Rechter-, nicht einfach nur rechthaben

25. Dezember 2019: Ich habe es wieder getan. Und wußte schon, als ich es tat, dass es ein Fehler war. Aber manchmal muss sowas sein. Manchmal muss man antworten – auch dann, wenn man weiß, was kommen wird.

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Dabei weiß ich doch, dass es in den „sozialen Netzen“ nicht um Diskurs, Debatte, Austausch, Abwägen oder gar Reflexion, Einsicht, Umdenken oder Erkenntnis geht. Sondern ums rechthaben. Ums Rechterhaben. Widerspruch? Ein „aber“? Nachfragen? Sinnlos. Da kommt die Keule. Und es wird persönlich. Deshalb antworte ich kaum je auf Postings. Wer erklärt, aus einem meiner Text etwas herauslesen oder ableiten zu können, wird davon nicht mehr abrücken. Egal, wie hanebüchern der Unfug, egal, wie anmaßend das Verdikt ist.

Antworten, erklären oder richtigstellend löst meist nur Lawinen aus. Shistorms. Das ist Social Media-immanent: wer als erster pöbelt, dem wird gefolgt. Nur versucht jeder, was draufzusetzen. Denn sonst man ja nicht wahrgenommen.

Nein, das ist nicht neu.
Wer in Sozialen Netzen verkehrt, agiert tunlichst entsprechend: Niemals antworten.

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Genau das ist mir unlängst passiert. Nun büße ich: Meine Mailbox ist voll und auch anderswo im Datenraum, weit weg vom eigentlich Ort und Thema, wird gepöbelt, aufgezeigt und bezichtigt. Ich „putze“ – also lösche – wo ich kann. Aber überall geht das natürlich nicht. Das Netz vergisst und vergibt nicht. Auch der größte, anderswo gern korrigierte Vollholler, poppt als „Wahrheit“ beständig auf, sobald man die richtigen Suchbegriffe eingibt. Beim nächsten „Sündenfall“ wird es wieder ausgegraben. Alles. Ergänzend und erschwerend zum – vermeintlichen – aktuellen Anlassfall. Als unwiderlegbarer Beleg, dass man es bei „so einem“ immer schon gewusst habe.

Milderungsgründe gibt es nicht
Wer irgendwann irgendwo gesagt oder geschrieben hat, dass das hier inkriminierte Thema, berechtigt, relevant und akut ist, heißtes: Pharisäer! Scheinheiliger! Weintrinkender Wasserprediger! Ungeachtet aller „Abers“, jedweder Differenzierung oder der tatsächliuch geführten Debatte.

Doch ich verzettle mich. Denn worum geht es hier eigentlich? Also: Ich bin geflogen. Übers Meer. Traf im Flieger einen Prominenten. Sprach mit ihm. Und schrieb darüber. Eine Leserin meinte: „Das wäre doch eine nette Serie: Interviews mit Menschen, die du zufällig im Zug triffst.“

Ich antwortete: „Gilt Flieger auch?“
Und es ging: Weil Fliegen pfui ist. Grundsätzlich. Auch übers Meer, wurde ich belehrt, habe man den Zug zu nehme. Oder ein Schiff. Oder interviewe eben daheim. Weil Fliegen „nicht wirklich nötig“ sei. Weil wer fliegt … und so weiter.

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Ich kenne die Debatte. Auch das Problem. No na. Aber das Apodiktische, das Absolute, das Dogmatische am elften Gebot („Du sollst nicht fliegen“) stieß mir auf: Ist es wirklich und immer so einfach? Löst Nicht-Fliegen tatsächlich alle Probleme – ohne neue zu schaffen? Und wer hat das Recht, zu definieren, was „nötig“ ist? Erst recht für andere? Denn ist es „wirklich nötig“, alle Räume einer Wohnung zu heizen? Ist ein Smartphone „wirklich nötig“? Ist es „wirklich nötig“ mehr als rudimentär lesen und schreiben zu können oder das eigene Dorf je zu verlassen? Ist das Erweitern von geistigen und räumlichen Horizonten „wirklich nötig“? Oder verleitet das nicht bloß dazu, einfache, allem Anschein nach eindeutige Antworten und Wahrheiten, mitunter auch in Frage zu stellen? Waren nicht genau das Argumente der Gegenreformation, der spanischen Inqusition oder auch Pol Pot?

Ich postet genau diese Fragen. Wissen, was kommen würde. Weil wer fliegt …und so weiter. Ich hätte hier auch abbiegen können. Aufhören. Kein Kerosin ins Triebwerk gießen. Aber es reizte mich. Obwohl der Shitstorm schon umgehend begann, legte ich nach.

Handlungsanweisungen für den Umgang mit Flugpersonal
Wenn böse und anzuprangern sei, wer ein Flugzeug beträte, schrieb ich und erwähnte einige Kritiker namentlich, bäte ich um konkrete Antworten. Um Handlunsganweisungen für den Umgang mit Flugpersonal. Mit Menschen die auf Airports werken – und allen, die un- wie mittelbar vom Tourismus leben: Der Kellner im Wiener Traditionscafé. Die Fremdenführerin in Salzburg. Der Tischler, der ein Tiroler Skihotel einrichte. Der Lehrer, d er die Kinder des Tischlers in der Schule im Tal … und so weiter: Was, fragte ich, würde ein radikales, unumschränktes und sofortiges Einhalten des elften Gebotes („Du sollst nicht fliegen“) für Konsequenzen haben? Ist es, fragte ich, auch abseits der virtuellen Räume immer möglich und einfach, das Absolut-Richtige zu tun?

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Natürlich gab es keine Antworten. Stattdessen kam – erwartungsgemäß – die Keule: Wer die Welt nicht vollends verwüstet hinterlassen wolle, müsse eben manches tun – und vieles lassen. Und aus. Dafür genügt eine einfache Twitternachricht.

Ich versuchte es noch einmal. Ebenfalls kurz: Ob es denn wirklich das Ziel, Reise-, Berufs-, Horizont- und Traumverbote zu verhängen. Ob es eine brauchbare Lösung sei, ganze Volkswirtschaften ansatzlos von 100 auf Null zu setzen. Ob es wünschenswert sei, dass das Wiedersehen enger, entfernt lebender Angehöriger (mit mein Reisegrund), zur Sünde zu erklären.

Nach der allgemeinen kam nun die persönliche Keule
Ich sei nicht eitel und rasch beleidigt, sondern auch arrogant. Überheblich. Anmaßend. Lebe auf Kosten anderer. Das passe zu dem, was man über mich im Netz fände. Ich solle endlich zugeben, eingestehen, widerrufen – und mich verpflichten in Zukunft … und so weiter. Gleichzeitig brach der Shitstorm los.

Ich hätte es vorher wissen und die Klappe halten sollen. Mein Fehler. Ich hätte auch weiter streiten können. Nur: Wozu?
Ich tat, was in so einem Fall die einzige Exit-Option ist. Und radierte den ganzen Thread zur Gänze aus dem Netz.

Denn ich habe es nicht nur endgültig kapiert, sondern werde ab jetzt auch beherzigen: Das Netz verzeiht Vieles. Nur eines nicht. Den Hinweis darauf, dass sich manche Fragen nicht in einer einzigen Twitternachricht beantworten lassen. Darum „debattieren“ aber dort nur die, die genau das glauben – und alle anderen halten sich raus.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht.
Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.