Mobilität im Zeichen der Krise – was bleibt?

MichaelSchwendinger_1, Foto: VCÖ_Rita Newman
Foto: Rita Newman, VCÖ

11. Oktober 2020: Wird sich die Coronakrise nachhaltig auf unser Mobilitätsverhalten auswirken? Wie können wir aus diesen Erkenntnissen den Verkehr, aber auch das Wirtschaftssystem, neu gestalten? Und was ist eigentlich „Mobility as a Service?“ Michael Schwendinger vom VCÖ hat darauf Antworten.

Michael Schwendinger vom VCÖ – Mobilität mit Zukunft hat Volkswirtschaft und internationale Entwicklung studiert. Er forscht und publiziert zu den Themenbereichen Mobilität mit Zukunft, Entwicklungen im Verkehrsbereich und Multimodalität.

Was beschäftigt Sie gerade?
Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie es nach der Coronakrise gelingen kann, die Mobilität und die Wirtschaft nachhaltig anzukurbeln. Sollen wir wirklich die Flugzeugindustrie subventionieren und Verschrottungsprämien einführen? Wäre nicht der Zeitpunkt da, um über Investitionen in die Nachhaltigkeit der Mobilität und damit in die Wirtschaft zu diskutieren?

Wird Corona nachhaltige Spuren im Verkehrswesen hinterlassen? Wenn ja, welche könnten das sein?
Es sind natürlich zur Zeit noch Mutmaßungen. Aber es zeigen sich jetzt schon Tendenzen. Zum Beispiel erfährt zur Zeit die aktive Mobilität, also Radfahren und zu Fuß gehen, einen starken Imagegewinn. Vor allem, weil viele Menschen sich durch die Restriktionen kaum bewegen konnten. Es tut einfach gut, zu Fuß unterwegs zu sein oder mit dem Rad zu fahren. Und es hat sich gezeigt, dass beide Formen krisensicher sind. Es gibt keine Ansteckungsgefahr, es ist gesund, billig, klimaverträglich. Das ist sicher vielen Menschen nun bewusster geworden.

Gibt es auch Veränderungen, die Spuren im Stadtbild oder im öffentlichen Raum hinterlassen werden?
In Städten ist sichtbar geworden, dass Fußgänger*innen und Radfahrer*innen mehr Platz brauchen. In vielen Städten gibt es Maßnahmen wie Popup-Radwege, temporäre Begegnungszonen, Schanigärten dürfen mehr Platz im öffentlichen Raum einnehmen. In Wien gibt es die Initiative „Mehr Platz für Wien“, die u.a. die ungleiche Verteilung des Straßenraums thematisiert und attraktive öffentliche Räume mit Aufenthaltsqualität fordert.
Auf einmal sieht man, wie wenig Platz für Fußgänger*innen vorhanden ist im Vergleich zum Autoverkehr. Die Fußwege sind teilweise so schmal, dass man die eineinhalb bis zwei Meter Abstand nicht einhalten kann. Es wird sich zeigen, was davon Bestand haben wird oder ob es wieder schnell „back to normal“ geht.

Das Reisen ist ja zur Zeit stark eingeschränkt, Lufthansa hat angekündigt, dass sie ihre Flotte langfristig um 100 Flugzeuge verkleinert. Wird es hier nachhaltige Veränderungen geben?
Die Flugreisen sind sicher ein eigenes Thema. Zur Zeit steht der Flugverkehr natürlich weitgehend still. Allerdings haben Krisen in der Vergangenheit gezeigt, dass die Fluggastzahlen danach relativ schnell wieder auf das Vorkrisen-Niveau kletterten und darüber hinaus weiter anstiegen. Für die Covid 19-Pandemie kann man das schwer voraussehen. Ein wichtiger Faktor dafür ist, ob es aufgrund der staatlichen Unterstützung zu strukturellen Veränderungen – gerade auch angesichts der Klimakrise – kommt, oder nicht.

Die Auswirkungen der Coronakrise werden uns wirtschaftlich wahrscheinlich noch Jahre beschäftigen. Die Regierung hat bereits eine umfassende Unterstützung der Unternehmen angekündigt. Wird der Klimaschutz nun hintan gestellt?
Das ist die Gretchenfrage. Andrej Babis, der tschechische Ministerpräsident hat zum Beispiel sofort nach Ausbruch der Pandemie in Europa gefordert, dass die EU anstatt auf den „green new deal“ nun auf eine Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise fokussiert. Auch in Österreich gab es Stimmen, dass man angesichts der wirtschaftlichen Lagen, nun auf Klimaschutzmaßnahmen überdenken muss. Brauchen wir eine Konjunkturbelebung um jeden Preis und kümmern wir uns später um den Klimaschutz oder aber kann das nur zusammen gehen?

