Freitag in der Arena #8: Michaela Huber

michaela_huber; Foto: Reinhard Schmid
Foto: Reinhard Schmid

15. Januar 2021: Michaela Huber ist Vorständin der ÖBB-Personenverkehr AG und spricht mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Moderator Thomas Rottenberg über die ÖBB als Österreichs größtes Klimaschutzunternehmen. Sie erklärt außerdem, warum Bahnfahren auch während Corona sicher ist und warum die erste und letzte Meile entscheidend für die Wahl des Transportmittels ist.

Manche Bilder lassen dann sogar „wilde Kerle“ schmunzeln. Etwa wenn Michaela Huber und ihr Pressesprecher vor dem alten Weichen-Stellwerk bei einem Backsteinbau voller Graffitis steht, einen Holzblock zum Axt-Zielwerfen auf einer Wiese bestaunt, auf der sich in Vor-Corona-Zeiten tausende Konzertbesucher drängten – und lachend Erinnerungsfotos aus einer „fremden Welt“ schießt.

Die „wilden Kerle“ und Huber, das sind tatsächlich zwei Welten. Zumindest dem Augenschein nach: Die „wilden Kerle“ betreiben die Wiener Arena. Rau wirkende (tatsächlich aber freundliche), tätowierte Gesellen mit teils bunten Frisuren und Armeestiefeln. Meist sehen sie aus, als würden sie gerade Lautsprechertürme auf- oder abbauen.

Michaela Huber ist – optisch – der Gegenpol: Eine im internationalen Business-Look auftretende, topgestylte Spitzenmanagerin mit Designerhandtasche und einem Assistenten, der von den Unterlagen seiner Chefin bis zum optimalen Lichtsetting rund um sie alles im Blick hat. Und das aus gutem Grund: Michaela Huber ist eine der 100 wichtigsten Managerinnen (Männer mitgemeint) Österreichs. Sie ist Personenverkehrs-Vorständin der ÖBB. Also – superflappsig gesagt – oberste Lokführerin und Schaffnerin des Landes: Nach ihrer Signalpfeife fahren täglich 4000 Züge. Ohne sie kämen weder Pendler noch Schüler noch sonstwer von A nach B, würde Mobilität in Österreich schlicht nicht funktionieren: Michaela Hubers Züge (und die Busse der ÖBB) bewegten 2019 über 500 Millionen Menschen.

Deshalb ist Huber dort zuhause, wo große Entscheidungen getroffen werden. Politische. Wirtschaftliche. Finanzielle. Die Wiener Arena ist ein ganz anderer Boden: Ein ehemaligen Schlachthof in Wien Erdberg, der von Kulturschaffenden und en 1970ern besetzt und zum Kulturzentrum gemacht und heute eben von „wilden Kerlen“ betrieben wird: „Ich war noch nie hier, aber es ist toll“, strahlt Huber lachend, als sie mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Thomas Rottenberg auf der Open-Air Bühne der Arena sitzt – als Gast von „Freitag in der Arena“, dem Klima-, Umwelt- und Zukunftstalk der oekostrom AG.

Klimaschutz, erklärte Huber da, sei mehr als ein zentrales Thema der Bahn. „Wir sind Österreichs größtes Klimaschutzunternehmen“ betont sie. Das gelte auch und gerade weil Corona das Passagieraufkommen reduziert habe: „Im ersten Lockdown hatten wir ein Fahrgastminus von 90 Prozent, im zweiten dann 60. Leere Bahnhöfe und leere Züge haben etwas Beklemmendes, das tut nicht nur bei den Zahlen weh.“ Zugfahren sei mobiler Klimaschutz, habe durch Corona aber neue Herausforderungen: „Waren früher die Billigflieger unsere Konkurrenz, ist es nun wieder das Auto – die Menschen ziehen sich ins Private zurück.“

Umso wichtiger sei es, eine zentrale Corona-Botschaft auch in der Klimadebatte zu betonen: „„Flatten the Curve”, muss auch fürs Klima gelten. Wir müssen uns wieder darauf konzentrieren, wir auch die Klimakrise zu bekämpfen. Im Verkehr ist das größte Problem der Straßenverkehr, der jetzt wieder massiv da ist. Wir tun alles, dass die Menschen wieder kommen: Züge sind sauber, wir bauen in Railjets Desinfektionsspender ein. Studien zeigen aber ohnehin, dass man sich in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht ansteckt.“

Doch Wirklichkeit und Wahrnehmung klaffen auseinander: „In den ersten Lockdowns wurde gesagt, davor gewarnt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Das hat sich eingebrannt. Aber wir hauen uns richtig rein: Es geht um das Klima und um uns alle und unsere Zukunft.“

Ulrich Streibl hakte hier ein: Was nutze es sich Mühe zu geben, wenn die Wettbewerbsbedingungen verzerrt sind? 500 Millionen Euro Förderung für die Luftfahrt in Österreich, steuerbegünstigtes Flugbenzin oder das Pendlerpauschale – all das mache umwelt- und klimagerechte Mobilität unattraktiv. Huber stimmte zu: Ja, das System sei „absurd und nicht nachvollziehbar: Wenn ich um neun Euro nach Mallorca fliegen kann, geht sich das wirtschaftlich nicht aus.“ Noch wichtiger als das Ende irrer Rabattschlachten sei „Kostenwahrheit: Wir sind benachteiligt.“

