Mit Witz und Humor Energie erzeugen

22. April 2019: Wenn ich das Wort „Humor“ google, stoße ich auf die Definition: „Humor ist die Begabung eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.“ Und was spuckt Google beim Wort „Witz“ aus? „Ein Witz ist eine besonders strukturierte fiktive Erzählung, die den Zuhörer oder Leser durch einen für ihn unerwarteten Ausgang zum Lachen anregen soll.“

Doch mit diesen beiden Definitionen gebe ich mich bedingt zufrieden und hake bei meinem persönlichen Experten auf diesem Gebiet, DDr. Alfred Kirchmayr, nach. Der  selbsternannte Witzlandschaftspfleger und Autor von „Witz und Humor“ ist Doktor der Theologie, Psychologie und Soziologie bzw. obendrein mein Onkel. Genauer gesagt mein Großonkel. Also der Bruder meines Großvaters mütterlicherseits.

ERNST Fred! Schön, dass ich dir ein paar Minuten deiner Lebenszeit stibitzen, mit dir über Witz & Humor schreiben darf. Doch bevor wir starten, würde ich dich um einen Witz bitten, der die Zwerchfelle der Leserschaft zum Schwingen bringt …

Alfred Kirchmayr
Alfred Kirchmayr

FRED Von wegen Energie… ein älterer Mann geht zum Arzt, weil er sich schrecklich schwach und kraftlos fühlt. Der Arzt gibt ihm ein Stärkungsmittel und sagt: “Nehmen Sie täglich dreimal 20 Tropfen! In drei Tagen werden Sie sich schon kräftiger fühlen! Kommen Sie in einer Woche wieder. Als ihn der Arzt eine Woche später fragt, wie es ihm jetzt gehe, sagte er traurig: „Herr Doktor, ich hab´ das Flascherl nicht aufdrehen können!”

Der folgende ist lustiger. Da wird eine andere Energiequelle angezapft: Der Gatte kommt um zwei Uhr nachts sehr heiter nach Hause. Seine Frau wird wach, sieht ihn böse an und sagt: „Ich bin sprachlos!“ Da sagt er: „Bitte bleib so, Schatzi!“ Ich hätte noch einen Inpetto: Was bekommt man, wenn man einem Glühwürmchen Viagra gibt?

ERNST Ich weiß es nicht.

FRED Eine Stehlampe!

ERNST Fred, ich bitte dich! Wir wollen doch die Leserschaft mit obszönen Witzen nicht verscheuchen. Wobei… apropos „obszön“. Kennst du den mit dem Hasen hinterm Busch? – Wie ging der nochmal?

FRED Du meinst wahrscheinlich den: Ein Hase ist im Wald hinter einem Busch, und holt sich munter einen runter. Da kommt ein anderer Hase und fragt: “Findest Du das nicht ein bisschen obszön?” Meint der andere: “Und ob´s schön ist!”

ERNST So. Aus die Maus. Ich habe den oekostromern versprochen, dass wir über „Energie erzeugen“ sprechen werden. Durch dieses erheiternde Schreiben habe ich allerdings schon ein wenig das Gefühl, dass Energie erzeugt bzw. freigesetzt wurde. In meinem Körper und im Kopf zumindest. Das Wort „Emotion“ hat seinen Ursprung im lateinischen „emovere“ und heißt demzufolge „herausbewegen“.

FRED Genau das geschieht! Vitale Bedürfnisse, sexuelle, aggressive oder andere Wünsche und Gedanken, die unterdrückt, tabuisiert und verboten werden, holt der Witz listig heraus. Er bringt sie zur Sprache. Und die Verdrängungsenergie wird dann herzhaft ab-gelacht! Das ist ein hochenergetischer Prozess! Gute Witze erheitern,  bewegen unsere Lachmuskel bis hin zu energiereichen Lachmuskelkatern! Da gibt’s ein riesiges Feuerwerk im Großhirn – ähnlich wie bei einem guten Orgasmus. Alles Mögliche kriecht da aus der Dunkelkammer, die von Dunkelmännern errichtet wurden, kurz ans Tageslicht des Bewusstseins. Und diese befreienden Prozesse der Witzbildung und des Humors werden durch unsere Kindlichkeit, durch das spielende Kind in uns ausgelöst.

Friedrich Schiller hat das pointiert gesagt: „Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt!“ Aber Dunkelmänner verachten dieses Spielen. Diktatoren swingen nicht! Sie lieben den tierischen Ernst! Und stures Marschieren.

Ernst Merkinger
Ernst Merkinger

ERNST Hat diese Befreiungsarbeit eigentlich auch etwas mit der Psychotherapie zu tun? Dass wir vernünftig und gelassen, lustvoll und offen mit unseren vitalen und geistigen Kräften umgehen lernen? Dass wir die Probleme des Lebens besser lösen
lernen? Kann man sagen, dass dieses spielende Kind in uns ein Energieerzeuger ist?! Sind Kinder, so betrachtet, unsere Entwicklungshelfer?

