Im Gespräch mit Filmemacher Erwin Wagenhofer über Haltung und Verantwortung

Foto: Franzi Kreis

04. Jänner 2022: Erwin Wagenhofer lässt sich als Autor und Filmemacher von Themen „suchen“, versucht durch Ergriffenheit in seinen Dokumentarfilmen gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen und mit alternativen Beispielen das Publikum zu inspirieren. „Alphabet“, „We feed the world“, “Let´s make money” bzw. „But Beautiful“ sind die bekanntesten Beispiele seines Schaffens, die nachhaltig für Sensibilisierung gesorgt haben. Zitate wie „Tag für Tag wird in Wien gleich viel Brot entsorgt, wie Graz verbraucht“ haben sich in die eine oder andere Großhirnrinde der Österreicher:innen eingebrannt. In einem 2,5-stündigen Spaziergang entlang des Wiener Donaukanals und Praters haben wir über Haltung, Verantwortung, die Kunst des Lebens und bevorstehende gesellschaftliche Herausforderungen gesprochen.

In seinem letzten Film „But Beautiful“ ging es um ein gelingendes, ein gutes Leben, in dem Spiritualität eine zentrale Rolle gespielt hat, mit dem, wie Wagenhofer selbst beobachtet hat, ein Teil des Publikums nichts anfangen konnte: „Spiritualität hat bei „But Beautiful“ allgemein sehr viele abgestoßen. – Warum? Weil sie kognitiv nicht nachvollziehen können, was dies ist. Spiritualität wurde Jahrzehnte – v.a. von Intellektuellen – in Verbindung mit Religion gebracht, Amtskirchen haben wahnsinnigen Schaden auf der Welt angerichtet und werden zurecht kritisiert.“ Als konkretes , aktuelles Beispiel führt er die jahrzehntelangen Vertuschungen von Missbrauchsopfern in Frankreichs katholischer Kirche an (derstandard.at: „Bis zu 330.000 Missbrauchsopfer in katholischer Kirche Frankreichs seit 1950“).

Von Beginn an sei die Produktion bei „But beautiful“ schwer gewesen oder wie er selbst beim herbstlichen Spaziergang anmerkt: „Ich habe Blut geschwitzt. – Doch die Antwort bekommst du nur, wenn du Verantwortung übernimmst. Dies steht in dem Wort ja auch schon drinnen. Dann kommt der „response“ (Übersetzung: Antwort), wenn du die „re-sponsibility“ (Übersetzung: Ver-Antwortung) übernimmst. Dann kommt es. Du beginnst etwas, weißt noch nicht genau wie es geht und dann bekommst du die Antwort. – Und dafür brauche es Mut, aber auch eine gehörige Portion Naivität.“

Gelungen sei für ihn ein Film dann, wenn er niemanden gleichgültig lasse. „But Beautiful“ hat polarisiert, getrennt. Es waren v.a. Frauen, die sich auf diesen Film eingelassen haben, begeistert waren und primär Männer, die den Film mit dem Verstand begreifen wollten, die sich die Fragen gestellt haben: Was ist das jetzt? Warum die Musik? Warum das? – Doch das war genau die Idee des Films. Die Idee des Films war, dass wir, meiner Meinung nach, mehr Weiblichkeit in dieser Welt brauchen. – Nicht nur, aber zumindest eine Balance. Dieses männliche Prinzip des Verstandes war seit Aristoteles sehr erfolgreich – spaltend und trennend. Während das Weibliche integrierend wirkt, versucht Verbindungen zu sehen.“

