oekostrom AG im Gespräch: Klimajournalismus mit Lydia Matzka-Saboi

Lydia Matzka-Saboi (Foto: helmut graf/tageszeitung heute)

28. Jänner 2022: Welche Rolle spielen die Medien in der Klimakrise? Oliver Schnetzer geht dieser Frage in den nächsten Monaten nach und interviewt dafür Menschen aus der österreichischen Medienbranche. Den Anfang macht Lydia Matzka-Saboi, Leiterin des Umwelt- und Klimaressorts der Tageszeitung Heute – über die Rolle des Boulevards beim Klimaschutz und die Notwendigkeit, Klimathemen für die breite Masse aufzubereiten.

Wir müssen reden! Über die Klimakrise und die Medien, darüber müssen wir reden. Und zwar, wie wir erstere gemeinsam bewältigen können und wieso zweitere dabei eine Schlüsselrolle einnehmen. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien“ – warum also beschäftigen wir uns nicht viel mehr damit, wie der Journalismus über die Klimakrise berichtet? Tatsächlich erlangt die große Mehrheit der Menschheit ihr Wissen zum Klima-Thema schließlich über den Medienkonsum.

Doch nicht nur das. Denn es ist nicht nur entscheidend, dass, sondern auch wie über das Klima geschrieben wird: hier liegt nicht zuletzt der Schlüssel, wie wir alle zu klimapolitischen Maßnahmen stehen und ob diese in Folge die notwendige Unterstützung erfahren, aber auch wie ‚klima-freundlich‘ wir uns in unserem Alltag verhalten. In meinem Blog-Beitrag bin ich dabei zuletzt näher auf die Verantwortung der Medien in der Klimakrise nachgegangen.

Nun erschien es mir zu einfach, von außen kritisch über den Klimajournalismus zu schreiben, ohne mich mit den in die Pflicht genommenen Journalist:innen auszutauschen. Wir müssen reden! Und wie es der Zufall so will, hat die Heute, immerhin eine der reichweitenstärksten Tageszeitungen Österreichs, erst vergangenen September 2021 ein neues Umwelt- und Klimaressort eröffnet. Das Gespräch mit der Ressort-Leiterin Lydia Matzka-Saboi hat dabei spannende Einblicke in die Rolle des Boulevards beim Klimaschutz gegeben!

„Wenn wir die Klimakrise lösen wollen, müssen wir alle erreichen! Ich habe nichts davon, wenn mein Text noch so schön formuliert ist, er aber nicht gelesen wird, die Inhalte nicht verstanden und schon gar nicht umgesetzt werden. “

„Ich muss sagen, das war am Anfang sehr ‚Huch, wieso ich?‘. Ich habe das ganz lustig gefunden, wie man da auf mich kommt[…] Es ist ja doch eher unüblich, dass Aktivisten zurück in den Journalismus geholt werden“, verrät mir Lydia im Gespräch auf die Frage, wie sie zu ihrem neuen Job gekommen ist. Stolze 15 Jahre war sie zuvor bei Global 2000, davor beim WWF, bevor sie vergangenen Herbst zur Tageszeitung Heute wechselte. „Ich habe mir gedacht, wow, da kannst du wirklich deine Blase verlassen, da kannst du wirklich was bewegen“, erklärt sie ihre Entscheidung.

Tatsächlich erreicht sie mit der Heute tagtäglich weit mehr als 600.000 Leser:innen, online auf heute.at sind es gar mehrere Millionen Klicks pro Tag. Vor allem gilt es aber nun auch jene Menschen zu erreichen, die sich vielleicht nicht wie Zielgruppen mancher NGOs regelmäßig mit der Klimakrise und ihren Folgen auseinandersetzen. Doch wie kann dies gelingen?

