Mit Glacier #supersimple das Klima schützen

glacier_eco

 

26. Jänner 2021: Andreas Tschas‘ Plattform „Glacier“ berät Unternehmen dabei, innerbetrieblich Klimaschutz- und CO2-Reduktionsmaßnahmen umzusetzen – und Mitarbeiter*innen für Klimaschutz zu begeistern. Auch die oekostrom AG ist Teil von Glacier. Das Interview mit Andreas Tschas führte Tom Rottenberg.

Andreas, du hast als Start-Up-Vernetzer begonnen und bist dann als Digitalisierer in die Politik gewechselt. Seit dem Vorjahr berätst du mit „Glacier“ Unternehmen bei ihren Klimaschutzbestrebungen und -maßnahmen. Wie passt das zusammen? 

Ich habe es immer schon geliebt, Dinge zu tun, von denen ich glaube, dass sie uns alle weiterbringen. Das zieht sich durch meine Biographie. Mit dem „Pioneers“-Festival war das die Startup-Vernetzung. Dann bin ich in die Politik gegangen, also in eine politiknahe Organisation. Dort habe ich eine Chance gesehen, Österreich im Bereich der Digitalisierung voran zu bringen. Ich habe aber rasch gesehen, dass ich dort nicht den Freiraum bekomme, den ich brauche. Aber ich verstehe Politik jetzt besser: Du stehst ständig unter dem Druck sofort abzuliefern, was natürlich im Widerspruch zum „großen Wurf“ steht. Ich bin nach vier Monaten wieder gegangen und über ein Projekt in Deutschland zur CO2-Reduktion gekommen. Über ein Unternehmen mit über 100.000 Mitarbeitern. Meine Aufgabe war es, die Mitarbeiter für das Thema CO2-Reduktion zu begeistern.

So bin ich mehr und mehr in die Thematik Klimaschutz, Nachhaltigkeit, CO2-Reduktion gekommen. Ich habe auf der einen Seite die Gefahr – aber auch diese unglaubliche Chance gesehen.

Wo ist die Chance, wenn der Planet am Kippen ist?

Die Chance zum Umdenken. Wachgerüttelt zu werden. Neue Perspektiven zu finden. Krise macht erfinderisch. Da kann Tolles entstehen, wenn man die Hoffnung nicht verliert.

Du bist Vater von zwei Kindern. Hoffst du, dass die eine heile Welt erben – oder genügt es schon, wenn es nicht ganz so schlimm wird, wie vorhergesagt?

Ich sehe das Glas immer halb voll. Mich motivieren positive Zukunftsszenarien. Ich visualisiere meine Zukunft sehr genau und habe ein Bild, wie ich mit 90 Jahren lebe. Da spiele ich mit meinen Urenkeln Fußball. Die Familie ist zusammen und wir sind happy. Ich bin hundertprozentig überzeugt davon, dass es dieses Szenario geben wird. Das gibt mir viel Hoffnung.

andreas_tschas
Glacier-Gründer Andreas Tschas

Hoffnung und Gletscher – das klingt wie ein Widerspruch: Die Gletscher liegen im Sterben, aber du nennst dein Unternehmen ausgerechnet „Glacier“.

Mir ist es wichtig, welche Botschaft ein Unternehmen aussendet. Deshalb habe ich mir viele Gedanken über den Namen gemacht. Meine Kollegen waren anfangs nicht angetan, aber jetzt ist glaube ich jeder happy. Warum? Zum einen ist da das Drama: Wenn CO2 raufgeht, gehen die Gletscher runter. Genau das versuchen wir zu vermeiden. Wir kämpfen dafür, dass man auch in Zukunft weiß, wofür der Name steht.

Ein zweiter Aspekt ist aber auch spannend: Gletscherwasser kann mit Abstand am meisten CO2 absorbieren – auf den Quadratmeter gerechnet. Sogar mehr als ein Quadratmeter Regenwald. Weil es so neutral, so leer ist. Es darf natürlich nicht unsere Strategie sein, dafür Gletscher abzuschmelzen, aber interessant ist es schon.

