Saint Charles: Die nachhaltige Apotheke

alexander ehrmann
Alexander Ehrmann ist Inhaber der Saint Charles Apotheke.

4. August 2021: 2006 übernahm Alexander Ehrmann die Apotheke zur „Heiligen Dreifaltigkeit“ in Wien Mariahilf und machte aus ihr die „Saint Charles Apotheke“, eine außergewöhnliche Apotheke, in der unter anderem Design-Events stattfinden und die auch ein kleines Wirtshaus betreibt. Denn Alexander Ehrmann will mehr als Medikamente verteilen: Er will Möglichkeiten zu einem besseren, gesünderen Leben aufzeigen. Dass „Saint Charles“ Kunde der oekostrom AG ist, meint der Apotheker, sei deshalb „absolut logisch“.

Die Saint Charles Apotheke ist eine Apotheke, die erstens schön ist und zweitens mehr als eine Apotheke sein will. Wer oder was ist „Saint Charles“ – und was unterscheidet sie von anderen Apotheken?
Als ich die Apotheke 2006 übernommen habe, hieß sie „Zur Heiligen Dreifaltigkeit“, aber das war mir doch zu heilig. Man kann eine Apotheke ja nennen, wie man will. Es gab sogar einmal eine Apotheke, die hieß „Zum lachenden Pinguin“ – aber die hat sich wieder umbenannt. Vielleicht weil das doch zu lustig war – ich weiß es nicht.
Karl hieß der Großvater meiner Frau. Mit dem lebte ich einmal in einer Wohngemeinschaft. Er war ein kerniger Tiroler, der jeden Tag um vier in der Früh auf den Berg gegangen ist – und der wahnsinnig wichtig war für mich.
Weil Apotheken aber immer heilig sind, wurde daraus der „Heilige Karl“. Wir hatten damals eine Mitarbeiterin, die in London zur Welt gekommen war und einen englischen Nachnamen hatte. Da dachte ich: „Fair enough“, und so kam es zu dem Namen Saint Charles, ohne dass ich da weiter drüber nachgedacht hätte. Manche Menschen sprechen das „Saint Charles“ allerdings französisch aus – weil es für sie dann vornehmer klingt.

Und was unterscheidet Saint Charles nun von „klassischen“ Apotheken?
Das ist im Grunde ganz einfach: Wir sitzen in Europa auf einem Schatz an überliefertem Wissen aus der Naturheilkunde – der Traditionellen Europäischen Medizin. Das Kraut, das wir hier vor unserer Nase finden, können wir so für Heilmittel verwenden. Wir können es kosmetisch nutzen – und wir können es essen. Das ist unser roter Faden. Ich bin in der sechsten Generation Apotheker. Sprich: Ich habe es mit der Muttermilch mitbekommen, Dinge selbst herzustellen.
Ich erinnere mich, wie einmal im Quartal der Herr Ferigotti gekommen ist, mit Wein aus dem Trentino – und dann wurden Kräuter angesetzt und jeden Abend im Keller umgerührt.
Ich bin also damit aufgewachsen, habe natürlich überlegt, etwas anderes zu machen – aber es hat sich einfach ergeben: Ich war kein wahnsinnig guter Student, habe genau zehn Jahre studiert und war sicher einer der Langsamsten.

Aber heute könnte ich mir nichts Anderes vorstellen: Es erfüllt mich, so zu arbeiten, wie wir das hier machen.

Das ist ein Spirit: Wir machen die Scheuklappen weiter auf und schauen möglichst weit über den Tellerrand hinaus – weil das Apothekenleben so wahnsinnig viele Lebensbereiche betrifft und man den Menschen sehr nahekommt: Die Leute erzählen ohne Scheu über den Zustand ihrer Hämorrhoiden. Das ist doch auf eine Art großartig: Sie vertrauen dir. Nur: Warum soll das bei Blutdrucksenkern oder Cholesterinmitteln enden? Das geht in so viele Lebensbereiche hinein! Es hat mich nie interessiert, im weißen Mantel hinter der Budel zu stehen, zu warten, dass es Sechs wird und Golf zu spielen. Ich will einen „Impact“ hinterlassen. Und Spaß an der Arbeit haben. Darum haben wir in den letzten 15 Jahren auch viele Projekte gemacht, die man nie mit einer Apotheke in Verbindung gebracht hätte.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel eine Kooperation mit der Vienna Design Week: Das ist spannend, weil es kulturell-übergreifendes Arbeiten ist. Die Designerinnen haben Schnupftabakdosen gemacht – irrsinnig schön. Und die Leute kamen zu uns in die Apotheke und machten Schnupftabak oder hantierten mit ätherischen Ölen.
Ein anderes Mal haben wir in unserem kleinen Wirtshaus eine Art „Siedepunkt“ geschaffen: Wir haben mit Köchen zusammengearbeitet, die Halbgefrorenes mit Waldaromen zubereitet haben – das hat tatsächlich herrlich nach Fichte geschmeckt. Die Bundesforste hat hinten im Lager Torf aufgeschüttet, an der Wand war ein Wald-Video projiziert und ein Musiker hat Naturgeräusche eingespielt: Der hat Mikrofone auf einen Ameisenhaufen gelegt – und man hörte das Getrappel der Ameisen. Du bist da hineingegangen und hast Natur erlebt. Das war einfach wahnsinnig spannend.