„Die Klimakrise wird nicht weggehen und sich nicht von selber lösen. Es wäre also äußerst unverantwortlich jetzt mit öffentlichem Geld Investitionen zu tätigen, die dem Klimaschutz zuwider laufen.“

Kann Klimaschutz und Konjunkturbelebung nur zusammen gehen?
Wir als VCÖ sind der Meinung, dass das nur zusammen gehen kann – also durch vorausschauende, klimagerechte Investitionen die Konjunktur beleben. Die Klimakrise wird nicht weggehen und sich nicht von selber lösen. Es wäre also äußerst unverantwortlich jetzt mit öffentlichem Geld Investitionen zu tätigen, die dem Klimaschutz zuwider laufen.

Welche Ansatzpunkte könnte es hier geben?
Der wichtigste und am direktesten und schnellsten wirksame Punkt sind Investitionen, die einerseits die Wirtschaft ankurbeln und Beschäftigung schaffen und andererseits im Sinne des Klimaschutzes relevant sind. Also z.B. Fahrradschnellwege, Ausbau des Öffentlichen Verkehrs, Maßnahmen gegen urbane Hitze und vieles andere.
Der zweite große Punkt wäre eine ökosoziale Steuerreform, die auch im Regierungsprogramm steht. Jetzt wäre der beste Zeitpunkt das umzusetzen, damit der Neustart von vornherein in die richtige Richtung geht. Wenn Unternehmen sich nach der Krise neu für die Zukunft aufstellen, muss klar sein, dass es einen Preis auf CO2-Ausstoß geben wird. Das schafft Planungssicherheit. Mit Kosten können Unternehmen besser umgehen, als mit Unsicherheit.

Anderes Thema: Das Konzept MaaS, also Mobility as a Service könnte ein guter Ansatz für urbane Mobilität sein – Was ist das?
Beim Konzept „Mobility as a Service“ – zu deutsch Mobilität als Dienstleistung – wird idealerweise das komplette Mobilitätsangebot einer Region gebündelt verfügbar gemacht, ohne Notwendigkeit selbst ein Fahrzeug zu besitzen. Dabei wird im direkten Sinn kein neues Angebot geschaffen, sondern alle Angebote, die es gibt – zb. Bus, Bahn, Taxi, Sharing – in einer App zusammen gefasst. Man kauft dann keine einzelnen Tickets mehr, sondern bezahlt je nach Bedarf angepasste Mobilitätspakete – ähnlich wie bei einem Mobilfunk-Tarif.

Gibt es Erkenntnisse aus Städten, die MaaS im Probebetrieb laufen haben?
In einer Testphase in Göteborg verpflichteten sich die Teilnehmenden Haushalte, während der Testphase auf ihr Privatauto zu verzichten. Im Ergebnis reduzierte sich die im MaaS-Paket inkludierte Autonutzung der Teilnehmenden mittels Sharing-Autos auf die Hälfte im Vergleich zu vorher. Gleichzeitig stieg die Zufriedenheit mit ihrer Mobilität. Wenn man bedenkt, dass in Wien alle Pkw zusammen eine Fläche benötigen, die der gemeinsamen Fläche der Bezirke vier bis neun entspricht, gibt es hier ein großes Potential im öffentlichen Raum.

Ich stelle mir das kompliziert vor, alle Angebote unter einen Hut zu bringen.
Im Grunde sind die Ausgangsbedingungen für eine klimaneutrale Mobilitätswende in den Städten gut. Es gibt eine hohe Frequenz und vor allem in Wien ein sehr gutes öffentliches Verkehrsnetz. In Dörfern funktioniert es sicher anders. Dort heißt Mobilität als Dienstleistung zum Beispiel, dass es ein flexibles Mikro-ÖV-Angebot abseits der Linienfahrpläne gibt. Die Kernidee von MaaS im urbanen Raum ist, das komplette Angebot so einfach wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dadurch kann die Attraktivität gesteigert und neue Fahrgäste gewonnen werden, was letztlich wieder dazu führt, dass eine Verbesserung des Angebots rentabel wird…

Warum werden alternative Mobilitätsformen nicht stärker an das Thema Wohnen gekoppelt?
Grundsätzlich ist das Thema Mobilität mit dem Wohnen sehr eng gekoppelt – fast jeder Weg beginnt und endet zu Hause. Durch die Stellplatzverordnung liegt der Fokus seit vielen Jahrzehnten auf dem Auto. Das wird nun – völlig zurecht – immer stärker hinterfragt und es gibt mehr Ansätze, wo diese gelockert wird, z.B. wenn es Sharing-Angebote oder eine gute öffentliche Anbindung gibt. Aber es stimmt, man hat es bisher zu wenig berücksichtigt und das Wohnen hat großes Potenzial zur Mobilitätswende beizutragen.