Das wichtigste aber ist der Aufschrei. Der Gletscher als Gegenpol zum CO2. Wenn das CO2 das Böse ist, ist der Gletscher das Gute.

In Eurem Konzeptpapier steht: „We don’t need a handful of people doing carbon reduction perfectly – we need millions of people doing it imperfectly.“ Ist das eine Art Mission Statement?

Ja, das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Wie helfen Firmen CO2 zu reduzieren. Aber Unternehmen sind Multiplikatoren. Sie haben Zulieferer, Mitarbeiter, Kunden und die haben weitere Kunden. Das ist ein spannendes Ökosystem und wir nutzen diese Netzwerke, um Lösungen Breite zu geben.

Das Spannende ist ja, dass es schon viele richtig coole Lösungen gibt. Klar, es ist wichtig, dass man noch mehr findet. Aber der Satz “the future is already here, it is just not evenly distributed“ gilt auch für CO2-Reduktionslösungen.

Wir wollen coole Lösungen über die Unternehmen zu den Mitarbeitern bringen. Das bringt enorm viel. Wir haben da einen anderen Approach als viele andere Organisationen. Die zeigen den brennenden Regenwald und den Jaguar, der rausläuft. Dramatische Szenen – die aber keine Hoffnung geben. Davon wollen wir uns abheben.

Natürlich ist es wichtig, wachzurütteln. Aber Menschen erreicht man besser über Motivation, über Engagement, über Faszination, Integration und Inspiration.

Und das bringt uns zu den Lösungen, die schon gibt. Alternativen, die CO2- schonender sind, z. B. Elektro-Mobilität oder einen pflanzlichen Burger bei Restaurantketten wie Swing Kitchen: Das hat es vor ein paar Jahren alles nicht gegeben. Da hast du dir schwergetan, dich vegetarisch oder gar vegan zu ernähren, aber mittlerweile ist es eine Option. Ich glaube, man kann weniger mit Verboten und Verpflichtungen erreichen als dadurch Alternativen aufzuzeigen.

Ihr seid also – verdichtet gesagt – Consulter. Ihr bringt Klima-Kompetenz in Unternehmen. Und die ersparen sich so die Klimaschutzbeauftragten in ihrem Staff. 

Naja, wir bilden ja die Mitarbeiter auch weiter. Unternehmen haben dann nicht einen Klimabeauftragten, sondern Hunderte. Weil viele von sich aus gern Klimaschutzbeauftragte wären. Wir bieten da kein Studium der Nachhaltigkeit an, aber schon mehr als eine Folge eines Podcast – beispielsweise 10-15 Folgen a 15 Minuten. Mitarbeiter, die es interessiert, schauen sich das an. Da wird Wissenschaft „entertainig“ rübergebracht. Das funktioniert.

Die Unternehmen werden die Klimaschutzbeauftragten auch brauchen. Denn Firmen, die jetzt die Umstellung verschlafen, werden verschwinden. So wie in der Digitalisierung: Wer die nicht hinbekommt, wird sukzessive vom Markt verschwinden. Das Gleiche wird im Nachhaltigkeitsbereich passieren.

Nur ist Nachhaltigkeit kein Top-Down Thema, da müssen alle mit dabei sein. Und je mehr mit dabei sind, umso schneller gelingt die Transformation.

Jemand der noch nie gehört hat, was Glacier genau tut, versteht jetzt vermutlich trotzdem noch nicht, was ihr genau tut. Werden wir also konkret: Die oekostrom AG ist eine eurer Kund*innen. Kannst du an konkreten Beispielen erklären, wie so eine Zusammenarbeit aussieht, was da passiert.

Uns freut es irrsinnig, dass die oekostrom AG einer der ersten Kunden war. Es tut gut, so früh Vertrauen geschenkt zu bekommen. Wir können das gern auf Basis der Ökostrom-Anbieter durchspielen. Die Herausforderung dabei: Die oekostrom AG ist eh ein Musterschüler. Aber das heißt nicht, dass es nicht trotzdem Themen gibt.

