Ich bin ein schlechter Mensch. Diesmal: Heliskiing

11. März 2019: Bleiben wir doch dabei: Ich bin ein schlechter Mensch. Das attestieren mir jedenfalls zahllose Menschen in den sozialen Medien. Dagegen ist nichts zu sagen: Sobald auf SoMe irgendwer schreibt, dass Sie böse, verachtenswert, übel oder ein Sendbote des Teufels sind, dann ist das so.

Das Verdikt ist irreversibel. Weniger, weil das Netz (außer Sie investieren viel Geld für professionelle Putztrupps) nie vergisst, als weil es „auf SoMe“ ausschließlich darum geht, rechter zu haben: Recht haben alleine genügt nicht. Deshalb denkt dort niemand im Entferntesten daran, ein hier einmal gefälltes Urteil zu relativieren. Geschweige denn zu revidieren. Schließlich „gewinnt“ Debatten im Netz, wer als erster am lautesten schreit. Dem lautesten Schreihals folgt die Blase. Immer.

Wenn Sie einmal die Punze „böse“ tragen
Wenn Sie einmal die Punze „böse“ tragen, ist es also egal was sie selbst sagen oder tun: Sie sind böse. Erklären? Diskutieren? Sparen Sie sich die Zeit. Andererseits hat Wilhelm Busch recht. Oder wer auch immer den Satz „ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert“ formulierte. Nicht, weil man wirklich böse oder schlecht sein will (oder es gar wäre): Hat man einmal die Arschkarte und verzichtet aufs Es-allen-recht-machen-wollen, wird das Leben plötzlich viel umkomplizierter.

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Foto: Tom Rottenberg

Aber vielleicht sollte ich zur Sache kommen: Ich bin ein schlechter Mensch, weil ich Heliskiing super finde. Und dazu nicht nur stehe, sondern unlängst auch eine Erinnerung an einen Heliskiingtrip, die mir Facebook schickte, öffentlich teilte: Es ist drei Jahre her, dass ich in Gudauri, im Kaukasus ziemlich genau an der Grenze zwischen Europa und Asien, ein paar Tage mit dabei war. Als schreibender Skifahrer. Ich flog bei einem österreichischen Hubschrauberunternehmen mit, das ebendort im Winter Piloten und seine Maschinen (und Schweizer Bergführer) in Bewegung hält. Nicht zuletzt, damit die Piloten auch im Winter auf die für ihre Qualifikationen und Flugberechtigungen als Rettungsflieger nötigen Flugstunden kommen: Selber leisten könnte ich mir den Trip nicht.

Ich liebe Skifahren.
Abseits der Pisten (auf den Pisten habe ich mittlerweile oft Todesangst). Sowohl den Aufstieg, als auch die Abfahrt. Ich kenne die Risken und die alpinen Gefahren im Gelände. Ich bin gut geschult – und weiß, dass das der Lawine egal ist. Und dass es immer ein Restrisiko gibt. Darum weiß ich auch, wie wertvoll es ist, mit Bergführern, die sehr genau wissen, wann und wo sie eben nicht einfahren, unterwegs zu sein. Und ich weiß, was für ein Privileg es ist, beim kleinsten Zweifel sagen zu können: „Ok, dann nehmen wir eben einen anderen Berg.“ Beim Heliskiing geht das.

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Foto: Tom Rottenberg

Natürlich weiß ich auch, dass Heliskiing ökologischer Wahnsinn ist: Der CO2-Abdruck, den ein Chopper (der Hubschrauber) hinterlässt, damit 12 (in der Regel shuttelt ein Hubinger drei, manchmal auch vier Teams: je ein Bergführer und drei Gäste) Privilegierte Spaß haben, ist gigantisch. Keine Frage. Darüber diskutieren nicht einmal die Anbieter selbst: Was da pro Nase und Stunde (oder Tag) an Ressourcen verbraucht und an Schadstoffen emittiert wird, ist gewaltig. Und das kriegt man dann um die Ohren geschnalzt, sobald man das H-Wort auch nur schreibt. Grad so, als wüssten es die, die sich diesen superteuren Luxus gönnen, nicht eh selbst.

Es gibt aber ein „Aber“.
Nur outet sich der, der dieses „aber“ ausspricht, nicht nur als Schönreder der eigenen Schlechtigkeit, sondern auch als elitistischer und tendenziell undemokratischer Snob. Und weil es einfacher ist, jemanden reflexartig zu beflegeln und abzuwatschen, als kurz zu überlegen, ob an seinen Argumenten nicht doch auch ein Fünkchen Wahrheit picken könnte, ist die Diskussion meist beendet bevor das „aber“ überhaupt gesagt ist.

Trotzdem: Aber.
Heliskiing findet in in der Regel in superabgelegenen, riesigen Gebieten statt. Im Kaukasus etwa befliegen die Ösi-Hubinger mit zwei Maschinen ein Einzugsgebiet, das angeblich fast so groß wie Tirol ist. Es gibt im kompletten Revier noch vier oder fünf andere Skihubschrauber (große russische Transportmaschinen) und irgendwo eine Handvoll alter Lifte. Grob geschätzt sind da also 1.000, vielleicht 2.000 Skitouristen unterwegs. Auf der Fläche Tirols. Zum Vergleich: Allein das Ötztal hat eine fünfstellige Hotelbettenzahl.

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Foto: Tom Rottenberg

Sie erraten, wo es hin geht? Genau: Spricht man statt dem Pro-Kopf-Ressourcenbedarf oder den Pro-Nase-Emissionen von der Umweltbilanz, dem Energiebedarf, dem CO2-Ausstoß, dem Müllvolumen der ganzen Region, wird aus dem Umweltmonster „Heliski“ plötzlich ein Zwerg. Eine Marginalie. Etwas, das zwar kein grünes Mascherl verdient, aber im Vergleich zu dem, was Tourismus in Summe tatsächlich bedeutet oder verursacht, schlicht und einfach keine relevante Rolle spielt.

Nur: Darüber spricht man nicht.
Weil es unbequem ist. Zum Einen aus nationalökonomischer Sicht: Am Skitourismus hängen ganze Tal- und Volkswirtschaften. Aber auch, weil es einfacher und bequemer ist, auf etwas hinzuprügeln, das für einen selbst (mich eingeschlossen) unerreichbar, da unfinanzierbar ist: Dafür, selbst eine oder zwei Wochen im Jahr Skifahrer zu gehen, muss sich in Österreich niemand rechtfertigen. Das gehört (obwohl es so längst nicht mehr stimmt) zu unserer nationalen DNA. Das stellt man nicht in Frage – auch, weil man da an den Säulen der eigenen Komfortzone sägen würde. Oder der der besten Freunde: Das lässt man lieber schön bleiben.

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Foto: Tom Rottenberg

Beim Heliskiing aber schaut das anders aus: Das ist ein dekadenter Luxus, den sich nur ein paar Handvoll privilegierter Gestopften leisten können. Das ist plakativ. Leicht illustrierter – und ungefährlich für einen selbst: man kann sehr schön mit dem Finger drauf zeigen. Und sagen: „Seht, dort: die Bösen!“

Und mit jedem Argument absolut recht haben – man muss dabei nur auf Eines achten: Es gilt, auf alle Fälle zu vermeiden, dass irgendjemand auch dorthin schauen, wo man selbst steht. Oder eben Ski fährt.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht.
Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.