Gibt es gelungene Bauprojekte, bei denen verstärkt auf ein Mobilitätsangebot geachtet wurde?
Ein gutes Beispiel ist die Wiener Perfektastraße: Bei diesem Wohnbauprojekt betreibt MO.Point einen emissionsarmen Fahrzeugpool. Die Bewohner*innen und die Anrainer*innen können E-Bikes, E-Lastenräder oder E-Autos in der hauseigenen Garage ausborgen. Ein Mobilitätsangebot, das den öffentlichen Verkehr im Quartier optimal ergänzt.
In Graz gibt es Mobilitätsverträge mit Bauträgern, um den KfZ-Verkehr, der durch dieses Projekt entsteht, zu verringern. Im Vertrag werden unterschiedliche Maßnahmen festgelegt wie z.B. Sammelgaragen, Fußquerungen durch das Gelände, Optimierung der Radinfrastruktur usw.
Eine der nachhaltigsten Siedlungen Österreichs, die auch mit dem VCÖ-Mobilitätspreis, dem ÖGUT-Umweltpreis ausgezeichnet wurde, ist das Projekt Sonnengarten Limberg im Land Salzburg. Dort wurde schon während der Planungsphase an einem umfassenden Mobilitätskonzept gearbeitet: Durch Infrastruktur in der Siedlung wie z.B. einem Lebensmittelgeschäft und einem Kindergarten werden kurze Wege gefördert. Die Siedlung wurde an das öffentliche Verkehrsnetz sowie Radwegenetz angeschlossen. Außerdem gibt es ein Sharing-Angebot für E-Pkw und E-Fahrräder.

„Mutige Politik für mehr Aufenthaltsqualität zahlt sich aus.“

Wird die autofreie Stadt auch international langsam Realität?
Das dauert wohl noch, aber es gibt schon viele gute Beispiele wie z.B. Ljubljana, wo seit 2008 das Stadtzentrum für den Fahrzeugverkehr gesperrt ist und 2015 eine der städtischen Hauptverkehrsadern teilweise zur Flaniermeile gemacht wurde. Viele haben damals prophezeit, dass das ein Verkehrsinfarkt werden wird – nichts davon hat sich bestätigt.
Dieser Trend hat in Wien schon vor langer Zeit begonnen, wenn man sich alte Fotos vom Stephansplatz oder der Kärntner Straße ansieht, kann man kaum glauben, dass dort jemals Autos gefahren sind. Auch die Umgestaltung der Mariahilfer Straße zur Fußgängerzone ist kaum mehr wegzudenken..
Es ist oft das gleiche Schema: Im Vorfeld gibt es Protest und Unmut gegen substantielle Veränderungen – was aufgrund von Verunsicherung auch nachvollziehbar ist. Wenn der Fokus bei Umgestaltungen auf eine Verbesserung der Lebensqualität gelegt wird und diese sich nach und nach zeigt, wird das im Nachhinein von den meisten Menschen gutgeheißen. Und das heißt: Mutige Politik für mehr Aufenthaltsqualität zahlt sich aus.

Links: VCÖ-Publikationen:
Ökosoziale Steuerreform: Wann, wenn nicht jetzt?
Nach der Coronakrise Wirtschaft mit einem Klimaschutz-Investitionsprogramm ankurbeln
Platz für Wien
MO.Point
Siedlung Limberg

Ulla Unzeitig, geboren 1975, studierte Architektur in Wien und Stockholm. Seit 1995 publiziert sie in Fachmagazinen in den Themenbereichen Architektur, Bauphysik, Ökologie, gesellschaftlicher Wandel und universale Lebensentwürfe. Vor allem Interviews mit Expert*innen haben es ihr angetan, weil man "die alles fragen kann und die das hoffentlich wissen.“ Fährt Lastenrad, liest sich jährlich durch ca. 2 Meter Bücher, schreibt Öko-Fiktion, organisiert OPEN HOUSE WIEN. Sie lebt in Wien.