Herzensbildung ist wichtiger als Wissen

Mit seinem Blick auf die Kunst des Lebens und seinen unkonventionellen Zugängen des Filmens will Wagenhofer Blicke der Gesellschaft schärfen, sie zur Mündigkeit ermutigen: „Ursprünglich kommt der Begriff Bildung von der Idee, dass der gebildete Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Und Bildung bedeutet auch sich ein Bild von der Welt zu machen. Kinder gehen in die Schule, absolvieren ihr Studium und kommen heraus, um sich im Leben zurecht zu finden. – Doch die zentrale Frage ist, was ist die Haltung dahinter?“ Dreharbeiten über Londons Finanzmarkt haben ihn animiert, dem „Dahinter“ in der nächsten Produktion „Alphabet“ nachzugehen. „In London, wo sich der größte Finanzmarkt der Welt befindet, größer als Wallstreet – wer arbeitet dort? Männer und Frauen aus allen Ecken der Welt. Höchst gebildet. Minimum ein Studium abgeschlossen, meistens zwei – Ökonomie und Jus.“ Das sei eine sehr spannende Paarung, weil man sich dann gleich die Gesetze selber machen könne. „Und was machen die den ganzen Tag? Die bringen die Welt an den Rand ihrer Möglichkeiten. Das sind die formal ´Gebildetsten´ heutzutage, da kann etwas nicht stimmen?!“

Herzens- und Charakterbildung sei viel wichtiger als Wissen, so Wagenhofer, denn Wissen sei flüchtig.

Es sei das Formen von Kindern in der Erziehung, das Entfremden von einem tieferen Wissen, das als intuitives Wissen, Weisheit bezeichnet werden kann, das tendenziell in der Schulzeit überlagert wird von einem verzerrten Wissen, Bildern und Vorstellungen, die nicht ansatzweise der Idee des Homo Sapiens entsprechen.  „Intelligenz und Bildung haben nichts miteinander zu tun. Man kommt zur Welt und im Grunde ist ja alles da, alles angelegt. – Allerdings ist dann die Frage: Lässt man es zu? Lässt man die Pflanze erblühen? – Die Beispiele an Menschen, die aufblühen, heißen dann Mozart – allerdings kann auch eine Krankenschwester oder ein Volkschullehrer, wenn es denn zugelassen wird, aufblühen, oder im Bereich der Technik. – Wir haben ein völlig verkehrtes Bild der Welt und das stört mich, das hat mich immer schon gestört und dagegen filme ich an.“

Der rote Faden seiner Filme sind Haltung und Verantwortung.

Auch wenn er ergänzend dazu anmerkt, dass es sich stets um eine subjektive Darstellung bei seinen Filmen handelt und er kein Journalist sei: „Es ist kein natürlicher Prozess. Vielmehr ein künstlicher. Es stellt sich jemand vor die Kamera hin und es passiert etwas. Mit Doku implementiert man etwas Wahres, ist es aber nicht. Es ein subjektiver Blick.“

Much ado about nothing.

Auf das Zitat von Heraklit „Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.“ stelle ich Wagenhofer die Frage: Warum man sich dann denn über Veränderung noch aufrege? Schmunzelt er, begrüßt die Frage und zitiert Shakespeare: „Much ado about nothing. – Nichts geschieht, ohne dass es einen Sinn hat, so scheint der Plan hinter dem evolutionären Prozess zu sein. Und wir regen uns wegen Sachen auf, wo sich im Nachhinein herausstellt, dass es sich nicht ausgezahlt hat.“ Doch so merkt Wagenhofer auch an: „Wir sind in keiner Krise mehr. Wir sind in einer völlig neuen Situation, auf die wir nicht vorbereitet sind. Eine Krise geht wieder vorbei.“ Er spricht v.a. die komplexe Umweltproblematik an. – Als einen der Lösungsansätze schlägt er ein Halbieren vor: „Hälfte Autofahren. Hälfte Essen. Hälfte Produzieren. – Von den 100 Prozent Essen, die hergestellt werden, verschwinden 2/3. 1/3 wird gegessen. 1/3 kommt nicht in den Markt, weil jenes zu ‚schadhaft‘ ist, nicht gut genug für den Handel aussieht und 1/3 wird schlicht und ergreifend weggeschmissen.“

Das Zitat von Shakespeare soll nicht zur „Wurschtigkeits-Haltung“, stattdessen vielmehr zur Verantwortung erinnern: „Wir sind mitten in einer wichtigen Phase der Menschheit. Die Frage ist; Gehen wir den richtigen Weg bei der Weggabelung? – Denn schaffen wir dies nicht, dann gehen wir in einer Schleife, dann gibt es wieder 200 Jahre Schutt und Asche – bis wir es gelernt haben.“