FRED So ist es. Die Lebensenergie will fließen – wie der Strom in der Leitung. Und guter Witz lebt vom Geistesblitz! Wir Erdkrustenbewohner kommen ganz unfertig auf die Welt und dann werden wir oft genug fertig gemacht! Aber unser inneres Kind, der Clown in uns, wehrt sich dagegen. Wird unsere Lebenslust durch Fixierungen und starre Verbote blockiert, dann braucht esmbefreiende Prozesse. Gute Witze spielen mit den Problemen des Lebens. Durch sie entsteht spielerische Distanz zu Widerlichem, ein Spielraum, der Probleme zumindest verkleinert. Man blickt in der humorvollen Einstellung wie mit einem umgekehrten Feldstecher auf Probleme, die dadurch viel kleiner werden!

ERNST Und was ist beim echten Humor so besonders?

FRED Otto Julius Bierbaum hat ihn vor gut hundert Jahren kurz und bündig beschrieben: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ Köstlich ist, dass dieser Schriftsteller 1902 als erster mit seinem energiestarken Cabriolet Marke Adler über den 2.106 Meter hohen Gothard-Pass gefahren ist.

Humor ist eine Trotzmacht, ein Stehauf-Manderl, der Clown in uns! Er versöhnt mit allen widrigen Dingen des Lebens, weil er die Kunst des Drüberstehens beherrscht. Tierischer Ernst ist ein widerliches Klebemittel. Da fixiert man sich auf Widerliches. Humor, mit Witz gewürzt, ist ein besonderes Lösungs-Mittel! Die beiden lustigen Gesellen Witz und Humor führen zu Bewusstseins-Erweiterung und zugleich zu Bewusstseins-Erheiterung! Und das ist für Leib, Seele, Geist und Gemeinschaft wohltuend! Lachen verbindet Menschen und verbindet auch Wunden! Da fließen die Lebensenergien – leise oder auch mal lautstark!

Ein Beispiel für Alltags-Humor: Ein Junge ist edel gekleidet unterwegs. Da rutscht er auf einer Bananenschale aus und fällt hin. Während er aufsteht, sagt er lachend: „Gott sei Dank war das keine Hundescheiße!“ Statt sich zu ärgern, relativiert er das kleine Unglück. Wenn man sich ärgert, wird etwas Arges noch ärger!

ERNST Immer wieder taucht für mich die Frage auf, was denn die konkreten Unterschiede zwischen den drei Phänomenen sind:
Emotionen, Gefühle und Empfindungen?

FRED Diese drei sind oft ineinander verwickelt. Empfindungen haben mit dem Wahrnehmen von inneren und äußeren Zuständen zu tun: ich empfinde Wärme oder Kälte. Emotionen, also Lust und Frust, Freude oder Trauer sind sehr komplexe psychosomatische Phänomene, die immer auch von Empfindungen und Gedanken begleitet werden und von Gefühlen nicht wirklich zu trennen sind. Bedrücktheit ist mit Energielosigkeit und Schwere verbunden. Heiterkeit verbindet uns mit anderen Menschen und wird von Leichtigkeit begleitet. Ein kleines Mäderl fragte Papst Franziskus I.: „Warum können Engel fliegen?“ Seine Antwort: „Weil sie alle Dinge leicht nehmen können.“

ERNST Einer meiner Lieblingswitze aus deinem Buch „Witz und Humor” bzw. ein passender Witz zur nächsten Frage: ein betrunkener Atheist wankt am Sonntagvormittag in die Dorfkirche. Dort wird ein Hochamt abgehalten. Der Priester schreitet mit
dem Weihrauchfass durch die Gänge und segnet die Gläubigen. Da wankt der Besoffene zu ihm hin und sagt: »Entschuldigen S’,
Fräulein, Ihr Handtascherl brennt!« Für mich persönlich ist ein Besuch im Kabarett wie ein Kirchgang für meine Großmutter –
ein spirituelles (Spiritus, Esprit= Lebensatem, Begeisterung) Erlebnis. Lieg ich da so falsch oder ist das gar nicht ein soooo
abwegiger Vergleich?

FRED Da liegst du absolut richtig. Guter Witz, Humor und Komik tun einfach gut. Sie lockern, lösen Spannungen und erheitern. Ein Sponti-Spruch sagt´s treffend: „Nieder mit der Schwerkraft! Es lebe der Leichtsinn!“ Alle Diktatoren und Finsterlinge verbieten befreiende Lachen. Im Kabarett werden Autoritäten, Ideologien und Scheinheiligkeiten auf die Schaufel genommen. Das ist sooo befreiend! Und Lachen befreit alle möglichen unterdrückten Gefühle und Gedanken. Der Witz enthüllt, was Ideologien verbergen. Motto: „Man konnte schon in Jugendtagen mich mit dem Worte Tugend jagen!“ Die Tugendprediger sind meistens besonders lasterhaft, lästig und verlogen.

