Freitag in der Arena #9: Andreas Tschas

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Andreas Tschas in „Freitag in der Arena“; Foto: Reinhard Schmid

29. Jänner 2021: Andreas Tschas ist Geschäftsführer und Co-Founder der Plattform Glacier und hilft Unternehmen dabei, einfach und effizient CO2 einzusparen. Im Podcast spricht er mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl und Moderator Thomas Rottenberg über die Gründung von Glacier, die Bremser der Klimakrise und warum Unternehmen, die nicht nachhaltig agieren, vom Markt verschwinden werden.

Wissen Sie was ein Katalysator ist? Ein Katalysator ist – grob vereinfacht – etwas, dessen bloße Gegenwart andere Objekte oder Stoffe zum Agieren bringt, sich dabei aber auf den ersten Blick selbst weder verändert noch sonst etwas tut. Extrem vereinfacht gesagt. Katalysatoren gibt es auch unter Menschen. Wenn man sich ansieht, was Andreas Tschas tut, drängt sich der Vergleich auf: Tschas ist ein Katalysator. Nur bringt er nicht Chemikalien, sondern Menschen, Unternehmen und Ideen zusammen und löst damit Reaktionen aus. Mit einem einfachen, ambitionierten Ziel: Er will mithelfen, den Klimakollaps zu verhindern.

Dafür hat der gebürtige Kärntner ein Unternehmen gegründet. Der Firmenname ist Programm: „Glacier“, Gletscher. Eben weil das Gletschersterben eine der offensichtlichsten Begleiterscheinungen des Klimawandels ist. Eben weil der zweifache Vater auch angesichts großer Katastrophen eines verweigert: Resignation. „Ich sehe das Glas immer halb voll. Ich bin überzeugt, dass ich mit meinen Urenkeln auf einer grünen Wiese vor meinem Haus Fußball spielen werde“, zeigt er sich im Talk mit oekostrom AG-Vorstand Ulrich Streibl unerschütterlich optimistisch. Aber um dorthin zu kommen, müsse man etwas tun. Eine ganze Menge tun. Mehr als eine Einzelne oder ein Einzelner stemmen oder überblicken können.

Die Vision von Glacier

Deshalb bringt Tschas Menschen, Unternehmen und Ideen zusammen. „Unser Ziel ist es, Firmen zu helfen, CO2 einzusparen. Einfach und effizient. Unsere Vision: Wir wollen die wirkungsvollste CO2-Reduktions-Community aufbauen. Viele wollen etwas tun, wissen aber nicht wie. Da kommen wir ins Spiel: Wir haben ein ‚Playbook‘, eine Spielanleitung, gemacht. Darin stehen Möglichkeiten, wie man einfach in einfachen Schritten als Unternehmen CO2 reduzieren kann. Wir schauen uns das Unternehmen an – und machen dann maßgeschneiderte Vorschläge.“

Was da auf den ersten Blick komplex klingt, sieht in der Praxis dann aber oft wirklich spielerisch aus. Klingt mitunter fast nach Binsenweisheiten. Nur haben die meisten Unternehmen, auch mit den allerbesten Ambitionen, schlicht und einfach keinen Überblick über das, was möglich ist: In seinem „Playbook“, erzählt Tschas im Ökotalk in der Wiener Arena, stehen aber schon über 1000 unterschiedliche Maßnahmen, Möglichkeiten und Ideen. Fast alle sind rasch und leicht umzusetzen. Nur: Zu erkennen, was wo wann und für wen optimal passt, ist das erste „Glacier-Kunststück“. Dem, erklärt Tschas stolz, folgen dann andere. Automatisch, als Kettenreaktion. An der wirken er und „Glacier“ dann gar nicht mehr aktiv mit – und das sei Teil des Planes zur Erfüllung seines Urgroßvater-Fußball-Traumes.

Die Philosophie hinter Glacier

Der Trick, die Philosophie, von Glacier klingt einfach: „Wir haben erkannt, was im momentanen Ansatz CO2 zu reduzieren, fehlt. Die aktuellen Ansätze setzen auf Druck, auf Verpflichtungen: ‚Du musst‘ und ‚du darfst nicht mehr!‘. Aber wenn wir uns anschauen, wie Menschen ticken, dann ist es nicht Verpflichtung, nicht das Verbot, das inspiriert, sondern Motivation: gemeinsames Engagement, das zu einem guten, einem besseren Ganzen führt.“