Aber tatsächlich wäre es einfacher, das anhand einer klassischen KMU zu tun. Also einem Unternehmen, das immer noch Autos mit Verbrennungsmotoren im Fuhrpark hat, das eine Gasheizung verwendet und die alten Fenster noch nicht ausgewechselt hat. Viele Unternehmen wollen CO2 reduzieren. Aus unterschiedlichen Gründen – und wir helfen dabei. Zuerst machen wir eine Analyse des CO2-Fußabdruckes. Meistens reicht es, wenn du 80 Prozent deines Ausstoßes kennst, damit du mal ein Bild hast. Damit du weißt, wo die großen Themen sind, die du in Angriff nimmst. Ausgehend von dieser Analyse aus machen wir dann Vorschläge. Wir haben eine Datenbank mit über 1000 Maßnahmen – und die matchen wir mit den Anforderungen. Das Unternehmen bekommt dann Vorschläge in fünf großen Bereichen.

Energie ist z.B. die richtige Einstellung der Kühlschränke in den Küchen und Aufenthaltsräumen. Wir schlagen meist vor, die Kühlschranktemperatur auf sieben Grad zu stellen. Was kaum wer weiß: Nur ein Grad mehr im Kühlschrank spart sieben Prozent der Gesamtenergie im Raum ein.

Das gilt auch beim Heizen: Kleinigkeiten ergeben da oft enorme Unterschiede.

gletscher
 

Das klingt fast zu einfach …

Man muss dann die großen Brocken, etwa Ökostrom, auch einbringen. Auch deshalb haben wir fünf Bereiche. Mobilität etwa – oder Finance. Geld ist ein Riesenthema: Wenn du ein nachhaltiges Konto verwendest, wird dein Geld nicht in Kohlekraftwerke investiert, sondern in Projekte, die nachhaltig sind.

Ein anderes Riesenthema sind Arbeitsgewohnheiten und das Thema „remote work“. Etwa was du auf dem Weg zur Arbeit sparen kannst. Wobei: Das ist nicht immer optimal, das muss man sich immer im Detail anschauen.

Noch eine einfache Maßnahme: Den Arbeitsspeicher des Computers regelmäßig leeren. Ein voller Arbeitsspeicher verbraucht viel mehr Strom – bei einem Unternehmen mit 10.000 Mitarbeitern ist auch das ein Faktor.

Und natürlich ist die Ernährung wichtig: Wenn du in der Kantine ein zusätzliches vegetarisches Menü anbietest oder einen fleischlosen Tag machst, bringt das extrem viel – weil die Fleischproduktion, vor allem Rindfleisch, einen katastrophalen CO2-Fußabdruck hat.

Das sind alles Lösungen für Unternehmen, aber tatsächlich kannst du jede davon auch im Privaten umsetzen.

Aber sind das nicht trotzdem alles nur Peanuts?

Ein durchschnittliches Unternehmen mit 20 Mitarbeiter*Innen kann mit einfachsten Maßnahmen binnen vier Monaten 50 Prozent CO2 einsparen. Und jetzt kannst du sagen: Cool für die Umwelt – aber rechnet es sich? Ja. Denn in den nächsten zwei bis fünf Jahren wird eine CO2-Bepreisung kommen. Es wird teuer sein, CO2 auszustoßen. Man kennt das schon vom Zertifikathandel für große Unternehmen, die eigene Kraftwerke betreiben. Genau das wird jetzt runtergebrochen werden auf Firmen und Bürger. Das heißt, wenn du jetzt Lösungen implementierst, stehst du dann besser da. Spätestens wenn die CO2-Bepreisung kommt, wenn die Firmen händeringend nach Lösungen suchen, zählt jedes kleine Thema, jeder kleinste Schritt. Wenn du dann erst anfängst, Mitarbeiter*innen zu sensibilisieren, dauert das. Wenn du jetzt startest, hast du auch einen wirtschaftlichen Vorteil.