ERNST Als Kunde von den Düringers, Qualtingers und Haders der Kabarettszene kann ich bezeugen, dass in mir Energie frei bzw. zum Teil auch erzeugt werden, wenn diese mit Wörtern zu jonglieren beginnen und humorvolle Schmankerl meiner Seele servieren. Kann man das Talent „Humorvoll zu sein“ trainieren bzw. auch verlieren?

FRED Ja, ganz sicher kann man Humor entfalten lernen. Humor und Witz haben viel mit dem Spielen zu tun. Witze leben ja geradezu von Sprachspielen, Wortspielen und vom spielerischen Umgang mit Problemen. Erich Kästner, der den echten Humor als „das ernsteste Thema der Welt“ bezeichnet hat, sagte treffend: „Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!“

Ich werde manchmal gefragt, was ich unter psychischer Gesundheit verstehe. Da sage ich dann gerne: Gucken Sie sich ein Kind an, das auch Kind sein darf. Da finden sie alle Aspekte einer ganzheitlichen Gesundheit: Kinder sind lustig, neugierig, listig und phantasievoll. Sie lachen, singen, tanzen gerne. Sie sind voll Bewegungsdrang, unheimlich kontaktfreudig. Sie fragen und hinterfragen Alles. Da fließen alle Lebensenergien, dass es eine helle Freude ist, sich ihnen zuzuwenden und von ihrer Lebensenergie angesteckt zu werden. Nochmals: Kinder sind unsere besten Entwicklungshelfer! Und Kinder sind Energieriesen! Sie brauchen viel Energie und sie geben viel!

ERNST Witz und Humor sind, wie ich insbesondere durch meine Weitwander- Touren erfahren durfte, eine wundervolle Möglichkeit, mit fremden Menschen trotz Sprachbarrieren, trotz widriger Umstände und miesen Wetters, etc. in wohltuende und heitere Resonanz zu kommen. Humor ist quasi ein „Trotz- Mittel“… oder gar ein Wundermittel? Wie siehst du das als unorthodoxer Freudianer?

FRED Die berühmte Frage nach dem Sinn des Lebens, die oft tierisch ernst gestellt wird, kann auch ganz anders formuliert werden: Was hat das Leben für ´nen Witz? Und ein Mensch, der sein Leben mit Witz und Humor führen lernt, ist ein heiterer, ein belebender Zeitgenosse, der Energie und Freude ausstrahlt. Wärme, Heiterkeit und Lachen sind Grundnahrungsmittel für Leib, Seele, Geist und Gemeinschaft! Karl Valentin hat dafür einen guten Rat auf Lager: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische!“

Das Großhirn ist übrigens ein läppisches Organ. Es hat einen Hörlappen, einen Sehlappen usw. Wir haben alle auch einen Jammer-Lappen und einen Heiterkeits-Lappen. Unglückliche Typen ernähren ihren Jammerlappen mit allen möglichen negativen Gedanken und Gefühlen. Da können echte Frustbomben entstehen! Die kosten schrecklich viel Energie! Und sie vergeuden wertvolle Lebensenergie! Doch kluge Leute, die dankbar sein können für die vielen schönen Dinge des Lebens, ernähren ihren Heiterkeitslappen und strahlen Heiterkeit und Wärme aus. Sie tun einfach gut und machen Mut, die Probleme des Lebens mal mit heiterer Distanz zu betrachten. Echter Humor fördert die Kunst des Drüberstehens und dadurch die höchste aller Künste: die Lebenskunst! Ihr Motto: „Liebe dich selbst, dann kann dich die ganze Welt – gernhaben!“ Hoffnung stirbt zuletzt

ERNST Zum Abschluss wünsch ich mir noch einen persönlichen Lieblingswitz.

FRED Ich hab´ mir mehr als 50.000 Witze aus allen möglichen Weltgegenden durch mein kleines Großhirn gehen lassen. Am meisten mag ich humorvolle jüdische Witze. Dieser wird als Irrenwitz erzählt. Aber er bringt den ganz normalen Wahnsinn zum Ausdruck. Wir tun uns alle mehr oder weniger schwer, eingefahrene Gleise zu verlassen. Aber oft ist das im wahrsten Sinn lebensnotwendig: Zwei Irre brechen aus der Anstalt aus und laufen auf den Schienen der ÖBB fort. Da dreht sich der eine um und sagt: „Hinter uns kommt ein Zug!“ – „Dann müssen wir schneller laufen!“ Das tun sie. Der eine dreht sich wieder um und sagt: „Der Zug ist schon ganz knapp hinter uns!“ Sagt der andere: „Wenn jetzt nicht sofort eine Weiche kommt, sind wir verloren!“

ERNST DANKE lieber Fred!

Im Jahr 2016 ging Ernst Merkinger von Pamplona nach Finisterre, 2017 viereinhalb Monate lang zu Fuß von Wien nach Marrakesch und 2018 vom Gletscher bis zum Meer. Der Weitwanderer, Autor und selbsternannte „Rotzbua“ hat durch seine Fußmärsche nicht nur die Faszination des Gehens, sondern auch die Begeisterung des Schreibens für sich entdeckt.
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