Ist das gut – oder ein Hinausschieben?“ Rogenhofer zitierte Arnold Schwarzenegger: „We are far on goals, but short on action.“ Und gab zu dass „ich ein bisschen Angst habe, dass die großen Ziele davon ablenken, dass noch nichts passiert ist: Unsere Treibhausgasemissionen steigen weiter. Dafür braucht es jetzt Maßnahmen.“ Denn klar sei: „Wir haben nicht mehr viel Zeit. Gerade jetzt werden Infrastrukturentscheidungen getroffen. Und wir sollten uns grundsätzliche Fragen stellen. Etwa: Wenn wir jetzt Gasleitungen quer durch Europa bauen, wie lange liegen die noch dort? Wir müssen, sagen die Klimaziele, raus aus Öl, Kohle, Gas. Aber wir  geben gerade neun Milliarden Euro aus, um fossile Brennstoffe zu importieren. Warum investieren wir die nicht in erneuerbare Energien? In Arbeitsplätze? Deswegen wird 2021 entscheidend. Weil es zeigen wird: Stellen wir die Weichen in die richtige Richtung?“

Deshalb mache sie auch der Paradigmenwechsel in Politik, Kammern und Verbänden optimistisch:

„Früher galt ich als naive Klimaaktivistin, die Sachen sagt, die nicht umsetzbar sind. Aber jetzt haben wir ja wirtschaftliche Argumente auf unserer Seite – etwa wenn wir uns anschauen, wie viele Arbeitsplätze Investitionen in erneuerbare Energien schaffen können.“

Ob es genüge, „oben“ gehört zu werden, fragte Ulrich Streibl: 400.000 Menschen, die das Klimavolksbegehren unterschrieben haben, seien fein, aber doch auch wenig, sollte es sich da um alle Personen handeln, die sich in Österreich für Klimapolitik interessieren. Rogenhofer stimmte zu:

„Ja, wir müssen die Menschen selbst mitnehmen. Wenn man – wie etwa in Frankreich mit den Bürger*Innenräten – Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu informieren und mitzuentscheiden, kommen enorm ambitionierte Maßnahmen raus. Das wäre ein erster Schritt. Und wenn wir dann durchsetzen, dass klimafreundliche Alternativen die leichtesten und bequemsten sind, braucht man die Menschen gar nicht zu überzeugen – dann werden sie sich automatisch richtig entscheiden.“

Keymessage von Ulrich Streibl zu diesem Talk

„Ich bin überzeugt, dass sich ganz, ganz, ganz viel ändert gerade. Die Menschen werden bewusster. Sie spüren, da muss was passieren: Das Thema ist angekommen. Das ist eine große Bewegung – und das geht aus von Bewegungen wie Fridays for Future. Deswegen schaue ich auf 2021 mit Hoffnung, Optimismus und Zuversicht. Wenn wir Corona hinter uns gelassen haben werden, werden wir uns wieder auf das konzentrieren, was wir schaffen und erhalten müssen. Eine lebenswerte Welt. Die neue Klima- und Umweltwelt ist eine Schöne, eine Positive, eine Gute. Und trägt mich ins Jahr 2021.“

Tipp am Freitag von Katharina Rogenhofer

Entscheidungshilfen will die Chefin des Klimavolksbegehrens dann auch mit ihrem „Tipp am Freitag“ geben: Katharina Rogenhofer empfiehlt dazu eines ihrer Lieblingsbücher, Kate Raworths „Die Donut Ökonomie“. Darin beschreibt Haworth das wünschenswerte, sinnvolle Zusammenwirken von  Wirtschaft, Ökologie und Sozialwesen anhand eines Donut: Die Form definiere den Lebensraum Ort der Menschheit. Nach außen übertreten wir ihn durch Ressourcenraubbau und Klimawandel, nach innen müssen wir aber soziale Fundament unserer Gesellschaft stärken, um in die Donut-Maße zurückzukehren. Rogenhofer: „Für mich war das Buch ein Turning Point: Haworth beschreibt Wirtschaft Werkzeug um in dieses Gleichgewicht zu kommen.“ Natürlich, so Rogenhofer, gelte es dann, dieses Wissen und Verstehen auch herunterzubrechen. Von der „großen“ auf die individuelle Ebene  – in den eigenen Alltag.

Also dorthin, wo auch ihr Weg begonnen hat. Damals, 2018, in Katowice. Als sie am Gang das Mädchen mit dem „Schulstreik“ Schild sitzen sah: „Stellt euch einfach die Frage, wie ihr mit dem, was ihr gut könnt oder was ihr eh schon tagtäglich tut, einen Unterschied machen könnt.“

Katharina Rogenhofers Antwort darauf hat dieses Land  verändert. Zuerst mit „Fridays for Future“-Österreich. Dann mit dem Klimavolksbegehren. Und das sei erst der Auftakt für Vieles gewesen, was 2021 geschehen wird.

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.