Große Firmen wie Microsoft oder Blackrock haben das schon verstanden. Sind die so tolle Umweltschützer? Jein: Sie schauen auf ihre Unternehmen, damit die langfristig erfolgreich bleiben. So sollte jede*r Unternehmer*in denken. Mit einem Planungshorizont von zumindest 10 Jahren. Dann ist es „no brainer“, jetzt zu starten. Die Ausgaben, die mit dem Klimawandel einhergehen, sind schon jetzt katastrophal. In Zukunft wird es noch teurer:

Am Ende des Tages wird es in der Geldbörse extrem wehtun, wenn die Klimaerwärmung weiter voranschreitet. Jedes Unternehmen mit Weitblick muss aktiv werden.

Gilt das nicht auch für jeden von uns, für jede Privatperson, jede Familie?

Unsere große Hypothese und Hoffnung ist, dass jede*r diese Erkenntnisse mit nach Hause nimmt. Vor allem der „Climate Impact Day“ kann da viel bewirken.

Was genau ist der „Climate Impact Day“?

Wir arbeiten auf der einen Seite mit dem „Carbon Manager“, also den Lösungen und Maßnahmen unsere Datenbank. Aber der geht mit dem „Climate Impact Day“ Hand in Hand: Das ist ein Tag, an dem Firmen den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, am Thema CO2-Reduktion zu arbeiten. Da geht es nicht darum, dass just an dem Tag möglichst viel eingespart wird, sondern, dass man sich gemeinsam überlegt, was man generell tun kann.

Was heiß das konkret?

Sagen wir eine Firma hat 100 Mitarbeiter*Innen. Dann schaut man, dass an diesem Tag keiner mit dem Auto in die Arbeit kommt – und evaluiert das auch. Jede*r probiert ein anderes Verkehrsmittel, z.B. Zug oder Rad aus und kommt vielleicht drauf: ‚Na Hallo, mit dem Rad in der Arbeit zu fahren ist sogar cool, das könnte ich öfter machen!‘

Das ist nur ein Schritt. Man kann diesen Tag dazu nutzen, Workshops zu machen. Zu fragen: Was könnten wir etwa in der Kantine ändern? Haben wir eigentlich Ökostrom? Ökostrom ist im Übrigen eine der einfachsten Maßnahmen, die jede*r setzen kann: Der Climate Impact Day könnte der Moment sein, nicht nur drüber nachzudenken, sondern vielleicht gleich zu wechseln, gleich den Schritt zu setzen.

Das Coole an diesem Tool ist nämlich, dass sofort sieht, wie viel es bringt. oder welches Potenzial einzelnen Maßnahmen – also ein Unternehmen langfristig damit einspart.

Und das nehmen Viele mit nach Hause. Das ist ein zentraler Faktor: Die  Inspiration. Kühlschrank. Fleisch. Rad spart Sprit, ist sogar Sport. Plus: Man entwickelt „Habits“, man etwas öfter tut. Wenn man das wiederholt, gemeinsam, als Team, dann macht fast jeder mit. Dann ist es einfacher – und inspirierender.

Letzte Frage. Du hast eingangs gesagt, wo du dich als Urgroßvater in fünfundvierzig Jahren siehst. Aber wo ist Glacier, wo bist du, in zehn Jahren?

Wir haben gerade unsere Vision niedergeschrieben. Allerdings nicht für Glacier in zehn sondern Glacier in drei Jahren.

Was wir in drei Jahren haben wollen? Glückliche Kunden, denen wir geholfen haben, ihren CO2-Fußabdruck runterzubringen. 30.000 Unternehmen, die mit dabei sind. Die zig-Millionen Mitarbeiter haben, die wir erreicht haben. Und die deshalb signifikant dazu beigetragen haben, dass unser CO2-Fußabdruck flacher wird.

Und wir würden uns freuen, wenn wir „0,1 Grad“ hinschreiben könnten – weil wir dazu beigetragen haben, dass die Welt um 0,1 Grad weniger erwärmt worden ist.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.