Ohne Wärmewende keine Energiewende

 

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12. März 2019: Die Wärmeversorgung gerät zunehmend in den Fokus der Klima- und Energiepolitik. Zu Recht, denn der Wärmebereich ist für mehr als die Hälfte des Endenergieverbrauchs in Österreich verantwortlich. Die zuletzt gestiegenen Importkosten für fossile Energie belasten die heimische Wirtschaft.

Heizen und Warmwasser mitentscheidend
Betrachtet man den Endenergiebedarf und die entsprechenden Nutzungen, ist die Wärmeversorgung für mehr als die Hälfte des Endenergiebedarfs verantwortlich. Er untergliedert sich in Raumwärme, Warmwasser sowie Kühlung einerseits und Prozesswärme andererseits (Industrie und Dampferzeugung). Etwa ein Drittel des österreichischen Energieeinsatzes und rund 20 % des heimischen CO2-Ausstoßes entfallen auf Raumwärme und Warmwasserversorgung. Anders als in der Stromversorgung überwiegt im Wärmebereich die Nutzung fossiler Energie mit einem Anteil von rund 60 %. So kommt in Österreichs Haushalten zu 16 % noch immer Heizöl und zu 24 % Erdgas als primäres Heizsystem zum Einsatz. Der gegenwärtige Bestand an Zentralheizungskesseln weist zugleich eine deutliche Überalterung und entsprechend hohen Sanierungsbedarf auf. Der Energieverbrauch selbst ist in unsanierten Einfamilienhäusern im Gebäudebestand am höchsten. Heizungsanlagen zu modernisieren, und Gebäude thermisch zu sanieren sind jedenfalls eine gute Investition.

Neue Technologien und wichtiger Strukturwandel
Nicht nur die Heizsysteme selbst verändern sich, auch die Funktion von Gebäuden im Energiesystem der Zukunft wird neu gedacht. Gebäude werden immer mehr zu Energieproduzenten, können „netzdienlich“ konzipiert werden, z.B. durch den flexiblen Betrieb von Wärmepumpen, und erfüllen zunehmend Speicherfunktion. Neue Technologien, sowohl in der Erzeugung als auch in der Speicherung von Energie, und die Verschränkung von Anwendungen in den Bereichen Strom, Wärme und Mobilität, gestalten das Energiesystem neu. Aber auch die Frage, in welche räumliche Struktur sich ein Gebäude heutzutage einfügt und wie nachhaltig die Art und Weise ist, wo bzw. wie wir wohnen und arbeiten, ist relevant für die Treibhausgasbilanz der Zukunft. Schaffen wir durch Siedlungsstrukturen, von Einfamilienhäusern bis hin zu Einkaufszentren auf der grünen Wiese, mehr Abhängigkeit vom Auto? Oder wird das Ziel, netto-Null Emissionen auszustoßen umfassend ernst genommen? Das sind entscheidende Fragen.

Mehr als 12 Milliarden Euro: Fossile Importkosten steigen
Österreich ist in seiner Energieversorgung mehr als andere EU-Staaten von fossilen Energieimporten abhängig. 64,2% der hierzulande genutzten Energie wird importiert, vor allem aus undemokratischen Staaten wie Russland, Kasachstan oder auch Libyen. Der Durchschnitt der EU28-Länder beläuft sich auf 53,6%. Wie Auswertungen für den Faktencheck Energiewende 2018/2019 und nun auch die aktuelle Außenhandelsbilanzberechnung der Statistik Austria zeigen, ist der Wert der Energieimporten im vergangenen Jahr deutlich gestiegen.

 

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Erstens aufgrund der unverändert hohen Importabhängigkeit, andererseits aufgrund des gestiegenen Ölpreises. Lag der Wert der Energieimporte 2017 noch 10,7 Mrd. Euro, sind es 2018 deutlich über 12 Mrd. Euro gewesen. Netto (also abzüglich der Energieexporte) werden die Importkosten allein im vergangenen Jahr um eine Milliarde auf rund 9 Mrd. Euro steigen. (Kalkulation auf Basis der Statistiken bis November 2018).

Wärmestrategie in Diskussion
Vor wenigen Wochen startete die österreichische Bundesregierung unter Federführung des Nachhaltigkeitsministeriums einen Stakeholder-Prozess zu einer Wärmestrategie. Diese soll dazu beitragen, die in der #mission2030 verankerten Zielsetzungen für den Gebäude- bzw. Wärmesektor bis 2030 zu erreichen, also bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energie (derzeit knapp 33%) am Bruttoendenergieverbrauch auf 45 bis 50 % anzuheben. Wichtige Elemente sind dabei der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen, der rasche Ausstieg aus der Ölheizung sowie die Reduktion des Energieverbrauchs insbesondere durch mehr Energieeffizienz. Wichtig wird sein, dass es klare Regeln und Anreize gibt, um Investitionen in die Zukunft des Energiesystems zu ermöglichen, um in Zukunft seine Wärmeversorgung treibhausgasneutral zu gestalten.

Georg Günsberg ist Politikwissenschafter und als klima- und energiepolitischer Berater in Wien tätig sowie Autor fachlicher Publikationen wie u.a. der seit 2014 erscheinenden Reihe „Faktencheck Energiewende“ (Herausgeber Klima- und Energiefonds / Erneuerbare Energie Österreich) oder des ersten Österreich-Berichts zu „Carbon Bubble & Divestment“ im Jahr 2017. Er war als Beobachter bei der 24. UN-Vertragsstaatenkonferenz dabei, die von 3. bis 14.12. in Kattowitz stattgefunden hat.
Faktencheck Energiewende
#mission2030