Ich kann mir trotzdem vorstellen, dass sehr viele Menschen jetzt eher an einen Kulturbetrieb denken – aber ich bekomme trotzdem Aspirin bei Ihnen.
Selbstverständlich. Einerseits habe ich als Apotheke entsprechend dem Dekret von der Republik Österreich die Aufgabe und Erlaubnis zur Versorgung der Bevölkerung. Das ist ein sehr wichtiger Auftrag. Wir verteilen Medikamente – und erklären, wie oder wie oft man sie nehmen soll, welche Nebenwirkungen auftreten können und woran man noch denken soll.
Aber ich will mehr.

Es geht mir auch um Traditionen: Wir haben das große Glück, dass bei uns in Europa seit Jahrhunderten wahnsinnig viel niedergeschrieben worden ist.

Andere Völker haben da weniger Wissen gesammelt. Ich sehe es als meine Aufgabe den Begriff Tradition modern anzusehen und modern zu beleben. Das finde ich spannend. Dazu gehören auch solche Arbeiten und Projekte – auch, weil man dann als Apotheke anders wahrgenommen wird: Warum soll ich nur eine halbstaatliche Medikamentenabgabestelle sein, wo jeder nur schnell wieder raus will?

Medikamente „halbstaatlich“ über die Budel zu reichen, wäre der einfachere, gewinnfokussierte Weg. Aber das interessiert Sie in der Form nicht: Ihr Konzept ist die Suche nach Impact und Mehrwert. Passt Ihre Entscheidung Ihre Energie von der oekostrom AG zu beziehen da dazu? Uns sucht man sich ja bewusst aus.
Nein, Kunde der oekostrom AG zu werden, war nicht Teil eines Konzeptes. Einfach weil ich vor 15 Jahren nicht gesagt habe „So, das ist mein Konzept“. Das ändert sich ständig, das formt sich neu – weil das, was wir tun uns ein Anliegen ist. Warum wir bei der oekostrom AG sind? Ich finde es einfach wichtig.

Natürlich brauche ich Strom – aber wenn ich irgendwie dazu beitragen kann, dass das nicht Atomstrom ist und er nicht aus Kohlekraftwerken kommt, dann ist mir das auch im Kontext wichtig.

Das kann ich auch nach außen transportieren, weil ich den Leuten sage „das ist mir ein Anliegen und eigentlich doch euch allen auch – wenn man nur kurz nachdenkt.“
Ich habe da den Vorteil, dass der 6. Bezirk ein sehr aufgeschlossener ist, dass ich da nicht viel erklären muss. Aber es kommen auch Leute von weiter außen her. Und mir ist es ein Anliegen, dass man sieht, dass wir Ökostrom beziehen – und da ist es mir das absolut wert, dass wir da vielleicht ein bisserl mehr dafür bezahlen. Außerdem verlief schon der allererste Kontakt so, dass ich wusste, dass es passt. Es gab einmal sogar ein gemeinsames Essen hier im Wirtshaus, bei dem auch Freda Meissner Blau dabei war. Die Chemie hat von Anfang an gepasst, das finde ich wichtig.