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Foto: But beautiful

Film anders gedacht

Im Gespräch merkt man, gleichermaßen wie in seinen Filmen, seine Leidenschaft, seine große Ernsthaftigkeit, wenn es um Themen geht, die ihn berühren – aja, und einen Sinn für Humor, den kann man Wagenhofer auch nicht abschreiben: „Ich bin wie ein Hofnarr. Ich gehe zum Beispiel zum Herrn Brabeck von Nestle und dann kommt etwas raus, das hofnarrenartig ist. Mehr mach ich nicht. Sie können auch Außenseiter dazu sagen. Hätte ich z.B. Film studiert, dann hätte ich solche Filme nicht gemacht. Das hätten sie mir im Studium abgewöhnt. Ich weiß beispielsweise nicht, wie das geht. Ich will, dass der Gesprächspartner nicht an der Kamera vorbeisieht, sondern in die Kamera sieht, weil sie mit dem Publikum reden sollen. Wenn dies Studenten von der Akademie sehen, beginnen die zu schwitzen. Das darf man nicht. Ich sage dann: ´Wer sagt, dass man das nicht darf?´ Da kommen sie durcheinander, weil das mit ihrem akademischen antrainierten Wissen nicht zusammen geht.“

Ich baue mit den Protagonisten ein sehr langes Verhältnis auf. Besuche sie sehr oft, bis ich überhaupt einmal die Kamera auspacke. – Und zwischen uns als Personen kann dann etwas entstehen, dass ich ‚Resonanz‘ nenne. Und ohne diese Resonanz geht´s ned.“

„Ich passe in keine Schublade rein. Und das ist mir recht so. Und das Publikum geht obendrein mit. Und ich mach das nicht für einen Professor auf der Filmhochschule, sondern für das Publikum, das sich ein Kinoticket löst und einen Austausch der Gedanken im Kino haben will. Diesem gegenüber fühle ich mich letztlich verantwortlich!“

Auf die Frage welcher Film als nächstes von ihm plant sei, lässt sich Wagenhofer nicht in die Karten schauen: „Sag nie, welchen Film du als nächstes machst, wenn er noch nicht da ist. Wir reden über etwas, das noch nicht da ist und das ist im Prozess. Ich kann es anders beantworten. Ich bin im Laufe der Jahre draufgekommen, dass ich nur Filme machen kann, die mir über die Jahre angelegt sind. Und der größte Irrtum, der bei einem Filmplakat drauf ist, ist: ‚Ein Film von‘ und dann steht der Name des Regisseurs. Und das ist falsch. Es müsste heißen ‚ein Film durch‘. – Durch mich.“

Man darf und ich bin es – gespannt sein, was durch Erwin Wagenhofer als nächstes in Österreichs Kinosälen zu sehen sein wird.

Erwin Wagenhofer
Erwin Wagenhofer ist ein österreichischer Autor und Filmemacher.
Über mehrere Jahre war er Lehrbeauftragter an der Donauuniversität in Krems bzw. der Universität für angewandte Kunst in Wien. Sein erster und bekanntester Langdokumentarfilm war „We Feed the World“. Jener handelt von der zunehmenden Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion und wirft einen kritischen Blick auf die internationale Agrarpolitik. Es folgen der Spielfilm „Black Brown White“ und weitere Dokumentarfilme wie „Let´s Make Money“, „Alphabet“ & „But Beautiful“.

Im Jahr 2016 ging Ernst Merkinger von Pamplona nach Finisterre, 2017 viereinhalb Monate lang zu Fuß von Wien nach Marrakesch, 2018 vom Gletscher bis zum Meer, 2019 den Kitzbühler Alpen Trail, den Lechweg, den Dolomitenhöhenweg 3, den 2TälerTrail, etc. Der Weitwanderer, Meditationslehrer und Autor hat durch seine Fußmärsche nicht nur die Faszination des Gehens, sondern auch die Begeisterung des Schreibens für sich entdeckt.