Lebendige Straßen

15. Juli 2019: Wir alle wollen lebendige Straßenzüge in unseren Wohnvierteln. Das bedeutet weniger Autos und mehr Menschen. Doch wer stellt sich schon gerne auf die Straße, um sie zu beleben?

Früher wurde die Straße unabhängig von der Aufenthaltsqualität genutzt. Die Wohnungen waren klein, die Bevölkerungsdichte hoch. Die Straße war Aufenthaltsort, Spielplatz, ein Ort des Handels und des Transports. Alten Berichten zufolge war es aber kein angenehmer Ort: Das laute Getöse der Pferdefuhrwerke, Automobile, Handkarren, Fahrräder … damals war es ein Kunststück auf die andere Seite zu kommen. In außereuropäischen Städten ist das oft heute noch so. Ich weiß noch, als ich von einem längeren Asien-Aufenthalt zurückkam, empfand ich unsere Straßen als leer. Ich habe mich damals gefragt, ob überhaupt jemand in unseren Städten lebt.

Foto: WohnbundConsult
Foto: WohnbundConsult

Die Nutzung von öffentlichen Räumen hat sich in dieser Beziehung sehr gewandelt. Unter lebendigen Straßen stellen wir uns Cafés und kleine Geschäfte vor. Wir wollen flanieren, joggen oder in einem Schanigarten sitzen. Diese Aktivitäten sind keine zwingend notwendigen mehr. Moderne Städte müssen also Angebote schaffen, damit Menschen freiwillig Teil eines öffentlichen Lebens werden.

Der öffentliche Raum kämpft sozusagen um aktive Teilnehmer. Hier ein paar Ideen, wie auch wir wieder Teil unserer Stadt werden können.

Gelbe Stadt Stühle
Das Konzept der „Stadt Stühle“ wurde für die Architekturtage von Architekt Martin Mackowitz entwickelt. Kinder einer Volksschule bemalten im Werkunterricht alte Stühle in gelber Farbe und verteilten sie anschließend in der Stadt. Sie luden zum Verweilen ein. Nach der Veranstaltung durfte man die Stühle mit nach Hause nehmen.

Mit dem Fahrrad ziellos herumfahren

Foto: Thomas Grötsching
Foto: Thomas Grötsching

Zugegeben, das klingt ein bisschen seltsam. Und ich wäre selber nicht auf diese Idee gekommen, wenn ich nicht auf YouTube ein Video gesehen hätte mit „Straßenspielen“ aus den 70ern und 80ern, die nichts gekostet haben. Im Rahmen der schwedischen Verkehrssicherheitsstrategie für aktive Mobilität gilt ein Verkehrssystem beispielsweise erst dann als sicher, wenn sich ein zwölfjähriges Kind darin eigenständig und sicher bewegen kann – wovon letztlich alle am Verkehr teilnehmenden Menschen profitieren. *) Ich bin mir selber nicht sicher, welche Art von Vergnügen das sein soll, aber ich möchte das demnächst mit meiner Tochter in Wien ausprobieren und werde meine Erfahrungen in diesem Blog berichten.

*) Mobilität mit Zukunft 2/2019 [VCÖ, Wien, Österreich]

Playable City
Die „Spielbare Stadt“ ist ein Programm, das mittlerweile in vielen unterschiedlichen Städten aktiv war. An jedem Ort hat es eine vernetzte und innovative Community geschaffen, die sich damit beschäftigt haben, wie sie mit ihrer Stadt interagieren können. Dabei werden vor allem digitale Technologien verwendet, um neue Möglichkeiten zu schaffen mit der Stadt zu kommunizieren.
Es sind einige interessante und amüsante Projekte dabei entstanden.

Parklets

Foto: 5chw4r7z
Foto: 5chw4r7z

Es begann in San Francisco, als Aktivisten die Parkuhr fütterten und den Parkplatz in dieser Zeit nutzen. Daraus entstand die Idee der Parklets, die den Platz für Parkplätze in der Stadt alternativ zur Autoaufbewahrung für alle zur Verfügung stellt. Parklets sind konsumfreie Zonen, jeder darf sie unentgeltlich nutzen. 2015 entstanden in Wien die ersten drei Parklets, heuer sind es über 50.

Wer auch in anderen Städten für die Idee des Parklets kämpfen möchte: Thomas Grötschnig hat ein Buch zu diesem Thema herausgebracht: „Parklets/Street Art Furniture Vienna“. Dieses porträtiert 60 Parklets. Es soll gezeigt werden, was alles möglich ist und dient als Inspirationsquelle für neue Parklets.

Superblocks in Barcelona
In Barcelona hat man mit einem genialen Konzept autofreie Zonen geschaffen: Mehrere Wohnblöcke werden dabei zu einem „Superblock“ zusammengefasst. Die Autos werden um diese Blöcke geleitet, innen sind sie autofrei und geben so Platz und Raum für die Menschen und ihre Aktivitäten. In Barcelona sind die Viertel in Schachbrettmuster zusammengefasst, deshalb werden idealerweise immer neun Wohnblöcke zu einem Superblock zusammengefasst. Im Superblock können Autos nur Teilabschnitte fahren und auch nur 10 km/h langsam. Außerdem haben Fußgänger und Radfahrer Vorrang. Die freien Flächen sind Fußballfelder, Spielplätze oder Parks geworden.

Partitur des öffentlichen Raumes

Foto: PaulKrueger
Foto: PaulKrueger

Eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Europs ist die Seestadt Aspern in Wien. Dort sollen am Ende über 40.000 Menschen leben und arbeiten. Zu Beginn hat die Stadt Wien den bekannten Stadtplaner Jan Gehl beauftragt ein Planungshandbuch für den öffentlichen Raum („Partitur des öffentlichen Raumes) zu erstellen, an das sich alle Planende halten müssen. Im Herbst 2018 gab es sogar eine Ergänzung / Neukonzeption, die das bereits gebaute begutachtete und neue Vorschläge lieferte. Der Ansatz: Zuerst den öffentlichen Raum planen und dann die Stadt rundherum.

Und dann noch etwas, das ich noch nie gelesen habe, aber vielleicht möchte sich jemand damit beschäftigen: Bilder von Fahrradfahrer*innen und öffentlichem Raum zeigen immer nur die Sommervariante. Aber meiner Meinung nach gibt es in Europa so etwas wie eine Sommer- und Winterstadt mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen. Falls es dazu Infos gibt, würde ich mich freuen davon zu hören!

Ulla Unzeitig schreibt, zeichnet, organisiert und fährt Rad in Wien. Engagiert und interessiert sich für nachhaltige Lebenswelten. Mitglied in diversen Vereinen. Arbeitet gerade an einem Romanprojekt. Wortspenden bitte an office@ullaunzeitig.com.