Die Hauptverantwortung beim Klimaschutz sieht Lydia weiterhin bei der Politik. Das allein würde jedoch nicht ausreichen: „Wir brauchen beides, auch die Menschen, die das [Thema] verstehen, die zuhören. Sehr viele Menschen haben Angst vor der Klimakrise und Angst ist ein schlechter Ratgeber. […] Ich denke, dass ein Großteil der Menschen, wenn nicht alle, sich tatsächlich Gedanken über die Klimakrise machen, aber nicht wissen, was sollen sie als Einzelperson konkret tun. Und da hilft der Boulevard sehr“, beschreibt Lydia ihre Rolle des Klimajournalismus. „Das war für mich auch die Riesenherausforderung, das Zögern am Anfang: bin ich fähig, so komplexe Inhalte so herunterzubrechen, dass mir zugehört wird, dass die Menschen es verstehen und Optimistin, die ich bin, dass ich sie auch noch zum Handeln bewege?“.

Letztendlich hat sie die Herausforderung angenommen. „Ich versuche, nahe an die Menschen heranzukommen“, fasst Lydia zusammen. Von Klima-Tipps bis zu kurzen Erklär-Texten gilt es, das Thema möglichst einfach und konkret herunterzubrechen. Auch Hinweise zu Förderungen gibt es. „Viele Menschen müssen einfach streng haushalten, wohnen auch nicht z. B. im 7. Wiener Gemeindebezirk und haben die Wahl zwischen zig Bio-Läden. Ich versuche ihnen hierbei zu zeigen, hier geht’s um was und das könnt ihr konkret tun“. Im November haben wir beispielsweise über eine Greenpeace-Studie in der Heute berichtet, die zeigt, wie man dank gesunder Ernährung nicht nur vermehrt Bio-Lebensmittel genießen, sondern dabei sogar Geld sparen könne.

„Ich habe nichts davon, wenn mein Text noch zu schön formuliert ist, er aber nicht gelesen und die Inhalte nicht verstanden werden. Meine tägliche Herausforderung ist es, die Inhalte so zu transportieren, dass es die Menschen nicht zu sehr schockt, dass sie nicht gleich ab- und wegschalten. Ich bin überzeugt, dass wenn wir die Klimakrise lösen wollen, wir wirklich alle erreichen müssen. Das muss längst raus aus der Bubble und rein in die Lebensrealität der Menschen“, fordert Lydia.

Als konkretes Beispiel einer kommunikativen Herausforderung nennt die Ressort-Chefin die Einführung des CO2-Preises im Rahmen der ökosozialen Steuerreform. „Wir müssen uns der Realität stellen, dass es aktuell noch sehr viele Menschen gibt, die vielleicht nicht sofort aufs Auto verzichten und auf Öffis umsteigen können. Die erreiche ich nicht mit einer Botschaft von wegen ‚Benzin-Preis wird teurer, hurra‘. Sie wohnen vielleicht am Land, müssen die Kinder von A nach B bringen, pendeln und haben dabei noch keine ausgebaute Infrastruktur und Öffis. Mit jenen Menschen muss anders gesprochen werden, damit verstanden wird, wieso wir überhaupt einen höheren CO2-Preis benötigen“, erklärt Lydia. Den Schritt heraus aus der eigenen Wohlfühl- und Komfort-Zone sieht die Journalistin dabei als entscheidend für erfolgreiche Klima-Kommunikation.

Soweit ein kurzer Einblick in mein Gespräch mit Lydia Matzka-Saboi und dem Klimajournalismus der Tageszeitung Heute. Wie letztendlich die Tagesabläufe im neuen Umwelt- und Klimaressort aussehen und welche aktuellen Entwicklungen es darüber hinaus beim Klimajournalismus in Österreichs Medienlandschaft gibt, haben wir natürlich auch besprochen. Ich wünsche viel Freude beim Zusehen!

Oliver Schnetzer ist immer auf der Suche nach neuen Wegen und Lösungsansätzen, um eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft mitzugestalten. Dabei ist er insbesondere bemüht, die guten Ideen und Energien der Menschen zusammenzubringen und zu vernetzen. Ausgleich bringen Sport, Musik und gelegentliche Abstecher in die Natur.