Konkret, erklärt der Mann, dessen Karriere vor Jahren damit begann, dass er heimische Start-Ups symbiotisch vernetzte und dann für die Bundesregierung als  Digitalisierungs-Experte arbeitete, bedeute das durch – scheinbar – kleine Maßnahmen in Summe große CO2-Wirkung zu entfalten: Den Umstieg auf einen Ökostromanbieter, das Wechseln zu Green-Finance-Banken (die Geld nicht in klimaschädigende Investments leiten) oder das regelmäßige Leeren der Arbeitsspeicher von Firmenrechnern (volle Arbeitsspeicher heben den Stromverbrauch signifikant) habe massiven Impact, werde aber von niemandem als „Verzicht“ erlebt. Auf die Nachfrage, ob derlei Maßnahmen nicht oft eher kosmetisch denn effizient seien, entgegnet Tschas: „Nehmen wir ein Unternehmen mit 20 Mitarbeiter*innen: Drei Dienstautos, konventionelle Küche, Gasheizung. Dieses Unternehmen kann mit ganz einfachen Lösungen, ohne große Schritte, mehr als 50 Prozent seines CO2-Fußabdruckes einsparen. Allein ein vegetarisches Menü oder ein fleischfreier Tag pro Woche, können bis zu 25 Prozent des CO2-Ausstoßes einsparen.“

Mitarbeiter*innen einbinden

Das zweite – von Glacier „mitangestoßene“ – Kunststück, sei dann die Erhöhung des Impacts durch überzeugte Mitarbeiter*innen. Denn wenn die, so Tschas, Maßnahmen mittragen oder sogar selbst mit beschließen, bringe das weit mehr als nur „Mittragen“: Ideen und Maßnahmen werden dann auch hinausgetragen – ins eigene, private, familiäre Leben. Wie man das macht? „Durch den ‚Climate Impact Day‘: Es ist nicht so, dass das Management entscheidet: ‚Wir machen CO2-Reduktion.‘ Das Thema betrifft jeden im Unternehmen, jedes Department, jede Mitarbeiterin, jeden Mitarbeiter. Deshalb organisieren wir den Climate Impact Day. Nicht um, an diesem Tag möglichst viel CO2 einzusparen, sondern um sich als Team Zeit zu nehmen, zu überlegen: Was könnten wir machen, wo sind unsere quick wins? Was sind die langfristigen Themen, die wir angehen wollen? Was ist unser CO2-Fußabdruck?“.

Der Gruppenerfahrung gemeinsam Positives bewirken zu können, folge dann die Erkenntnis, dass sich Klimaschutz betriebswirtschaftlich lohnt. Durch eine Reduktion der Energiekosten schon jetzt, sobald die unvermeidliche CO2-Bepreisung kommen werde, noch mehr. Spätestens dann sähe jede*r, dass sich CO2-Reduktion auch im Privaten „rechnet“: Die Glacier-Kettenreaktion beginnt.

Dass die umso effizienter ist, je mehr Unternehmen dabei sind, ist klar. Umso glücklicher zeigte sich der Gründer, dass die oekostrom AG einer der ersten Kunden ist, die sich von Glacier auf Finger- und Fußabdruck schauen lässt. „Obwohl ihr eh Musterschüler seid“, feixte Tschas. Trotzdem, war er sich mit Ulrich Streibl einig, sei Evaluieren, Hinterfragen, Optimieren und Nachjustieren immer angebracht – auch, wegen der Vorbildwirkung: „Wir haben bereits 80 Unternehmen, die ihre Teilnahme committed haben. Aber wir wollen eine Bewegung auslösen. Unser Ziel ist es, dass im September 500 Unternehmen dabei sind.“

Mit gutem Grund: Andreas Tschas will die Gletscher nämlich nicht nur auf Erinnerungsfotos für seine Urenkeln bewahren. Mit denen möchte er in 40 Jahren nämlich was Anderes tun, als Fotoalben durchblättern: Er will mit ihnen Fußballspielen – auf der Wiese vor dem Haus. In einer Welt, die schön und lebenswert ist. Für alle.

Tipp am Freitag von Andreas Tschas

Den Kühlschrank auf 7 Grad stellen und auf Ökostrom umstellen – zwei einfache Maßnahmen, die viel bewirken. Dazu ein Filmtipp: David Attenboroughs Dokumentation ‘A Life on Our Planet‘.

Keymessage von Ulrich Streibl 

Andreas Tschas hat mit Glacier einen innovativen und einzigartigen Ansatz gewählt: Klimaschutz und CO2-Reduktion durch den Aufbau einer Community. Er will viele Unternehmen zusammen bringen, die voneinander lernen und alle etwas tun. Das entspricht seinen Wurzeln in der Startup-Szene: Auch dort hat er durch Vernetzung Dynamik und Symbiosen geschaffen.

Wenn es Andreas gelingt so eine Dynamik beim Klimaschutz, zu erzeugen, dann bilden sich auch ‚Best Practices‘ raus. So können Unternehmen massiv CO2 einsparen und wir alle unseren ökologischen Fußabdruck massiv verringern. Genau so muss und kann es gehen: Wir sind dabei.

Ein ausführliches Interview über die Idee und das Konzept von Glacier können sie hier nachlesen.

Freitag in der Arena erscheint als Podcast- und Videocast alle zwei Wochen bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer, Google Podcasts sowie auf unserem YouTube-Channel.

Alle Folgen und weitere Infos zum Podcast finden Sie hier.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.