Aber nicht nur das: „Wir sind eine EU, haben aber viele nationalstaatliche Regelungen. Zum Beispiel vier unterschiedliche Bahnstromsysteme. 15 unterschiedliche Zug-Sicherungssysteme.“ Eine Triebfahrzeugführer*in müsse die Landessprache sprechen: Wenn die Bahn Güter von der Türkei nach Deutschland bringt, muss daher 11-mal der Triebfahrzeugführer gewechselt werden. Dagegen dürfe ein polnischer Buslenker einen Bus aus Portugal von Belgrad nach Holland steuern. Dazu kommen komplizierte (nationalen) Ticket- und Buchungssystemen: Sogar „bahnfreundliche“ Reisende entscheiden sich da gegen die Schiene – und somit gegen den Klimaschutz.

Dass Bahnfahren umwelt- und klimafreundlicher ist, werde da übersehen. Ebenso die Zeit-Effizienz der Bahn: „Wenn ich mit einem Auto von Wien nach Innsbruck fahre, brauche ich länger als mit dem Zug und bin 26-mal umweltschädlicher unterwegs. Wenn ich fliege, ist es sogar 51-mal umweltschädlicher.“ Und abgesehen von der reinen Flugzeit – also inklusive Fahrt zum Airport, Check-In und Transfers sei man kaum kürzer unterwegs.

Freilich: Die meisten Reisen sind kürzer. Werden von Pendlerinnen oder Pendlern absolviert. Und da stößt die Bahn an räumliche Grenzen oder planerische Fehler. Fehler, die massive Umwelt- und Klimaauswirkungen haben. Denn die Bodenversiegelung durch die Erschließung der „Speckgürtel“ und die damit oft einhergehende Errichtung kleiner Ortsrand-Shoppingmalls zwingen die Menschen ins Auto. „Wir nennen das das Problem „erste letzte Meile“, weil es die Leute davon abhält, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.“ Die ÖBB setze daher auf „Rail and Drive“, also Mietautos, Leih-Fahrräder – oder E-Scooter am Bahnhof. An einigen Standorten gäbe es das schon, viele weitere, sollen folgen.

Im Betrieb, ist Huber stolz, sei ihr Unternehmen aber weiter als bloß auf der Ankündigungsschiene unterwegs: Seit 2018 fahren die ÖBB auf elektrifizierten Strecken mit 100 Prozent erneuerbarem Bahnstrom aus Wind- und Solarenergie und – zum Großteil – bahneigenen Wasserkraftwerken. Das sei aber nur der erste Schritt: „Wir werden bis 2030 in der gesamten Mobilität CO2-neutral sein.“

Doch da ist noch etwas: Haltung.  Klimaschutz ist für die Personenverkehrs-Vorständin eine „Mission Statement“ – und müsse auch nach innen gelebt werden. „Wir haben 40.000 Leute, die bei uns arbeiten. Das sind 40.000 Familien. Das streut weiter. Wir arbeiten mit vielen Unternehmen, die wieder Familien dran haben: So wird daraus eine Bewegung. Da gibt’s die Greta Thunberg und da gibt es die ÖBB-Bewegungen, die Eisenbahnbewegung.“

Tipp am Freitag von Michaela Huber

Natürlich verweist Michaela Huber da zuallererst aufs Bahnfahren, geht aber weiter: Wer die Wahl des Verkehrsmittels zur „täglich bewusst getroffenen Entscheidung“ machen, begänne auch andere Alltagsentscheidungen zu hinterfragen. Etwa die, ob, wo und wie sich Plastik vermeiden lasse. „Das beginnt bei der Überlegung, das für den Transport doppelt und dreifach in Plastik eingewickelte Produkt zu kaufen. Oder regionale Ware zu bevorzugen. Oder besser gleich auf en Markt zu gehen. Hier bewusster nachzudenken bringt viel: Da ist mehr drinnen.“

Deshalb habe sie sich ganz bewusst entschieden, in Wien nicht per Dienstwagen unterwegs zu sein – sondern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. „Das hat übrigens noch einen Vorteil. Nicht nur für das Klima, auch für meine Gesundheit: Ich bin heute schon zwei Kilometer gegangen.“

Keymessage von Ulrich Streibl zu diesem Talk

Verkehr ist beim CO2-Ausstoß immer noch das größte Problem. Da tut sich nichts. Seit Jahren und Jahrzehnten. Wir haben immer mehr Lastwagen auf der Straße. Der PKW-Bestand steigt weiterhin – aber es sitzen weniger Leute im einzelnen Fahrzeug. Allein in Österreich wird der Flugverkehr mit 500 Millionen Euro subventioniert. Das Pendlerpauschale fördert den fossilen Individualverkehr: Die Leute werden mit Steuergeld dazu angeregt, mit Autos zu fahren oder zu fliegen. Wir müssen eine Menge ändern, damit die Bahn gleichgestellt und fair behandelt wird – und in diesem Wettbewerb auch konkurrenzfähig ist.

Diese Folge wurde im Dezember 2020 aufgenommen.

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Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.