Nachhaltigkeit, erneuerbare Ressourcen: Ist das etwas, das auch in der Welt eines Apothekers eine Rolle spielt?
Ob generell in der Welt der Pharmazeuten weiß ich nicht – in der Welt von Saint Charles war es immer schon wichtig. Als wir 2006 begonnen haben, kam jemand und sagte „Was ihr da macht ist „LOHAS“ . Das stand für „Lifestyle of Health & Sustainability“. Das sagt heute keiner mehr – es heißt jetzt „Nachhaltigkeit“. Aber vor 15 Jahren war das das Schlagwort.
Das passt auch zu dem Auftrag, den wir haben. Für mich endet der nicht dabei, dass ich sage „Wenn du ein Antibiotikum nimmst, nimm eine Bakterienkultur dazu, damit du nicht Durchfall bekommst“: das geht weit darüber hinaus.
Genau das machen wir zum Beispiel mit unserem Wirtshaus: Das war von Anfang an ein radikaler Gedanke, ein radikales System. Denn hier wird nur verkocht, was wir selbst sammeln oder was von engen Freunden kommt.
Was immer im Vordergrund gestanden ist, war der Gedanke, nicht im Supermarkt etwas zu finden, sondern den Gesundheitsaspekt mitzudenken – mit Leidenschaft und Hingabe. Ich wollte nie ein Lokal, wo man sagt „ah, da habe ich gesund gegessen, ich komme nächstes Quartal wieder“ sondern „ich komme morgen wieder!“
So erreicht man die Leute auf vielen Ebenen – und ich sehe als meinen Auftrag, zu gestalten und zu verändern. Es gibt viele politische Themen, bei denen ich etwas dazu beitragen kann, dass diese Welt offener und besser wird: Wenn ich sehe, dass ich etwas bewirken kann, dann will ich das auch tun.

Aber was ist denn die Aufgabe der modernen Apotheke im 21. Jahrhundert? Die Abgabe von Medikamenten allein ist ja nicht mehr das Mission Statement.
Was für mich ein Mission Statement ist, ist sicher das, dass wir eine allumfassende Anlaufstation sein wollen: Beraten, behandeln, bewegen – dass die Leute wissen, dass sie mit jedem erdenklichen Thema aus dem großen Themenkreis „Gesundheit“ zu uns kommen können und gut aufgehoben sind.
Sei es, dass wir sie beraten. Oder sagen „geh dort hin“. Denn auch wenn ich lieber bei uns ins Krankenhaus gehe als in England, gibt es auch in unserem Gesundheitssystem Grenzen. Genau da sehe ich stark die Rolle der Apotheke – wo sie da sein sollte.

Was meinen Sie da genau?
Zum Beispiel: Leider müssen sehr viele Menschen eine Chemotherapie über sich ergehen lassen – und das hat unglaubliche Nebenwirkungen.
Die Ärzte, die Kliniken: Das sind absolute Spezialisten. Aber bei dem, was man dann ergänzend tun kann, sind wir gefragt: Ob das irgendwelche Cremen sind, die wirklich helfen, und die aus der Natur kommen – es gibt beispielsweise nichts Besseres als eine Ringelblumensalbe (zur Wundheilung, bei Narben etc) – bis hin zum psychischen Bereich, wo man oft allein gelassen wird: Da gibt es so Vieles, was wir übernehmen könnten.
Denn was im Kleinen immer hervorragend klappt, ist die Zusammenarbeit mit den Ärzten. Das funktioniert ja – es will uns nur die Politik weismachen, dass das nicht geht. Auch wenn Ärzte- und Apothekerkammer behaupten, dass das nicht funktioniert: Im Kleinen tut es das immer.
Ich erzähle da immer gern eine Geschichte aus meinem allerersten Lehrjahr. Ich arbeitete da in einer der ärmsten Gegenden Wiens.
Und eines Tages kommt einer rein und sagt mit ganz schlechtem Deutsch „Husten“ – und ich denke mir: haben wir auf der Uni nicht gelernt, dass Spitzwegerich und Thymian da helfen?
Ich habe diesen älteren, türkischen Mann gefragt, wie sein Husten ist – und dem sind die Augen aufgegangen: „Da spricht einer mit mir! Der sieht mich als Mensch!“ Dann habe ich etwas zusammengemixt. Früher ging er mit einem Safterl um 7,50 Schilling raus. Diesmal waren es 55 – aber er war happy.
Die Pointe der Geschichte: Ich habe dann natürlich weiter so gearbeitet. Aber nach einer Woche kam der Apotheker zu mir. Er sagt „Herr Kollege, reden’s ned so viel mit die Leut’, das zahlt sich nicht aus.“
Das war der Moment, wo mir klar geworden ist: Da läuft etwas falsch. Natürlich muss ich mit den Leuten reden! Ich muss die Menschen mögen! Es muss mir ein Anliegen sein, dass es ihnen besser geht!

Und ich glaube, auch da trifft sich der Ansatz von dem, wofür ich stehe und dem, wofür die oekostrom AG steht: Wir wollen, dass es uns, dass es allen besser geht – und dazu gehört eben auch, dass wir unsere Energie aus Ressourcen beziehen, die nicht Atomkraft oder fossile, klimaschädliche Energieträger sind.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.