Vom Reisen und vom Zurückanprangern

8. April 2019: Ich bin ein schlechter Mensch. Diesmal wirklich. Aber nicht, weil mir das eine ganze Menge Leute gerade schriftlich attestiert haben: von „unverantwortlich“ bis „unpackbar“ reichte das Spektrum ihrer Rügen.

Foto: Pixabay
Foto: Pixabay

Und dort, wo man dann anonym rotzen kann, ging es weiter: „Wir stechen dir die Autoreifen auf“ (ich habe kein Auto. Egal.) kam genauso, wie „wir brechen dir die Beine“ – schließlich fiele, so die Logik eines gesichts- und namenlosen Absenders, „damit deine Arbeitsgrundlage weg“.

Mein Vergehen? Ich hatte über eine Reise geschrieben. Reisen und darüber berichten ist Teil meiner Jobdescription: Meist geht es ums Laufen. Auf der ganzen Welt.

Zuletzt war ich in Norwegen auf einem zugefrorenen See laufen. Eine Presse-Reise. Anreise – Event – Abreise. Zack zack.
Früher einmal wäre das eine „Aktivreise“ gewesen. So wie Schneeschuhwandern, Skitourengehen, Langlaufen oder Hundeschlittentrekking unterm Nordlicht. Das galt immer als „sauber“. Auch weil Reisen als Horizonterweiterung galt. Als Maßnahme wider Suppenschüsselhorizont und enges Weltbild.

Das war einmal. Alleine, dass ich gereist war, zählte. Machte mich schuldig. Berufliches Reisen unter Zeitdruck bedeutet oft Fliegen. Und darauf steht: „Wir brechen dir die Beine.“

Gilt diese Drohung für alle, deren Jobs mit Flugzeugen zusammenhängen? Bricht man Flugbegleiterinnen die Arme? Sticht man Fluglotsen die Augen aus? Passt man Pilotenkinder ab?

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Flugzeugdüsen emittieren keine Schweizer Bergluft. Das ist bekannt. Aber: Was wäre die Folge des ad-hoc-Runterfahrens der Urlaubsfliegerei auf Null? Also: abgesehen davon, dass ich um meinen Spaß (Laufen in Norwegen) und meinen Job (Schreiben über das Laufen in Norwegen) umfiele: Letzteres wäre für mich persönlich wirtschaftlich zwar verheerend, gesellschaftlich aber wohl verkraftbar.

Ich habe jene, die mir – mit Rückmailadresse – Norwegen vorgeworfen haben, das dann gefragt: Was wäre die Konsequenz eines sofortigen, nicht abgefederten, alternativlos-absoluten Auf-Null-Runterfahren solcher Flüge? Was würde das hierzulande bedeuten? Wie viele Wien-Touristen kommen mit dem Flieger? Und, ja obwohl Fliegen ökologisch schlimm ist: Was wäre die Folgen einer sofortigen No-Flight-Policy? Allein für die Hotellerie – und den wirtschaftlichen Rattenschwanz im Tourismusland Österreich: Allein der Vienna City Marathon generiert um die 120.000 Nächtigungen in der Stadt. Die Gäste bleiben im Schnitt drei Tage. Dreimal dürfen Sie raten, wie Kurzurlauber anreisen.

Ich habe dann jene, die via Social Media mein (berufliches) Reiseverhalten anprangerten, auch noch gestalked. Mir Profile und Fotos angeschaut: Da fand sich bei jedem was. Den, der so gerne grillt, fragte ich nach dem Ressourcenverbrauch bei Zucht, Verarbeitung und Transport seiner Rindersteaks aus aller Welt. Den Angler nach dem Recht der Fische auf Leben. Der Fashionista schickte ich die Wasserbilanz einer Jean. Dem Kart-Papi die Frage nach Lärm und Schadstoffen – und den Kilometern am Weg zu Rennen und Training. Alle, die Fotos vom Pisten-Familienskiurlaub online hatten, bekamen Informationen über Wasser- und Energieaufwand für Kunstschnee (kaum ein Skigebiet kommt ohne aus). Die Familie, die Bilder von der zweiwöchigen Karibik-Traum-Kreuzfahrt gepostet hatte, erhielt die Flug-CO2-Zahlen von Wien nach Miami – und die Frage „Kreuzfahrt? Seriously“? Und der Nachhaltigkeits-Bloggerin, die auf Instagram-Bildern oft ihr Handy im Spiegel erkennen lässt, verdirbt ein Link mit Infos über das, was in einem Smartphone steckt und wie es hergestellt wird … und so weiter.

Foto: Tom Rottenberg
Foto: Tom Rottenberg

Es waren gut 20 Mails: Ich schürfte nicht tief – fand aber trotzdem. Während ich schrieb, merkte ich: Das macht Spaß. Es ermächtigt. Weil es so einfach ist, anderen etwas madig zu machen. Ohne Ausweg, „Aber“, oder Recht auf Relativierung. Hinhauen befriedigt – und wird noch schöner (ich tat es nicht), wäre es öffentlich: Anprangern? Nein: Hinrichten! Und wo einer hinhaut, treten andere dann genüsslich nach.

Ich musste mich zusammenreißen, da nicht nachzulegen. Denn einige der Angeschriebenen antworteten sogar. Gekränkt, verletzt, missverstanden: Das sei nicht fair. Dieses Bloßstellen. Dieses Urteilen. Mit welchem Recht ich alles, was ihnen wichtig sei, Freude mache, niedermache. Was mir das gäbe.

Ich antwortete keinem von ihnen. Aber ich bekam Angst. Angst vor mir selbst. Weil mich diese Bekenntnisse getroffen zu haben, befriedigten. Insgeheim? Nein: Ganz eindeutig. So will ich nicht sein. So wie die, die mir sonst schreiben. Bin ich wirklich wie sie? Bin ich auch die anderen? Braucht es dazu so wenig?

Das ist nicht gut. Deshalb meine ich es, wie ich es schreibe: Ich bin ein schlechter Mensch.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht.
Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.